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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Mario
Eingestellt am 17. 04. 2013 20:18


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Sebahoma
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Wenn Mario noch beruflich in der Stadt zu tun hatte, begab er sich nur unter Menschen, wenn er es nicht vermeiden konnte. Daher lie├č er sich das Fr├╝hst├╝ck auf sein Zimmer kommen: ein kleines Tablett mit einem Milchh├Ârnchen, Zwieback und einer gro├čen Tasse Cappuccino. Das kleine Zettelchen neben der Tasse ignorierte er zun├Ąchst. Mario fing mit dem Zwieback an, den er in den Cappuccino tunkte. Es schmeckte ihm sehr gut, obwohl der Cappuccino ein bisschen zu stark f├╝r seinen Geschmack war. Als er fertig war, nahm er das kleine Zettelchen in die Hand und las den Text darauf. Er steckte es ein, trank den Cappuccino aus und verlie├č das Zimmer.

Er fuhr mit einer vollen U-Bahn in Richtung Marktplatz. Um diese Uhrzeit herrschten hier Hektik und Dr├Ąngelei. Mario bildete sich ein, schlecht Luft zu bekommen, es musste wohl sehr stickig hier sein. Viele der Leute hatten T├╝ten, Taschen und K├Ârbe bei sich, sicherlich auf dem Weg zum w├Âchentlichen Einkauf. Er war aus einem anderen Grunde hier, aber das wusste niemand von diesen Menschen und auch er w├╝rde erst noch erfahren, was man ihm zu sagen hatte. Zusammen mit einem Pulk von Menschen stieg er vollkommen unauff├Ąllig aus. Ein Gesch├Ąftsmann auf dem Weg ins B├╝ro, h├Ątten die meisten Menschen wohl gedacht. Gesch├Ąftsmann? Eigentlich gar nicht so falsch. Er spazierte aus dem kleinen Bahnhof heraus und ├╝berquerte die Stra├če.

Er ging an einer Schule vorbei und sah Kinder dort spielen. Er h├Ârte fr├Âhliches Geschrei und ausgelassenes Gel├Ąchter, die Kinder hatten Pause und tollten ├╝ber den Schulhof, ganz unbeschwert, als g├Ąbe es keine Zeit. Wie sch├Ân konnte das Leben sein ÔÇô aber nicht f├╝r ihn. Die Kinder hatten noch keine Ahnung, welche Seiten dieses Leben aufziehen konnte. Vor vielen Jahren hatte auch er so gespielt. Er erinnerte sich an diese Zeit, in der es noch so viel zu entdecken gab und die Welt noch voller aufregender Wunder und Sp├Ą├če steckte. Aber es musste ja alles anders kommen. Musste es wirklich? Schon immer hatte er sich ├╝berlegt, ob es so kommen musste. So oft hatte er doch versucht, etwas anders zu machen und war dann wieder auf die gleiche Spur gekommen. Es f├╝hlte sich oft an, als sei seine Geschichte schon l├Ąngst geschrieben und er f├╝hre sie nur noch aus, wie ein Schauspieler auf der B├╝hne. Nur der Sinn des ganzen St├╝cks hatte sich ihm noch nicht erschlossen.

Mit diesen Gedanken im Kopf kam er zum Anfang des Marktplatzes. Freitagvormittag, auch hier hunderte Menschen. Der Treffpunkt war genau gegen├╝ber dieser Seite des Platzes, sodass er einmal durch die ganze Menge musste. Irgendjemand spielte eine fr├Âhliche Musik, eine flotte Melodie, so passend zu diesem wundersch├Ânen und sonnigen Fr├╝hlingsmorgen. Mario wurde warm ums Herz. Es war doch nicht etwa die leichte Musik, die einen harten Burschen wie Mario beeindruckte? Neben dem Musiker standen ein paar Jugendliche, die wohl nichts Besseres zu tun hatten als sich auf dem Marktplatz die Zeit zu vertreiben. Sie scherzten mit den Leuten, sprachen M├Ądchen an und taten alles, nur nichts Sinnvolles. Ihm war danach, sie zu ermahnen, sie sollten sich doch ordentliche Arbeit suchen und etwas Vern├╝nftiges aus ihrem Leben machen. Er sie ermahnen? Da fiel ihm auf, wie l├Ącherlich es w├Ąre und er lie├č davon ab.

Auch er hatte damals Wochen so verbracht, hatte einfach in den Tag hinein gelebt und gar nicht bemerkt, auf welchen falschen Weg er sich da begab. Aber dann hatte er es getan. An die alte Dame konnte er sich noch ganz genau erinnern. Und auch an sein Herz, das so laut schlug, als seine Hand in ihre Tasche griff. Ein h├╝bsches Portemonnaie war das. Es schien ihm pure Ironie zu sein, dass es auch noch randvoll war, denn es ging ja gar nicht um das Geld. Es war nur eine Mutprobe, er wollte sie doch beeindrucken, sie, Chiara! Er h├Ątte alles f├╝r sie getan.

Der Duft von den St├Ąnden kam in seine Nase und lenkte ihn f├╝r einen Moment ab. Lebensmittel, Kr├Ąuter, Gew├╝rze. Was diese Welt nicht alles an Leckereien bot ÔÇô wenn man sie nur genie├čen konnte! Aber seit damals nach diesem kleinen Diebstahl konnte er es nicht mehr. Die Polizei verd├Ąchtigte ihn, sehr viel Geld auf unerlaubte Weise in seinen Besitz gebracht zu haben. Mario wusste nicht, was er tun sollte und war froh, dass sein Onkel ihm half. Dieser kannte den Polizeihauptmann sehr gut und legte bei ihm ein gutes Wort ein. Nur eine Kleinigkeit musste er daf├╝r tun. Hatte Chiara eigentlich gewusst, dass es so kommen w├╝rde, als sie seinen Mut herausforderte? Oder war diese Tat die Kleinigkeit, die sie seinem Onkel liefern musste? Und f├╝r welches Vergehen? Bei Mario folgte dann eine Kleinigkeit der anderen, die Kleinigkeiten wurden gr├Â├čer, er geriet immer tiefer in die H├Ąnde seines Onkels und irgendwann hatte er eine Waffe in der Hand. Sein Onkel war der Meinung, dass es hie oder da Menschen gab, die die Welt nicht brauchte. Mario erledigte dies f├╝r ihn, dezent und zuverl├Ąssig. Daf├╝r gab es nat├╝rlich ein bisschen Kleingeld, das mit den Kleinigkeiten wuchs. Dies wiederum erlaubte ihm dann doch ein paar sch├Âne Momente, sehr viele sogar, ja, es gab Zeiten, da war sein Leben sehr angenehm. Ein gro├čes Haus direkt am Meer, Reisen um die ganze Welt, Partys, Autos, Frauen. Diese Auftr├Ąge zwischendurch st├Ârten zwar, aber letztlich tat auch er nur seine Arbeit, so wie die H├Ąndler auf einem Wochenmarkt.

Jetzt war er an dem Treffpunkt angekommen, der auf dem Zettel gestanden hatte. Hier, am Brunnen in der Mitte des Marktes, wo Einzelne im Meer von Hunderten untergingen, hier sollte er neue Anweisungen bekommen. Er musste einen Moment verschnaufen, denn sein Herz raste. Eigentlich war er doch immer sehr sportlich gewesen. Mario z├╝ndete sich trotzdem eine Zigarette an. Er beobachtete P├Ąrchen, die sich am Brunnen am├╝sierten und beneidete sie.

Mal sehen, welchen Job sein Onkel ihm dieses Mal auftragen w├╝rde. Sein Onkel. Er konnte ihn nicht leiden. Seit damals wollte er ihm entkommen, aber er hatte ihn immer in der Hand. Eines Tages, das hatte er sich schon lange geschworen, w├╝rde sein Onkel einen bleiernen Gru├č von ihm bekommen. Heimlich, ganz vorsichtig hatte Mario bereits Erkundigungen eingeholt, wo sich sein Onkel oft aufzuhalten pflegte und wer auf Marios Seite w├Ąre, wenn sein Onkel pl├Âtzlich verschwinden w├╝rde. Eines Tages. Erst einmal musste er weiter mitspielen.

Mario sah sich um. Die Sonne prallte auf seinen Kopf. Er bemerkte, dass er stark schwitzte. Der Morgen war warm, aber war er wirklich so hei├č? Ihm fielen drei alte M├Ąnner auf, die sich unterhielten, Boccia spielten und einen Kaffee tranken. Er h├Ątte sich am liebsten dazu gesetzt ÔÇô aber er durfte nicht. Immer hatte er davon getr├Ąumt, unbesorgt als unbelasteter B├╝rger zu leben. Aber er hatte einsehen m├╝ssen, dass sein Onkel andere Pl├Ąne mit ihm hatte. Oder war er selbst schuld? H├Ątte er an irgendeiner Stelle anders handeln m├╝ssen? Oder war sein Leben wirklich zu diesem Dasein vorausbestimmt gewesen? Bohrende Fragen. Wenn Mario dar├╝ber nachdachte, fand er nie eine Antwort. Doch was war das? Jetzt, als er wieder einmal dar├╝ber gr├╝belte, kam ihm sein Leben sehr sinnvoll vor. Zum ersten Mal sah Mario ganz klar, dass sein Leben so sein musste. Gleichzeitig wurde ihm schwindlig, er f├╝hlte sich m├╝de und wollte schlafen. Oh, Schreck! Die stickige Luft in der U-Bahn, sein rasendes Herz auf dem Marktplatz. Mario erinnerte sich an den kr├Ąftigen Geschmack des Cappuccino und wusste, was passiert war. Wohl ein paar Erkundigungen zu viel. Was f├╝r ein Gef├╝hl, gar kein Schmerz, einfach nur diese unglaubliche Erleichterung, dass ihm sein Leben wenigstens f├╝r ein paar Sekunden und wenn es auch die letzten waren, so sinnvoll erschien. Hie├č es nicht, dass man in diesem Moment sein Leben noch einmal sieht? Aber war nicht sein Weg hierher wie ein Gang durch sein Leben gewesen? War er ├╝berhaupt diesen Weg gegangen oder glaubte er es nur und war tats├Ąchlich noch immer im Hotel? Egal. Mario setzte sich an den Brunnen. Er wollte nur noch einmal diese Ger├╝che des Marktes einatmen, die Ger├Ąusche h├Âren, die Leute, das Pl├Ątschern des Brunnens, sp├╝ren, wie sch├Ân das Leben sein konnte, jetzt, da sein Onkel ihn nicht mehr festhalten und er sein Leben endlich genie├čen konnte. Dann legte er sich sanft auf den Boden.

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