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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Martha
Eingestellt am 26. 05. 2001 19:45


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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

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Martha war schon ├╝ber zwei Jahrzehnte nicht mehr in ihrer Heimatstadt gewesen, dem Ort, an dem sie mehr als f├╝nfzig Jahre ihres Lebens zugebracht hatte. Sie sah aus dem Zugfenster. Gerade rollten sie ├╝ber die alte Eisenbr├╝cke, die den m├Ąchtigen Fluss ├╝berspannte, an dessen anderem Ufer der Bahnhof lag. Diese Br├╝cke mochte inzwischen ├╝ber hundert Jahre alt sein, ein Wahrzeichen der Stadt neben dem herausgeputzten Dom. Martha war auf dem Weg nach M├╝nchen. Sie hatte es sich so eingerichtet, dass ihr Anschlusszug erst in drei Stunden ging. In dieser Zeit wollte sie einen Ort aufsuchen, der einst, vor ├╝ber einem halben Jahrhundert, ihr ganzes Leben ver├Ąndert hatte. Nachdem sie ihr Gep├Ąck in einem Schlie├čfach verstaut hatte, stieg sie in ein Taxi und lie├č sich durch die ver├Ąnderte Stadt ein langes St├╝ck Flussaufw├Ąrts fahren. Es gab viele neue Geb├Ąude, manch vertraute Stra├če war kaum wieder zu erkennen. Ohne gro├čes Interesse nahm Martha die Wandlungen zur Kenntnis; als ihr Blick zuf├Ąllig den R├╝ckspiegel streifte, musste sie ├╝ber ihr faltiges Altfrauengesicht l├Ącheln. Sie wurde einem ├äffchen immer ├Ąhnlicher. Nie hatte sie verstanden, warum Frauen sich an ihre Jugend wie an eine Hoffnung klammern.
Im n├Ąchsten Monat w├╝rde sie siebenundsiebzig. Immer hatte sie sich gew├╝nscht, in einer weniger tr├╝ben Jahreszeit Geburtstag zu haben, als im November mit seinen Friedhofstagen.
Heute war einer dieser Oktobertage mit mauergrauem Himmel, ganz anders als der strahlende Fr├╝hlingstag, an dem sie das letzte Mal vor ├╝ber f├╝nfzig Jahren an jenem Ort war.
Die Stadt war weiter gewachsen. Wo fr├╝her langweilige R├╝ben├Ącker sich den letzten Hochh├Ąuser anschlossen, waren neue Siedlungen entstanden. Hier machte der Fluss eine Biegung. Das Taxi bog nach links ab, um sich wieder dem Wasser zu n├Ąhern. Der Park in der Flussschleife sah noch so aus, wie Martha ihn in Erinnerung hatte. Sie gab dem Taxifahrer Geld und bat ihn auf dem Parkplatz, zu warten.
Sie stieg aus und ging den verlassenen Weg zum Ufer. Im Sommer war es hier sicher voller Spazierg├Ąnger, genau wie damals. Als sie den Fluss erreicht hatte, wandte sie sich nach rechts, um seinem Lauf weiter aufw├Ąrts zu folgen. Es schien sich nichts ver├Ąndert zu haben, au├čer dass der Weg jetzt gepflastert war. Linker Hand die steile B├Âschung, das Kiesbett und schlie├člich der Strom, der sich braun und tr├Ąge darin zu w├Ąlzen schien, wie eine alte Frau auf ihrem Lager. Auf der anderen Seite des Uferweges, ein zertrampelter Grasstreifen, dann der Birkenwald. Alle f├╝nfzig Meter eine Sitzbank. Martha versuchte sich zu erinnern. Hier ungef├Ąhr muss es gewesen sein. Merkw├╝rdig, wie klar sie alles vor Augen hatte, aber es ber├╝hrte sie nicht. Dieser Fr├╝hlingsabend. Sie war mit einer Freundin spazieren gegangen, dann hatten sie sich getrennt, weil Martha noch einen Augenblick alleine sein wollte, bevor sie sich auf den Heimweg machte. Sie hatte Kummer wegen eines Mannes, der sich in ihrem Ged├Ąchtnis heute nicht mehr klar von anderen M├Ąnnern aus dieser Zeit unterscheiden lie├č.
Damals hatte sie auf einer Bank gesessen, in Gedanken versunken. Sie hatte den Mann nicht bemerkt, der sich ihr gen├Ąhert haben musste, w├Ąhrend sie ins Wasser starrte. Erst als er ihren Arm packte, sprang sie mit einem Schrei auf. Sie konnte sich heute noch an den Geruch seiner Hand erinnern, die sich ├╝ber ihren Mund legte. Sie roch nach Zigaretten und Minze, der Ehering schlug schmerzhaft gegen ihre Z├Ąhne.
Martha sah sein Gesicht ├╝ber sich, noch heute erstaunte es sie, wie gew├Âhnlich es gewesen war. Nicht brutal, nicht h├Ąsslich, seri├Âs, ein M├Ąnnergesicht, das zum Filialleiter eines Supermarkte, einem jungen Pfarrer gepasst h├Ątte. Der Mann zerrte sie ins Geb├╝sch, sie hatte sich zuerst gewehrt, lie├č es dann aber mit sich geschehen. Sie hatte die Augen geschlossen und sich vorgestellt, sie sei eine Puppe. Eine reglose Puppe ohne Gef├╝hl. Sie hatte die Augen erst wieder ge├Âffnet, als sie merkte, dass niemand mehr da war. Was dann folgte, waren die ├╝blichen Befragungen, Bilder die ihr von der Polizei vorgelegt wurden, die Anzeige die zu nichts f├╝hrte. Dieses Erlebnis hatte ihr ganzes Leben ver├Ąndert.
Martha setzte sich wie damals auf eine Bank und sah auf den Strom, der f├╝r sie ein Sinnbild der Gleichg├╝ltigkeit geworden war. Sie dachte an die lange Zeit des Hasses, an die Psychologen, die Selbsthilfegruppen und die verschlissenen Freundschaften. Der Hass hatte ├╝ber zehn Jahre gedauert, sie tr├Ąumte davon, Rache zu nehmen. Ihre Phantasien lie├čen keine Grausamkeit aus, die sie diesem Mann antun wollte. Sie ver├Ąnderte sich. Ihre M├Ąnnerbekanntschaften waren nur noch von kurzer Dauer. Als sie auf die vierzig zuging, hatte der Hass seine lodernden Flammen verloren und war zu einem unangenehmen Gl├╝hen verk├╝mmert. Auch diese Glut erlosch nach einigen Jahren. Zur├╝ck blieb in Marthas Herz das dornige Gestr├╝pp des Nichtverzeihens. Dies machte sie unzug├Ąnglich f├╝r andere, auch sie selber verlor bald das Interesse an ihren unwegsamen Gef├╝hlen. Da sie aus dem Alter war, in dem M├Ąnner sich ungeachtet aller Schwierigkeiten in eine Frau verlieben, blieb sie alleine.
Sie blieb weiter in der Stadt, ging aber nie wieder die Wege am Fluss entlang.
Beruflich war sie erfolgreich, auch wenn sie keine nahen Freunde hatte, lebte sie ein geselliges Leben. Heute sa├č Martha wieder hier, eine alte Frau deren verdorrtes Herz bald zu Staub zerfallen w├╝rde.
Nichtverzeihen. Keiner der dies nicht kannte, w├╝rde verstehen, wie sie sich nach dem lebendigen Hass der ersten Jahre sehnte.
Ein alter Mann, der sich beim Gehen schwer auf seinen Stock st├╝tzte, lie├č sich auf dem anderen Ende der Bank nieder. Martha sah gleichg├╝ltig zu ihm hin├╝ber. Ihr stockte der Atem. Martha sah noch einmal genauer hin, dies war der Mann. Auf der Bank direkt neben ihr sa├č der Mann, der damals ihren K├Ârper benutzt und ihre Seele zermalmt hatte. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, vielleicht war sie ja verr├╝ckt, aber sie war sich sicher, hier neben ihr sa├č der Mann, der in nur zehn Minuten einen tiefen Schatten auf ihr Leben geworfen hatte und sie in d├╝sterem Zwielicht zur├╝cklie├č. Sein Gesicht war wie ihres gealtert. Noch immer sah er so belanglos und unauff├Ąllig aus wie damals. Martha starrte auf die H├Ąnde, die den Griff des Stockes umfasst hielten; knochig und fleckig waren sie inzwischen geworden. Aber es waren dieselben H├Ąnde. Als der Alte mit einem freundlichen L├Ącheln zu ihr her├╝bernickte, h├Ątte Martha fast aufgeschrieen - wie damals vor f├╝nfzig Jahren. Sie sa├čen eine Weile schweigend nebeneinander, beide beobachteten ein schwer beladenes Frachtschiff, das langsam stromauf fuhr. Etwas sp├Ąter h├Ârten sie die Wellen ans Ufer klatschen. Mit einem leisen Gru├č stand der alte Mann auf und ging schwerf├Ąllig weiter.
Martha f├╝hlte, wie das Entsetzen verschwand und dem schon fast vergessenen Gef├╝hl des Hasses Platz machte. Sie sah dem Alten hinterher und stellte fest, dass sie heute wohl st├Ąrker w├Ąre, als er. Langsam erwachte die Lust an Rache wieder in ihr. Ihr Herz dehnte sich, als die ersten Flammen aufloderten. Ein rasendes Feuer verzehrte das verdorrte Gestr├╝pp des Nichtverzeihens.
Beh├Ąnde stand sie auf und folgte dem Mann. Martha ging z├╝gig und war bald dicht hinter ihm. Als sie am Wegesrand einen Stein von passender Gr├Â├če sah, hob sie ihn auf.
Jetzt ging Martha dicht hinter dem Alten und hielt die Hand mit dem Stein leicht erhoben.
Der Mann merkte bald, dass er verfolgt wurde - verfolgt von einer elegant gekleideten alten Dame mit einem Stein in der Hand. Er versuchte schneller zu gehen, aber seine kranken Beine lie├čen ihn im Stich, seine Bewegungen wurden ruckhaft, sein Gehstock schwang immer weiter aus, als wolle er ohne ihn fliehen.
W├Ąhrend sie sich dem Weg n├Ąherten, der Martha zu ihrem Taxi zur├╝ckgebracht h├Ątte, genoss sie, mit einem Anflug von mitleidigem Spott, die Angst des Alten. Sie betrachtete den Greisenkopf vor sich, das d├╝nne, gelbliche Haar war ├╝ber die blasse Kopfhaut gek├Ąmmt, den Hemdkragen, der ihm wohl mal gepasst hatte, war jetzt zu weit f├╝r den faltigen Hals. Nachdenklich wog sie den Stein in ihrer Hand. W├╝rde ein Schlag gen├╝gen? Oder w├╝rde sie diesen zerbrechlich wirkenden Sch├Ądel erst mit mehreren Hieben zertr├╝mmern k├Ânnen?
Martha war es gleichg├╝ltig, ob man sie wegen Mordes Anklagen w├╝rde. Vielleicht w├╝rde sie auch keiner verd├Ąchtigen, in einer Stunde w├╝rde sie wieder im Zug nach M├╝nchen sitzen. Die Sorge gefasst zu werden, spielte in ihren ├ťberlegungen keine wichtige Rolle. Sie musste sich entscheiden, hier vor ihr war der Zerst├Ârer ihres Lebens. Wollte sie ihn jetzt t├Âten oder nicht?
Sie kamen der Abzweigung immer n├Ąher. Martha versuchte sich die Befriedigung vorzustellen, diesen Kopf zerschmettert am Boden zu sehen. Sie wusste genau, sie konnte es tun, ihr Hass war jetzt wieder stark genug.
Als die Wegkreuzung schlie├člich kam, warf Martha den Stein einmal spielerisch in die Luft, betrachtete ihn kurz, dann schleuderte sie ihn mit aller Kraft in den Fluss.
Ihr Blick folgte seinem Flug. Sie beobachtet die Stelle, an der er versank, bis der letzte Wasserkreis verschwunden war. Der Alte war weitergehumpelt. W├Ąhrend Martha zu dem Parkplatz abbog, sah sie noch einmal hinter ihm her. In diesen Moment drehte der Mann sich auch um, sie sahen sich in die Augen. Zu ihrer Verwunderung erkannte Martha ihn nicht mehr.
Einen Augenblick glaubte sie verwirrt, er sei ein Fremder.
Aber als sie wieder ins Taxi stieg und zum Bahnhof zur├╝ckfuhr, war sie sich wieder ganz sicher, dass es wirklich der Mann gewesen war, der sie vor f├╝nfzig Jahren zu einer Puppe gemacht hatte.
Als Martha sp├Ąter im Zug nach M├╝nchen sa├č und er abermals ├╝ber die Eisenbr├╝cke rumpelte, sah Martha voller Liebe in das tr├Ąge Wasser des Flusses.

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leonie
Guest
Registriert: Not Yet

hallo kyra

Toll geschrieben, vor allem der Schluss, wo die Frau ihre Hass besiegt gef├Ąllt mir sehr.
liebe gr├╝├če leonie

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Kyra
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Re: hallo kyra

Hallo Leonie,

Du schreibst:

vor allem der Schluss, wo die Frau ihre Hass besiegt gef├Ąllt mir sehr.

so war es nicht, sie hat mit ihrem Hass das "Nichtverzeihen" ├╝berwunden. Da sie Gelegenheit hatte - oder auch nur geglaubt hatte sie h├Ątte die Gelegenheit sich zu R├Ąchen, (es ist ja nicht klar ob es wirklich der Mann war)hat sie ihren Hass ausgelebt, und damit ├╝berwunden. So hatte ich es jedenfalls gemeint. Sie h├Ątte ihn auch erschlagen k├Ânnen, das Ergebnis w├Ąre der gleiche Seelenfrieden gewesen.

Viele Gr├╝├če

Kyra

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flammarion
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Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

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eine

sehr gut geschriebene, anr├╝hrende geschichte. wie immer verzeihe ich ob der guten lekt├╝re die kleinen fehlerchen. einige wendungen sind brillant formuliert. ich glaube aber, ich h├Ątte gern gelesen, da├č sie ihm den stein ins kreuz geschmissen hat. nee, nee, das is nur so n dummes gef├╝hl. du hast deine sache gut gemacht! ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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