Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5562
Themen:   95473
Momentan online:
79 Gäste und 1 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erzählungen
Marakesch-Express. Oder: Deutscher Ausländer in der Wüste verloren
Eingestellt am 21. 04. 2015 09:30


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
MichaelKuss
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2015

Werke: 15
Kommentare: 11
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um MichaelKuss eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Marakesch-Express.
Oder: Deutscher Ausländer in der Wüste verloren


Ich erinnere mich nicht nur deshalb an diese Geschichte, weil es dabei um Leben oder Tod ging, sondern weil sie, nachdem ich dem Tod von der Schippe gesprungen war, mein Leben und meine Sicht auf die Dinge des Lebens veränderte. Sie trug sich in meiner Jugend zu, als ich, voller Neugier auf die Abenteuer dieser Welt, nur mit einem alten Armeerucksack, einem fusseligen Schlafsack und einer blechernen Wasserflasche in Afrika unterwegs war, um das Leben und vielleicht auch mich selbst zu finden.

Auf meiner abenteuerlichen und oft genug auch leichtsinnigen und blauäugigen Wanderschaft durch Marokko war ich bereits in der Hafengegend in Casablanca von herumlungernden Tagedieben bestohlen worden, die, sobald sich Gelegenheit bot, auf ihrer Suche nach seltener Arbeit auch hin und wieder leichtfertige Touristen schröpften. Abgebrannt wie ein verkohltes Streichholz stand ich fast in Unterhosen auf dem Place Mohamed zwischen geheimnisvoller Kasbah und modernem Franzosenviertel und war ärmer als der ärmste orientalische Bettler.

Beim deutschen Konsulat in Casablanca konnte ich um Hilfe nicht bitten; schnell hätte man mich als Armeedeserteur enttarnt, womöglich verhaftet und in eins dieser düsteren marokkanischen Gefängnislöcher gesteckt, in denen die Häftlinge kräftiger schrien als eine Sau beim Schlachten.
Was wusste ich schon von meinen Rechten? Ich war auf der Flucht, war sozusagen Asylant und Ausländer in einem fremden Land. Also tat ich, was viele illegale Ausländer in vielen Ländern dieser Erde tun: Ich suchte mir eine illegale Arbeit, um wenigstens die lebensnotwendigen Dirham zu verdienen und ansonsten auf bessere Zeiten zu hoffen. Irgendwie würde es schon weitergehen. Schlimmer konnte es kaum kommen.

Die endlos scheinende Warteschlange der Arbeitsuchenden an der Hafenreling machte Hoffnung auf Rettung. Wir schleppten Säcke von einem Schiff in die Lagerhalle, balancierten mit jeweils fünfzig Kilo auf dem Rücken über die Laufplanken, zehn Stunden lang, zweihundertvierzehn Säcke ohne Pause, - ich habe sie gezählt, damit die Zeit schneller vergeht und ich nicht an den Hunger denke. Den Schluck Wasser und den Biss ins ausgetrocknete Fladenbrot und in die gestohlene Banane mussten wir uns erschleichen, quasi im Laufschritt uns stärken, denn wer den Trott verließ, aus der Reihe ausscherte oder kraftlos zusammenbrach, war abgeschrieben und konnte die abendliche Mahlzeit vergessen. Zu viele hungrige Mäuler warteten bereitwillig, um sich die sieben Dirham, umgerechnet etwa einen Euro Tagelohn, zu verdienen. Für die abgegriffenen Münzen mit dem Königskonterfei von Hassan dem Zweiten bekam ich im »Café du Port« im schmutzigsten Winkel der Medina einen Couscous mit Gemüse und einem Hammelknochen, einen Kanten Brot, ein Kännchen Pfefferminztee und beim fliegenden Straßenhändler zwei Zigaretten.

Selbst für die billigste Übernachtung im Hotel reichte es nicht, und so schliefen wir, in unsere Decken oder Dschellabas gehüllt, in einem Lagerschuppen direkt neben dem Hafen, um am nächsten Morgen gegen Vier wieder vor der Arbeitsvermittlung zu stehen. Der Vermittler war gleichzeitig Gewerkschaftssekretär, Vorarbeiter und Polizeispitzel. Jeder Tagelöhner musste ihm vom Hungerlohn zehn Prozent abgeben. Mit Grummeln im Bauch und niedergeschlagenen Augen wurde diese Art der Lohnsteuer unterwürfig entrichtet.

Als meine Abmagerungskur nach drei Wochen sechzig Kilo Körpergewicht erreicht hatte und mein einziges Hemd vor Dreck und Gestank steif dastand und fast alleine zum Schlafplatz wanken konnte, lernte ich in dem kleinen Medina-Restaurant Achmed kennen. Achmed war schwul und machte mir den Hof. Ich war nicht schwul, aber Achmed war mir sympathisch und wir befreundeten uns.

Achmeds Familie besaß im französischen Viertel von Casablanca ein Reisebüro. Sie betreuten auch deutsche Spanientouristen, die mit dem Bus für einen oder zwei Tage als Kurztrip über die Straße von Gibraltar nach Marokko kamen und hier durch die Souks, die Medina und an irgendwelchen königlichen Gemächern vorbei getourt wurden. So avancierte ich zum Fremdenführer, obwohl ich nicht die geringste Ahnung von marokkanischer Geschichte hatte.

Meinen manipulierbaren Landsleuten erzählte ich erfundene, aber schauerliche Horrorgeschichten von wilden Freiheitskämpfen zwischen königstreuen Arabern und rebellierenden Berbern, von feurigen Bauchtänzerinnen, verkauften Bräuten, von Harems, Eunuchen, Seeräubern und Mädchenhändlern. Der ganze Orient tauchte kunterbunt in meinen Geschichten auf: Ich zündete Aladins Wunderlampe zu einem Feuerwerk, machte Ali Baba zum Robin Hood der Sahara, der Marktplatz von Marakkesch wurde zum Schauplatz der Entführung aus dem Serail, Kamele mutierten zu heroischen Helden. Die Deutschen glaubten mir jede Lüge, jede erfundene und ausgeschmückte Geschichte und bezahlten mich recht angenehm für den amüsanten Urlaubskitzel; ¬aber sie glaubten mir nicht die wirklich erlebte Geschichte vom Hungerlohn, den Säcken und der Übernachtung am Hafenbecken. Ein Europäer, ein Deutscher zumal, darf in Afrika Forscher, Missionar, Panzergeneral oder Plantagenbesitzer sein, aber kein bettelnder Tagelöhner. Solche Filmfiguren werden mit Afrikanern besetzt.

Am Ende der Touristensaison hatte ich genügend Geld und eine qualitative Ausrüstung beisammen, um meine Reise gen Süden, durch die Sahara und nach Schwarzafrika fortzusetzen. Aber bereits tief im Süden Marokkos, genau genommen im rauen und darbenden Mauretanien, nördlich der Stadt Aiun, verlor ich wieder meinen kargen materiellen Reichtum und auch mein letztes Geld.

Marodierende Söldner einer der Kriegsparteien hatten mir, während wir auf unseren Strohmatten in einer Lagerhalle in der Nähe des Marktplatzes schliefen, geschickt meine Geldbörse vom Gürtel abgeschnitten und den Rucksack, den ich als Kissen benutzte, unter dem müden Kopf weggezogen. Noch vor dem Hellwerden hatten sich die falschen Schlafkumpane aus dem Staub gemacht, und ich konnte von großem Glück reden, dass ich ansonsten ungeschoren und mit dem Leben davongekommen war.

Ich stand an einem weltvergessenen Marktflecken in der Sahara und die Situation schien ausweglos. Bei näherer Betrachtung besaß ich allerdings noch ein Stück ausgetrocknetes Fladenbrot, zwei Zuckerrüben und einen Liter mehr oder weniger trinkbares, vom Lehm verschmiertes Wasser. Das erste Überleben war gesichert; jetzt würde ich weitersehen.
Ich wusste nichts von der Sprache und den Sitten der Wüstenbewohner; auch fehlte mir der Mut, einen der wenigen herumziehenden Nomaden und Beduinen um Hilfe zu bitten. Was würden diese Leute über einen heruntergekommenen Europäer denken, der sie um etwas Essbares und eine Schlafgelegenheit anbettelt? Diese schweigsamen, dahinhuschenden Menschen im weiten Burnus oder einfacher Abba aus Kamelhaar, diese ausgemergelten, asketischen Ledergesichter hatten doch selbst nur das Notwendigste zum Überleben. In Tanger und Casablanca hatten mir die Araberjungens wenigstens noch ein gurrendes „Hallo Beckenbauer“ oder „Heil Hitteler“ zugerufen, um mich dann am Ärmel zu zupfen und anzubetteln. Aber hier in der Wüste kannte man wahrscheinlich keinen der beiden, und mit meinem beschämenden Aussehen gab ich höchstens Anlass zu Spott.

Wie viel Saft kann man zum Überleben aus einer Zuckerrübe ziehen? Wie viele Kalorien hat ein Fladenbrot? Wie resistent ist mein Magen, welche Abwehrkräfte hat mein Körper gegen die Bakterien im Lehmwasser gebildet? Wenn ich genügsam sein und mir Schluck für Schluck, Bissen für Bissen diszipliniert einteilen würde, könnte mein Proviant für zwei oder drei Tage reichen. Unterdessen würde ich den Weg durch die Wüste schaffen. Ein Militärlastwagen oder eine Kamelkarawane würde mich mitnehmen, und dann könnte ich im sechshundert Kilometer entfernten Marrakesch zur Poststelle gehen, wo meine Briefe und eine Geldüberweisung auf mich warteten. Mit Zweckoptimismus, die Angst verdrängend und voller Unwissen über die Risiken, verließ ich die von Lehmhütten und Erdbunkern gesäumte Dorfstraße.

Ich wusste nichts von der tückischen Gefährlichkeit des Schirokkos. Dieser unangenehme, listige, heiße Wüstenwind trieb bereits den staubigen Sand und die wenigen ausgedorrten und entwurzelten Sträucher vor sich her wie willenlose Pusteblumen. Sie bildeten kleine Wirbel, tanzten frech und nervös in der heißen Luft und fegten dann über die unendlich scheinende Weite der aus Erdkruste und Steinen bestehenden Wüstenlandschaft. Schützend hatte ich die Kapuze meiner Safarijacke über den Kopf gezogen, hatte den Marktflecken verlassen und war zu einer Weggabelung weit außerhalb des Ortes gelangt, an die ich mich noch unklar seit meiner Ankunft entsinnen konnte.

Hier endete die Straße, die ohnehin nur aus einer ausgefahrenen Dreckmulde und einigen lehmigen Reifenspuren bestand, die sich während der letzten Regenzeit gebildet hatten und jetzt von einer harten, ausgetrockneten Erdkruste überzogen waren. Spuren von Lastwagen und Kamelhufen führten nach irgendwo. Zum Atlantik? Noch weiter ins Innere der Wüste und damit ins Verderben? Oder nach Marakkesch? Von dort war ich vor einer Woche mit dem schnaufenden Bus gekommen. Aber der Bus fuhr sehr unregelmäßig; vielleicht dreimal im Monat.
Außerdem hatte ich nicht einmal die kleinste Geldmünze in der Tasche, um den Fahrpreis auch nur annähernd bezahlen zu können. Auch meine Uhr, mit der ich beim Busfahrer oder mit den Fahrgästen einen Tauschhandel hätte einfädeln können, beglückte jetzt einen der diebischen Soldaten. Ja, sogar der Zehndollarschein, den ich als allerletzte Notreserve aus einer Art Geheimfach aus meinem Schuhabsatz gefingert hatte, wurde von den Dorfbewohnern unverständlich angeschaut, fragend von Hand zu Hand gereicht, aber niemand wusste etwas mit diesem amerikanischen grün-grauen Bild anzufangen. Ich hätte mir ebenso gut eine Zigarette damit anzünden können. Nur meine billige und einfachste Klick-Klack-Kamera aus Bakelit gab ich nicht her; sie hätte keine Lebensverlängerung gebracht, man bot nur wenige Centimes dafür und wollte sie sogar geschenkt haben, weil diese Menschen von europäischen Touristen Geschenke, aber keine Bettelei erwarten.

Vergeblich hoffte ich etliche Stunden auf ein Fahrzeug. Nichts zeigte sich am flimmernden Horizont. Überraschend brach die Dunkelheit herein. War mein Gefühl für Zeit und Raum bereits verlorengegangen?

Ich zwängte mich in den Schlafsack, drehte mir einen Joint und versuchte zu schlafen. Doch während die Tage von brütender und drückender Hitze bestimmt sind, war die Nacht extrem kalt. Ich zählte die Sterne und sah sehnsüchtig in den Mond, als könne er mir mit seinem milchigen Licht aus meiner verzwickten Situation herausleuchten.

Schließlich schlief ich gegen Morgen doch noch ein und wachte erst auf, als ich an meinem Hals ein ungewohntes Gefühl verspürte. Eine Schlange war in meinen wärmenden Schlafsack geschlichen und hatte es sich an meinem Hals und auf meiner Brust bequem gemacht. Das Reptil vor meinen Augen schien mindestens drei Meter lang und einige Kilo schwer zu sein! Ich konnte den Atem, aber nicht die Pisse anhalten. Nasswarm und bewegungslos harrte ich aus.

Als gegen Morgen die Sonne am Horizont auftauchte und uns erwärmte, schlängelte sich das Reptil von meiner Brust und lag noch eine Weile vor dem Schlafsack. Seltsam: Jetzt war es nur noch gut zwanzig Zentimeter lang und wohl kaum ein paar Gramm schwer. Dann verschwand es zwischen zwei Steinen in einem Erdloch und verabschiedete sich mit einem Schwanzwedeln.

Einen Tag und eine Nacht lief ich weiter, wartete und lief erneut, nicht mehr wissend wohin. Die Sternbilder standen zu nahe am Äquator, der Himmel hatte sich gedreht, eine Positionsbestimmung war nicht mehr möglich. Müdigkeit, Hunger und Flüssigkeitsmangel brachten mich dem Delirium näher.
Am nächsten Tag war der letzte Zipfel der Rübe gegessen und mein Magen hatte den letzten Tropfen Lehmwasser gierig aber ohne Murren aufgenommen. In der nächsten Nacht, - oder war es die übernächste -, brach ich zusammen. Ich hatte keinen Willen mehr, keine Kraft, nichts ging mehr, nur noch einfach sich fallen lassen und dann Ruhe, Ruhe, Ruhe! Ich würde ganz banal hier verrecken. Dreißig Jahre nach Rommel geht in der afrikanischen Wüste ein deutscher Militärdeserteur vor die Hunde. Undramatisch und einfach so ..., ein Fraß für die Geier und das war's dann auch schon!

Als ich aufwachte, stand die Sonne fast im Zenit. Mein Mund ausgetrocknet und schmerzend die Augen. Benommen nahm ich einen Strohhaufen wahr, worin ich gekrümmt lag. Um mich herum drei oder vier Kinder; Bälger mit zerrissenen Jute-Säcken um den braun gebrannten, schmutzigen Körper. Haare wie Putzwolle, in den Augen ein neugieriges Grinsen mit scheuer Zurückhaltung gemischt.

In die kleine Meute kam Bewegung. Der Größere klatschte in die Hände und schrie unbekannte Worte in die Wüstenwelt. Diese Welt, das war weiter drüben eine Strohhütte über einem Erdloch. Ein Kamel stapfte gleichmäßig im Rund um einen Brunnen und pumpte Wasser in ein Auffangbecken. Ein Esel stand bockig zwischen einer Hühnerhorde. Sie stob gackernd auseinander, als der Junge einen alten Mann aus dem Erdloch holte und ihn gestikulierend zu mir brachte.

Der Mann sprach beruhigend auf mich ein, aber ich verstand seine gurrenden, rollenden Worte nicht. Ich muss ihn wohl nur wirr angeschaut und irgendetwas zwischen schlechtem Französisch und holprigem Spanisch gestottert haben. Der Mann schüttelte den Kopf. Sein gegerbtes Ledergesicht lächelte faltig. Die Augen strahlten Wärme und Zutrauen aus. Er hielt mir die Hand entgegen und half mir beim Aufstehen. Meine Beine schlotterten. Ich ließ mich führen. Zwei Kinder unterstützten mich von der Seite, indem sie meine Arme um ihre Schultern drapierten und mir den Weg in die Erdwohnung unter dem Strohdach erleichterten.

In der Hütte saßen zwei Frauen schweigend um eine Feuerstelle. Sie waren mit zahlreichen Röcken und einem Kopftuch bekleidet. Ihre Gesichter und Hände trugen mit Henna aufgetragene Verzierungen, an den Armen baumelten Silberreifen und Amulette. Eine Frau hielt mit einem Palmwedel das kleine, offene Feuer in Gang. Die andere rückte mit einem Stock die Glut zusammen, setzte einen Wasserkessel darauf und sah den Mann fragend an. Er nickt und gab mit kurzen, gurrenden Lauten und den Händen Anweisungen.
Die Kinder stoben hinaus. Eine Frau watschelte in die Ecke der Hütte, nahm Zweige von einem Erdloch und kam mit Tonkrügen zurück, die sie mir wortlos vorsetzte und mit einer wohlwollenden Handbewegung aufforderte, mich zu bedienen.
Vor mir lag ein kulinarisches Paradies: Stückchen von Schafskäse in einer wässrigen weiß-bläulichen Tunke! Hart gekochte Hühnereier! Ein Fladen Weißbrot, das von Strohstückchen zusammengehalten war; daneben stand eine verbeulte Blechkanne mit heißem Pfefferminztee, eigenartig gewürzt und stark gezuckert.

Mehr gierig als bedächtig nahm ich die Leben rettende Mahlzeit. Schweigend, aber mit offensichtlichem Interesse saß die Großfamilie um mich herum. Sie päppelten mich vier Tage lang auf. Ich schlief auf einem Lammfell; der warme Bauch des Esels war mein Kopfkissen. Dann hievte mich der Oasensiedler auf den Esel und sich aufs Kamel. Nach einem knappen Tagesritt kamen wir zu einem Marktflecken. Der Rücken schmerzte, mein Hintern war wund gescheuert.

Der Berber tauschte Hühner und Eier, Strickwaren und Bastarbeiten gegen Tabak, Mehl, Öl und Salz ein. In einer aus alten Brettern und Palmenzweigen gezimmerten halb offenen Teestube aßen wir fettige, von heißem Öl triefende Hefegkringel und tranken belebenden, süßen Tee aus kleinen Gläsern, an deren Rändern sich Fettfinger und Fliegendreck abzeichneten. Schließlich streckten sich die Männer behäbig auf der Bastmatte aus und stopften ihre Pfeifchen. Würziger Duft von Marihuana mischte sich mit dem Geruch von Pfefferminze und heißem Öl.

Dann verhandelte mein Gastgeber mit dem Fahrer eines klapprigen Überlandbusses, der in Richtung Norden fahren würde. Es war ein langwieriges Hin und Her, unterbrochen von Händeringen und lebhaftem Wortwechsel. Der Fahrer war anscheinend mit den Argumenten meines Lebensretters nicht einverstanden. Jetzt mischten sich die Fahrgäste ein. Sie hatten gackernde Hühner und Gänse und vollgepackte Körbe auf dem Dach und im Gang des Busses platziert. Frauen gestikulierten, deuteten auf mich und schlugen dramatisch die Hände über den Kopf, als würde das Seelenheil der ganzen Welt davon abhängen. Ein paar Männer redeten auf den Fahrer ein, der schließlich klein beizugeben schien. Ich durfte einsteigen. Als Fahrgeld erhielt der Fahrer von meinem Berberfreund ein Huhn und kleinere Münzen von einigen der anderen Fahrgäste.

Mein Retter steckte mir eine Korbtasche zu. Darin fand ich eine verschmierte Flasche mit Wasser, Fladenbrot, hart gekochte Eier und getrocknete Datteln.

Abschied. Umarmung. Händeschütteln.

Stachelige Bartgesichter rieben sich aneinander. Der Bus tuckerte los. Ungleichmäßige Explosionen unter der Motorhaube. Hinter uns verschwand der Marktplatz im aufgewirbelten Staub.

Eingeklemmt in Sechserreihe hockte ich zwischen mir noch fremden Menschen. Ein weiß gekleideter Beduine mit Ziegenbart und Hakennase reichte mir wortlos eine selbstgedrehte, unförmige Zigarette. Der Tabak stank. Es schien eine Mischung aus Kamelmist, getrocknetem Gras und Marihuana zu sein. Eine Frau mit einem Tschador vor dem Gesicht verteilte Ziegenmilch und Brot. Ich riss an meinen aufgefädelten Datteln und bot sie in die Runde. Der Fahrer fummelte an einem Kassettenrekorder herum. Orientalische Klänge stimmten sich auf die Schaukelbewegungen des Busses ein.

Irgendwann später fiel mein Kopf müde zur Seite und lag auf einem Sack Zwiebeln, den eine dralle Berberfrau auf ihrem Schoß hielt. Am nächsten Tag hatten wir die Wüste verlassen und näherten uns Marakkesch. In den Zedernbäumen am Wegrand kletterten die ersten Ziegen. Noch sehr weit im Nordosten versprachen die Schneegipfel des Atlasgebirges Wasser für das fruchtbare Tal.

__________________
Michael Kuss
Geschichten aus dem Leben

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zurück zu:  Erzählungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung