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Leselupe.de > Ungereimtes
Marburg Blindenstadt
Eingestellt am 16. 11. 2003 19:47


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black sparrow
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Registriert: Jun 2002

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Marburg Blindenstadt

Mit tappenden Geräuschen
auf dem Asphalt
tasten sich die Blinden
an Stöcken durch
die nebelnasse Nacht.

Gestern
habe ich hier gelesen
und meine Gedichte
in leere Köpfe gesprochen,
hatte wie immer
nicht viel zu sagen,
auĂźer,
dass wir alle
solche Stöcke bräuchten,
und sie haben´s mir geglaubt.
Ich sah das Funkeln in ihren Augen.
In diesem Moment
konnte ich sehen
und sie auch, ein Augenblick,
bevor wir wieder im Dunklen
versanken und in Diskussionen
mit anderen Dichtern strandeten.

Einer behauptete,
wir seien völlig anders
als alle Dichter vor uns,
mit unserem Wissen
und der Freiheit unserer Kunst.
„Als Menschen aus dem
16. Jahrhundert ĂĽber Gott sprachen,
und wenn wir heute
ĂĽber den Begriff Gott reden,
das sind völlig verschiedene Dinge.
Und deshalb will ich neues schaffen.
Ich meine, Liebesgedichte
kann jeder schreiben.
Ich will mehr, uns steht
alles offen!“

Das sagte er,
und ich konnte nicht erkennen,
ob die Begeisterung,
mit der er sprach,
Verzweiflung oder Freude war.

„Ich kann keinen Unterschied erkennen,
zwischen einem Höhlenmaler in der Steinzeit
und mir,“ entgegnete ich,
und sah wieder
die Blinden,
die sich sicher durch die
kurvenreiche Stadt bewegten.
„Es sind doch immer dieselben Themen,
dieselben Bedürfnisse, die uns prägen:
Atmen, Essen, Fortpflanzung
und das Wissen um den Tod.
Diesen Zwängen sind wir unterworfen.
Davon handelt Kunst.“

Tapp tapp, die Stöcke
tasten von links nach rechts,
erstaunt, wie sein Blick
und seine Antwort:
„Da hängst du ja einer sehr
vulgär-materialistischen Weltsicht an.“
Ich nickte stumm,
zu blind, zu alt
fĂĽr Illusionen
und lachte in mich hinein
und wollte lesen.
Nur das zählt.

Da steht man dann,
gestĂĽtzt auf KrĂĽcken.
Meine sind aus Papier.
Was habt ihr?

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pipi-barfuss
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Marburg

hallo black,

durch dich sehe ich "meine" stadt mal mit anderen augen.
wie die blinden mit tappenden geräuschen entlanggehen und sie sehen mehr als manch ein sehender.wie war.....
du hast an dem abend viele köpfe gefüllt und menschen begeistert.
bleibt bei deinen ansichten und deinen "stöcken."
ach, und meine sind auch aus papier. ;-)

pass bitte auf dich auf!
ich drĂĽck dir die daumen.

lieben gruĂź sandra



__________________
Lebe den Augenblick,auch wenn du mit einem Bein schon in der Zukunft stehst und mit dem anderen noch in der Vergangenheit

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lapismont
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Hallo Black Sparrow,

ich finde es gut, nur die wörtliche Rede gefällt mir nicht. Sie zerbricht das reflektierende Betrachten der Szene.

cu
lap
__________________
Kunst passiert.

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DarkskiesOne
???
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...deine "Blindenstadt"!

Hi black,

besonders schön finde ich die "nebelnasse Nacht" und die Stelle

"...In diesem Moment
konnte ich sehen
und sie auch, ein Augenblick,
bevor wir wieder im Dunklen
versanken und in Diskussionen
mit anderen Dichtern strandeten..."

Die wörtliche Rede stellt allerdings tatsächlich einen Bruch dar. Vielleicht könntest du den kompletten Text aus der Sicht des reflektierenden Betrachters schreiben?

Und anstelle der "Fortpflanzung" hätte ich persönlich doch lieber das Wort "Liebe" gelesen. Aber ich bin wahrscheinlich einfach zu romantisch ;-)
Ansonsten sehr gelungen!
lg
DarkskiesOne


__________________
Die Liebe ist ein Tod, den ich nicht sterben kann.

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