Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92248
Momentan online:
301 Gäste und 17 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Marionettenspiel
Eingestellt am 02. 03. 2004 23:57


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Marionettenspiel

Im Sommer 1980 hatte ich das GlĂŒck, mit meinen Kindern einen FDGB-Urlaubsplatz am Zechlinsee zu bekommen. Alle Kollegen waren neidisch. Daher dachte ich Wunder, was wir dort erleben werden.
Ja, die Landschaft ist sehr schön. Über die Unterkunft konnte man nicht meckern und mit dem Wetter hatten wir auch GlĂŒck. Das Essen war gut und reichlich. Aber die Unterhaltungsangebote waren so teuer, dass wir sie uns nicht leisten konnten. Wir hatten damals rund siebenhundert Mark pro Monat zur VerfĂŒgung, vierhundertvierzig kostete die Reise, da konnte ich beim besten Willen keine vierzig Mark fĂŒr einen Tagesausflug ausgeben. Uns blieben nur SpaziergĂ€nge – bloß nicht so weit weg vom Hotel, sonst finden wir es nicht wieder – und Tretbootfahrten auf dem See.
An einem Tag jedoch wurde fĂŒr die Kinder eine Bastelstraße aufgebaut. Da gingen wir natĂŒrlich hin. Erst Mal schauen, was es kostet – es war erschwinglich. Meine Söhne stĂŒrzten sogleich zum Modellbaustand und waren bald damit beschĂ€ftigt, einen Hubschrauber und einen GelĂ€ndewagen zusammenzukleben. Meine Tochter fand gleich neben dem Eingang einen Stand mit Makramee-Mustern. Sie beschĂ€ftigte sich schon seit ein paar Monaten damit, fĂŒr sich und ihre Freundinnen Makramee - ArmbĂ€nder und UmhĂ€ngetĂ€schchen zu fertigen. Hier lernte sie einige neue Muster hinzu und vergaß die Welt um sich her. SpĂ€ter verwendete sie die neu erworbenen Fertigkeiten fĂŒr eine traumhaft schöne Weste und einen riesigen Teppich.
Ich schaute mal hier, mal da zu und langweilte mich, bis ich die ImbissstĂ€nde neben der Bastelstraße entdeckte. Der Kaffee war hier preiswerter als morgens der FrĂŒhstĂŒckskaffee, wahrscheinlich, weil er in Papp-Bechern serviert wurde.
Endlich kamen meine Söhne stolz mit ihrem Armee-Zubehör zu mir und ließen sich loben. Es waren tolle Modelle, alles war beweglich. Leider brachen bei der VorfĂŒhrung die RĂ€der des Hubschraubers ab. Ich warnte: „Nun lass ihn bloß nicht auch noch fliegen!“ und schon segelte das neue Spielzeug davon. Wunderbarerweise landete es im weichen Gras. Das sah mein Sohn wohl als Zeichen an. Wir brachten das Teil heil nach Hause, wo es noch etliche Jahre im Spielzeugschrank stand. Neben dem GelĂ€ndewagen, versteht sich.
Damals aber hatten wir noch Zeit bis zum Abendbrot und meine Söhne sahen sich um, was sonst noch im Angebot war. Sie grinsten ĂŒber die hĂ€kelnden und strickenden MĂ€dchen und erst recht ĂŒber jene, die Teller und andere GegenstĂ€nde bunt anmalten. Sie waren sooo sicher, dass sie das Beste vom Platze in ihren HĂ€nden hielten!
Am letzten Stand aber verschlug es ihnen die Sprache. Hier konnte man sich eine Marionette basteln! Aus etwas Angelsehne, zwei WollknĂ€uel, drei SchnĂŒren, sechs runden LederstĂŒckchen und zwei kleinen HolzstĂ€ben entstand ein straußenĂ€hnliches Fabelwesen.
Der Ă€ltere meiner Söhne schnappte sich sogleich das VorfĂŒhrmodell und ließ es einige Male um den Stand spazieren, dachte sich unterwegs sogar einen Dialog aus. Es war klar: so n Ding mussten wir haben! Also setzte ich mich an den Tisch und begann mit flinker Nadel, die Teile zusammen zu bekommen.
Ich dachte daran, wie viel Freude ich an jedweder PuppenvorfĂŒhrung hatte, an „Pole PoppenspĂ€ler“ und an Pinoccio und hoffte, dass mein Sohn, der sich fĂŒr meinen Geschmack viel zu oft in SchlĂ€gereien verwickeln ließ, durch diese kuriose Gestalt zu besĂ€nftigen war.
Leider hatten wir so viel Zeit beim Zuschauen vertrödelt, dass ich die Marionette nicht fertig bekam. Ich versuchte, meine Sprösslinge zu trösten: „Wir haben doch einen netten Mario, wozu brauchen wir eine Marionette?“ (mein JĂŒngster heißt Mario). Aber das half natĂŒrlich nicht. Schließlich durften wir die Bastelteile mitnehmen, ohne zu bezahlen.
Nach dem Abendbrot stellte ich die MĂ€rchenfigur fertig. Wir haben noch sehr lange damit gespielt und andere verblĂŒfft mit der unglaublichen Beweglichkeit des feingliedrigen Spielobjekts. Sogar die Freunde meiner Söhne wollten solche Viecher haben. Da saß ich dann noch einige Abende und bastelte HĂŒhnermonster.
Mit Sicherheit hatten die Jungs etliche schöne Stunden mit dem nicht alltĂ€glichen Spielzeug. Aber zu unserem Bekanntenkreis gehörte auch ein Puppenspieler von Weltgeltung. Vielleicht hĂ€tten wir ihn besser nicht so gut gekannt. Er kritisierte so lange an der PuppenfĂŒhrung meines Sohnes und an der Marionette herum, dass der Junge nie wieder irgendeine Puppe in die Hand nahm. Als ich 1990 von besagtem Puppenspieler eine Papiermarionette geschenkt bekam, hĂ€tte mein Sohn sie am liebsten zerfetzt.
Jedenfalls war die Zeit mit den Marionetten keine verlorene.

__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!