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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Martin Walser, Tod eines Kritikers
Eingestellt am 28. 07. 2002 14:06


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Festzeitungsschreiber
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Thematisch brisant - Literarisch unbedeutend

Der popul├Ąre Literaturkritiker Andr├ę Ehrl-K├Ânig verrei├čt in seiner TV SPRECHSTUNDE Hans Lachs neuestes Buch. Auf der anschlie├čend stattfindenden Party im Hause des Verlegers, zu der er entgegen den Regeln eingeladen war, st├Â├čt Hans Lach Morddrohungen gegen Ehrl-K├Ânig aus. Am n├Ąchsten Morgen ist der ber├╝hmte Kritiker verschwunden, nur sein blutdurchtr├Ąnkter Cashmere-Pullover wird im Schnee gefunden. Hans Lach steht unter Mordverdacht und wird - trotz fehlender Leiche - festgenommen. Sein Freund und Schriftstellerkollege Michael Landolf ist wild entschlossen, Hans Lachs Unschuld zu beweisen.

Was jetzt folgt, ist Walsers ganz pers├Ânliche Abrechnung mit dem Literaturbetrieb und mit Erzfeind Marcel Reich-Ranicki. Inhaltlich w├Ąre der Text bedeutungslos zu nennen, wenn nicht der Vorwurf des Antisemitismus im Raum st├╝nde. In der Tat kann man sich fragen, warum Walser Hans Lach seine Morddrohung mit den Worten: „Die Zeit des Hinnehmens ist vorbei. (...) Ab heute Nacht Null Uhr wird zur├╝ckgeschlagen" aussprechen l├Ąsst und damit eindeutig auf Hitler referiert und warum nicht ein einfaches „Ich bring dich um!" (oder ├ähnliches) gen├╝gt h├Ątte.

Allerdings taucht Ehrl-K├Ânig am Ende wieder ganz lebendig und sehr medienwirksam auf und die ganze Erz├Ąhlung entpuppt sich als „Intervallschachtelung", als Geschichte in der Geschichte.

Nun kennt aber Walser den deutschen Kulturbetrieb nur zu gut und greift die vor der Publikation in den Feuilletons stattgefundene Debatte bereits im Werk selbst auf. Umso fragw├╝rdiger wird vor diesem Hintergrund Walsers eigenes Handeln, n├Ąmlich die bewu├čte Lancierung des noch mit Korrekturfahnen best├╝ckten Manuskriptes an die F.A.Z. Er hat sich damit selbst sehr bewu├čt und gekonnt der Mechanismen bedient, der er u.a. in „Tod eines Kritikers" kritisiert.

Das alles mag man verachtenswert, unmoralisch und/oder provokativ finden, aber ist es auch antisemitisch?

Tats├Ąchlich skizziert bzw. karikiert Walser Marcel Reich-Ranicki sehr rachs├╝chtig und sehr pointiert - Sowohl als Person als auch in seiner Funktion als der m├Ąchtigste deutsche Literaturkritiker. Das allerdings ist f├╝r mein Empfinden weder sprachlich noch stilistisch noch inhaltlich besonders spannend oder in nennenswerter Qualit├Ąt geschrieben. Hier schreibt sich Walser vielmehr seinen Frust von der Seele, aber daran teilhaben muss man eigentlich nicht unbedingt. Die literarische Qualit├Ąt des Buches ist meiner Ansicht nach eher vernachl├Ąssigenswert.

Erz├Ąhlt wird ├╝berwiegend in indirekter Rede, so dass sich der Text nicht sehr fl├╝ssig liest - Zumal die S├Ątze ineinander verschachtelt sind und durch etliche Kommata unterbrochen werden: „Da├č der M├Ąchtigste dein Feind ist, ist nicht das Schlimmste, sondern da├č er jedesmal wenn er dich erledigt, bevor er dich erledigt, wieder mit zum Himmel gedrehten Augen seufzt, wie ungern er sage, was er jetzt ├╝ber Hans Lachs neuestes Buch sagen m├╝sse, da├č es n├Ąmlich von Grund auf mi├čgl├╝ckt sei, das ├╝ber den Fereund Hans Lach zu sagen, den er trotz dieses wieder mi├čgl├╝ckten Buches f├╝r einen unserer interessantesten, zurechnungsf├Ąhigsten Scheriftsteller halte, das schaffe er nur, weil er sich stets der h├Âheren Weisung bewu├čt sei, da├č er zu dienen habe dem Wohl und Gedeihen der deutschen Literat├╝r."

├ťberhaupt wirkt der Sprachstil „angestaubt", altert├╝mlich und gek├╝nstelt: „Da man von mir, was zu schreiben ich mich jetzt veranlasst f├╝hle, nicht erwartet muss ich wohl mitteilen, warum ich mich einmische in ein Geschehen, das auch ohne meine Einmischung schon ├Âffentlich genug geworden zu sein scheint." Nat├╝rlich liest sich anders. Aber all das ist ja bewu├čte Attit├╝de und muss nicht jedem gefallen.

Bleiben einzig und allein Thematik und Inhalt, die das Buch an die Spitzenposition der Bestseller-Liste katapultierten. Zu Recht?

Folgt Walsers - sicherlich stark ├╝berzogene - Darstellung des Literaturkritikers tats├Ąchlich einem „geradezu klassichen Muster der Diskriminierung" wie Literaturwissenschaftlerin Ruth Kl├╝ger es entdeckt hat (Spiegel online, 27.06.02)? Karikiert Walser nicht viel mehr Reich-Ranickis signifikante Gestik, Mimik und Aussprache, und zwar weil es Reich-Ranickis Eigenschaften sind, nicht jedoch weil es „j├╝dische" Charakteristika sind? Oder leistet die offensichtlich verzerrte Karikatur alten Klischees, Vorurteilen und Diskriminierungsmustern doch Vorschub, weil sie zur h├Ą├člichen - gar unmenschlichen - Fratze ger├Ąt und weil Walser das „antisemitische Stereotyp (...) vom geilen Juden, der Macht aus├╝bt, die zu haben er nicht legitimiert ist (...)" bedient (Jan Philipp Reemtsma, Spiegel online 27.06.02)?

Das sind letztlich Fragen, die jeder f├╝r sich durch eigene Lekt├╝re und im Austausch mit anderen an Literatur Interessierten beantworten muss. Von gro├čer Bedeutung f├╝r die deutsche Literatur wie andere Werke ist „Tod eines Kritikers" aber sicherlich nicht, denn auch als Schilderung der Machtverh├Ąltnisse im Literaturbetrieb und der Mechanismen, die ihn zusammenhalten, liest sich das Buch nur f├╝r Insider spannend und am├╝sant. Der „lediglich" an der Literatur interessierte und nicht mit allen Intimit├Ąten des Literaturbetriebes bekannte Leser d├╝rfte dabei nicht auf seine Kosten kommen.

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Lasst Euch die Kindheit nicht
austreiben! (Erich K├Ąstner)

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