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Leselupe.de > Kurzprosa
Maria und Maike
Eingestellt am 21. 06. 2006 19:25


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Franka
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Maria und Maike

Einmal im Jahr, immer am 12.Juni, und immer dann, wenn Tag und Nacht Schichtwechsel haben, geht Maria. Sie l√∂st den festen Knoten aus ihrem Haar, schiebt eine der kupferroten Locken verwegen ins Gesicht und schl√ľpft in das hautenge, ihre Figur betonende, kleine Schwarze. Am Spiegel begutachtet sie ihr dezentes und trotzdem aufreizendes Make-up. Sie will, sie wird auffallen. Sie ist ein K√∂der.
Maria wirft noch einen Blick auf das Bild ihrer Schwester und l√§sst dann die T√ľr mit leichtem Schwung ins Schloss gleiten. Im Treppenhaus vergewissert sie sich noch einmal, dass ihrer Tasche alles Notwendige enth√§lt und sie niemand beim Verlassen des Hauses beobachtet hat. Zufrieden taucht sie in die Verschwiegenheit der Nacht ein.

Diese empfängt Maria mit lauter Musik, bunten Reklamen und Menschen in Partystimmung. Sie ist auch in Stimmung, in Jagdstimmung.
Langsam schlendert sie die Allee entlang. Rechts und links reihen sich Cafes, Nachtclubs, Restaurants, Tanzlokale und Kinos auf, wie schillernde Perlen.
Es ist Freitag, an einigen Clubs muss man anstehen, kommt man nur schwer an den Rausschmeißern vorbei. Sie hat damit nie Schwierigkeiten, kommt immer hinein. So geschminkt und angezogen ist Maria wie ein aufgeschlagenes Buch. Selbst zwischen den Zeilen knistert die Spannung.
Heute hat sie sich f√ľr einen kleinen, sehr exklusiven Club entschieden. Maria w√§hlt immer neu, noch nie war sie irgendwo zweimal.
Sie schenkt dem T√ľrsteher ein verhei√üendes L√§cheln, und schon ist sie drin.
Ihre Blicke sondieren. Seit Jahren hat sie sich auf einen Typ festgelegt. Nicht mehr ganz jung, verheiratet, mit dem hellen Streifen dort, wo der Ehering hingehört. Sie findet solche Typen immer.

Vor fast acht Jahren hat solch ein Mann ihre Zwillingsschwester gefunden. Maike war sofort verliebt, Hals √ľber Kopf. Dann war sie schwanger und gl√ľcklich. Sp√§ter abgelegt und ungl√ľcklich. Am Ende tot.

Maria hat ihn entdeckt. Er steht an der Bar. Vorsichtig schiebt sie sich durch die Menge und noch bevor sie die Bar erreicht hat, treffen sich ihre Blicke.
Sie halten sich nicht lange mit dem Vorgeplänkel auf.
Er fährt ein schnelles, sehr bequemes Auto. Als sie ihm vorschlägt, an den Strand zu fahren, sagt er selbstverständlich nicht nein.
Leicht legt sie ihre Hand auf seinen Oberschenkel. L√§sst sie wandern. Erst zaghaft, dann immer fordernder. Sie sp√ľrt seine Erregung, sieht, wie sich die Hose im Schritt strafft und dies treibt ihren Puls hoch und h√∂her. Sie h√∂rt sich lachen. F√ľr Maike.

Es d√§mmert schon, als Maria mit seinem Auto zur√ľckf√§hrt. Ihr Puls ist wieder normal und das Herz schl√§gt ruhig. Auf dem Beifahrersitz liegt eine l√§ngliche Schachtel. Hin und wieder wirft sie einen pr√ľfenden Blick darauf, doch sie ist dicht.
Ungesehen erreicht sie ihre Wohnung. Sie ist nicht m√ľde, geht unter die Dusche und l√§sst das Wasser seine Ber√ľhrungen fortsp√ľlen.
Vor dem Spiegel dreht sie das Haar zu einem festen Knoten und steckt jede widerspenstige Strähne mit einer Nadel fest.
Sie dr√ľckt einen Kuss auf das Bild neben dem Spiegel, schl√ľpft in eine leichte Jacke und l√§sst die T√ľr wieder sanft ins Schloss fallen.
Auf ihrem Weg begegnen ihr die letzten Nachschw√§rmer, doch keiner hat einen Blick f√ľr die unscheinbare junge Frau √ľbrig. Sie setzt sich auf eine Parkbank. Wartet, bis das kleine Blumengesch√§ft am Ende ihrer Stra√üe √∂ffnet.
Die Blumenfrau kennt sie und reicht ihr ein kleines T√∂pfchen mit roten Rosen √ľber den Ladentisch. Wortlos bezahlt Maria und lenkt ihre Schritte in Richtung Friedhof.
Bei Maike bleibt sie stehen.
Z√§rtlich streicht sie √ľber den mit Goldbuchstaben eingelassenen Namen. Leise, als k√∂nnte sie auf dem menschleeren Friedhof belauscht werden, sagt sie: ‚Äú Herzlichen Gl√ľckwunsch zu deinem Geburtstag liebes Schwesterherz. Ich habe dir dein Geschenk gebracht. Heute musste ich aber eine besonders lange Schachtel nehmen, und deshalb habe ich diese zur Feier des Tages mit wei√üem Schleierkraut ausgelegt."
Dann nimmt sie eine kleine Gartenschippe und pflanzt die Rosen.


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Ully
???
Registriert: Jan 2006

Werke: 36
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Ups, liebe Franka.....

Nicht mehr ganz jung, verheiratet, mit dem hellen Steifen dort, wo der Ehering hingehört. Sie findet solche Typen immer.

Du wolltest ganz bestimm S t r e i f e n schreiben.


Aber trotzdem hat mir die Geschichte gefallen.

lG Ully
__________________

© by Ulla Magonz

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Franka
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Feb 2006

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Danke Ully,
habe den Fehler behoben.

LG Franka

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MichaelKuss
Guest
Registriert: Not Yet

heikel

Ich erlebe mitunter Menschen, die sagen: "Was der mir angetan hat, daf√ľr wird er b√ľ√üen! Und wenn nicht er, dann eben andere. Iss ja egal, die sind sowieso alle gleich!"

Ich kannte einmal eine Frau, die wurde von ihrem Liebhaber derma√üen schamlos betrogen und ausgenutzt (er hat sich sogar an ihre minderj√§hrigen T√∂chter heran gemacht), dass sie ihm tats√§chlich den Pimmel abgeschnitten hat und ins Gef√§ngnis musste. Dieses Trauma h√§tte gen√ľgt, die Frau und Kinder f√ľr immer zu zeichnen, f√ľr immer zur M√§nnerhasserin werden zu lassen. Aber was passierte: Sp√§ter lebte die Frau in einer neuen Beziehung gl√ľcklich viele Jahre. In einem Interview sagte sie mir: "Ich liebe das Leben und die M√§nner und die Liebe zu sehr, um mir von einem Arschloch meinen Glauben kaputt machen zu lassen und Hass auf alle M√§nner zu bekommen. Ich habe den bestraft, der mich gedem√ľtigt hat. Aber das hat mit den anderen nichts zu tun! Und wenn mir wieder mal ein Schwein √ľber den Weg l√§uft, w√ľrde ich individuell genauer hingucken, aber meinen Frust nicht an allen M√§nnern auslassen. Dies w√ľrde n√§mlich bedeuten, dass sie mich kaputt gekriegt h√§tten. Es w√ľrde bedeuten, dass ich nicht mehr kommunikations- und liebesf√§hig sein w√ľrde. Und DAS gestatte ich KEINEM Mann!" Soweit zu diesem etwas anderen Beispiel.

Frankas Geschichte aber, eine makabre Geschichte, und ein heikles, ein sehr heikles Thema, wahllos jeden Mann f√ľr den Fehler eines Einzelnen b√ľ√üen zu lassen. Als Symbolik bin ich damit einverstanden; in der Realit√§t nicht. Es w√ľrde n√§mlich bedeuten, dass wir nicht mehr differenzieren, sondern alle √ľber einen Kamm scheren. Stell' dir mal vor, der Typ w√§re ein armes Luder, der gerade selbst Sorgen hat oder eine Trennung verarbeiten will. Und den murkst du dann ab, weil irgendein anderer deiner Schwester schlimmes Leid angetan hat. Die Tatsache, dass der abgestreifte Ehering einen hellen Streifen hinterl√§sst, oder er gerade mal verloren in einer Kneipe herum h√§ngt, charakterisiert ihn nicht als schuldiges Schwein, nicht als potentiellen T√§ter, der vielleicht gerade selbst Opfer einer anderen Schweinerei ist. Und solange ich das nicht wei√ü, w√ľrde ich nicht (ver)urteilen bzw. handeln.

Aber selbst wenn er ein Schwein wäre, es wäre eben nicht jenes Schwein, das am Tod der Schwester Schuld ist. DIESES und kein anderes Schwein muss man finden und bestrafen. Wenn wir mit Kollektivschuld und wahlloser Selbstjustiz anfangen, wo soll das enden? Aber es geht ja garnicht um Maike oder irgendeinen Freier; - es geht um Maria selbst! Behaupte ich! Dies ist nicht die Geschichte von Scheißtypen und nicht von gerächten Schwestern! Dies ist die Geschichte einer problematischen Frau namens Maria.

Ich vermute n√§mlich, Frankas Protagonistin Maria, die ihre Schwester Maike am laufenden Band r√§cht (zu r√§chen glaubt), leidet an einem Trauma und hat ernsthafte, unverarbeitete Pers√∂nlichkeitsprobleme. Dass sie nicht nur t√∂tet, sondern - mit sichtlicher K√ľhle, aber auch mit Jagdfieber - den Penis abschneidet und der toten Schwester als Geburtstagsgeschenk ans Grab bringt, k√∂nnte ein Alibi der eigenen sexuellen Frustration (oder versteckter W√ľnsche) sein.

Aber hier w√ľrden wir mit einer "literarischen" Diskussion an eine gef√§hrliche Grenz√ľberschreitung tiefer menschlicher Abgr√ľnde geraten, an die man sich in einem solchen Forum nicht wagen sollte. Ich wenigstens nicht (von dieser Eingangsprovokation mal abgesehen). Denn von diesen Untiefen der menschlichen Seele ahne ich zwar etwas, k√∂nnte sie aber nicht wissenschaftlich untermauern. (Wer kennt olle Sigmund so gut, ihn hier in den Zeugenstand zu rufen?). Eine pers√∂nliche Diskussion, wo Gestik, Mimik, Tonlagen, Augen und K√∂rperhaltung/K√∂rpersprache sowie die Geduld des Zuh√∂rens und ruhigen Antwortens mit einbezogen werden k√∂nnen, w√§re da vielleicht besser.

Aber ich will niemand daran hindern, es hier im Forum zu tun. Ein verdammt heikles Thema. In Frankas Geschichte sehe ich erneut Z√ľndstoff.

Nachdenklich in die Runde fragt
Michael

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Seymour
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jun 2006

Werke: 2
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Franka,

mir gefällt deine Geschichte ausnehmend gut.
Ich möchte zunächst kurze Kritikpunkte an Sprachstil, Schreibfehler etc. anbringen, später dann etwas zur Thematik, Deutung anbringen.
Der erste Absatz ist einfach nur gut, besser kann er nicht sein.
Im zweiten Absatz st√∂rt mich ein wenig das Bild mit den bunten Steinen (f√ľr mich sind Steine nicht bunt) und ein Schreibfehler *knistert*. (Im √ľbrigen findet bei den Clubs, die ich kenne immer eine Taschenkontrolle statt ..).
Im Einschub stört mich das Wort *unsterblich*, zumal sie zwei Zeilen später tot ist. Dadurch hat es einen zarten Hauch von Ironie, der sicher nicht gewollt wurde. Davon abgesehen weiß ich auch nicht, was es bedeudet (vom Wortsinn her) unsterblich in jemanden verliebt zu sein. (Kann ich mich selber töten, wenn ich angeblich unsterblich in jemanden verliebt bin?)
Im √ľbern√§chsten Absatz...*die Erlebnisse der Nacht fortsp√ľlen*...hmm, da die Frau ein Racheengel sein will, erscheint mir das nicht logisch. Sie bezieht ja ihre Genugtuung aus ihrer Tat und keine Scham, keinen Ekel.

Sicher handelt Maria aus eigenen Antrieb so. Ihre Taten helfen ihrer Schwester nicht. Maria kann infolge manifestierten Schmerzes sichtbar nicht mehr zwischen Schuld und Unschuld unterscheiden. Ich denke, daß so eine motivationsbedingte Tat durchaus real möglich ist. Allerdings erscheint mir die Vorstellung, daß sie jedes Jahr einen Penis auf dem Grab legt als unmachbar. Denn mit der Zeit stinkt das Fleisch und es fällt auf. Aber gut, warum soll eine Geschichte nicht ein wenig irreal werden. Zudem kann man/ sollte man es wohl eher symbolisch verstehen. (*geopfert auf dem Altare*)

R.

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
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ach,

seymour, was denkst du, wie schnell die insekten und w√ľrmer die 100gr aufgefressen haben . . .
lg
__________________
Old Icke

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