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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Maskerade (2. Versuch)
Eingestellt am 21. 06. 2015 18:39


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Hyazinthe
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2015

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1
Immer wenn sie in eine andere Rolle schlĂŒpfte, genoss sie das Ritual der Verwandlung wie eine Art erotisches Vorspiel. Es war wichtig, dabei eine ganz bestimmte Reihenfolge zu beachten, von der sie nicht abweichen durfte, wollte sie nicht die Lust an dem Spiel verlieren. Es fing damit an, dass sie ihrer Stimmung nachspĂŒrte, um zu entscheiden, wer sie heute sein wollte. Dann breitete sie die dazu benötigten KleidungsstĂŒcke und Accessoires sorgfĂ€ltig auf ihrem Bett aus, begutachtete sie, tauschte vielleicht das eine oder andere gegen ein Ă€hnliches aus und prĂŒfte, ob alles vollstĂ€ndig und intakt war. Dann nahm sie eine heiße Dusche, wusch ihr Haar und traf alle erforderlichen Maßnahmen fĂŒr die neue IdentitĂ€t, bevor sie die KleidungsstĂŒcke anlegte und ein anderer Mensch wurde.

Hauptkommissar Johannes Weissgerber wandte sich ab. Er hatte in seiner dreißigjĂ€hrigen Dienstzeit zwar schon etliche Todesopfer gesehen, aber immer noch konnte er den Anblick der geschundenen toten Körper nur schwer ertragen.
„Sie ist erschlagen worden“, sagte Dr. Burger. „Mit mehreren SchlĂ€gen auf den Kopf. Sie hat versucht, die SchlĂ€ge abzuwehren, daher die Flecken auf ihren Unterarmen. Es hat ihr aber nichts genutzt.“ Die Gerichtsmedizinerin richtete sich auf. „Die arme Frau hatte keine Chance. Wahrscheinlich waren es mehrere TĂ€ter, die auf sie eingeschlagen haben. Womöglich ist sie auch getreten worden. Genaueres kann ich erst sagen, wenn ich sie untersucht habe.“
„Kann man erkennen, was fĂŒr eine Art von Waffe der oder die TĂ€ter benutzt haben, Frau Doktor?“
„Den berĂŒhmten stumpfen Gegenstand. Ich tippe auf einen krĂ€ftigen KnĂŒppel oder so etwas wie einen BaseballschlĂ€ger.“
Weissgerber ging um die Frauenleiche herum und betrachtete sie genauer. Offensichtlich eine Obdachlose. Mehrere Pullover und Jacken ĂŒbereinander, trotz des Sommers, eine alte Trainingshose, darĂŒber ein weiter karierter Rock. Keine StrĂŒmpfe, aber verschlissene knöchelhohe Tennisschuhe. Von dem linken hatte sich die Sohle ein StĂŒck gelöst. An den HĂ€nden Wollhandschuhe ohne Finger. Schmutzige FingernĂ€gel. Graue zerzauste Haare. Soweit das blutige Gesicht noch zu erkennen war, war die Frau von mittlerem Alter. In einer PlastiktĂŒte von Rewe einige leere Bierdosen und eine Flasche mit billigem Rotwein. Weitere PlastiktĂŒten, prall gefĂŒllt. Womit, wĂŒrde man ihm spĂ€ter mitteilen.
„Seit wann liegt sie hier, Frau Doktor?“
Die Gerichtsmedizinerin zog bei der Frage missbilligend die Augenbrauen hoch. Als ob der Kommissar nicht wĂŒsste, dass die genaue Todeszeit erst nach einer genaueren Leichenschau festgelegt werden konnte!
„UngefĂ€hr, wenigstens“, bat Weissgerber.
„Also, schĂ€tzungsweise seit acht bis zwölf Stunden. Wahrscheinlich ist es gestern Abend passiert. Hier im Park. Man hat sie unter die BĂŒsche geschleift, wo der Hund der SpaziergĂ€ngerin sie heute Morgen entdeckt hat.“
Dr. Anna Burger packte ihre Sachen zusammen und wandte sich zum Gehen. Ihr Gesicht sah mĂŒde aus. Sie schob ihre Brille zurecht und strich sich eine StrĂ€hne ihres kinnlangen grauen Haares aus dem Gesicht.
„Tja, da hat wohl mal wieder jemand seinen Hass auf die Menschheit an einer armen Obdachlosen ausgelassen. Ich hoffe, Sie finden die TĂ€ter, Herr Kommissar.“
Weissgerber hob die Hand zum Abschied und wandte sich an seinen Kollegen, Kommissar Carsten Raabe. Raabe kam gerade von der Polizeischule, das hier war sein erster Mordfall.
„Die Tote hatte keine Papiere bei sich. Nur dieses kleine Portemonnaie mir drei Euro fĂŒnfzig. Wir wissen nicht, wer sie war.“ Er schĂŒttelte bekĂŒmmert den Kopf. „Hoffentlich ist ihr Gesicht nicht so weit entstellt, dass wir noch ein Foto von ihr machen können. Wie sollen wir sonst herausbekommen, wer die arme Frau war.“
„Vielleicht bringen uns die FingerabdrĂŒcke ein StĂŒck weiter. Oder der DNA-Abgleich.“ Weissgerbers Stimme klang, als setzte er keine sehr große Hoffnungen in diese Identifikationsmethoden. Wenn die Tote nicht kriminell war, wĂŒrde sie auch nicht registriert sein. Aber wer weiß, dachte er.
„Die Passanten, die ich befragen konnte, haben nichts AuffĂ€lliges bemerkt“, meldete Raabe. „Nur die Frau Södersen hier. Sie hat die Leiche entdeckt, das heißt vielmehr, ihr Dackel. Das war gegen halb acht Uhr heute Morgen. Da war in dem Park noch nicht viel los, sagt Frau Södersen.“
Die Frau neben ihm war vielleicht Sechzig, ziemlich fĂŒllig mit einem breiten Gesicht, lebhaften kleinen grauen Augen und einem Kopf voll weißgrauer Dauerwellen. Auf dem Arm hielt sie einen niedlichen Kurzhaardackel, dem man ansah, dass er lieber noch weiter herum geschnĂŒffelt hĂ€tte.
„Ja, meine Polli hier hat die Frau entdeckt. Ich wollte erst gar nicht zu ihr gehen, weil ich dachte, sie schlĂ€ft noch. Hier halten sich nĂ€mlich hĂ€ufig Obdachlose auf. Und manchmal, wenn es nicht zu kalt ist nachts, schlafen sie hier einfach auf dem Rasen. Ich verstehe nicht, warum die nicht in ihrer Sozialwohnung bleiben. Jeder bekommt doch heutzutage eine Wohnung bezahlt, wenn er nichts verdient, oder? Die mĂŒssen doch nicht draußen schlafen.“ Sie schĂŒttelte missbilligend den Kopf. Bevor sie sich jedoch weiter ĂŒber die Gewohnheiten der Obdachlosen auslassen konnte, stoppte Weissgerber ihren Redefluss.
„Ja, gewiss, das ist wohl so. Doch jetzt etwas anderes. Wohnen Sie hier in der NĂ€he, Frau Södersen?“
„Ja, ich wohne in dem HĂ€userblock, gleich hier neben dem Park. Das heißt, mein Mann und ich wohnen dort. Aber mein Mann ist nicht mehr gut zu Fuß, deshalb gehe ich immer mit Polli Gassi.“ Sie hielt inne. „Aber warum wollen Sie das denn wissen, Herr Kommissar?“ Weissgerber ignorierte ihre Frage. „Sicher muss der Hund auch abends Gassi gehen, oder? Haben Sie vielleicht gestern Abend, so gegen neun oder zehn Uhr, etwas Ungewöhnliches bemerkt, hier im Park? Vielleicht etwas gehört?“
„Gestern Abend? Hier im Park?“ Marie-Luise Södersen ĂŒberlegte, wĂ€hrend sie den Dackel, der auf ihrem Arm herumzappelte, krampfhaft festhielt. „Also. Ja, ich bin mit Polli Gassi gegangen, das war so gegen halb neun, jedenfalls war die Tagesschau schon vorbei. Aber ich habe nichts bemerkt. Ja, richtig, eine Joggerin kam vorbei, und ein paar Jugendliche auf Skatern oder wie die Dinger heißen, waren da. Aber sonst...“ Sie zog bedauernd die runden Schultern hoch. „Manchmal treibt sich hier auch allerlei Gesindel herum, DrogensĂŒchtige und so, aber die kommen meistens erst, wenn es dunkel ist.“
„Vielen Dank, Frau Södersen. Wenn wir noch Fragen haben sollten, melden wir uns bei Ihnen. Der Inspektor hat sich Ihre Adresse doch aufgeschrieben?“
„Ja, er hat sie in sein Dingsda, das Smartphone eingetippt.“ Frau Södersen war sichtlich enttĂ€uscht darĂŒber, dass sie schon entlassen war. Sie zog einen Schmollmund, ließ ihren Hund auf den Boden nieder, sagte „Komm, Polli“ und ging davon.
Raabe war unzufrieden.
„Ich fĂŒrchte, es wird schwer sein, den oder die Mörder der armen Frau ausfindig zu machen. Wir haben weder die Tatwaffe noch sonstige verwertbare Spuren gefunden.“ Der junge Polizist klang niedergeschlagen. Zusammen mit Weissgerber sah er zu, wie die Kollegen die Leiche in den Zinksarg legten und abtransportierten. Das weiß-rote Absperrband wurde wieder aufgerollt, und kurze Zeit spĂ€ter erinnerte nichts mehr daran, dass auf dieser Wiese vor kurzem ein brutaler Mord geschehen war.
„Tja, das wird wohl wieder solch ein ungelöster Tötungsfall werden, der schon bald zu den Akten gelegt wird.“
Weissgerber seufzte. Dann wandten er und der Inspektor sich zum
Gehen.

2
Als sie jetzt aus dem Badezimmer kam, hatte sie ihren schlanken, noch jugendlich straffen Körper auf das heutige Outfit vorbereitet: Beine und Achseln waren frisch rasiert, die Schamhaare auf ein sauberes Dreieck gestutzt, die langen blonden Haare (heute brauchte sie keine PerĂŒcke) frisch gewaschen und zu einer ĂŒppigen Lockenfrisur geföhnt. Das helle Make up ließ ihre schwarz umrandeten Augen mit den stark getuschten Wimpern und dem blauen Lidschatten besonders groß und ausdrucksvoll erscheinen. Den erdbeerroten Lippenstift hatte sie passend zu den sorgfĂ€ltig manikĂŒrten und lackierten FingernĂ€geln gewĂ€hlt.
Vollkommen nackt trat sie vor die ausgebreiteten KleidungsstĂŒcke, und langsam, um die Zeremonie voll auszukosten, zog sie eines nach dem anderen an. Zuerst den BĂŒgelbĂŒstenhalter aus cremefarbener Seide, den dazu passenden Slip und das Unterkleid mit breiter Spitze am Dekolletee und Saum. Sie genoss das seidig glatte GefĂŒhl des zarten Stoffes auf ihrer nackten Haut und den schimmernden Glanz des edlen Materials. Danach rollte sie die hauchdĂŒnnen NylontrĂŒmpfe vorsichtig auf, bevor sie sie ĂŒber ihre FĂŒĂŸe und Beine bis zu den Oberschenkel hochzog, wo der breite Spitzenbesatz endete. Vor dem großen Wandspiegel prĂŒfte sie den Sitz der StrĂŒmpfe. Perfekt. Sodann streifte sie ein schlichtes cremefarbenes Top mit dĂŒnnen TrĂ€gern ĂŒber, das einen effektvollen farbigen Kontrast zu dem marineblauen DesignerkostĂŒm bildete, das sie heute tragen wollte. Die taillierte Jacke und der schmale Rock des leichten SommerkostĂŒms wiesen einen eleganten, sehr die Figur betonenden Schnitt auf. Sie drehte sich vor dem Spiegel hin und her: Es saß tadellos. Das Outfit wurde komplettiert durch sehr hohe, ebenfalls cremefarbene Pumps sowie durch einen Strohhut mit weicher, großer Krempe und schmalem Band, dessen blaue Farbe perfekt zur der des KostĂŒms passte.
Zuletzt tupfte sie einen Tropfen ihres kostbaren Chanel-Parfums hinter die OhrlĂ€ppchen, setzte den Hut auf und hĂ€ngte die HermĂšs-Handtasche elegant ĂŒber den Unterarm. Die Verwandlung war komplett. Der große, bis auf den Boden reichende Spiegel warf in dem weichen Nachmittagslicht, das durch die VorhĂ€nge fiel, ihre Gestalt zurĂŒck. Nach einem letzten prĂŒfenden Blick lĂ€chelte sie ihrem Spiegelbild zu und verließ das Haus.

„Herr Weissgerber? ... Hier Dr. Burger, Herr Kommissar. Bitte kommen Sie doch kurz in die Gerichtsmedizin, ich habe hier etwas Interessantes fĂŒr Sie. ... Ja, es geht um die Tote aus dem Stadtpark. .... Das sollten Sie sich selber anschauen. ...Ja, bis gleich.“
Dr. Anna Burger legte den Telefonhörer auf und wandte sich wieder der Frauenleiche zu, die auf dem metallenen Seziertisch lag. Sie schĂŒttelte verstĂ€ndnislos den Kopf. Der Körper, den sie fachgerecht und sorgfĂ€ltig obduziert hatte, war nicht der einer Obdachlosen. Es war der gesunde, gut gebaute Körper einer etwa fĂŒnfunddreißigjĂ€hrigen Frau, sechzig Kilo schwer bei einer GrĂ¶ĂŸe von Einmeterundsiebzig. Das Gebiss war vollstĂ€ndig und gut gepflegt, sah man von der Verletzung ab, die einer der harten SchlĂ€ge gegen den Kopf dem rechten Gaumen zugefĂŒgt hatte. Das struppige graue Haar war eine PerĂŒcke gewesen, darunter war langes glattes blondes Haar zum Vorschein gekommen. Und das MerkwĂŒrdigste: Die Falten um den Augen, die schwarzen RĂ€nder unter den FingernĂ€geln, sogar die Schmutzflecken im Gesicht und auf den Armen und HĂ€nden: Alles nur Theaterschminke! Die Frau war verkleidet gewesen! Dazu passte, dass in den drei PlastiktĂŒten, die sie bei sich gehabt hatte, nur Zeitungspapierschnipsel gewesen waren.
Die MetalltĂŒr öffnete sich und Hauptkommissar Weissgerber und sein Assistent betraten die Pathologie.
„Guten Tag, Frau Doktor. Was gibt es denn so Interessantes. Eigentlich hatten wir gedacht, dass an diesem Fall alles ganz klar sei.“
Weissgerber gab der Pathologin die Hand, Raabe ebenso. Dr. Burger erwiderte die BegrĂŒĂŸung mit einem knappen LĂ€cheln.
„Ich habe hier etwas wirklich Überraschendes, Herr Kommissar. Sehen Sie selbst.“ Sie nahm einen Zipfel des grĂŒnen Tuches, das die Leiche bedeckte, und zog es zurĂŒck. Weissgerber und Raabe traten nĂ€her an den Seziertisch heran und starrten auf die Leiche.
„Das ist unsere Obdachlose? Die aus dem Park?“, fragte Raabe unglĂ€ubig. „Aber die war doch viel Ă€lter. Und grauhaarig.“
„Diese Frau war höchstens fĂŒnfunddreißig Jahre alt und kerngesund. Kein Leberschaden, kein irgendwie gearteter Hinweis auf Drogenmissbrauch, wahrscheinlich hat sie nicht einmal geraucht, wenn man die makellose Haut betrachtet. Abgesehen von den HĂ€matomen, die von FaustschlĂ€gen oder Fußtritten herrĂŒhren, und dem massiven SchĂ€del-Hirn-Trauma, das durch zwei heftige SchlĂ€ge auf den Kopf verursacht wurde, ist der Körper völlig intakt. Der eine Schlag ist seitlich gefĂŒhrt worden und hat das rechte SchlĂ€fenbein, einen Teil des Wangenknochens und des Gaumens zertrĂŒmmert, der zweite Schlag erfolgte von hinten und hat die SchĂ€deldecke beschĂ€digt. Diese Verletzungen haben innerhalb weniger Minuten zum Tod dieser Frau gefĂŒhrt. Die HĂ€matome sind ihr kurz vor ihrem Tod beigebracht worden. Sie ist, kurz gesagt, zu Tode geprĂŒgelt worden.“
„Aber ... sie hat doch ganz anders ausgesehen, als wir sie fanden.“ Raabes Gesicht zeigte einen völlig ratlosen Ausdruck, als er jetzt um den Metalltisch herumging und den Frauenkörper betrachtete, der trotz der Sezier- und Verletzungsspuren noch einen Rest seiner weiblicher Schönheit bewahrt hatte.
„Sie hat Theaterschminke benutzt, um alt und verbraucht auszusehen. Und eine graue PerĂŒcke. Keine Ahnung warum. Die Klamotten, die sie trug, sind in der Kriminaltechnik zur Untersuchung; wahrscheinlich wird man feststellen, dass es gebrauchte Sachen vom Flohmarkt oder aus der Altkleidersammlung sind. Und schauen Sie hier.“ Die Pathologin leerte einen der PlastiktĂŒten auf den Boden aus, „lauter Zeitungsschnipsel. Sie hat nur den Anschein erwecken wollen, als sei sie eine Obdachlose.“
Weissgerber und sein Assistent sahen sich an.
„Warum um Himmels Willen verkleidet sich eine hĂŒbsche junge Frau als Obdachlose und treibt sich am spĂ€ten Abend im Stadtpark herum?“ Kommissar Carsten Raabe sprach aus, was alle dachten.
„Tja“, antwortete Anna Burger lakonisch, „das ist hier die Frage. Und wer diese Frau in Wirklichkeit war. Und wer sie so brutal ermordet hat. Ran an die Arbeit, meine Herren!“

Weissgerber und Raabe saßen sich am Schreibtisch gegenĂŒber.
„Was hat die kriminaltechnische Untersuchung der GegenstĂ€nde ergeben, die die Frau bei sich trug?“, fragte Weissgerber.
„Es waren nur die FingerabdrĂŒcke der Toten auf dem Portemonnaie und den Flaschen und Dosen. Sie sind nicht registriert. Die Frau hat nicht aus den Dosen getrunken, auch nicht aus der Rotweinflasche; jedenfalls konnte keine DNA festgestellt werden. Es gibt keine Vermisstenanzeige, die auf die Person passt.“ Raabe zuckte resigniert mit den Schultern. „Wir haben nichts.“
Weissgerber biss sich nachdenklich auf die Unterlippe.
„Also mĂŒssen wir schauen, was der Tatort hergibt, solange wir nichts ĂŒber die Tote wissen. Wie Frau Södersen gesagt hat, treiben sich nachts in dem Park allerlei Jugendliche und DrgenabhĂ€ngige herum. Also mĂŒssen wir die einschlĂ€gig vorbestraften Kriminellen aus der Rocker- und Drogenszene ermitteln. Wie werden noch einmal alle Anwohner des Parks befragen, wer sich abends dort herum treibt. Und wir mĂŒssen die IdentitĂ€t der Frau feststellen. Dr. Burger soll ein möglichst gutes Foto von dem Gesicht machen, das wir an die Presse geben können.“ Kommissar nahm sein Jackett von der Lehne seines BĂŒrosessels und stand auf.

3
Nun kam der zweite, eigentlich noch wichtigere Teil der Verwandlung: Die Reaktion der Menschen auf ihre momentane IdentitĂ€t. Sie fuhr mit ihrem Auto in die City, stellte den Wagen in einem der großen ParkhĂ€user ab und ging in die FußgĂ€ngerzone. Wie erwartet, zog sie sofort die Blicke der Passanten auf sich. Sie straffte die Schultern, hob ihr Kinn und gab ihrem Gang einen nicht zu ĂŒbertriebenen, aber betont weiblichen Ausdruck. Wie sie die unverhohlen bewundernden Blicke der MĂ€nner genoss! Und die teils neidischen, teils verĂ€chtlichen Blicke der Frauen!
Langsam schlenderte sie durch die belebte Einkaufsmeile. FĂŒr diese IdentitĂ€t wĂ€hlte sie meistens ein Wochenende, wenn möglichst viele Leute unterwegs waren. An einem Tag wie heute, an dem die Sonne von einem heiteren Sommerhimmel schien, konnte sie sich der Aufmerksamkeit der vielen Menschen sicher sein.
Nach einer Weile setzte sie sich in ein StraßencafĂ©, nahm ihren Hut ab und legte ihn auf den leeren Stuhl an ihrem Tisch. Sie bestellte ein Mineralwasser, schlug die langen schlanken Beine ĂŒbereinander und ließ ihren Schuh locker auf der Zehenspitze baumeln. UnauffĂ€llig musterte sie die Menschen um sich herum. Die gestressten jungen Eltern am Nebentisch mit den zwei quengeligen, ungeduldig nach ihrem Eis verlangenden Kindern beachteten sie kaum. Das Ă€ltere Ehepaar, das stumm und gleichgĂŒltig nebeneinander saß, wĂ€hrend der Mann seinen Blick nicht von ihren Beinen lösen konnte, war da schon interessanter, ebenso die Gruppe von Jugendlichen, die mit Zigaretten im Mund auf den Stufen des nahen Springbrunnens herum lĂŒmmelten, immer wieder verstohlen zu ihr herĂŒberschauten und grinsten; sicher machten sie anzĂŒgliche Bemerkungen ĂŒber sie. Der einzelne Mann im Business-Anzug zwei Tische weiter, der jetzt sein Handy, auf dem er die ganze Zeit herum getippt hatte, weg steckte, nahm sie unverhohlen in Augenschein. Als sie seinem Blick begegnete, nickte er ihr mit einem schmalen LĂ€cheln zu. Sie wusste, jetzt brauchte es nur ein winziges Entgegenkommen ihrerseits, und sie hĂ€tte einen Liebhaber fĂŒr eine Nacht. Demonstrativ wandte sie ihren Kopf zur Seite und setzte eine hochmĂŒtige Miene auf. Wie leicht es doch war, die Menschen zu manipulieren!

Kommissar Raabe atmete tief ein und streckte die Schultern. Das war jetzt die fĂŒnfzehnte WohnungstĂŒr, an der er klingelte. Niemand hatte etwas gesehen oder gehört. Entweder hatten alle ferngesehen, oder Musik gehört oder waren anderweitig beschĂ€ftigt gewesen. Entmutigend.
Er hörte schlurfende Schritte, die sich langsam der EingangstĂŒr nĂ€herten. Dann sah er ein Auge, das durch den TĂŒrspion spĂ€hte. Er hielt seinen Polizeiausweis hoch.
„Ich bin Kommissar Raabe von der Mordkommission. Ich habe nur ein paar Fragen. Bitte öffnen Sie die TĂŒr.“
Er hörte, wie die TĂŒrkette zurĂŒckgelegt und der SchlĂŒssel im Schloss gedreht wurde, dann öffnete sich die TĂŒr und ein alter Mann sah ihm neugierig entgegen.
„Mordkommission? Was ist denn passiert?“
„Darf ich 'reinkommen? Dann spricht es sich besser, Herr DrĂŒding.“ Den Namen hatte Raabe auf dem TĂŒrschild gelesen, und er wusste aus seinem noch gar nicht so lange zurĂŒck liegenden Seminar ĂŒber GesprĂ€chsfĂŒhrung, dass es hilfreich war, die Menschen wenn möglich mit ihrem Namen anzusprechen; sie fĂŒhlten sich dann als Individuum ernst genommen und waren eher bereit, sich mitzuteilen.
Der alte Mann bedeutete ihm mit einer Handbewegung, nĂ€her zu treten, und ging ihm voraus in das kleine, altmodisch eingerichtete Wohnzimmer, dessen Fenster zum Stadtpark ausgerichtet war. Neben dem Fenster stand ein gemĂŒtlich aussehender Lehnstuhl, was in Raabe die Hoffnung weckte, Herr DrĂŒding könnte, in diesem Lehnstuhl sitzend, im Park etwas beobachtet haben.
„Gestern Abend ist im Park hier gegenĂŒber eine Frau ermordet worden. Wir fragen uns, ob Sie vielleicht zufĂ€llig etwas Besonderes beobachtet haben, Herr DrĂŒding?“
„Wollen Sie sich nicht erst einmal setzen, Herr Kommissar? Sicher sind Sie doch schon eine ganze Weile unterwegs auf der Suche nach möglichen Zeugen. Darf ich Ihnen vielleicht etwas anbieten? Ein Glas Wasser oder eine Tasse Tee? Alkohol dĂŒrfen Sie ja bestimmt nicht trinken im Dienst, oder?“
Raabe sah den alten Mann erstaunt an. So viel Freundlichkeit hatte er nach dem anfĂ€nglichen Misstrauen nicht erwartet. Er musterte den Alten unauffĂ€llig. Hinter den unzĂ€hligen Runzeln und Falten in dem hageren Gesicht blitzten hellwache blaue Augen, und die magere, gebĂŒckte Gestalt bewegte sich noch mit erstaunlicher AgilitĂ€t, als der alte Mann nun, ohne die Antwort Raabes abzuwarten, ein Glas und eine Flasche Mineralwasser vor den Inspektor hinstellte.
„Danke, das ist sehr nett. FĂŒr eine Tasse Tee fehlt mir die Zeit, aber ein Glas Wasser nehme ich gerne. Es ist doch sehr warm heute draußen.“ Er nahm höflich einen Schluck.
„Darf ich fragen, wie lange Sie schon bei der Polizei sind, Herr Raabe? Sie sehen noch so jung aus, man könnte meinen, dass sie noch zur Schule gehen.“ DrĂŒding begleitete seine Frage mit einem LĂ€cheln, das sein altes Gesicht in noch mehr Falten legte.
Raabe strich sich verlegen durch sein blondes Haar. Er fing an sich zu fragen, wer hier eigentlich das GesprĂ€ch fĂŒhrte.
„Tja, lange bin ich noch nicht dabei“, gab er widerwillig zu, „dies ist mein erster Mordfall.“
„Und nun sind Sie auf der Suche nach Zeugen, die Ihnen bei der AufklĂ€rung helfen können.“
„Ja, so ist es. Der Mord ist gestern Abend, wahrscheinlich zwischen zehn und elf Uhr passiert. Es wurde gerade dunkel. Haben Sie zufĂ€llig etwas gesehen?“
„Tja, lassen Sie mich ĂŒberlegen. Ich habe gestern ferngesehen, den Krimi im Ersten, dann die Tagesthemen. Dann habe ich den Fernseher ausgemacht und mich hier ans Fenster gesetzt. Einen Balkon hat diese Wohnung ja leider nicht. Ich habe das Fenster geöffnet, um die Vögel singen zu hören. Wenn es dĂ€mmert, singen sie um diese Jahreszeit immer besonders schön. Ja, und da habe ich tatsĂ€chlich im Park laute Stimmen gehört. Und Lachen. Das waren diese Halbstarken, die dort hĂ€ufig ihre Saufgelage abhalten. Diese glatzköpfigen Rowdys, die sich hier öfter herumtreiben. Von meinem Fenster kann man durch die Baumwipfel ganz gut sehen, wer dort sein Unwesen treibt. Und morgens findet man dann die leeren Bierflaschen und die Zigarettenstummel auf dem Rasen.“
Raabe horchte auf. „Sie sagen, es waren Jugendliche, die hier öfter aufhalten. Kennen Sie vielleicht die Namen?“
„Nein, nein, die Namen kenne ich nicht. Aber ich kenne die Jungs vom Sehen her.“
„WĂŒrden Sie sie wiedererkennen, wenn ich sie Ihnen auf Fotos zeige? Oder in einer GegenĂŒberstellung?“
„O ja, sicher. Meine Augen sind noch sehr gut. Die, die ich gestern gesehen habe, wĂŒrde ich sofort wiedererkennen. Schon an ihren Glatzen und den TĂ€towierungen. Ich habe sie ja auch schon öfter von Nahem gesehen. Außerdem habe ich ein Fernglas. Weil ich gerne die Vögel beobachte im Stadtpark, natĂŒrlich“, fĂŒgte er verschmitzt hinzu. Man sah dem alten Mann an, dass es ihm ein VergnĂŒgen sein wĂŒrde, der Polizei in dieser wichtigen Angelegenheit behilflich sein zu können.
„Dann ist es wohl das beste, wenn Sie mich jetzt gleich zum PolizeiprĂ€sidium begleiten und sich unsere Verbrecherkartei ansehen. WĂ€re das möglich, Herr DrĂŒding?“
„Aber selbstverstĂ€ndlich, Herr Kommissar. Ich muss nur noch meine Schuhe anziehen, dann komme ich mit.“
Raabe musste lĂ€cheln ĂŒber den Feuereifer des Alten. Sicher gibt es in seinem Rentnerdasein nicht viel Abwechslung, dachte er. Hauptsache, er ist ein guter Zeuge.

4
Sie trank ihr Wasser aus, zahlte und stand auf. Wieder bummelte sie von Schaufenster zu Schaufenster, immer im vollen Bewusstsein der Augen, die ihr folgten. Als sie an einer teuren Boutique vorbei kam, trat sie kurz entschlossen ein. Im Inneren herrschte eine gedĂ€mpfte AtmosphĂ€re; nur wenige Kundinnen waren anwesend. Eine sehr gepflegte und modisch gestylte VerkĂ€uferin kam auf sie zu. Typisch: Der kurze, ihre Kaufkraft abschĂ€tzende Blick vom Kopf bis zu den Schuhen, dann das heuchlerische, ĂŒberaus freundliche LĂ€cheln. Sie wĂŒrde es ein wenig strapazieren, dieses LĂ€cheln.
„Darf ich Ihnen behilflich sein, gnĂ€dige Frau?“ So viel Beflissenheit! Mal sehen. Mit gelangweilt hochgezogenen Brauen sah sie die Frau an.
„Ich bin auf der Suche nach einem Sommerkleid. Ich weiß aber noch nicht so recht, was mir gefĂ€llt. Vielleicht können Sie mir etwas zeigen?“
„Aber selbstverstĂ€ndlich! Wir haben gerade die neusten Modelle hereinbekommen. Welche GrĂ¶ĂŸe tragen Sie?“
Nachdem sie sich zwölf Kleider hatte zeigen lassen, zwei davon anprobiert und alternativ zu den Kleidern fĂŒnf Blusen und Röcke in Augenschein genommen hatte, verließ sie die Boutique ohne etwas gekauft zu haben.

Hauptkommissar Weissgerber telefonierte, als Raabe mit seinem Zeugen das BĂŒro betrat. Ohne den Hörer abzusetzten, bedeutete er seinem Assistenten zu warten; es sei etwas Wichtiges.
„Ja, am besten kommen Sie sofort hierher nach Hamburg, Frau Wittenberg. Vielleicht ist es ja nur eine oberflĂ€chliche Ähnlichkeit, aber Gewissheit haben wir erst, wenn Sie sich die Leiche angesehen haben. ... Ja, melden Sie sich bitte in meinem BĂŒro. Haben Sie sich den Namen notiert? ... Hauptkommissar Weissgerber. ... Noch etwas, Frau Wittenberg: Haben Sie einen ZweitschlĂŒssel zu der Wohnung ihrer Schwester? ... Ja? Bringen Sie ihn bitte mit, fĂŒr alle FĂ€lle. ... Gut. Bis dann.“ Er legte den Hörer auf.
„Die Schwester unserer Toten, wahrscheinlich. Sie glaubt, sie auf dem Foto erkannt zu haben. Ist sich aber nicht ganz sicher. Sie kann ihre Schwester aber telefonisch nicht erreichen und hat nun Angst, es könnte die Tote vom Park sein. Sie kommt her.“
Er deutete auf den alten Mann, den Raabe mitgebracht hatte. „Und du bringst uns hoffentlich einen Zeugen?“
„Ja. Herr DrĂŒding hier hat womöglich die oder den TĂ€ter gesehen, auf jeden Fall aber Jugendliche, die sich gestern Abend im Park um die fragliche Zeit herumgetrieben haben. Ich werde ihm jetzt die Fotos derjenigen zeigen, die bei uns bekannt sind. Vielleicht erkennt er ja den einen oder anderen wieder.“
Carsten Raabe war froh, einen Zeugen gefunden zu haben, mit dem die Ermittlungsarbeit weiter gehen konnte. Er hasste es, wenn die Arbeit ins Stocken geriet und man nichts mehr tun konnte, als die Akte unverrichteter Dinge zu schließen. Außerdem brannte er darauf, dem RĂ€tsel der verkleideten Obdachlosen auf die Spur zu kommen.
Er setzte DrĂŒding auf einen BĂŒrostuhl vor dem Polizeicomputer und ließ die Kartei mit den polizeibekannten Vorbestraften durchlaufen: alle diejenigen, die sich der Ruhestörung, Körperverletzung, SachbeschĂ€digung oder Ă€hnlicher Delikte schuldig gemacht hatten. Mit einem Mausklick konnte DrĂŒding sich von Gesicht zu Gesicht durchzappen. Gewissenhaft betrachtete er jedes Bild ein paar Sekunden lang. Es dauerte nicht lange, da hatte er den ersten jugendlichen StraftĂ€ter herausgepickt.
Timo Brandt, sechzehn Jahre, Schulabbrecher, ohne Lehrstelle, aufgegriffen wegen SachbeschĂ€digung, Diebstahls und Beleidigung. Er hatte eine junge Frau von ihrem Fahrrad gerissen, welches dabei beschĂ€digt worden war, hatte ihr die Handtasche und das Handy gestohlen, sie als Fotze und MiststĂŒck beschimpft und war davon gelaufen. Das Opfer aber, sportlich und wehrhaft, hatte laut um Hilfe geschrien und ihn zusammen mit einem Passanten verfolgt und gestellt. Der Richter hatte ihn zu einem Jugendarrest verurteilt und zu einem mehrwöchigen Antiaggressionstraining.
Im Arrest jedoch hatte er die Bekanntschaft von Tobias Bergmann gemacht, den zweiten der jungen MĂ€nner, die DrĂŒding in der Kartei wiedererkannte. Bergmann war achtzehn und schon eine Nummer hĂ€rter als Timo Brandt. Als Jugendlicher hatte er sich bereits ein schönes Vorstrafenregister erarbeitet: HandtaschendiebstĂ€hle, Abziehen von teuren Jacken und Schuhen bei Schulkindern und SchlĂ€gereien, dazu erste Versuche mit Drogenhandel, ganz abgesehen von dem ĂŒbermĂ€ĂŸigen Zigaretten- und Bierkonsum. Er hatte sich den Kopf rasiert und mit allerlei Mustern tĂ€towiert, u. a. eine Schlange, die im Nacken aus dem Kragen seines olivfarbenen Hemdes herauskroch und sich auf seinem SchĂ€del ringelte.
Sein MilitĂ€routfit konkurrierte mit dem seines Kumpels Ole Westphal, der, um einiges Ă€lter, der AnfĂŒhrer der kleinen Gruppe war. Westphal hatte schon eine mehrmonatige Haftstrafe hinter sich, war als noch nicht EinundzwanzigjĂ€hriger aber bisher glimpflich davongekommen. DrĂŒding erkannte in ihm einen der MĂ€nner, die am Tatabend gegen 22.30 Uhr im Stadtpark herumkrakeelt hatten.
„Diese drei kommen als TĂ€ter in Frage“, sagte Raabe, als er die entsprechenden Akten vor Weissgerber auf den Schreibtisch legte. „Sie waren zur entsprechenden Zeit am Tatort. Wir können sie zumindest als mutmaßliche Zeugen vorladen und befragen. Womöglich finden wir Faserspuren oder Blut an ihrer Kleidung. Einer von ihnen muss ja die Tote ins GebĂŒsch geschleift haben. Eventuell ist sogar die Tatwaffe noch in ihrem Besitz. Wenn es ein BaseballschlĂ€ger war, und alles deutet darauf hin, sagt Frau Dr. Bauer, dann hat der TĂ€ter ihn vielleicht nicht entsorgt, sondern nur gereinigt. So ein SchlĂ€ger ist immerhin nicht ganz billig.“
„Gute Arbeit, Raabe! Also: Holen Sie die drei her. Mal sehen, was sie sagen.“ Er erhob sich. „Ich gehe inzwischen mit Frau Wittenberg in die Gerichtsmedizin. Wenn sie die Tote als ihre Schwester identifiziert, fahre ich mit ihr zur Wohnung der Toten. Vielleicht finden wir dort eine Lösung fĂŒr das RĂ€tsel der Verkleidung.“

5
Dasselbe Ritual wiederholte sie in einem exklusiven SchuhgeschĂ€ft, beim Juwelier und, als Krönung dieses Tages, in der grĂ¶ĂŸten Bank der Stadt, in der sie sich nach lukrativen Geldanlagemöglichkeiten erkundigte und den Angestellten veranlasste, ihr diverse Angebote auszurechnen, was eine gute Stunde in Anspruch genommen hatte.
Es war ein ĂŒberaus unterhaltsamer Nachmittag, dachte sie, als sie, wieder zu Hause, in ihrem gemĂŒtlichen Hausanzug mit einer Tasse Tee und zwei Scheiben KnĂ€ckebrot vor ihrem Fernseher saß. Am nĂ€chsten Samstag wĂŒrde sie als Straßenmusikantin mit Gitarre und Stirnband gehen. Oder vielleicht als obdachlose Alkoholikerin. Sie lĂ€chelte zufrieden.

Es dauerte lange, bis Caroline Wittenberg sich wieder gefasst hatte. Immer wieder schĂŒttelte heftiges Schluchzen ihre schmalen Schultern. Weissgerber reichte ihr nun schon das dritte Papiertaschentuch, das sie blind entgegennahm, um sich die nicht versiegen wollenden TrĂ€nen abzuwischen. Schließlich schneuzte sie sich, holte tief Luft und versuchte sich zu beruhigen. Weissgerber legte ihr sanft den Arm um die Schultern und fĂŒhrte sie aus dem Obduktionssaal heraus, wo Dr. Burger den Leichnam der Toten sorgsam wieder mit dem grĂŒnen Tuch zudeckte.
Auf die Frage, ob dies ihre Schwester Manuela wĂ€re, hatte Caroline nur genickt. Sie hatte das stille Gesicht mit der hĂ€sslichen Wunde an der rechten Seite entsetzt angestarrt und war dann in TrĂ€nen ausgebrochen. Immer noch ihre Schultern umfassend, fragte Weissgerber sie, ob sie sich in der Lage fĂŒhlte, mit ihm zur Wohnung ihrer Schwester zu fahren, um dort nach einer ErklĂ€rung fĂŒr die merkwĂŒrdige Aufmachung Manuelas zu suchen.
„Was fĂŒr ein Mensch war ihre Schwester“, fragte Weissgerber. Er wusste, dass es fĂŒr viele Angehörige, die gerade eine Todesnachricht erhalten hatten, eine Erleichterung darstellte, ĂŒber den Verstorbenen reden zu können. Caroline stellte hier keine Ausnahme dar.
„Ach, sie war solch ein netter Mensch, die Manuela. Alle mochten sie, die Kinder in der Schule haben sie geliebt. Wenn ich nur öfter bei ihr angerufen hĂ€tte! Aber ich habe immer so viel zu tun, mit den Kindern, wissen Sie, und dann arbeite ich halbtags in einem VersicherungsbĂŒro, da habe ich nur wenig Zeit.“ Sie kĂ€mpfte wieder mit den TrĂ€nen. „Wie konnte nur so etwas passieren? Einfach erschlagen! Die arme Manuela! Meine kleine Schwester!“ Wieder unterbrach heftiges Schluchzen ihre Worte. Weissgerber tĂ€tschelte beruhigend ihre Hand.
„Sie brauchen sich keine VorwĂŒrfe zu machen. Niemand konnte so etwas ahnen. Und was den oder die TĂ€ter betrifft: Wir verfolgen eine Spur, die durchaus vielversprechend ist.“
Sie waren bei der entsprechenden Hausnummer angekommen, und Caroline öffnete mit ihrem SchlĂŒssel die WohnungstĂŒr. Das gerĂ€umige Wohnzimmer, dessen große Fenster auf den Balkon hinaussahen, war mit hellen modernen Möbeln eingerichtet. Eine TĂŒr fĂŒhrte in die praktische kleine KĂŒche, eine weitere ins Schlafzimmer. Das hĂŒbsche Bad war vom Flur aus zu erreichen. Überall herrschte eine ausgesprochen weibliche AtmosphĂ€re. Der Arbeitsplatz, der einen Teil des Wohnzimmers einnahm, bestand aus einem Schreibtisch, einem bequemen Schreibtischsessel und einem Nebentisch mit Laptop und Laserdrucker. Der gesamte Bereich war ĂŒbersĂ€t mit BĂŒchern und Heften, die von der beruflichen TĂ€tigkeit Manuelas zeugten. An der Wand hinter dem Schreibtisch klebten etliche Kinderzeichnungen: offenbar Geschenke der Schulkinder, die Manuela unterrichtet hatte. In einem hohen BĂŒcherregal stapelten sich Fachliteratur, SachbĂŒcher und Romane.
Weissgerber ging langsam durch die RĂ€ume und versuchte zu verstehen, was fĂŒr ein Mensch in diesem Ambiente gelebt hatte. Die Wohnung war aufgerĂ€umt, aber nicht steril. Die Sofakissen waren zerknautscht, eine Fernsehzeitung lag aufgeschlagen auf dem Couchtisch, eine Fotografie in einem schönen Silberrahmen zeigte die lachenden Gesichter von Manuela und ihrer Schwester, ein weiteres die Familie Wittenberg, ein drittes mit einem schwarzen Trauerband, einen jungen Mann. Das muss der Freund sein, von dem Caroline Wittenberg erzĂ€hlt hat, dachte Weissgerber, der, der tödlich verunglĂŒckt ist. Eine traurige Geschichte.
Er ging ins Schlafzimmer und öffnete den Kleiderschrank, der die gesamte LÀngswand des Raumes einnahm.
„Frau Wittenberg, bitte kommen Sie einmal her. Haben Sie hiervon gewusst?“
Caroline stellte sich neben den Kommissar und gemeinsam betrachteten sie den Inhalt des ĂŒberdimensionalen Schrankes. Wohl ein Dutzend verschiedene Outfits hingen da auf den BĂŒgeln. Eine schwarze Nonnentracht mit weiß-schwarzer steifer Haube hing neben einem langen geblĂŒmten Sommerrock mit weißer Baumwollbluse, ein edles DesignerkostĂŒm mit engem Rock neben einem knappem Bustier aus roter Seide, einem schwarzen Minirock und NetzstrĂŒmpfen. Eine khakifarbene MilitĂ€rhose und ein olivfarbenes Achselhemd, eine nietenbeschlagene Lederjacke und eine ebensolche Hose, ein dunkelblauer Business-Anzug mit einer weißen Seidenbluse. Sogar eine Burka hing auf einem BĂŒgel. Im oberen Ablagefach fanden sich, fachgerecht auf Styroporfrisierköpfe gestĂŒlpt, drei PerĂŒcken: eine rote LockenperĂŒcke, eine weitere mit langem weißblonden Haaren, eine PerĂŒcke mit kurzen braunen Haaren. Dazu ein breitkrempiger Sommerstrohhut, ein dunkelblaues KĂ€ppchen, wie es Flugbegleiterinnen trugen, verschiedene MĂŒtzen und Schals. Auf dem Boden des Schrankes waren die entsprechenden Schuhe zu finden: extrem hohe Pumps, ein Paar weißer Lacklederstiefel, die bis zum Oberschenkel reichten, flache, einfache Ledersandalen, Turnschuhe, grobe MilitĂ€rstiefel, ausgetretene, altmodische Halbschuhe.
Weissgerber zog eine große Schublade auf. Hier fanden sich die zu den verschiedenen Verkleidungen passenden Accessoires und UnterwĂ€scheartikel: edle SpitzenbĂŒstenhalter und Höschen, grobe Baumwollunterhosen, ebensolche Hemden, Modeschmuck, Halsketten, ArmbĂ€nder und Ringe, denen man nicht ansah, ob sie echt oder falsch waren, HalstĂŒcher, GĂŒrtel aus Leder, manche mit Nieten und Metallringen beschlagen, Handtaschen und Beutel der verschiedensten Art. Und ein umfangreiches Schminkset mit zig verschiedenen Makeup-Farben, BĂŒrsten und KĂ€mme, Haarnadeln und Spangen, Puderdosen und Pinseln, Lippenstiften, MascarabĂŒrstchen und Kajalstiften. In einem kleinen Etui lagen grĂŒne, blaue und braune Kontaktlinsen.
Obenauf lag ein DinA4-großer Aktenordner. Weissgerber, der sich vor dem Betreten der Wohnung Gummihandschuhe angezogen hatte, nahm ihn vorsichtig in die Hand. Caroline schaute ihm ĂŒber die Schulter, als er ihn aufschlug. SĂ€uberlich in Klarsichtfolien verpackt, sahen sie akkurat ausgefĂŒhrte farbige Zeichnungen, die professionellen Modezeichnungen glichen. Jede Seite zeigte eine Frauengestalt mit einer vollstĂ€ndigen Ausstattung, die ihr eine ganz bestimmte Rolle zuwies: die Nonne, die Prostituierte, die Punkerin, die GeschĂ€ftsfrau, die Diva, die Hausfrau. Auch die Figur der Obdachlosen wurde dargestellt, komplett mit der grauen PerĂŒcke, den alten Pullovern und dem weiten Rock.
VerblĂŒfft sahen der Kommissar und Caroline sich an.
„Als Kind haben wir uns oft verkleidet, das weiß ich noch. Manuela hatte immer besonders viel Spaß daran. Manchmal lief sie den ganzen Tag in irgendwelchen komischen Klamotten herum und bestand darauf, diese andere Person zu sein. Mal war es eine Prinzessin, mal eine Hexe, mal eine Zauberin.“ Sie hielt inne. „Aber ist das nicht ganz normal bei kleinen MĂ€dchen?“
Der Kommissar nickte. „Aber jetzt ist ihr ihre Vorliebe fĂŒr Verkleidungen leider zum VerhĂ€ngnis geworden“, sagte er.
Sein Handy klingelte. Er blickte auf das Display. „Das ist mein Assistent“, sagte er zu Caroline, „entschuldigen Sie mich einen Moment, bitte.“
WĂ€hrend er telefonierte, blĂ€tterte Caroline kopfschĂŒttelnd weiter in dem Ordner. Sie musste sehr einsam gewesen sein, ihre kleine Schwester, dachte sie
Weissgerber beendete sein GesprÀch und wandte sich ihr zu.
„Gute Nachrichten“. sagte er, „Manuelas Mörder sind gefasst. Kommissar Raabe hat mir gerade mitgeteilt, dass einer der VerdĂ€chtigen, fast noch ein Junge, im Verhör ein umfassendes GestĂ€ndnis abgelegt hat. Es waren drei betrunkene Jugendliche, die sich einen sogenannten „Spaß“ erlaubt haben, indem sie eine Obdachlose verprĂŒgelten. Der Älteste von ihnen hat dabei mit seinem BaseballschlĂ€ger die tödlichen SchlĂ€ge gefĂŒhrt. Tja, so etwas gibt es, leider.“ Er strich sich ĂŒber sein grauen Dreitagebart und seufzte tief.


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Version vom 21. 06. 2015 18:39
Version vom 23. 06. 2015 21:58

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jon
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"Die Frau hat nicht aus den Dosen getrunken, auch nicht aus der Rotweinflasche; jedenfalls konnte keine DNA festgestellt werden. "
Willst du damit behaupten, weil das Opfer nichts daraus getrunken hat, können die die DNA des Opfers nicht feststellen?????


Die neue Struktur finde ich um LĂ€ngen besser als die alte Version – so funktioniert das prima. Dass die AufklĂ€rung weitgehend spannungsfrei ablĂ€uft und auch die Tatsache des Verkleidungshobbys mit der Tat an sich (oder irgendwas anderem im Text) nur rudimentĂ€r zu tun hat, ist eher ein inhaltliches Problem. Vielleicht hilft es da, wenn du die Frage "Was ist so konflikthaft an dem Hobby?" beantwortest, um dann einen Plot zu entwickeln, der diesen Konflikt (bzw. das BerĂŒhrende/Dramatische) zeigt.
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalÀsst (Klaus Klages)

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