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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Marias Testament
Eingestellt am 05. 03. 2014 13:07


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Colm Toibin, Marias Testament, Hanser 2014, ISBN 978-3-446-24484-9

Dieser wunderbare und beeindruckende kurze Roman des irischen Schriftstellers Colm Toibin erzĂ€hlt die Geschichte Jesu auf eine ganz andere Art, wie wir sie aus den Evangelien kennen, ohne deren Überlieferung zu verfĂ€lschen oder die dort berichteten Ereignisse auch nur einen Moment lang anzuzweifeln.

ErzĂ€hlerin ist die Mutter Jesu, Maria, die viele Jahre nach dem Kreuzestod ihres Sohnes Jesus in Ephesus wohnt, wohin sie nach der Kreuzigung mit Hilfe einiger JĂŒnger geflohen ist.

Seit einiger Zeit bekommt sie regelmĂ€ĂŸig Besuch von zwei MĂ€nnern, deren Auftreten und Verhalten sie als unverschĂ€mt empfindet. Sie wollen, indem sie Marias Erinnerung manipulieren, sie in die frĂŒhchristliche Legendenbildung um sein Leben und seinen Tod einbinden. Doch sie weigert sich, sich an Ereignisse und Fakten zu erinnern oder sie zu bestĂ€tigen, die es gar nicht gegeben hat. Stattdessen erinnert sie sich fĂŒr sich selbst (und den von dieser Prosa ebenso begeisterten wie erschĂŒtterten Leser), wie sie das damalige Geschehen um ihren Sohn erlebt hat.

Als sie einen Hinweis erhĂ€lt, die Verhaftung ihres Sohnes stehe kurz bevor, reist sie nach Kana, wo sie Jesus bei einer Hochzeit weiß, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen, nach Jerusalem zu gehen, in seinen sicheren Tod. Sie liebt ihren Sohn, hĂ€lt wohl auch seine Wundertaten fĂŒr real – sogar die Auferweckung des Lazarus wird ohne kritischen Unterton berichtet – doch das Gerede, er sei der Messias, nimmt sie nicht ernst. Im Gegenteil, je mehr Jesus in seiner Rolle als Prophet und WundertĂ€ter aufgeht, desto fremder wird er ihr. Von der wachsenden Gruppe seiner AnhĂ€nger ganz zu schweigen. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie diese in ihrer großen Mehrheit fĂŒr Spinner und Sektierer hĂ€lt.

Es geht Toibin die ganze Zeit ĂŒber darum, wie den biblischen Texten ĂŒbrigens auch, denen er ganz nahe bleibt, ganz tief zu verstehen, was der Mensch ist und was er sein könnte. Dieses Nachdenken hat das Leben Jesu angestoßen, er hat Generationen von Menschen beeinflusst bis heute. Doch in der Schilderung von Coibins Maria, in ihrem Testament, ist das damalige Geschehen von aller theologischen Reflexion befreit. So wie er sie das Geschehen am Kreuz erleben und schildern lĂ€sst, wie er sie dieses sie bis an ihr Ende verfolgendes Trauma in Worte fasst, ist erschĂŒtternd. Eben weil es keine religiöse Erhöhung des Geschehens gibt, ist es so dramatisch.

Und als die beiden Besucher gegen Ende des Buches noch einmal kommen, um sie mit ihrem GeschwÀtz zu quÀlen, da sagt sie etwas, was glÀubige Christen als HÀresie empfinden werden:
„Ich war dort. Ich floh, bevor es vorbei war, aber wenn ihr eine Zeugin braucht, dann bin ich eine Zeugin, und wenn ihr sagt, dass er die Welt erlöst hat, dann sage ich, dass es das nicht wert war. Das war es nicht wert.“

Ein beeindruckendes und nicht nur fĂŒr Christen zutiefst verstörendes Buch.


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