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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Marlenes letzter Urlaubstag
Eingestellt am 01. 04. 2016 19:46


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Ciconia
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An ihrem letzten Urlaubstag stieg Marlene gegen Mittag kurzentschlossen in den Bus nach Birnreuth. Das Wetter schien ihr heute zu unbestĂ€ndig fĂŒr eine Wanderung, sie hatte bei einem ausgiebigen spĂ€ten FrĂŒhstĂŒck vergeblich nach einer Alternative gesucht. Insgesamt lief in diesem Urlaub nichts so richtig rund – das Wetter zu wechselhaft, die Kondition wegen der ewigen Gelenkbeschwerden beeintrĂ€chtigt, das Hotel zu voll – irgendwie fand sie nicht die richtige Ruhe. Vielleicht war es an der Zeit, sich allmĂ€hlich ganz von Bad Steinberg und den Bergen zu verabschieden, dachte sie.

Die Fahrt dauerte fast eine Stunde. Mit der Bahn hĂ€tte sie die Strecke in der HĂ€lfte der Zeit geschafft, aber sie fuhr gerne ĂŒber die kleinen bayerischen Dörfer. Vom Busbahnhof in Birnreuth brauchte sie nicht lange bis auf den zentralen Marktplatz. Hier hatte heute offensichtlich ein Wochenmarkt stattgefunden, die Standlbetreiber waren am Zusammenpacken und verbreiteten eine unruhige AtmosphĂ€re. Marlene floh in eine der kleinen Gassen, sah hier und dort lustlos in ein Schaufenster und ĂŒberlegte, was sie hier ĂŒberhaupt wollte. Essen mochte sie noch nicht, dazu war das FrĂŒhstĂŒck zu reichhaltig gewesen. Zum Herumlaufen in der Stadt wurde es mittlerweile fast zu heiß, die Septembersonne hatte sich doch noch durchgekĂ€mpft.
Beim Blick in das Fenster des TourismusbĂŒros fiel ihr plötzlich ein, was sie in all den Jahren immer mal hatte machen wollen. Sie eilte zurĂŒck zum Bahnhof, und eine Viertelstunde spĂ€ter saß sie in dem Schienenbus, der die eingleisige Strecke hinĂŒber nach Trauning am See fuhr. Sie fĂŒhrte ĂŒber Dörfer mit urigen bayerischen Namen, an den Haltepunkten wurde meist nur bei Bedarf gehalten: „Bei Haltewunsch bitte an die Scheibe der Fahrerkabine klopfen“. Der Ausflug begann Marlene zu gefallen.

An der Endhaltestelle folgte Marlene dem Hinweisschild „Zum See“. Der Weg fĂŒhrte zunĂ€chst quer durch den blitzsauber gestalteten Ort und nach einer ganzen Weile auf eine Landstraße. So weit abseits hatte Marlene den See nicht erwartet, und beinahe bereute sie schon wieder ihren Entschluss. Sie schwitzte in der Nachmittagshitze und war froh, dass die letzten paar hundert Meter hinunter zum See von uralten AlleebĂ€umen gesĂ€umt wurden, die jetzt guten Schatten spendeten. Sie hatte von einem Besuch vor sehr vielen Jahren alles ganz anders in Erinnerung.

Um diese frĂŒhe Nachmittagszeit herrschte ziemliche Leere in den Wirtschaften am See. Marlene holte sich am Selbstbedienungstresen eine Radler Halbe und eine Brotzeit und suchte sich ein schattiges PlĂ€tzchen mit Blick ĂŒber den spiegelglatten See. WĂ€hrend sie von dem lauwarmen LeberkĂ€s aß und den sauren Kartoffelsalat nur probierte, studierte sie das mitgebrachte Fahrplanheft. Irgendwie hatte sie bei dieser ganzen ungeplanten Aktion völlig das ZeitgefĂŒhl verloren. Wenn sie heute Abend das Konzert nicht versĂ€umen wollte, musste sie sich schleunigst auf den RĂŒckweg machen, stellte sie bedauernd fest. Sie nahm den letzten Schluck Radler und brachte das Tablett zurĂŒck an den Tresen. Die gelangweilt vor sich hin starrende Bedienung gab ihr einen Euro Pfand zurĂŒck, ohne sie anzuschauen.
„Gibt’s hier irgendeine AbkĂŒrzung zum Bahnhof oder muss ich durch den ganzen Ort gehen?“, fragte Marlene.
Das MĂ€dchen schaute sie fast mitleidig an. „Des woaß i net, i bin net von hier.“
Was fĂŒr ein beschissener Tag, dachte Marlene, und schalt sich selbst, den Ausflug nicht besser geplant zu haben. Andererseits: Hatten ihr derart spontane Vorhaben nicht schon oft die abenteuerlichsten Erlebnisse und interessantesten Begegnungen beschert?

Sie marschierte also auf demselben Weg zurĂŒck. Die nĂ€chste Bahn wĂŒrde in fĂŒnfundvierzig Minuten fahren, das mĂŒsste zu schaffen sein, dann wĂŒrde sie in Birnreuth auch sofort Anschluss an den Zug nach Bad Steinberg haben. Etwas atemlos nĂ€herte sie sich fĂŒnf Minuten vor Abfahrt dem Bahnhof. Die Ampel an der Hauptstraße zeigte Rot, und wĂ€hrend sie einen Moment verschnaufte, fiel ihr Blick auf einen grauhaarigen Ă€lteren Herrn mit einem imposanten Vollbart, der auf der gegenĂŒberliegenden Straßenseite wartete. Er trug modische Motorradkluft, die ihr ein wenig zu jugendlich fĂŒr sein Alter erschien. Sie musste schmunzeln. Die Ampel sprang auf GrĂŒn, und wĂ€hrend Marlene immer noch schmunzelnd an dem Ă€lteren Herrn vorĂŒberging, beschlich sie das GefĂŒhl, diesen Mann schon einmal gesehen zu haben. Sie blieb abrupt stehen und schaute sich nach ihm um.
Auch der Mann war plötzlich stehen geblieben.
„Leni?“, hörte sie ihn sagen.
Seit Jahrzehnten hatte sie niemand mehr Leni genannt.
„Ferdl?“
Der Mann strahlte sie an: „Des freche Grinsn kenn ich do!“
Sie hatten sich mehr als vierzig Jahre lang nicht gesehen.

Kennengelernt hatte sie ihn, als sie mit ihren Eltern mehrere Jahre lang in den Urlaub nach Bad Steinberg fuhr. Sie wohnten in einer Ferienwohnung bei der alten Vroni Faßgruber. Der Ă€lteste von vier Enkeln der Faßgruberin hieß Ferdl.

Marlene wusste einen Moment lang nicht, was sie sagen sollte. Eigentlich hasste sie derartige Begegnungen nach langer Zeit, deren erste Minuten selten ohne Peinlichkeiten ĂŒber die BĂŒhne gingen. Aber der Ferdl ließ keine Unsicherheit aufkommen und redete fröhlich drauf los.
„Bist auf Urlaub? Wohnst hier oder in Steinberg?“
„Ich komm seit Jahren wieder nach Steinberg, gefĂ€llt mir immer noch dort“, antwortete sie endlich und musterte ihn genauer. Dass sie sich einfach so auf Anhieb erkannt hatten! Aber er schien kaum verĂ€ndert – wenn man davon absah, dass er grau geworden war.
Ein Auto hupte, der Ferdl zog Marlene von der Fahrbahn.
„Host no a weng Zeit? Mogst an Kaffee mit mir dringa gehn?“
Marlene zögerte. „Eigentlich wollt ich gleich die Bahn nehmen. Ich möcht heut Abend noch in ein Konzert.“
„Ah, geh, i bin mit’m Motorradl do, i kannt di mitnehma! I wohn a bisserl außerhalb von Steinberg.“
„Du fĂ€hrst immer noch Motorrad?“
„Ja, freili!“, strahlte er, als sei dies das SelbstverstĂ€ndlichste von der Welt fĂŒr einen Mann seines Alters.
Das altmodische Café, zu dem sie ihm folgte, gefiel ihr sofort, und es gab sogar noch echten Filterkaffee. Marlene entspannte sich, je weiter sie sich im GesprÀch in der Vergangenheit verloren.

Die alte Faßgruberin hatte damals einen Narren an Marlene gefressen. Gleich im ersten Jahr verpflichtete sie ihren zweitĂ€ltesten Enkel, mit den FlachlĂ€ndern in die Berge zu gehen. Der Hermann war ein hĂŒbscher Bursche, Marlene hatte sich ein wenig in ihn verknallt. Doch nach nur zwei Touren konnte er angeblich nicht mehr kommen. Marlene, damals fĂŒnfzehn, war sehr enttĂ€uscht gewesen.
Im nĂ€chsten Jahr wurde dann der Ferdl eingesetzt. Er studierte in MĂŒnchen, nutzte aber jede freie Stunde, um der Großstadt zu entfliehen und in den Bergen sein zu können. So gutaussehend wie sein zurĂŒckhaltender Bruder war er nicht, dafĂŒr ein stets gutgelaunter Treibauf. Sein unschĂ€tzbarer Vorteil: Er besaß ein Motorrad. Die Bergtouren, zu denen er sie mitnahm, mussten nun ohne die Eltern erfolgen, was Marlene keineswegs bedauerte.


Draußen hatte sich der Himmel verdunkelt, man hörte ein leichtes Gewittergrollen.
„Weißt du, woran ich mich oft erinnert habe, weil es fĂŒr mich eine große Lehre war? An das Gewitter in der Saugasse, auf dem Weg zurĂŒck vom Funtensee.“
„Des woaßt no?“, grinste der Ferdl, und Marlene nahm erst jetzt seine makellos blitzenden ZĂ€hne wahr, die garantiert nicht mehr seine eigenen sein konnten.
„Wir standen unter einem Felsvorsprung, und ich hab gezittert vor Angst. Ich hĂ€tt nie gedacht, welchen LĂ€rm ein Gewitter in den Bergen verursachen kann. Ich bin mein Leben lang nicht mehr bei drohendem Gewitter zu einer Tour aufgebrochen.“
„Host wos g’lernt von mia, gell?“, freute er sich, und Marlene nickte stumm.
Sie hatte viel ĂŒber die Berge und das Tourengehen von ihm gelernt – die Liebe zu den Bergen war ihr seit damals geblieben.
„Wie ist es denn deiner Oma noch ergangen?“
„Der oide Feger is neinzge worn, und bis zuletzt klar im Kopf.“ Es klang durchaus liebevoll. Wieder musste Marlene grinsen.

Sie sah die resolute Alte vor sich, wie sie sie anwies, beim FrĂŒhstĂŒck auf der Eckbank nicht mit dem Kopf an die „Bleamln“ zu stoßen, die dort von der Wand rankten, oder wie sie den Ferdl abends aus dem Haus komplimentierte, wenn er lieber endlos zum Kartenspielen mit ihr und den Eltern sitzen geblieben wĂ€re. „Ferdinand, go home!“, damit schob sie manchmal den um zwei Köpfe grĂ¶ĂŸeren Enkel aus dem Raum.
Vroni Faßgruber war eine patente, resolute und sehr herzliche Person gewesen, an die Marlene sich gern erinnerte.


„Wolltest du nicht immer sechs Kinder haben, die wie die Orgelpfeifen am Sonntag mit dir auf den Berg gehen sollten?“, fiel Marlene plötzlich ein.
Er lachte schallend. „Wos du dir ois g’merkt hast!“
NatĂŒrlich hatte sie sich das gemerkt. Sechs Kinder hĂ€tte sie sich niemals vorstellen können – schon deshalb hĂ€tte aus ihnen nie ein Paar werden können. Sicher nicht nur deshalb.
„Die Traudl wollt halt net mehr ois zwoa, da kunnst nix macha!“, sagte er. Marlene meinte EnttĂ€uschung in seiner Stimme zu hören.
Auf Touren ging er jetzt nur noch selten, gestand er dann. Bei einer Skitour hatte er sich vor Jahren schwer verletzt und sich eine Nacht lang nicht fortbewegen können, dabei waren ihm zwei Zehen erfroren, erzÀhlte er. Seitdem habe er Schwierigkeiten, lÀngere Strecken zu gehen.
„Warst du alter Haudegen dabei wieder mal allein unterwegs?“, fragte Marlene. Wie oft hatte die Faßgruberin geschimpft, weil er stĂ€ndig allein auf riskante Touren ging. Er nickte ohne das Thema zu vertiefen.
Zwei Tassen Kaffee waren geleert.
„Mogst no a Schnapserl? Auf d‘ oidn Zeitn?“
„Du mußt doch noch fahren!“ entrĂŒstete sich Marlene.
„Oans geht oiwei, des Motarradl kennt do den Weg!“
Er bestellte zwei Stamperl mit einem hochprozentigen KrĂ€uterschnaps. Als die Bedienung sie an den Tisch brachte, bat sie darum, schon kassieren zu dĂŒrfen.
„Wir schließen um sechse!“.
Marlene schaute ĂŒberrascht auf die Uhr. FĂŒr das Konzert wĂŒrde es nun auf jeden Fall zu spĂ€t werden, aber das machte ihr im Moment gar nichts aus. Sie hatten tatsĂ€chlich fast zwei Stunden lang geredet, ĂŒber alte und neue Zeiten. Sie wusste nun, dass er zwei Kinder und drei Enkel hatte und sein Leben lang im Umfeld von Bad Steinberg geblieben war. Marlene blickte auf ein etwas unruhigeres Leben zurĂŒck. Sie hatte erst spĂ€t geheiratet, war kinderlos geblieben, aber beruflich erfolgreich geworden. Zufrieden waren sie anscheinend beide.

Sie schrieben sich damals noch eine Zeitlang Briefe, aber jeder entwickelte schnell sein eigenes Leben, 700 km voneinander entfernt. Marlene fuhr bald nicht mehr mit den Eltern in Urlaub. Obwohl sie spĂ€ter viele Jahre in MĂŒnchen wohnte, verschlug es sie selten nach Bad Steinberg, es gab von MĂŒnchen aus so viele andere Wanderziele. Durch die Eltern, die noch einige Jahre zu Vroni Faßgruber kamen, erfuhr sie ab und zu Neues aus Ferdls Leben, eben auch, dass er frĂŒh geheiratet hatte. Einmal besuchte er Marlene in MĂŒnchen, doch ihr neues aufregendes Großstadtleben mit Discos und Parties war ihm sehr fremd gewesen. Sie hatten sich nicht mehr viel zu sagen gehabt.

Umso erstaunlicher, dass wir uns heute so unbeschwert unterhalten können, dachte Marlene.
Seitdem sie nicht mehr in MĂŒnchen wohnte, machte sie wieder des Öfteren Urlaub in Bad Steinberg, ohne ihren Mann, denn der fand nicht mehr viel Spaß am Wandern. Manchmal hatte sie dabei schon an den Ferdl gedacht, aber das war alles viel zu lange her. An diesem Nachmittag ĂŒberlegte sie: Was war das damals eigentlich gewesen? Eine Jugendliebe? Wohl nicht. Eher eine interessante Jugendfreundschaft.
„Kimm, gemma! Fahrst jetzt mit?“
„Kimm!“ – So hatte er sie immer angetrieben, dachte sie, an einer sehr engen und steilen Wegstrecke oder beim Durchwaten eines glitschigen Baches, und ihr mit seiner krĂ€ftigen Hand Hilfestellung geleistet.
„Ja, aber nur bis Birnreuth, dann kann ich mir die Bimmelbahn schenken. Die ganze Strecke ist mir zu anstrengend.“
Ihr kamen Bedenken wegen des Motorrades, andererseits reizte sie der Gedanken. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals wieder Motorrad gefahren zu sein.
Das Gewitter war vorĂŒbergezogen. Auf dem Weg zum Parkplatz fragte Marlene ihn, was er ĂŒberhaupt hier im Ort gemacht habe. Er habe einen alten Spezl besucht, der neulich einen schweren Unfall gehabt hatte und sich noch eine Weile auskurieren mĂŒsse.
„Wos muaß der oide Lackl in seim Alter a no Motorradl fohrn“, grinste Ferdl. Marlene sah ihn nachdenklich an und schwieg.
Die Maschine war noch riesiger, als Marlene befĂŒrchtet hatte. Der Ferdl nahm einen zweiten Helm aus einer der Seitentaschen und half ihr beim Aufsetzen.
„Die alte BMW war ein bisschen bequemer, mein ich“, bemerkte Marlene und hievte sich mĂŒhsam auf den Sozius.
„De hod a nur 18 PS ghabt, de do hod 125!“, erklĂ€rte er stolz.
Marlene schaute unglÀubig.
„Woaßt no, wie’s geht?“
„In den Kurven nicht gegensteuern, meinst du?“
„Genau!“
„Hoit di ei, Madl!“ forderte er sie auf, bevor es losging.
Marlene legte ihre Arme um seine Taille. FrĂŒher hatten ihre Arme vollstĂ€ndig um den drahtigen jungen Burschen gereicht, und erst jetzt wurde ihr bewusst, dass der Ferdl ein wenig fĂŒllig geworden war. Ihre Arme konnten seinen Körper nur noch zu knapp zwei Dritteln umfassen.
„Weißt du noch, was deine Oma immer gesagt hat, wenn wir auf Tour gingen?“
„Und pass schee auf d‘ Leni auf?“
Er fuhr wirklich sehr vorsichtig, das musste sie ihm lassen. Kurven gab es auf dieser Landstraße nur wenige, und als sie die erste Unsicherheit ĂŒberwunden hatte und zunehmend Spaß an der Fahrt empfand, erreichten sie auch schon den Birnreuther Bahnhof.
Zehn Minuten blieben noch bis zur Abfahrt ihres Zuges. Nachdem der Ferdl ihr den Helm abgenommen hatte, standen sie sich etwas unbeholfen gegenĂŒber. FĂŒr einen Moment sah es so aus, als wollte er sie zum Abschied umarmen.
„Weißt was, ich hasse lange Abschiede. Brauchst nicht zu warten, fahr nur!“
Dann fĂŒgte sie lachend hinzu: „Ferdinand, go home!“ und klopfte ihm kumpelhaft auf die Schulter. “War schön, dass wir uns noch mal getroffen haben.“
Sie gaben sich die Hand und Ferdl umarmte sie nun doch noch ein wenig linkisch. Marlene sah ihm kopfschĂŒttelnd nach, wie er mit viel zu hoher Geschwindigkeit um die nĂ€chste Ecke verschwand.

Im Zug ließ sie spĂ€ter den Nachmittag noch einmal Revue passieren. Sie war sich nun endgĂŒltig sicher, dass sie im nĂ€chsten Jahr nicht wieder nach Bad Steinberg kommen wĂŒrde. Nach dem heutigen Nachmittag fiel ihr die Entscheidung leichter. Alles hatte seine Zeit gehabt, und so war es gut gewesen.

Draußen hatte heftiger Regen eingesetzt. Marlene schreckte aus ihren Gedanken hoch, als auf der Landstraße neben der Bahnlinie ein Polizeifahrzeug mit hoher Geschwindigkeit vorbeiraste, wĂ€hrend der Zug an einem Haltesignal zum Stehen kam. Das Blaulicht warf ein bizarres Flackern durch die regennassen Scheiben.




Version vom 01. 04. 2016 19:46
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petrasmiles
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Aber warum musste er denn gleich sterben?
Mir hÀtte der Schlusspunkt - alles hat seine Zeit, hier komm' ich nicht mehr her - gereicht.
Aber diese 'Pointe' stört mich nicht nur 'emotional', ich finde auch, sie lenkt vom eigentlichen Erleben der Protagonistin ab. Obwohl sie die Zeit mit Ferdl offenbar genossen hat, wendet sie sich von diesem Erleben ab - warum sie zu diesem Schluss kommt - fĂŒr mich ist er nicht offensichtlich - finde ich viel interessanter, darĂŒber möchte ich viel lieber nachdenken als ĂŒber den Mann. Auch zwĂ€ngt sich da so eine verdrĂ€ngte Liebesgeschichte rein, so ein dramatischer Abgang, wie man sie von jungen dummen MĂ€nnern kennt, die der Liebe ihres Lebens nachtrauern, mit sich im Unreinen sind und dann einen Unfall bauen, man hört quasi quietschende Reifen, schluchzende Geigen, aber man bekommt die Totale auf das Gesicht der grausamen Frau nicht. Nein, sie hat ihr Faltenröckchen glatt gestrichen und sitzt im Zug - wahrscheinlich in Gedanken bei irgendwelchen nichtigen Dingen der Alltagsgestaltung.
Was ich eigentlich zum Ausdruck bringen will: Mich stört der Unfall am Schluss als melodramatischer Höhepunkt, der zum Rest des Geschehens nicht recht passen will.
Oder ist das erst der SchlĂŒssel?
Stellst Du Deine Protaginistin dar als prosaisches Wesen, dass damals wie heute nichts mitbekommen hat?
Hilf mir doch bitte beim SchĂŒrfen

Liebe GrĂŒĂŸe
Petra
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Nein, meine Punkte kriegt Ihr nicht ... ! Gegen Bevormundung durch Punktabzug fĂŒr Gutwerter!

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Ciconia
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Hallo Petra,

ja, warum musste der Ferdl sterben?

Ehrlich gesagt hatte ich diese Frage erwartet, denn ich war selbst nicht ganz sicher, ob das noch zu der Geschichte passen wĂŒrde. Aber ich wollte dem Ganzen noch ein wenig Dramatik verleihen. So habe ich das Ende mit dem Unfall erst sehr spĂ€t hinzugefĂŒgt, ohne hundertprozentig davon ĂŒberzeugt zu sein.

Eine verdrĂ€ngte Liebesgeschichte sehe ich eher nicht. Es kommt ja zum Ausdruck, dass es nie eine war und beide mit sich im Reinen sind. Wenn der Ferdl auf dem Heimweg verunglĂŒckt, sollte dies eher auf sein immer noch vorhandenes DraufgĂ€ngertun zurĂŒckzufĂŒhren sein, auf das im Laufe der Geschichte mehrfach hingewiesen wird. Vielleicht war er einfach noch in Gedanken bei den GesprĂ€chen mit Marlene und fĂŒr einen Augenblick bei zu hoher Geschwindigkeit nicht voll konzentriert auf das Verkehrsgeschehen. Ganz ohne Beziehungsdramatik.

Ich habe keinerlei Problem damit, die Geschichte ohne Unfall enden zu lassen. Vielleicht gibt es ja noch weitere Lesermeinungen dazu.

Dir sage ich erst einmal danke fĂŒr die BeschĂ€ftigung mit dem Text!

Gruß Ciconia



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Gelbe HĂŒhner
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Hallo Ciconia,
gut und stimmungsvoll geschrieben. (Vielleicht könnte man auf das eine oder andere FĂŒllwort - "plötzlich", "ziemlich", "ganzen" u.Ă€. - verzichten. Unwichtig.)
Du hast den Schluss schon entschĂ€rft, aber mir gefĂ€llt er immer noch nicht. Ich fĂŒrchte, du irrst dich, wenn du glaubst, dass dem Leser eine Wahl bleibt.
So wie du die Geschichte des alten Freundes aufbaust mit stichwortartigen Familienskizzen, mit seinem frĂŒheren DraufgĂ€ngertum und mit seiner heutigen UnbekĂŒmmertheit, vor allem mit den Gefahrsymbolen Berge, Motorrad und Gewitter - entschuldige - sie riecht von Anfang an wie ein Nachruf. Und dann lĂ€sst du mit dem letzten Absatz dem Leser wirklich keine Chance. Was soll er denn glauben, warum dieser Absatz dort steht?
Ich glaube, deine Geschichte ist erst dann richtig rund und lĂ€sst den Leser grĂŒbelnd zurĂŒck, wenn du diesen Absatz auch noch streichst. Du schreibst vorher, dass der alte Freund mit seinem Bik viel zu schnell wegfĂ€hrt. Das reicht. Das kann was heißen, muss aber nicht. Mehr ist, meiner Meinung nach, weniger.
Jörg
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Genug ist am besten.

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Ciconia
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Jessas, na! Jetzt meinte ich, dank mehrfacher weiblicher UnterstĂŒtzung die Geschichte in trockenen TĂŒchern zu haben, und wollte mich gerade noch einmal bei Petra bedanken (Danke, Petra!), da kommt ein (mĂ€nnliches!) Huhn mit einem neuen Vorschlag um die Ecke 


Hallo Jörg,

ich freue mich immer, wenn auch lĂ€ngere Texte aufmerksam gelesen werden. Du hast ganz richtig erkannt, dass die Geschichte ein wenig nach Katastrophe riecht. Man hĂ€tte also den Ferdl durchaus logisch sterben lassen können. Aber, wie die beratenden Damen sich einig waren, kam dieser Schluss zu abrupt daher. Ich meine, mit dem letzten Absatz und dem Blaulichtgeflacker ist ein guter Kompromiss gefunden, der dem Leser mehr Anlass zum Nachdenken gibt, als wenn die Geschichte so sang- und klanglos enden wĂŒrde.
Aber verunsichert hast Du mich schon wieder ein wenig 

Danke erst einmal fĂŒr Deine Überlegungen.

Gruß Ciconia


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