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Marie Hermanson, Muschelstrand
Eingestellt am 14. 04. 2002 15:12


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Marie Hermanson, Muschelstrand

Spurensuche - Eine psychoanalytische Betrachtung von „Muschelstrand"

Ich möchte euch heute ein Buch einer schwedischen Autorin vorstellen, das fĂŒr mich persönlich zu den besten gehört, die ich je gelesen habe.
Die Rede ist von Marie Hermansons Roman „Muschelstrand". Das Buch handelt von Ulrika, Maja und Anne-Marie, am meisten aber von Ulrika.
Ulrika verbringt jedes Jahr ihre Sommerferien in einem Sommerhaus in BohuslĂ€n. Dort lernt sie Anne-Marie und ihre Eltern kennen, die Gattmans. Urlika ist fasziniert von dieser Familie, in der die Eltern Journalisten sind, der Opa Professor und die Kinder selbstĂ€ndig, begabt und „schön". Zwischen Anne-Marie und Ulrika entwickelt sich eine Freundschaft, die jedoch immer nur wĂ€hrend des Sommers lebt, im Winter nahezu zum Erliegen kommt und in der Ulrika sich stets wĂŒnscht so zu sein wie Anne-Marie, die „honig-gleiche".
Eines Sommers dann stĂ¶ĂŸt Maja zur Familie Gattman. Maja ist „schwarz wie die Nacht", kommt direkt aus einem Kinderheim in Indien und bleibt fĂŒr alle ein RĂ€tsel. Trotz aller Zuneigung verbleibt Maja stumm und unzugĂ€nglich.
Als Maja vier Jahre alt ist folgt sie den Teenagern Ulrika und Anne-Marie an einem Mittsommerabend an die KĂŒste, um dort zu zelten. In dieser Nacht verschwindet Maja spurlos. Sechs Wochen spĂ€ter findet man sie am Muschelstrand, weit weg von der Insel, von der sie verschwand. Sechs Wochen, die alles verĂ€ndern sollen, sechs Wochen, in der eine Familie auseinanderbricht.
Als Erwachsene denkt Ulrika immer noch ĂŒber das plötzliche Verschwinden und ebenso plötzliche Auftauchen Majas nach. Sie begibt sich wieder zum Muschelstrand und macht eine grausige Entdeckung.
Wie ein dunkler Schatten im Hintergrund gibt es noch eine weitere junge Frau, Kristina, die ihre eigenen Bilder, ihre eigene Wirklichkeit schafft. Vielleicht hat sie das Vermögen, den Zusammenhang zwischen dem oberflÀchlich Unvereinbaren zu sehen?

Das Leben ist eine stÀndige Auseinandersetzung mit sich selbst, eine Spurensuche und ein Prozess der Selbstfindung.
In diesem Sinn kann Maja als Teil der Persönlichkeit der Ich-ErzĂ€hlerin Ulrika betrachtet werden. Sie ist deren alter ego. Ebenso wie sie als ProjektionsflĂ€ch von verdrĂ€ngtem Schmerz der Eltern fungiert. Maja, das "schwarze" MĂ€dchen aus Indien, gibt somit die dunklen, die verborgenen und unterbewußten Seiten in uns bzw. Ulrika wieder.

Sie nimmt als Adoptivkind die Position in der Familie Gattman ein, die Ulrika gerne besetzen wĂŒrde. Anne-Marie, Ulrikas beste "Sommerfreundin", die honiggleiche, unbeschwerte und umschwĂ€rmte Anne-Marie, ist die einzige Person, mit der Maja von sich aus Kontakt sucht. WĂ€hrend Maja den Umarmungen und ZĂ€rtlichkeiten der Adoptivmutter gleichgĂŒltig gegenĂŒbersteht, verfolgt sie Anne-Marie auf Schritt und Tritt. So wie auch Ulrika gerne so wĂ€re wie Anne-Marie und jeweils sehnsĂŒchtig den nĂ€chsten Sommer herbeisehnt, engeren Briefkontakt wĂ€hrend des Winters und etwas mehr Aufmerksamkeit im Sommer wĂŒnscht. Sie bedrĂ€ngt Anne-Marie durch ihre vergleichenden Blicke, durch Bemerkungen wie „Wie ich wohl mit (deinen) blonden Haaren aussĂ€he?" auf eine psychische Art ebenso wie Maja Anne-Marie physisch verfolgt.

Ausgerechnet am skandinavischen Mittsommerabend - heidnischen Ursprungs und mythisch behaftet aufgrund der sehr speziellen LichtverhĂ€ltnisse des skandinavischen Sommers - verschwindet Maja spurlos - nachdem Ulrika nicht nur von Anne-Marie, sondern auch von den ĂŒbrigen Leuten, die auf der Insel Mittsommer feiern, Ablehnung erfahren hat. Anne-Marie nimmt sie kaum noch wahr, umschwĂ€rmt von anderen. Also zieht Ulrika sich schließlich zurĂŒck. Auf der psychoanalytischen Seite wird dies wiedergegeben durch das Verschwinden von Maja, das eine Katastrophe auslöst und eine ganze - nur scheinbar intakte Familie - zerstört.

Anne-Marie wird von ihrem schlechten Gewissen geplagt, lĂ€ĂŸt aber in dieser psychischen Notsituation endlich die von Ulrika ersehnte NĂ€he zu. Bei den Eltern bricht ein Konflikt auf, der nie verarbeitet, nur verdrĂ€ngt worden war: die Freigabe ihres ersten Kindes - Lena- zur Adoption, weil es missgebildet o.Ă€. war. Insofern war schon die Adoption Majas der Versuch einer Wiedergutmachung an Lena. Kinder aber können nie die Fehler der Eltern wiedergutmachen und so ist das Vorhaben zum Scheitern verurteilt. Die Gattmans - Journalisten! - sind unfĂ€hig ĂŒber ihre GefĂŒhle zu sprechen. D.h. sie sind unfĂ€hig, diesen Konflikt nun endlich zu verbalisieren und somit zu verarbeiten. Die Ehe scheitert, der Vater wird Alkoholiker und endet als Obdachloser auf der Straße, bevor er schließlich stirbt. Bei ihm findet man Textfragmente, Versuche, das "Abschieben" Lenas doch noch in Worte zu fassen und den Schmerz, die Trauer zu verarbeiten.

Karen Gattman dagegen geht bis an ihre physische und psychische Belastbarkeit, um Maja aus ihrem isolierten Zustand - es wird schließlich Autismus diagnostiziert - zu holen und ruiniert sich schließlich auch finanziell nahezu. Auch dies ein vergeblicher Versuch der Wiedergutmachung, das Geschehene ungeschehen zu machen und stellt zudem eine Art Buße dar. Ruhe findet sie jedoch erst in der Abgeschiedenheit eines Klosters auf Ă·land. Erst hier ist fĂŒr Karen Gattman der Prozess der Katharsis abgeschlossen, wenngleich sie sich mit dem Gedanken tröstet, dass Maja bei Lena war und ihr einen Gruß von dort - eine weiße Daunenfeder, Zeichen der Vergebung - mitgebracht hat.
Anne-Marie schließlich tritt die Flucht an, reist nach Amerika und bleibt auch dort.

Ulrika begibt sich im Erwachsenenalter wieder zum Muschelstrand, um die Geschichte erneut aufzunehmen, um Spurensuche in der Vergangenheit zu betreiben - instinktiv, impulsiv, unbewußt, denn dass sie mit ihren Kindern zum Angeln will, ist nur ein Vorwand. Dieses Kapitel in ihrem Leben ist offensichtlich noch nicht abgeschlossen. Um aber ihren Kindern und sich selbst eine Zukunft geben zu können, muss sie der Sache auf den Grund gehen. Erst das Foto von Anne-Marie, das ihr Anne-Maries Bruder Jens zeigt, befreit Ulrika vielleicht vollstĂ€ndig von ihrem "Idol" Anne-Marie, denn die goldene, honiggleiche Anne-Marie existiert nicht mehr, ist vielmehr zum fettleibigen Monster mutiert.

Auch die erneute Begegnung - Konfrontation - Ulrikas mit Maja, die nun in einer betreuten Wohngruppe lebt, ist in diesem Zusammenhang als Befreiung von alten WĂŒnschen und Projektionen zu sehen, um diese endgĂŒltig zu ĂŒberwinden.
Vielleicht kann sie sich erst jetzt als Kind ihrer Eltern fĂŒhlen, denn der sehnliche Wunsch zu den Gattmans zu gehören, resultierte auch aus dem GefĂŒhl, am falschen Platz zu sein, d.h. die "falschen" Eltern zu haben. Am Ende kehrt Ulrika befreit, gelöst und zufriedener nach Hause zurĂŒck - im konkreten wie im metaphorischen Sinn.

Bleibt der "Schatten" Kristina. Kristina, selbst psychisch labil und krank, wird fĂŒr Maja zum Kristallisationspunkt. Beide verstehen sich auf anhieb. Sie sprechen dieselbe Sprache, eine Sprache ohne Worte, aber eine von Symbolen durchsetzte Sprache mit leicht morbidem Charakter. FĂŒr Maja hat diese Welt offensichtlich nichts beĂ€ngstigendes, ist Zufluchtsort, an dem sie so sein kann, wie sie ist. Hier wird sie ohne wenn und aber so angenommen, wie sie ist. Vielleicht ist auch Kristina ein Teil der Persönlichkeit Ulrikas? Muss Maja dorthin verschwinden, damit Ulrika endlich die von ihr ersehnte Anerkennung und Aufmerksamkeit von Anne-Marie erhalten kann?

Gleichzeitig zerbricht die Familie Gattman schlagartig. Der Familienzusammenhalt - offenbar nur sehr oberflĂ€chlich - hĂ€lt ausgerechnet einer Krisensituation nicht stand. Alle Familienmitglieder ziehen sich mehr oder weniger in sich selbst zurĂŒck, v.a. die Eltern - jeder fĂŒr sich. Bei den Kindern bilden sich Gruppen: Anne-Marie, Ulrika und Jens. Eva, zurĂŒckgekehrt aus dem Kibbuz, versucht vergeblich, die Lethargie zu durchbrechen.

Maja taucht erst wieder auf, als das Ende der Sommerferien naht und Ulrika ohnehin die Gattmans verlassen muss. Ein frĂŒherer Versuch, Ulrika nach Hause zu holen scheitert. Sie will nicht, v.a. aber Anne-Marie bittet sie, zu bleiben.
Nun aber, da Ulrika definitiv abreisen muss, kann auch Maja wieder auf den Plan treten. ZurĂŒck bleibt eine zerstörte Familie, aber Ulrika gelingt es nun, den ersten Schritt in Richtung Abnabelung von Anne-Marie und ihren Projektionen auf Anne-Marie zu nehmen. Sie kommt aufs Gymnasium und kann erstmals Freundschaften knĂŒpfen. Sie denkt nicht mehr stĂ€ndig an Anne-Marie (auch wenn sie sie nie ganz vergessen hat; daher die Reise zurĂŒck in die Vergangenheit, zurĂŒck zum Muschelstrand) und kann ihren eigenen Weg gehen.


Maja konfrontiert alle in der Familie mit ihren dunklen Seiten, mit dem, was verdrĂ€ngt, aber nie verarbeitet worden ist. Lenas Abschiebung steht all die Jahre unausgesprochen zwischen den Eltern. Wer aber hat sich „schuldiger" gemacht? Der Mann, weil er seine Frau zur Adoptionsfreigabe ĂŒberredet, fast gezwungen hat, oder die Frau, weil sie nicht stark genug war, dem zu widerstehen?

Karen erleidet einen Nervenzusammenbruch, der sich zunĂ€chst nicht destruktiv gegen sie selber richtet, sondern Ausdruck findet in der Zerstörung fremden Eigentums: sie zerreißt das Kopfkissen und heraus fallen die Federn, die weißen Daunen. - Das ist natĂŒrlich auch dramaturgisch notwendig, da nur so Maja mit der weißen Daunenfeder im Haar nach Hause kehren kann und weil Karen nur so Majas Verschwinden und Wiederauftauchen als ein „Besuch" bei Lena interpretieren kann.

Parallel dazu spielt sich Ulrikas Erwachsenenleben als Ethnologin ab. Diese Berufswahl ist sicherlich nicht zufĂ€llig gewĂ€hlt, wenngleich auch dies möglicherweise einen unbewußten Reflex darstellt. Bezeichnenderweise aber beschĂ€ftigt sich Ulrika als Ethnologin mit den Bergmythen, die davon erzĂ€hlen, wie Menschen - zumeist Kinder - von Trollen -auf die andere Seite, ins Trollreich, geholt werden. In einer Geschichte, die Ulrika erzĂ€hlt, ist es so, dass der Mutter das Menschenkind genommen wird, ihr aber dafĂŒr das Trollkind in die Wiege gelegt wird. Alles, was die Mutter dem Trollkind -antut - Gutes wie Schlechtes - widerfĂ€hrt spiegelbildlich dem Menschenkind im Trollreich genauso. Vor diesem Hintergrund ist Karens Interpretation des Verschwindens von Maja zu sehen.

Hinzu kommt, dass Ulrika selbst eine psychoanalytische Deutung dieser Bergmythen gibt. Diese Geschichten sind -uralt und stammen aus einer Zeit, in der die Menschen v.a. noch als Bauern tĂ€tig waren (Agrargesellschaft), hart arbeiteten und hĂ€ufig viele Kinder hatten (keine VerhĂŒtung). War die Mutter also damit beschĂ€ftigt, vor Sonnenuntergang noch so viel Beeren und Pilze zu sammeln, um alle MĂ€uler satt zu bekommen, kann sich ein Kleinkind schnell unbemerkt davon machen. Die ErklĂ€rung, dass Trolle das Kind entfĂŒhrt hĂ€tten, ist fĂŒr die Familie - v.a. fĂŒr die Mutter - leichter zu ertragen als die Einsicht, die Aufsichtspflicht verletzt zu haben und das Kind im Wald, frierend und hungernd, herum irren und sterben zu -sehen (vorm geistigen Auge).

__________________
Lasst Euch die Kindheit nicht
austreiben! (Erich KĂ€stner)

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