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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Man soll nie nie sagen
Eingestellt am 15. 05. 2002 07:43


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flammarion
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Man soll nie nie sagen

„Ich werde nie obdachlos werden!“ sagte die 52j├Ąhrige Edeltraud W. belehrend zu ihrer Arbeitskollegin. „Ich kann mir ├╝berhaupt nicht vorstellen, wie so etwas passieren kann. Man braucht doch nur immer p├╝nktlich seine Miete zu bezahlen und schon ist die Wohnung sicher. Selbst, wenn man arbeitslos wird, mu├č man nur zum Amt gehen, da wird jedem geholfen mit Wohngeld und sonst noch was. Da kann gar nichts schief gehen. Ich denke, da├č es nur diejenigen trifft, die ├╝ber ihre Verh├Ąltnisse leben und Schulden machen. F├╝r solche Leute habe ich gar nichts ├╝brig. Man kann immer nur das Geld ausgeben, das man hat. Man darf sich nicht verf├╝hren lassen, punktum.“
Ein halbes Jahr sp├Ąter musste die Firma Konkurs anmelden. Edeltraud und ihre Kollegin verlor ihre Arbeit. Die junge Frau fand bald wieder eine Anstellung, Edeltraud blieb bis zur Rente arbeitslos und wurde von Tag zu Tag hoffnungsloser, ein richtiger Trauerklo├č. Sie vereinsamte v├Âllig.
Eines Tages lernte sie bei einem Spaziergang im Park einen sehr netten jungen Mann kennen. Er war obdachlos und krank, so krank, da├č er keine Anstellung mehr finden konnte. In Edeltraud erwachte der Muttertrieb. Sie nahm den Herrn B. mit zu sich nach Hause. Er sagte: „Ich brauche kein eigenes Zimmer, ich stelle mein schmales Bett in den Flur. Die paar Kleidungst├╝cke, die ich habe, h├Ąnge ich an die Flurgarderobe.“
Edeltraud war es zufrieden. Der junge Mann war ordentlich und sauber, verrichtete allerlei Haushaltsdinge und spielte mit Edeltraud Domino, Karten und Brettspiele. Obendrein verstand er auch noch, preiswert und gut einzukaufen. Er errang Edeltrauds vollstes Vertrauen und sie wurde wieder vergn├╝gt und munter. So munter, da├č sie eines Tages beschlo├č, f├╝r das Wochenende zu ihrem Bruder zu reisen. Der freute sich sehr ├╝ber den unerwarteten und ├Ąu├čerst seltenen Besuch. Sie waren so vergn├╝gt miteinander wie in fernen Kindertagen, da├č Edeltraud die ganze Woche blieb. Sie wusste, da├č ihr Untermieter todkrank war, aber es gab keine ├Ąu├čeren Anzeichen daf├╝r. Sie meinte, da├č er nicht gerade in der Woche sterben w├╝rde.
In ihrer Heimatstadt angekommen, kaufte sie etliches an Essware ein und auch eine ├ťberraschung f├╝r Herrn B.. fr├Âhlich schlo├č sie die Wohnungst├╝r auf. Aber wie staunte sie, als sie in Herrn B.s Bett einen v├Âllig fremden Mann erblickte! Und auf dem Bett zwei kleine Kinder! Neben dem Bett sa├č Herrn B.s Schwester in ihrem Rollstuhl. Sie begr├╝├čte Edeltraud und f├╝gte weinerlich hinzu: „Mein Bruder ist gestorben, ja, leider, wir sind nur hier, um seine Sachen zu ordnen, ja, soll ja alles seine Richtigkeit haben, nich, ja, was haste denn da in die T├╝ten, Mensch, ja, pack mal nich aus, mach doch mal bitte den Abwasch, ja, hat sich so viel angesammelt, ja, is nischt, wenn man behindert is un der Mann is krank un die Kinder noch so kleen, ach, hoffentlich bleiben die jesund, ja, nich wahr, hoffentlich.“
Edeltraud war etwas verwirrt. Was ging hier vor? Wie konnte sich schmutziges Geschirr ansammeln? Sie betrachtete es und stellte fest, da├č das nicht ihr Geschirr war. Herr B. hatte keines mitgebracht. Wem also geh├Ârte das Zeug? Noch bevor sie fragen konnte, h├Ârte sie ein Ger├Ąusch aus der Stube. Es klang, als sei etwas heruntergefallen. Sie ├Âffnete die Stubent├╝r und erstarrte. Man hatte die Wand zwischen den beiden Zimmern weggerissen! Auf nunmehr 45 Quadratmetern standen abwechselnd ein Bett, ein Tisch, ein Schr├Ąnkchen. ├ťberall an den W├Ąnden hingen Kleidungsst├╝cke, auch zwei Gitarren und diverser selbstgebastelter Raumschmuck. Das ganze Zimmer war voll mit jungen Menschen, die studierten. Wer nicht am Computer sitzen konnte, hatte ein Buch vor der Nase. Einige schrieben, einige h├Ârten irgendetwas per Kopfh├Ârer.
Endlich fand Edeltraud ihre Sprache wieder. Sie gab sich zu erkennen und wollte wissen, wo ihre M├Âbel geblieben seien, ihre Papiere, Bilder, Pflanzen, B├╝cher und Fotoalben? Die jungen Leute wussten es nicht. Edeltraud erfuhr nur, da├č ihnen vom Studentenbund dieses Zimmer vermittelt wurde. Sie wusste, da├č die Schwester von Herrn B. ebendort arbeitete und ahnte, wie der Hase l├Ąuft. Sie wollte sie zur Rede stellen, aber die gute Frau hatte mit ihrer Familie das Weite gesucht. Wo sollte Edeltraud nun schlafen? Das Zimmer war total ├╝berbelegt! Sie brachte es auch nicht ├╝bers Herz, die flei├čigen jungen Leute hinauszuwerfen. Sie nahm ihre Einkaufst├╝ten und ging zur Polizei. Polizei, gr├╝belte sie, wann war ich das letzte mal daran vorbeigekommen? Und wo war das eigentlich? Ah, Pappelallee. Hm, da mu├č ich mit der U-Bahn fahren.
W├Ąhrend der Bahnfahrt lie├č sie das Erlebte noch einmal Revue passieren und wurde immer verwirrter und erboster ├╝ber die Frechheit der behinderten Person. In der Pappelallee angekommen musste sie feststellen, da├č dort keine Polizei mehr war und da├č es sich sowieso nur um eine Meldestelle gehandelt hatte. Sehr frustriert kehrte sie zum U-Bahnhof zur├╝ck. Dort a├č sie erst einmal etwas aus ihrer Einkaufst├╝te. Niemand beachtete die Pennerin. Es gibt sie ja in jedem Alter und ├╝berall. Nachdem der Hunger gestillt war, tat sich in Edeltraud wieder die Frage auf: Wo soll ich schlafen? Ich leg mich doch nicht auf eine Parkbank! Es dauerte ziemlich lange, ehe sie darauf kam, da├č es eine Bahnhofsmission gibt, wo man ├╝bernachten kann. Dort wurde sie auch problemlos aufgenommen. Am anderen Tag zog sie mit ihren T├╝ten zum n├Ąchsten Polizeirevier und legte dem f├╝lligen Beamten mit Vehemenz ihr Anliegen vor. Der lie├č die Alte reden, betrachtete sie von oben bis unten und dachte bei sich: „Was will die alte Speckschwarte? Wann hat die sich das letzte mal gewaschen? (er sah ihre Altersflecken f├╝r Schmutz an) Und den Fetzen, den sie vielleicht Mantel nennt! (sie hatte ihn beim Ein- und Aussteigen bei der Reichsbahn versehentlich beschmutzt und sich sogar einen Dreiangel hineingerissen) Was erz├Ąhlt die hier f├╝r einen hahneb├╝chenen Unsinn? Was denkt die sich blo├č in ihrem versoffenen Hirn! Kommt hierher mit Aldit├╝ten, wo die Alkflaschen nur so klirren (in Wahrheit waren es Saftflaschen) und will mir erz├Ąhlen, das ist erst seit gestern?“
Edeltraud hatte sich in Rage geredet und wurde immer fuchtiger, weil der Polizist gar nicht reagierte. Endlich rief sie: „Nun sagen Sie doch mal was dazu!“ Er sprach ganz l├Ąssig: „Wissen Sie was, junge Frau, gehen Sie mal wieder zur├╝ck auf ihre Platte oder wo sie herkommen und erz├Ąhlen dort Ihre M├Ąrchen. Was Sie hier von sich geben, entbehrt jeder Realit├Ąt.“ Er schob sie mit seinem Bierbauch zur T├╝r hinaus.
Benommen stand sie auf der Stra├če. Was nun? Die Polizei, dein Freund und Helfer, hat versagt. Oder hatte sie sich falsch ausgedr├╝ckt? Bald kam ein anderer Polizist des Wegs und sie klagte ihm ihr Leid. Er wollte, da├č sie mit hineinkommt und alles zu Protokoll gibt, aber sie f├╝rchtete sich vor dem Dickb├Ąuchigen. So verlief alles im Sande. Sie hat noch mehrmals andernorts versucht, Geh├Âr zu finden und sich dabei bem├╝ht, alle Aspekte mit einzubringen, einschlie├člich der Situation der Studenten und der misslichen Lage jener behinderten Person. Heute lebt sie in der Psychiatrie.

__________________
Old Icke

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Gerhard Kemme
Guest
Registriert: Not Yet

Man soll nie nie sagen

Hallo flammarion, hallo allerseits,
hatte heute eine zeitliche Taschenpf├Ąndung, deshalb nur
kurz, komme ein anderes Mal wieder vorbei. Du hast dir mit
dem Text sehr viel M├╝he gegeben und er ist dir gelungen,
wenn ich es so wertend einfach mal sagen darf. Es sind die
Kleinigkeiten, die mir auffallen, kein "was interessiert
mich die Optik", sondern es stimmt jede Zeile in ihrer L├Ąn-
ge. Du hast eine hohe Formulierungssicherheit, es ist ver-
lass darauf, du bringst die S├Ątze gekonnt zuende. Das wird
nat├╝rlich schwierig mit dem Inhaltlichen, wir sind da ge-
sellschaftlich etwas weit auseinander. Und wenn ich so mein
soziales Offenbarungsevangelium ausbreite, dann fehlt dein
Applaudieren, geht nun mal nicht. Aber eine Andeutung will
ich doch machen, z.B. bez├╝glich der von dir geschilderten
Polizeiszene: "Die Wahrheit liegt in den Tresoren!" So
k├Ânnte eventuell ein Aphorismus lauten. Kennst du die Poli-
zeivorschriften, wobei ich weiss, dass ich momentan das
lyrische Ich anrede. Besser als die Psychiatrie ist, wenn
man sagt, ne' Wohnung nie! Verzeih', wenn ich immer so an-
griffslustig dir erscheine. Ich lese deine Texte wirklich
gerne und nehme es als schwierige Aufgabe mal eine Story
zu schreiben, die dir gef├Ąllt.
Tsch├╝ss Gerd

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Monfou
???
Registriert: Feb 2002

Werke: 0
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Hi, flammarion,

habe deinen Text gern gelesen, wobei mir die Aussage durchaus sympathisch ist. Ich meine die sich darin spiegelnde Haltung. Bei der (literarischen) Umsetzung gehen wir wohl verschiedene Wege, aber das macht nichts.
Herzlichen Gru├č

Monfou

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
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hallo,

sch├Ânen dank f├╝rs lesen und f├╝r die kommentare. nee, die polizeivorschriften kenne ich nicht. aber ich hatte als junger mensch mehrere erfahrungen mit der polizei, also ich hab ne harmlose frage gestellt und wurde sehr abweisend behandelt. daher meine beschreibung des gespr├Ąchs zwischen der frau und dem polizisten.
es ist gut und richtig, da├č wir alle unsere eigene art haben zu schreiben. es w├Ąre sonst ziemlich eint├Ânig. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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