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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Marielena, der besondere Krimi
Eingestellt am 04. 09. 2009 17:40


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Ruedipferd
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„Noch ein StĂŒck vorfahren, bitte! In Ordnung. Jetzt den Motor abstellen, die Handbremse anziehen und Fenster und TĂŒren schließen. Nehmen Sie bitte alles aus dem Auto, was Sie im Abteil benötigen.“

Der junge Bahnarbeiter nickt Christina freundlich zu.
Hab ich es doch geschafft. Sei stolz auf dich. Es ist gar nicht so einfach, hier in Altona auf die Rampe zu fahren. Jetzt nur nichts vergessen!
Christina nimmt ihre Tasche in die Hand und vergewissert sich, das die Fenster ihres kleinen Wagens alle verschlossen sind. Dann drĂŒckt sie auf die Fernbedienung und schließt auch die TĂŒren.
Der junge Mann hat ihr zwei Bremsklötze hinter die Vorderreifen gelegt und ist schon weiter gegangen, um den nachfolgenden Fahrer einzuweisen.
Um 20:40 Uhr wird sich der Autoreisezug pĂŒnktlich in Bewegung setzen und morgen Abend ist sie zuhause in Palermo.

„Hallo Mama, ich sitze im Zug. Es geht gleich los. Ja, es hat gut geklappt mit dem Auto. Ich will jetzt noch etwas am Laptop arbeiten und dann bald schlafen. GrĂŒĂŸ Raphaelo und Papa. Tschau, Mama.“

Sie legt ihr Handy in die Handtasche und packt ihren Reisecomputer aus. Es war eine schöne Zeit hier in Hamburg. Ich habe mir meinen Jugendtraum erfĂŒllt. Jetzt bin ich Ärztin! Langsam setzt sich der Zug in Bewegung. Christina schreibt und unterbricht ihre Arbeit nur kurz, um sich gegen 23:00 Uhr auf die Nacht vorzubereiten. Sie verschließt ihr Abteil und zieht die Sitze vor, so dass sie auch bequem schlafen kann.

Marielena legt ihr Englischbuch zur Seite. Ihre Hausaufgaben hat sie nun alle gemacht und ihre Eltern kommen erst heute Abend nach Hause. Sie hat Langeweile und wĂ€hrend sie ihre blonden halblangen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammenbindet, ĂŒberlegt das kleine neunjĂ€hrige schlanke MĂ€dchen, wie es den Nachmittag verbringen will.
Sie könnte eigentlich wieder zu dem verlassenen Haus gehen.
Es ist halbverfallen und der Garten verwildert.
Richtig unheimlich ist es dort, aber Marielena hat keine Angst. Gleich hinter ihrem Elternhaus fĂŒhrt ein kleiner schmaler Pfad in den Wald.
Marielena liebt die SpaziergĂ€nge durch das Dickicht, obwohl sie weiß, dass es ihre Mutter verboten hat.
Nach 500 Metern fĂŒhrt der Weg wieder auf eine enge Straße. An dessen Ende steht das alte einsame, verlassene Hexenhaus. Sie streicht ihr pinkfarbenes T-Shirt mit den glitzernden Perlen auf der Vorderseite glatt und wandert langsam zur Gartenpforte. Sie ist schon oft durch ein kaputtes Kellerfenster in das Haus eingedrungen.

Marielena denkt sich gerne spannende Geschichten aus. Sie trÀumt sich in ihre Figuren hinein und schreibt dann alles auf.
Ihre Mutter hat ihr ein dickes Schreibheft mit einem
roten Einband gekauft und sie hat viele bunte Bilder darauf geklebt. Sie öffnet die Gartenpforte und mit einem raschen Blick vergewissert sie sich, dass sie niemand gesehen hat. Dann verschwindet sie auf dem Waldweg. Ihre Schritte fĂŒhren sie direkt zu dem alten Haus. Plötzlich stockt ihr der Atem.

In der Einfahrt steht ein Auto. Es ist ein altes klappriges rotes GefĂ€hrt, mit einer Beule am rechten KotflĂŒgel. Das Glas des Abblendlichtes ist geborsten.
Marielenas Herz schlÀgt schneller. Sie versteckt sich wieder im Wald und kriecht durch das Unterholz. Dann hat sie das Haus erreicht und schleicht zum Kellerfenster. Sie klettert hinein und geht leise die Treppe hoch. Von drinnen sind MÀnnerstimmen zu hören. Sie erstarrt.
Durch die geöffnete KĂŒchentĂŒr sieht sie zwei MĂ€nner auf KĂŒchenstĂŒhlen sitzen. Sie tragen verwaschene Jeans und Hemden. Der eine scheint schon sehr alt zu sein und der JĂŒngere blutet an der rechten Hand. Der alte Mann hat einen Autoverbandskasten vor sich auf dem KĂŒchentisch liegen und verbindet ihn.
„Wir mĂŒssen vorsichtig sein, der Unfall war nicht geplant.
Aber wieso musste die alte Kuh auch ihren Wagen so blöd parken!"presst der junge Mann hervor.
„Hauptsache, es ist nichts weiter passiert und uns hat niemand gesehen.
Die Kiste ist doch geklaut. Wir mĂŒssen aber gleich wieder die Handschuhe anziehen und das Blut und die FingerabdrĂŒcke hier im Haus und im Auto entfernen.
Nichts darf uns in Verdacht bringen!" Der Ältere begutachtet zufrieden sein Werk.

Dann zieht er sich lederne Handschuhe an und gibt auch dem JĂŒngeren das Paar, welches auf dem Tisch lag. Er geht zum Waschbecken, greift einen alten Lappen und wischt sorgfĂ€ltig alle Spuren fort.
„Wann kommt Georgio heute Nacht?" fragt der JĂŒngere.
„Ich weiß nicht, Raphaelo meinte, er wird so gegen Null Uhr hier sein.
Wir werden unseren Anteil im Garten vergraben.
Lass uns nun warten, bis es dunkel ist. Aber erst muss die alte Karre verschwinden. Ich öffne gleich das Tor und du fÀhrst sie hinten auf den Hof in den Schuppen, ja!"
Die Stimme des Alten hat einen befehlenden Ton angenommen und duldet keinen Widerspruch.
„OK, du bist der Boss!
He, Clemenzo, was machst du mit deinem Anteil?"
Der schlanke dunkelhaarige Mann in der abgewetzten Jeans und dem schmutzigen gelben Hemd sieht den angesprochenen aufmerksam an.
„Äh, ich fahre wieder nach Sizilien und lebe bei meinem Sohn. Er hat eine Autowerkstatt und er kennt die Regeln. Ich werde ihn mit dem Geld unterstĂŒtzen. Er fragt nicht, woher die Kohle kommt. Und du, wolltest du nicht auch wieder nach Hause? Du bist doch Jugoslawe?"
„Ich bin Kroate. Wir wohnten in der Kraijna, nahe der serbischen Grenze. Meine Eltern sind mit mir nach Deutschland geflĂŒchtet, als der Krieg dort ausbrach. Wir hatten Verwandte hier. Ich kenne dort nicht mehr soviel, aber du hast recht. Ich werde auch verschwinden. Mit dem Geld kann man in meiner Heimat gut leben!" Der Mann lacht heiser.

Dann verlassen sie die KĂŒche und gehen nach draußen.
Auch Marielena schleicht auf Zehenspitzen wieder in den Keller zurĂŒck. Sie klettert aus dem Fenster und versteckt sich im GebĂŒsch. Die beiden MĂ€nner kommen aus dem Schuppen, den sie sorgfĂ€ltig verschließen.
Mit Reisig verwischen sie alle Spuren auf dem Sandboden.
„Es gibt heute Nacht Regen", meint Clemenzo. „Dann sieht man nicht mehr, dass wir hier waren."
„Und das Haus gehört deinem Freund?"
„Ja, er hat es von seiner Tante geerbt, aber er kann nichts damit anfangen. Er lebt auf Sizilien, deshalb verfĂ€llt es. Mario sucht einen KĂ€ufer."

Clemenzo blickt sich plötzlich um. Er sieht in Marielenas Richtung. Einen Moment lang scheint es, als suchen seine Augen die Gegend ab.

„Hauptsache, wir können unseren Anteil hier solange lagern, bis Gras ĂŒber die Sache gewachsen ist." Der JĂŒngere grinst.
Clemenzo zeigt auf den Garten.
„Komm, lass uns einen guten Platz fĂŒr unsere Altersversorgung finden. Da drĂŒben werden wir es vergraben. Hol eine Schaufel aus dem Keller, Drako. Wir können schon ein Loch buddeln und bedecken es erst einmal mit Laub."
Der angesprochene kehrt einen Augenblick spĂ€ter mit einem Spaten zurĂŒck.

Marielena hat alles ganz genau beobachtet. Ihr war das Herz stehen geblieben, als Clemenzo zu dem Brombeerbusch sah, hinter den sie sich gekauert hatte. Erleichtert schleicht sie sich davon. Zuhause setzt sie sich sofort an ihr Heft und beginnt, die Geschichte aufzuschreiben. Ihre Helden sind allerdings Jungen. Drako zÀhlt 12 Lenze und Clemenzo ist bereits 14 Jahre alt. Auch sie ist ein Junge von 10 Jahren.
Wie soll die Geschichte ausgehen? Marielena ĂŒberlegt kurz.
Sie wird in den nĂ€chsten Tagen sehr sorgfĂ€ltig auf die Nachrichten achten. Wenn von einem BankĂŒberfall oder Ähnlichem berichtet wird, muss sie der Polizei einen Tipp geben. Aber dann wĂŒrden ihre Eltern auch erfahren, dass sie wieder bei dem alten Haus gewesen ist.
Nein, sie muss schweigen. Aber das kostet einiges.
Sie wird warten, bis die MĂ€nner fort sind. Dann wird sie nach der Beute suchen. Sie wird das Geld in drei gleiche Teile aufteilen und ihr Schweigegeld mitnehmen.
Gleich neben dem Gartenhaus durfte sie sich einen kleinen Blumengarten anlegen. Dort wird sie es vergraben.


Was ist los? Christina öffnet die Augen und setzt sich auf.
Der Zug hat angehalten. Sie zieht das Rollo hoch. Es ist dunkel draußen.
Komischer Traum. Marielena hieß doch meine Puppe und warum wollte Papa Geld in Onkel Drakos altem Haus vergraben?
Es ist wirklich halbverfallen und wir haben als Kinder
oft dort gespielt. Raphaelo hatte unseren Schatz im Schuppen versteckt. Aber das waren doch alles Murmeln und kein Geld! Und wer war Drako? Der Onkel war schon damals ĂŒber 80 Jahre alt und in ihrem Traum hat sie eindeutig einen jĂŒngeren Mann gesehen.
Ich sollte weniger arbeiten! Aber die letzten Wochen und das Staatsexamen waren auch sehr anstrengend gewesen. Mama wird mich schon wieder aufpÀppeln.

Sie zieht rasch ihre Hose und eine Jacke an, öffnet die TĂŒr ihres Abteils und geht zur Toilette.
Ein dunkelhaariger Ă€lterer Mann steht auf dem Flur und grĂŒĂŸt sie freundlich.
„Können Sie auch nicht schlafen? Es ist sehr laut im Zug und unbequem.“
„Ich bin gerade nach einem merkwĂŒrdigen Traum aufgewacht und will nur schnell zur Toilette.“
„Dann wĂŒnsche ich Ihnen weiterhin eine Gute Nacht.“ Der Mann schaut wieder zum Fenster hinaus.

Woher kenne ich den Kerl? Ich habe ihn schon mal gesehen!
Christina hat ihr Abteil wieder erreicht und schließt sorgfĂ€ltig die TĂŒr ab.
Du siehst Gespenster, leg dich wieder hin. Und du hast morgen noch eine anstrengende Fahrt vor dir. Sie nimmt einen Schluck aus ihrer Seltersflasche und packt den Laptop in die Tasche. Ich muss beim Schreiben eingeschlafen sein.
Gott sei Dank ist das GerÀt nicht auf den Boden gefallen. Ich werde nÀchstens besser aufpassen!

Marielena trÀumt.
Sie ist nun ein Teil ihrer Geschichte geworden. Wirklichkeit und Traumwelt verschmelzen miteinander. Emsig schreibt sie weiter. So vergehen die Jahre.
Es ist Sommer. Marielenas Eltern haben keinen Urlaub bekommen. Doch ihre Mutter weiß Rat. Eine Jugendgruppe bietet eine Freizeit nach Sizilien an und Marielena wurde kurzerhand angemeldet.
Die Mafia! Marielena lĂ€uft es eiskalt den RĂŒcken herunter. Sizilien ist natĂŒrlich auch die Heimat Clemenzos! Doch im nĂ€chsten Augenblick schilt sie sich selbst.
Niemand hat sie vor fĂŒnf Jahren gesehen, niemand kennt die Verbindung zwischen ihr, Clemenzo und dem alten Haus. Und wo ist Clemenzo jetzt? Lebt er ĂŒberhaupt noch?
Die Chance, ihn hier auf Sizilien anzutreffen betrÀgt wohl 1 zu 1 Million. Marielena beruhigt sich. Vom Schiffsanleger fÀhrt der Bus auf die Insel.
Tiefblaues Meer und Boote, nichts als Boote.
Kleine Ruderboote, Segelboote, und eine weiße Yacht mit einem goldenen Schriftzug am Bug ziehen an ihr vorĂŒber. Ein dunkelhaariger Mann steht an der Reling.
Marielena hat plötzlich große Angst. Dann verschwindet das Bild. Der Bus fĂ€hrt weiter in eine große Einfahrt hinein, um dann vor einer wunderschönen mit hellem Marmor verzierten schneeweißen Villa inmitten eines riesigen Parks mit unzĂ€hligen Palmen darin, zu halten.
„Appartements Clemenzo Rosa " steht auf dem Schild vor ihrem Hotel. Nein!!
Marielena erstarrt vor Schreck. Ein alter Mann kommt langsam auf den Bus zu. Marielena sieht ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Als er sie erblickt, huscht ein merkwĂŒrdiges, geheimnisvolles LĂ€cheln ĂŒber sein sonnengebrĂ€untes Gesicht. Er wendet sich dem Fahrer zu und begrĂŒĂŸt seine jugendlichen GĂ€ste. Wieder kreuzen sich ihre Blicke. Doch Marielena wird plötzlich von einem GefĂŒhl der Ruhe und Sicherheit getragen. Sie weiß, dass sie hierher gehört. Diese Insel und Italien sind ihr Schicksal.

Am nĂ€chsten Morgen sitzt sie allein neben der Veranda unter einer Palme und schaut vertrĂ€umt aufs blaue Meer hinaus. Ein leichter Wind weht vom Strand herĂŒber und bringt etwas KĂŒhlung in das Dorf. Unbemerkt nĂ€hert sich Clemenzo.
„Ich weiß, wer du bist, ich habe dich damals in Deutschland im Garten spielen sehen.
„Ich weiß auch, wer du bist. Wie geht es Drako?" Marielena spĂŒrt, dass sie ihren geheimnisvollen Weg zu Ende gehen muss. Clemenzo setzt sich schwerfĂ€llig zu ihr auf die Bank.
„Er ist wieder in Kroatien. Wir haben das Geld geteilt und sind dann jeder in eine andere Richtung gefahren."
Marielena sieht ihn von der Seite an.
„Woher stammt es? Ich habe damals immer in den Nachrichten aufgepasst. Aber es wurde nie von einem BankĂŒberfall berichtet."

Clemenzo streicht ihr zĂ€rtlich ĂŒber das blonde Haar.
Dann fÀhrt seine Hand zu ihrem Hals. Seine knöchernen Finger halten ihren Nacken fest umschlossen. Er blickt sich aufmerksam um. Dann entspannt sich das alte zerfurchte MÀnnergesicht und seine wachsamen Augen blinzeln durch die Sonne aufs tiefblaue Meer.
„Du bist ein hĂŒbsches und sehr kluges MĂ€dchen.
Sie sieht ihn liebevoll an und lehnt voller Vertrauen ihre schmalen Schultern an seine Brust.
„Ich wollte so gerne wieder hierher fahren, aber ich hatte Angst vor euch."

„Das brauchst du jetzt nicht mehr.
Doch es hat Augenblicke gegeben, da hĂ€tte ich dir diesen schönen kleinen Hals liebend gerne umgedreht. Die Kohle war plötzlich nur noch als Drittel da. 120 000,-Deutsche Mark waren eine Menge Geld. Es war unser Anteil an einem besonderen GeschĂ€ft, das wir fĂŒr unseren damaligen Boss abwickelten. Wir hatten also einen Komplicen!
Nun, ich bin heute zu alt und inzwischen bin ich sogar sehr froh darĂŒber, dass du eine so hĂŒbsche und kluge kleine Komplicin geworden bist. Du willst Sizilianerin werden?
Dann schlage ich dir ein GeschÀft vor.

Du lernst ganz zwanglos meinen 17jĂ€hrigen Enkel Stephano kennen. Ich wĂŒrde mich freuen, wenn du dann nach deinem Abitur hier in Italien studieren wĂŒrdest. Vielleicht verliebt ihr euch ja ineinander. Er ist ein netter Bursche—eben mein Lieblingsenkel. Du hast das Geld noch?"
Seine Stimme klang wie damals, als er Drako die Anweisungen gab. Er duldete keinen Widerspruch.
„Ja sicher, ich habe mir nur mal etwas fĂŒr Kleinigkeiten genommen. Der grĂ¶ĂŸte Teil ist da und liegt an einem sicheren Ort. Meine Eltern haben mir ein Schließfach bei der Bank besorgt, weil ich etwas Schmuck von meiner Oma geerbt habe. Ich kann frei ĂŒber das Fach verfĂŒgen und habe auch nur allein den SchlĂŒssel.

Wie sieht Stephano aus? Hast du ein Bild von ihm? Was machen seine Eltern?"
Der alte Clemenzo steht auf und fasst sie bei der Hand.
„Komm", er fĂŒhrt das zarte junge MĂ€dchen an Palmen entlang zum Strand. „Ich zeige ihn dir, er ist am Wasser, bei seinem Boot. Mein Sohn hat eine Autowerkstatt und ist nun auch in der Touristikbranche und im ImmobiliengeschĂ€ft tĂ€tig. Durch meinen Anteil haben wir etwas Wohlstand erworben. Er wird sich ĂŒber seine kĂŒnftige Schwiegertochter sehr freuen.

Christina schreckt erneut aus ihrem Traum hoch.
Was soll denn das? Die Yacht gehört ihrem Vater und die Villa ebenfalls.
Der Mann? Ich habe ihn schon irgendwo gesehen!
Mein Gott, ich bin ja schweißgebadet. Die Mafia!
Sie holt ihre Wasserflasche hervor. Nachdenklich dreht sie den Deckel auf und trinkt. Die Erinnerung setzt langsam ein.

Sie war mit ihrer Mutter in die Stadt zum einkaufen gefahren.Wie alt war sie? Acht oder neun, muss sie gewesen sein. Es ist so lange her. Sie stand vor dem kleinen Spielzeugladen, wÀhrend ihre Mutter kurz in ein anderes GeschÀft gegangen war.
Sie sah auf die Puppe im Schaufenster. Es war Marielena.
Einige Tage spÀter bekam sie sie zum Geburtstag.
Ein Motorrad fuhr an ihr vorbei. Sie erblickte im Schaufenster das Gesicht des Mannes, der darauf saß.
Dann zerriss ein lauter Knall die Luft. Sie erschrak und starrte ins Fenster.
Der Mann hatte eine Waffe aus der Tasche gezogen und auf die MĂ€nner, die gegenĂŒber im Cafe saßen, geschossen. Christina sah noch im Spiegelbild der Fensterscheibe, wie zwei der MĂ€nner zu Boden fielen.
Dann fĂŒhlte sie nur die Hand ihrer Mutter, die sie ins GeschĂ€ft zog. Sie konnte nichts mehr sehen, denn ihre Mutter drehte sie zu sich herum und sie verbarg ihr kleines Gesicht vor dem Bauch der Mutter.

Ein Auto holte sie ab. Es war Georgio, der fĂŒr den Vater arbeitete. Von da an durfte sie das Haus nicht mehr verlassen. Ein paar Tage spĂ€ter, kurz nach ihrem Geburtstag, fuhr sie mit ihrer Mutter nach Deutschland zu einer Tante. Sie blieben dort, bis Christina ihr Abitur gemacht hatte. Ihr Vater besuchte sie öfters. In den Ferien kam auch ihr Ă€lterer Bruder Raphaelo mit.

Ich muss das verdrĂ€ngt haben. Wir sprachen auch nie in der Familie ĂŒber das Erlebnis. Komisch. Normalerweise hĂ€tte man mich doch befragen mĂŒssen, aber nichts dergleichen geschah und dann lebten wir plötzlich in Hamburg.

Als junge Frau war sie dann ein paarmal wieder mit ihrer Mutter nach Sizilien gefahren und im letzten Jahr siedelte ihre Mutter vollstÀndig in die Heimat um.
Vater besaß einige Restaurants und Eisdielen. Ihr Bruder arbeitete schon frĂŒhzeitig im elterlichen GeschĂ€ft mit.
Christina wollte, seit sie denken konnte immer Ärztin werden und studierte dann in Hamburg. Nun hat sie ihr Staatsexamen bestanden und möchte zuhause in Palermo im Krankenhaus arbeiten. Ihrer Bewerbung war entsprochen worden und sie freute sich auf die Arbeit und die Heimat.

Der Mann auf dem Boot und der Mann auf dem Gang gestern Abend sind identisch. Sein Gesicht, ich habe sein Gesicht schon irgendwo gesehen. Drako! Auch sein Gesicht zeigte das des Fremden, der mit ihr im Zug reist.
Christina trinkt erneut einen Schluck Wasser.
Der Zug fĂ€hrt ununterbrochen weiter durch die tiefschwarze Nacht. Ich sah ihn zusammen mit Vater im letzten Jahr auf der Hochzeit von Giovanni und Isabella. Aber er arbeitet nicht fĂŒr Vater. Nur, was hatte er auf dieser Hochzeit zu tun? Giovanni ist der Sohn von Onkel Tonio. Er ist zwar nur weitlĂ€ufig mit uns verwandt, aber ich nenne ihn Onkel, seit ich denken kann. Christina seufzt.
Es ist nicht einfach eine Sizilianerin zu sein. Das hat sie seit langem verstanden. Die Frauen halten sich aus den GeschÀften der MÀnner heraus. Das Verhalten ihrer Mutter war ihr immer Vorbild.

Vater ist reich, aber nur mit Restaurants kann man nicht soviel Geld verdienen. Ich muss wohl der Tatsache ins Auge blicken, dass sowohl bei Vater als auch bei Raphaelo nicht immer alles mit rechten Dingen zugeht. Aber deswegen kann ich mich doch nicht von meiner Familie und Sizilien lossagen! Ich bin dort geboren, hatte eine schöne Kindheit, bis die Sache in der Stadt passierte.
Der Mann!
Der Mann auf dem Motorrad fÀhrt mit ihr im Zug nach Italien.
Sie hat vorhin auf dem Gang mit ihm gesprochen. Und er erschien ihr im Traum, genau wie in der RealitÀt auf der Hochzeit. Er gehört zu Onkel Tonios Leuten.

Ich muss mit Vater sprechen. Unsere Familie darf nicht in Gefahr gebracht werden. Christina schluckt.
Ich habe einen Mord beobachtet und Vater weiß es. Und wenn er es weiß, weiß es auch der Mörder auf dem Gang.
Sie ĂŒberlegt. Wenn hier einer in Gefahr ist, dann doch wohl
erst mal ich! Aber wenn er mich hĂ€tte töten wollen, hĂ€tte er es lĂ€ngst getan. Und die Frauen stehen unter einem besonderen Schutz. Es ist unehrenhaft fĂŒr ein Mitglied der ehrenwerten Familie, eine Frau umzubringen!
Ob die Idee mit der Arbeit in Palermo wirklich so gut war?
Christina ist sich plötzlich nicht mehr sicher. Ich werde trotzdem mit Vater sprechen.
Aber ich muss schweigen, wie meine Puppe Marielena in dem schrecklichen Traum. Sizilianische Frauen schweigen ĂŒber die GeschĂ€fte der MĂ€nner. Sie kann nicht zur Polizei gehen und ihn anzeigen. Sie wĂŒrde sofort Vater und Raphaelo in Gefahr bringen.

Aber sie wusste immer, dass sie irgendetwas bedrĂŒckte.
Dass eine Last auf ihr ruhte, die sie sich weder erklĂ€ren noch verstehen konnte. Der Zug ĂŒberquert nun die Alpen und wird dann Richtung Rom fahren. Dort wird sie mit dem Auto nach Sizilien aufbrechen. Der Mörder wird ebenfalls ihren Weg nehmen, soviel ist sicher. Christina weiß, dass sie ihn decken muss. Etwas anderes ist, zumindest im Augenblick und bevor sie nicht mit ihrem Vater gesprochen hat, nicht möglich.

Ich werde ihm auf den Zahn fĂŒhlen. Werde freundlich zu ihm sein und mich als das Dummchen vom Lande prĂ€sentieren. Vielleicht kann ich ihn beim Abladen der Autos um Hilfe bitten. Angriff ist hĂ€ufig die beste Verteidigung, sagt Vater auch immer!

Sie sieht auf ihre Uhr. Gleich sechs. Sie packt ihre Sachen langsam ein und zieht sich an. Ich werde den Schaffner fragen, wann der Speisewagen öffnet.
Das FrĂŒhstĂŒck habe ich mir redlich verdient.
TrĂ€ume sind manchmal gar nicht schlecht, wenn sie helfen, die Wahrheit zu erkennen. Da war noch etwas anderes. Ein Name! Clemenzo ist Vater und er fĂŒhrte mich zum Strand und wollte mir einen jungen Mann zeigen.
Wie war doch noch sein Name? Schade, habe ich vergessen.
Sie öffnet die TĂŒr ihres Abteils und geht auf den Gang.

Ein junger Mann schaut freundlich zu ihr hinĂŒber.
„Guten Morgen, bei soviel Schönheit darf es auch draußen gerne regnen! Ich hoffe, Sie nehmen mir das Kompliment nicht ĂŒbel. Es ist eine dĂ€mliche Anmache, aber ich bin Italiener und die sind eben so, wenn sie eine schöne junge Frau sehen.“
„Danke, ich habe auch schon Besseres erlebt. Aber ich bin Italienerin und somit Kummer gewohnt.“
Sie sehen einander lachend an. Seine Augen verraten tiefe Bewunderung.
„Darf ich Sie zum FrĂŒhstĂŒck einladen? Ich muss nach Palermo und will mich fĂŒr die lange Autofahrt stĂ€rken!“
Christina lĂ€chelt verlegen. Warum nicht? Er scheint nett zu sein. „Gerne, aber ich weiß nicht, ob der Speisewagen schon geöffnet hat.“

„Wir können ja mal nachsehen. Übrigens, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt.
Mein Name ist Stephano Rossi. Ich bin Chirurg und werde in Palermo im Krankenhaus arbeiten.“
Stephano! Christina hĂ€lt verblĂŒfft die Hand vor den Mund. Das kann doch kein Zufall sein. Der Junge in ihrem Traum, den Vater ihr zeigen wollte, hieß auch Stephano.
Jetzt war es ihr wieder eingefallen.

„Was haben Sie? Ist Ihnen nicht gut?“ Stephano Rossi sieht die junge Frau neben sich besorgt an.
Seine Familie stammt von Sizilien. Er ist dort auch in einem kleinen Bergdorf aufgewachsen und hat spĂ€ter in Deutschland studiert. Seine letzte Arbeitsstelle war ein Krankenhaus in MĂŒnchen. Der Vater bat ihn, nachhause zu kommen. Seine Eltern sind alt und gebrechlich und sein Vater braucht UnterstĂŒtzung fĂŒr ihr Im- und ExportgeschĂ€ft.
Eigentlich soll sein Bruder den Betrieb leiten, aber er studiert noch in den Staaten und so soll Stephano erst einmal aushelfen.
Als sie gestern telefonierten, erzÀhlte ihm sein Vater beilÀufig, dass die Tochter eines Freundes aus Palermo ebenfalls mit dem Autoreisezug nach Rom fÀhrt.
Sie wĂ€re Ärztin wie er, hĂ€tte gerade ihr Examen bestanden und solle auch im Krankenhaus ihre neue Arbeitsstelle antreten.
Der Freund wĂŒrde es begrĂŒĂŸen, wenn sich Stephano der jungen Frau annehmen könnte, damit sie sicher nach Hause kommt.
Dann erhielt er eine e-Mail ihres Vaters und ein Bild von ihr. Stephano war sofort entzĂŒckt. Von der Idee und von der jungen Dame, als er das Foto auf seinem PC Bildschirm sah.
Es klappte alles. FĂŒr ein paar Euro schwatzte er einem Ehepaar das Abteil ab und schickte sie in seines, einen Waggon weiter vorne.
Dann bestellte er ein FrĂŒhstĂŒck im Speisewagen und nun musste er sie nur noch einladen.

Christina lacht. „Nein, danke, es ist nichts. Es geht mir gut. Sehr gut sogar.
Glauben Sie an schicksalshafte FĂŒgungen? Ich habe nĂ€mlich heute Nacht von einem jungen Mann mit Namen Stephano getrĂ€umt und ich kenne sonst niemand mit diesem Namen.“

„Also, wenn das kein gutes Omen ist! Lassen Sie uns schnell in den Speisewagen gehen, bevor Sie es sich möglicherweise anders ĂŒberlegen.
Ich fange nĂ€mlich gerade an, mich in Sie zu verlieben. Ihr Vater hat nicht zu viel versprochen.“ Er stutzt.
„Oh, das hĂ€tte ich wohl lieber nicht gesagt.“
Christina sieht ihn ebenso verblĂŒfft an.
„WĂŒrden Sie mir bitte mal erklĂ€ren, was mein Vater mit unserer Zugbekanntschaft zu tun hat?“
„Ja, natĂŒrlich, es ist nicht so, wie Sie denken.“
In ruhigen Worten und wahrheitsgemĂ€ĂŸ berichtet Stephano von dem Telefonat, der E-Mail und dem Foto.
Vater hat doch ĂŒberall seine Hand im Spiel, lĂ€chelt Christina. Nun will er mich sogar schon verkuppeln. Schon komisch, dieser Traum. Aber wenn ich mir diesen Stephano so anschaue, könnte ich mich an ihn gewöhnen!

„Na, dann wollen wir mal artige Kinder sein und unseren VĂ€tern gehorchen. Hattest du mir nicht gerade ein FrĂŒhstĂŒck versprochen?“ Sie hakt sich lachend bei ihm ein.


„Ich musste dich in Sicherheit bringen. Du warst noch zu klein und keiner wusste, was Du alles gesehen hast.
HĂ€tte die Polizei dich gefragt, hĂ€ttest du mit Sicherheit den SchĂŒtzen erkannt. Es tut mir so leid, mein liebes Kind.“

Clemenzo Andreotti streichelt seiner Tochter ĂŒbers Haar und hat seine Arme zĂ€rtlich um sie gelegt.
„Es ist alles in Ordnung, mein großer Schatz, du brauchst dich nicht zu fĂŒrchten. Es kann dir nichts passieren.
Du bist Sizilianerin und wenn du dich an die Regeln hĂ€ltst, wirst du hier bis ans Ende deiner Tage glĂŒcklich leben können. Es gibt nun mal Dinge, die getan werden mĂŒssen. Aber um die GeschĂ€fte kĂŒmmert sich dein Bruder.

Freust du dich auf deine Arbeit im Krankenhaus?
Mutter, Raphaelo und ich sind sehr stolz auf unsere junge Ärztin! Apropos, wie gefĂ€llt dir dein BeschĂŒtzer aus dem Zug? Stephano Rossi entstammt einer sehr angesehenen Familie. Ich kenne seinen Vater gut. Ich hörte zufĂ€llig, dass er auch nach Palermo kommt und denselben Zug wie du nehmen wĂŒrde. Da habe ich dann gleich meine Beziehungen spielen lassen und ihn gebeten, mir meine schönste und einzige Tochter wohlbehalten nachhause zu bringen!“

„Ich liebe dich, Papa. Und wer weiß, vielleicht hast du dir ohne es zu ahnen, schon deinen Schwiegersohn ins Haus geholt. Ich freue mich sehr, wieder hier zu sein!“
Christina gibt ihrem Vater einen Kuss. Dann blickt sie auf und erstarrt.

Der Mörder steht in der TĂŒr und schaut sie mit ausdruckslosen Augen an.

Clemenzo begrĂŒĂŸt ihn herzlich.
„Luca, schön, dass du da bist. Wir unterhalten uns gleich im Arbeitszimmer.“

Christina, mein Engel, darf ich dir Luca Rezzo vorstellen? Er arbeitet schon eine Ewigkeit fĂŒr mich. Luca, was sagst du zu meiner Tochter?“
„Wir haben uns schon im Zug gesehen. Guten Tag, Senorina, es wird ihnen auf Sizilien gefallen.“
„Danke, ich werde euch dann mal allein lassen.“
Sie nickt Luca kĂŒhl zu, streicht ihrem Vater ĂŒber die Schultern und geht in den Garten.

Als sie weit genug weg ist, setzt sie sich ins Gras und lÀsst ihren TrÀnen freien Lauf. Das war es also!
Luca handelte im Auftrag ihres eigenen Vaters und sie war Zeugin dieser feigen Morde geworden.

Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass Christina sich wĂŒnschte, nie auf Sizilien und nie in dieses Elternhaus hineingeboren worden zu sein. Sie war Ärztin geworden, um Leben zu retten und nicht, um einen Mörder ungeschoren davonkommen zulassen. Es war auch nicht wichtig, was die getöteten MĂ€nner alles auf dem Kerbholz hatten. Es geht allein darum, das 5. Gebot einzuhalten!

Aber Christina hat keine Wahl. Sie muss das Geheimnis bewahren. Sie ist Sizilianerin und weiß, was das fĂŒr sie bedeutet. Sie war noch nie so verzweifelt, wie in diesem Augenblick.

Ich werde morgen in die Beichte gehen und Gott um Vergebung bitten. Mehr kann ich nicht tun. Vater Bernardi ist schon sehr lange Priester und hat sie damals auch getauft. Kurz bevor sie nach Deutschland fuhr, hatte sie bei ihm
ihre Erstkommunion gefeiert. Er wird ihr helfen und vielleicht hat der Herr ihr auch schon verziehen.
Warum sonst, hÀtte er ihr Stephano geschickt?
Sie weiß, dass sie sich in den jungen Arzt verliebt hat. Und wenn er sie fragt, wird sie „Ja“ sagen und seine Frau werden.

Christina weint hemmungslos. Stephano berĂŒhrt sie zĂ€rtlich an den Schultern und lĂ€sst sich zu ihr ins Gras fallen.
Ihre Arme schlingen sich um seinen Hals.
Er kĂŒsst ihr Haar. „Ich liebe dich, Christina. Ich wusste es, als ich dich das erste Mal sah.
Ich weiß auch, welches Geheimnis du bewahren musst.
Mein Vater hat mir alles erzÀhlt. Ich wollte mit all dem hier nichts zu tun haben. Deshalb ging ich nach Deutschland und wurde Arzt. Aber niemand kann seinem Schicksal entfliehen. Ich muss jetzt meinem Vater helfen und Dinge tun, die ich niemals machen wollte.
Willst du das Licht in meinem Leben sein?“

„Ja, Stefano. Ich liebe dich auch. Wir sind fĂŒreinander bestimmt. Zusammen werden wir es schaffen und mit Gottes Hilfe allem Bösen hier widerstehen.“














Version vom 04. 09. 2009 17:40
Version vom 04. 09. 2009 17:57
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Lesemaus
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„Noch ein StĂŒck vorfahren, bitte! In Ordnung. Jetzt den Motor abstellen, die Handbremse anziehen und Fenster und TĂŒren schließen. Nehmen Sie bitte alles aus dem Auto, was Sie im Abteil benötigen.“

Der junge Bahnarbeiter nickt Christina freundlich zu.
Hab ich es doch geschafft. hier verwendest du die 1.Person. Außerdem leider keine AnfĂŒhrungszeichen. WĂŒrde hier einfach benutzen, damit es sich von der wörtlichen Rede abhebt. Sei stolz auf dich. Jetzt kommt die 2. Person, auch wenn ich weiß, wie du das meinst, verwirrt es beim Lesen. Es ist gar nicht so einfach, hier in Altona auf die Rampe zu fahren. Jetzt nur nichts vergessen!
Christina nimmt ihre Tasche in die Hand und vergewissert sich, das die Fenster ihres kleinen Wagens alle verschlossen sind. Dann drĂŒckt sie auf die Fernbedienung und schließt auch die TĂŒren.Jetzt kommt die 3. Person
Der junge Mann hat ihr zwei Bremsklötze hinter die Vorderreifen gelegt und ist schon weiter gegangen, um den nachfolgenden Fahrer einzuweisen.
Um 20:40 Uhr wird sich der Autoreisezug pĂŒnktlich in Bewegung setzen und morgen Abend ist sie zuhause in Palermo.

„Hallo Mama, ich sitze im Zug. Es geht gleich los. Ja, es hat gut geklappt mit dem Auto. Ich will jetzt noch etwas am Laptop arbeiten und dann bald schlafen. GrĂŒĂŸ Raphaelo und Papa. Tschau, Mama.“
Sie legt ihr Handy in die Handtasche und packt ihren Reisecomputer aus.Es war eine schöne Zeit hier in Hamburg. Ich habe mir meinen Jugendtraum erfĂŒllt. Jetzt bin ich Ärztin! Langsam setzt sich der Zug in Bewegung. Christina schreibt3. Person - ich werde jetzt die Wechsel nicht mehr anmarkern, ich denke, du weißt, was ich meine und unterbricht ihre Arbeit nur kurz, um sich gegen 23:00 Uhr auf die Nacht vorzubereiten. Sie verschließt ihr Abteil und zieht die Sitze
vor, so dass sie auch bequem schlafen kann.

Marielena legt ihr Englischbuch zur Seite. Ihre Hausaufgaben hat sie nun alle gemacht und ihre Eltern kommen erst heute Abend nach Hause. Sie hat Langeweile und wĂ€hrend sie ihre blonden halblangen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammenbindet, ĂŒberlegt das kleine neunjĂ€hrige schlanke MĂ€dchen, wie es den Nachmittag verbringen will.
Sie könnte eigentlich wieder zu dem verlassenen Haus gehen.
Es ist halbverfallen und der Garten verwildert.
Richtig unheimlich ist es dort, aber Marielena hat keine Angst. Gleich hinter ihrem Elternhaus fĂŒhrt ein kleiner schmaler Pfad in den Wald.
Marielena liebt die SpaziergĂ€nge durch das Dickicht, obwohl sie weiß, dass es ihre Mutter verboten hat.
Nach 500 ausschreiben: fĂŒnfhundert Metern fĂŒhrt der Weg wieder auf eine enge Straße. An dessen Ende steht das alte einsame, verlassene wieder dein Hauptfehler: du verwendest Adjektive inflationĂ€r. Entscheide dich fĂŒr eines! Hexenhaus. Sie streicht ihr pinkfarbenes T-Shirt mit den glitzernden Perlen auf der Vorderseite glatt und wandert langsam zur Gartenpforte. Sie ist schon oft durch ein kaputtes Kellerfenster in das Haus eingedrungen.

Marielena denkt sich gerne spannende Geschichten aus. Sie trÀumt sich in ihre Figuren hinein und schreibt dann alles auf.
Ihre Mutter hat ihr ein dickes Schreibheft mit einem
roten Einband gekauft und sie hat viele bunte Bilder darauf geklebt.
Dieser Einschub verlangsamt das Geschehen, stellt einen Abbruch des ErzĂ€hlstroms und damit ein Unterbrechung des Spannungsbogens dar. Hat mit der Geschichte im Moment noch ĂŒberhaupt nichts zu tun. Sie öffnet die Gartenpforte und mit einem raschen Blick vergewissert sie sich, dass sie niemand gesehen hat. Dann verschwindet sie auf dem Waldweg. Ihre Schritte fĂŒhren sie direkt zu dem alten Haus. Plötzlich stockt ihr der Atem.

In der Einfahrt steht ein Auto. Es ist ein altes klappriges rotesGefĂ€hrt, mit einer Beule am rechten das spielt fĂŒr die Geschichte keine Rolle, ob rechts oder links oder wo auch immer. Und so kannst du schon auf ein weiteres Adjektiv verzichten.KotflĂŒgel. Das Glas des Abblendlichtes ist geborsten.
Marielenas Herz schlÀgt schneller. Sie versteckt sich wieder im Wald und kriecht durch das Unterholz. Dann hat sie das Haus erreicht und schleicht zum Kellerfenster. Sie klettert hinein und geht leise die Treppe hoch. Von drinnen sind MÀnnerstimmen zu hören. Sie erstarrt.
Durch die geöffnete KĂŒchentĂŒr sieht sie zwei MĂ€nner auf KĂŒchenstĂŒhlen sitzen.
Sie tragen verwaschene Jeans und Hemden. Der eine scheint schon sehr alt zu sein und der JĂŒngere blutet an der rechten Hand. Der alte Mann hat einen Autoverbandskasten vor sich auf dem KĂŒchentisch liegen und verbindet ihn.
„Wir mĂŒssen vorsichtig sein, der Unfall war nicht geplant.
Aber wieso musste die alte Kuh auch ihren Wagen so blöd parken!",leerpresst der junge Mann hervor.
„Hauptsache, es ist nichts weiter passiert und uns hat niemand gesehen.
Die Kiste ist doch geklaut. Wir mĂŒssen aber gleich wieder die Handschuhe anziehen und das Blut und die FingerabdrĂŒcke hier im Haus und im Auto entfernen.
Nichts darf uns in Verdacht bringen!"Diese Wörtliche Rede scheint mir so gar nicht zu einem Gauner zu passen. Sie klingt wie abgelesen. Bring etwas mehr Leben hinein, Slang, was weiß ich. Der Ältere begutachtet zufrieden sein Werk.

Dann zieht er sich lederne Handschuhe an und gibt auch dem JĂŒngeren das Paar, welches auf dem Tisch lag. Er geht zum Waschbecken, greift einen alten Lappen und wischt sorgfĂ€ltig alle Spuren fort.
„Wann kommt Georgio heute Nacht?" fragt der JĂŒngere.
„Ich weiß nicht, Raphaelo meinte, er wird so gegen Null Uhr - so redet niemand! Sag gegen Mitternacht hier sein.
Wir werden unseren Anteil im Garten vergraben.
Lass uns nun warten, bis es dunkel ist. Aber erst muss die alte Karre verschwinden. Ich öffne gleich das Tor und du fÀhrst sie hinten auf den Hof in den Schuppen, ja!"
Die Stimme des Alten hat einen befehlenden Ton angenommen und duldet keinen Widerspruch.
„OK, du bist der Boss!
He, Clemenzo, was machst du mit deinem Anteil?"
Der schlanke dunkelhaarige Mann in der abgewetzten Jeans und dem schmutzigen gelben Hemd sieht den angesprochenen aufmerksam an.
„Äh, ich fahre wieder nach Sizilien und lebe bei meinem Sohn. Er hat eine Autowerkstatt und er kennt die Regeln. Ich werde ihn mit dem Geld unterstĂŒtzen. Er fragt nicht, woher die Kohle kommt. Und du, wolltest du nicht auch wieder nach Hause? Du bist doch Jugoslawe?"
„Ich bin Kroate. Wir wohnten in der Kraijna, nahe der serbischen Grenze. Meine Eltern sind mit mir nach Deutschland geflĂŒchtet, als der Krieg dort ausbrach. Wir hatten Verwandte hier. Ich kenne dort nicht mehr soviel, aber du hast recht.
Ich werde auch verschwinden. Mit dem Geld kann man in meiner Heimat gut leben!" Der Mann lacht heiser.

Dann verlassen sie die KĂŒche und gehen nach draußen.
Auch Marielena schleicht auf Zehenspitzen wieder in den Keller zurĂŒck. Sie klettert aus dem Fenster und versteckt sich im GebĂŒsch. Die beiden MĂ€nner kommen aus dem Schuppen, den sie sorgfĂ€ltig verschließen.
Mit Reisig verwischen sie alle Spuren auf dem Sandboden.
„Es gibt heute Nacht Regen", meint Clemenzo. „Dann sieht man nicht mehr, dass wir hier waren."
„Und das Haus gehört deinem Freund?"
„Ja, er hat es von seiner Tante geerbt, aber er kann nichts damit anfangen. Er lebt auf Sizilien, deshalb verfĂ€llt es. Mario sucht einen KĂ€ufer."

Clemenzo blickt sich plötzlich um. Er sieht in Marielenas Richtung. Einen Moment lang scheint es, als suchen seine Augen die Gegend ab.

„Hauptsache, wir können unseren Anteil hier solange lagern, bis Gras ĂŒber die Sache gewachsen ist." Der JĂŒngere grinst.
Clemenzo zeigt auf den Garten.
„Komm, lass uns einen guten Platz fĂŒr unsere Altersversorgung finden. Da drĂŒben werden wir es vergraben. Hol eine Schaufel aus dem Keller, Drako.
Wir können schon ein Loch buddeln und bedecken es erst einmal mit Laub."
Der angesprochene kehrt einen Augenblick spĂ€ter mit einem Spaten zurĂŒck.

Marielena hat alles ganz genau beobachtet. Ihr war das Herz stehen geblieben, als Clemenzo zu dem Brombeerbusch sah, hinter den sie sich gekauert hatte. Erleichtert schleicht sie sich davon. Zuhause setzt sie sich sofort an ihr Heft und beginnt, die Geschichte aufzuschreiben. Hier könnte die EinfĂŒgung mit dem Schreiben kommen. Ihre Helden sind allerdings Jungen. Drako zĂ€hlt 12 Lenze und Clemenzo ist bereits 14 Jahre alt. Auch sie ist ein Junge von 10 Jahren.
Wie soll die Geschichte ausgehen? Marielena ĂŒberlegt kurz.
Sie wird in den nĂ€chsten Tagen sehr sorgfĂ€ltig auf die Nachrichten achten. Wenn von einem BankĂŒberfall oder Ähnlichem berichtet wird, muss sie der Polizei einen Tipp geben. Aber dann wĂŒrden ihre Eltern auch erfahren, dass sie wieder bei dem alten Haus gewesen ist.
Nein, sie muss schweigen. Aber das kostet einiges.
Sie wird warten, bis die MĂ€nner fort sind. Dann wird sie nach der Beute suchen. Sie wird das Geld in drei gleiche Teile aufteilen und ihr Schweigegeld mitnehmen.
Gleich neben dem Gartenhaus durfte sie sich einen kleinen Blumengarten anlegen. Dort wird sie es vergraben.


So, lieber Ruedipferd, zu mehr fehlt mir jetzt die Lust/Zeit. Du siehst, es gĂ€be noch viel zu tun. Auch der Übergang von Christina zu Marielena ist mir zu abrupt. Ich denke doch, das ist dieselbe Person und sie erinnert sich zurĂŒck. Falls ja, dann sollte sie das in einem Halbsatz dem Leser mitteilen, der es an dieser Stelle nicht erwarten kann.

Hoffe, ich konnte dir ein wenig helfen und meine Korrekturen sind alle so zu sehen, wie beabsichtigt (Habe das das erste Mal gemacht.)

Einen schönen Sonntag wĂŒnscht

Lesemaus
__________________
Ein Schriftsteller sollte nicht schreiben wollen, sondern schreiben mĂŒssen. (Erwin Strittmatter)

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jon
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Ich hab's jetzt nochmal ĂŒberflogen und finde es inhaltlich zwar noch nicht gut aber deutlich besser, (trotz diesem und jenem Punkt) erwachsener. Stilistisch hat sich auch ein bisschen was getan.
Durch die neue Struktur hat sich aber ein altes Problem noch massiv vertieft: Die Abschnittbildung ist willkĂŒrlich (statt Sinngruppen zusammenzufassen) und erschwert das Lesen ganz erheblich. Du solltest UNBEDINGT die ErzĂ€hlebenen zusammenfassen – also nur dann einen Abschnitt (mit Leerzeile) machen, wenn vom realen Erleben Christinas zum Traum gewechselt wird (und umgekehrt).
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalÀsst (Klaus Klages)

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