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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Maria mit der Panzerfaust
Eingestellt am 29. 11. 2017 13:56


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wowa
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Maria mit der Panzerfaust


Das Telefon schwieg. Meier – Novak ging unruhig auf und ab, blieb vor dem Fenster stehen und schaute durch die geöffneten Lamellen der Jalousie auf den Marktplatz. Alles wie immer. Weiches, klares Licht, Gelächter, Sprachfetzen, die Leute dort unten machten ihre kleinen Geschäfte. Die meisten Gesichter kannte er, Bauern aus der Umgebung.
Keine fremden Autos am Straßenrand, aus denen Männer herüber starren.
Meier – Novak war nicht wirklich nervös, aber ein wenig Paranoia konnte nicht schaden, fand er, seit sie die Fahndung intensiviert hatten.
Die Anfangstakte von Beethovens Fünfter füllten den Raum. Meier – Novak nahm ab.
„Si?“
„Che bello che sei a casa,“ sprudelte eine weibliche Stimme, „Siamo per caso nelle vicinanze e pensevomo di pasare e fare una visito. Avresti tempo?“
„Si, siete fortunati! Passate! Sono contento!“ (1)
Die Worte `Zufall` und `GlĂĽck` (per caso e fortuna) hatten sie verabredet, insofern schien die Situation unbedenklich. Ihr Italienisch hatte Fortschritte gemacht, fiel ihm auf, nahezu akzentfrei.
Meier – Novak machte Kaffee. - -
Franz füllte sich aus einem Flachmann einen kräftigen Schluck Grappa in die Tasse.
„Wir müssen jetzt einen klaren Kopf behalten,“ sagte er, „Fakt ist, sie haben diese Bilder aus den Überwachungskameras und die sind schlecht. Ansonsten haben sie nix, niente!“
„Sie haben uns identifiziert,“ sagte Meier – Novak, „sie wissen, nach wem sie suchen.“
„Sie kennen unsere Vergangenheit, sie haben unsere DNA, unsere Fingerabdrücke und sie haben diese Bilder,“ präzisierte Maria, „übrigens, so schlecht finde ich die Fotos nicht. Besonders du bist gut getroffen,“ wandte sie sich an Franz.
„Ja, meine Parodontose,“ murmelte der zerknirscht, „die macht mich erkennbar. Aber nicht mehr lange. Ich bin in Kontakt mit einem vertrauenswürdigen Arzt, ein echter Spezialist. Nach der OP bin ich so makellos wie eine unbenannte Datei. Wird allerdings teuer.“
„Große Prosa: unbenannte Datei,- wenn das der Maßstab wird ...“ Meier – Novak hatte es nicht so mit den neuen Medien, „ gleichviel, egal, kommen wir zum wesentlichen: Maria, wie sieht es aus?“
„Schlecht, meine Herren,“ Maria hatte die Kontrolle über die Finanzen, „aber nicht perspektivlos. Dabei meine ich nicht die Kohle. Die reicht bei unserem jetzigen Ausgabenniveau locker die nächsten fünf Jahre, mindestens. Und länger zu planen, ist bullshit.
Nein, ich meine die veränderte Situation und unsere indifferente Haltung. Wir sind jetzt aus der Anonymität aufgetaucht, haben Namen und Gesicht. Uns werden Aktionen zugeordnet, die weit in die Neunziger zurückreichen, das Weiterstadt – Ding 1993 zum Beispiel. Nie gab es Tote, auch keine ernsthaft Verletzten. Wir sind keine stumpfen Killer, die bewusstlos ihrem Ende entgegen taumeln. Wenn es schwierig wird, ziehen wir uns zurück und schlagen an anderer Stelle zu.
Wir leben seit fünfundzwanzig Jahren im Untergrund und wir sind der Beweis, dass es geht, dass militante Dissidenz möglich ist.
Die deutsche Presse stellt uns dar als entpolitisierte Rentnergang, die nur noch fĂĽr ihren Lebensabend vorsorgen will. OK, sollen sie, kein Problem.
Aber ich weiß, wir haben im Netz eine Fangemeinde, die unsere Aktionen gespannt verfolgt und kommentiert. Für diese Leute, übrigens tatsächlich viele Rentner, sind wir Hoffnung. Diesen Leuten gegenüber haben wir eine gewisse Verantwortung, für sie sind wir ein Licht in diesen finsteren Zeiten. Wenn auch wir ihre Erwartungen enttäuschen, dann haben sie nichts mehr.
Unsere letzte Aktion liegt über ein Jahr zurück und wir hatten seither keinen Kontakt. Dieses Verhalten war richtig, der Fahndungsdruck war hoch. Doch jetzt, hier und heute, sollten wir über neue Projekte nachdenken. Es wird Zeit, denke ich, wieder ein Stück weit an die Öffentlichkeit zu gehen. Zudem hab ich auch ganz einfach Lust, den Dosenöffner noch mal in die Hand zu nehmen.“
Meier – Novak war beeindruckt.
Marias rhetorisches Talent war ihm nicht unbekannt, doch ihre Gestik und Eloquenz, die so gar nicht zu ihrem unscheinbaren Ă„uĂźeren passen wollten, ĂĽberraschten ihn immer wieder.
„Whow, welch ein Statement,“ sagte Franz, „aber im Grunde ist das doch der alte RAF – Scheiß, den wir längst abgehakt haben. Wir die Avantgarde, das Licht in der Finsternis für ein paar Rentner im Netz, sag mal, geht`s noch?
Klar ist es nett, ein Echo zu bekommen und Beifall. Aber ich mach mein Ding, unser Ding, weil ich es kann, weil ich sonst nix kann und weil es mir SpaĂź macht. Ich brauch den Kick und du, Maria, brauchst ihn auch.
Mach dir im übrigen keine Sorgen um unseren Nachruhm. Unsere Story wird sowieso mal verfilmt, früher oder später. Ich seh schon den trailer:
Maria mit der Panzerfaust -
die Göttin kehrt zurück !“

„Du bist doch besoffen,“ sagte Maria.
Tatsächlich hatte Franz einen zweiten Flachmann aktiviert. Franz holte tief Luft, doch Meier – Novak kam ihm zuvor.
„Bevor die Stimmung eskaliert,“ sagte er, „möchte ich daran erinnern, dass wir zukünftige Aktionen diskutieren wollen. Unser nächster Überfall wird mein letzter sein. Ich steige aus. Es gibt ein Leben nach dem Kick und dem werde ich mich stellen.
Mein Entschluss ist von der Vernunft diktiert und ich bin nicht sicher, ob ich damit glücklich werde. So gesehen, sollte unser letzter gemeinsamer Coup natürlich auch ein gewisses Hi-lite sein, beutemäßig, meine ich.“
Die beiden andern schauten schweigend zu Boden.
„OK,“ sagte Maria schließlich, „wir haben also einen Konsens, was die nächste Aktion betrifft und verfahren wie gewohnt. Wir checken unsere Quellen nach geeigneten Objekten und in vier Wochen besprechen wir die Details.“
„Genau,“ sagte Franz, „deinen Ausstieg diskutieren wir, wenn es soweit ist. Ich weiß aber schon jetzt, deine Fähigkeit, Aggressionen produktiv zu kanalisieren, wird mir fehlen.“
„Geht hinten raus,“ sagte Meier – Novak.
Sie gingen.
Leise summend kippte Meier – Novak die Aschenbecher aus und stellte die Gläser und Tassen in den Spüler. Er war gut gelaunt wie schon lange nicht mehr. Die Gegenwart hatte wieder etwas Prickelndes, Gefährliches. Er kannte dieses Gefühl und er hatte es vermisst. Die Rentnergang is back on stage. Sie werden sich noch wundern.
Diese Geschichte findet zu gegebener Zeit ihre Fortsetzung in den Tageszeitungen (2).

-------------- … -------------


(1) „Wie schön,dass du zu Hause bist. Wir sind zufällig in der Gegend und da dachten wir, machen wir doch mal einen Besuch. Hast du Zeit?“
„Ja, da habt ihr Glück! Kommt vorbei! Ich freu mich!“

(2) Der Text ist Fiktion. Seine Figuren sind dem Ex-RAF (Rote Armee Fraktion)- Trio Ernst-Volker Staub (63), Burkhard Garweg (49) und Daniela Klette (59) nachempfunden. Ihnen werden zwischen 2011 -2016 neun Raubüberfälle zugeordnet. Mehrmals trat in diesem Zusammenhang bei Attacken auf Geldtransporte eine Frau mit Panzerfaust in Erscheinung. Drei Mal zogen sich die Angreifer ohne Beute zurück. Das Trio lebt seit fünfundzwanzig Jahren im Untergrund.




Version vom 29. 11. 2017 13:56

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Carmen Engel
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Hallo Wowa,
aus meiner Sicht solide Arbeit.
Mir gefällt, wie die einzelnen Figuren durch ihre Sprechweise charakterisiert werden. Passender Slang. Nur die langen Dialogpassen haben mir nicht so gut gefallen. Da hätte ich mir mehr Unterbrechung gewünscht. Das Tempo geht dabei raus.

Ăśbrigens heiĂźt es Parodontose:-)

Viele GrĂĽĂźe
Carmen

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wowa
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hi, Carmen Engel,
feedback ist wichtig, danke.
Was verstehst du unter einer `soliden Arbeit`? Ich nehm das mal als Kompliment.
Deine Kritik bezieht sich, vermute ich, auf die Monologpassage von Maria. Ist vielleicht anstrengend zu lesen, aber die RAF - Leute hatten nun mal das Bedürfnis, ihr Handeln in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Maria ist dieser Haltung offensichtlich noch stärker verbunden als Franz, der sie dafür kritisiert. Immerhin unterbricht er sie nicht, er lässt sie ausreden. Das nimmt dem Text vielleicht das Tempo, steht aber auch für eine gewisse Diskussionskultur.
Alles Gute
Wowa

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Carmen Engel
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Hallo Wowa,

mit solide meine ich, dass es handwerklich gut geschrieben ist. Nur fehlte mir Emotion und irgendwie, dass ich mich besser unterhalten gefühlt hätte.

quote:
Die Gegenwart hatte wieder etwas Prickelndes, Gefährliches
.

Das ist z.B. beim Lesen bei mir nicht rüber gekommen. Wenn etwas prickelnder oder gefährlicher wird, sollte sich das beim Protagonisten auch zeigen. Ich habe nochmal genauer gelesen. Könnte mir vorstellen, wenn Du den Protagonisten hier und da mal etwas fühlen lässt, dass es dann besser wird. So wirkt alles sehr nüchtern. Wenn der Protagonist so nüchtern ist, sollte er vielleicht einen emotionaleren Gegenpart haben. Sonst habe ich als Leser niemanden, mit dem ich mich identifizieren kann und mit dem ich mitfiebere.
Ich hoffe, Du verstehst, wie ich das meine. :-)

Schreibfreudige GrĂĽĂźe
Carmen

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wowa
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Hallo, Carmen Engel,
ich liste mal die Emotionen des Prot. chronologisch auf:
nervös (nicht wirklich), paranoid (ein wenig), beeindruckt, überrascht, gut gelaunt wie schon lange nicht mehr.
Warum? Weil die Gegenwart wieder prickelnd & gefährlich ist.
Offensichtlich braucht auch er, ebenso wie Franz & Maria, die `ganz einfach Lust (hat), den Dosenöffner noch mal in die Hand zu nehmen`, den Kick. Der verbindet die drei.
Die story ist im behavioristischen Stil geschrieben. `Behavioristisch`ist hier nicht als wissenschaftstheoretisches Konzept gemeint, sondern bezeichnet in USA & Frankreich auch einen literarischen Stil (z.B. Hemmingway, Dashiell Hammett, Ellroy James, Dominique Manotti): keine Psychologisierung, keine inneren Monologe, die Figuren charakterisieren sich ĂĽber ihr Handeln.
Das wirkt nĂĽchtern & sachlich & genau das ist beabsichtigt.
Möglicherweise ist damit das Bedürfnis nach Identifikation erschwert, aber vielleicht wird die Zeitungslektüre bereichert.
Alles Gute
Wowa

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