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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Masterplan
Eingestellt am 24. 02. 2005 13:26


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Silberstreif
???
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Gregor stand schwer atmend ĂŒber das Waschbecken gebeugt, in der Toilette des Restaurants, vor dem Spiegel. Seine Augen waren trĂ€nenverschleiert und aus den Mundwinkeln lief ihm der Speichel.

Wie konnte sie mir das nur antun? dachte er. Wieso? Ich habe mich anstĂ€ndig benommen, zuvorkommend und ihr diesen bescheuerten Valentinswunsch erfĂŒllt. Valentinstag. Was fĂŒr ein ausgemachter Blödsinn. Volksverdummung, Kommerz ĂŒbernommen von den kulturlosen, kitschversessenen Amis.

Gregors Gesicht glĂ€nzte grĂŒnlichgelb unter einem zĂ€hen Schweißfilm.

Restaurant, Candlelight-Dinner und als Geschenk sogar ein Gedicht, weil er das originell fand. Er wusste nicht mehr genau, wann der Abend begonnen hatte aus dem Ruder zu laufen. Vielleicht schon gleich zu Beginn, als sie, sich ungeniert umsehend, fragte: "was ist das hier eigentlich fĂŒr ein Publikum? Veranstalten die einen bunten Abend fĂŒr die Altersheime der Umgebung?"
Das war zynisch. Doch als er verstohlen in die Runde blickte, musste er in Gedanken ihren Kommentar bestĂ€tigen. Das Durchschnittsalter an den Tischen ringsum lag weit jenseits der 60. Lautstark versuchte eine Frau ihrer offensichtlich schwerhörigen Nebensitzerin die Wunder der Technik zu erklĂ€ren: " Woisch net was des isch? En PC? Do kann mr schreibe wie en Brief, und der andere kriegt des gleich und kann dann zrĂŒckschreibe. Des nennt mr E-Mail. Mit Hildegard mach i des emmer so..." VerstĂ€ndnislos schĂŒttelte die Alte den Kopf.
Ute lÀchelte nur. Doch die Stimmung war irgendwie verdorben. Sofern je eine Stimmung aufgekommen war. Er war sich nicht mehr sicher.

Es mussten inzwischen mindestens zehn Minuten vergangen sein, seit dem er, leise röchelnd und sich knapp entschuldigend, den Tisch verlassen hatte. Ute hatte nur genickt und gelĂ€chelt. Sie lĂ€chelte ĂŒberhaupt ziemlich viel. Irgendwie ĂŒberheblich. Sicher hatte sie nicht bemerkt, was passiert war. Doch nun stand er hier in einer aussichtslosen Situation und konnte ganz gewiss nicht wieder an den Tisch zurĂŒckkehren.

Was wird sie tun, wenn ich noch lĂ€nger wegbleibe? Er kannte Ute noch nicht lange - im Grunde ĂŒberhaupt nicht. Dies war ihre erste Verabredung. Gewesen, dachte er resigniert. Dennoch beschlich ihn das ungute GefĂŒhl, dass sie da draußen saß und wartend lĂ€chelte.

Er brauchte Ute. Sie war ein U. Er hatte noch kein U. Gregor hatte sich vorgenommen, sich einmal durch das Alphabet zu vögeln. Die Idee fand er großartig, obwohl sie nicht auf seinem Mist gewachsen war. Er hatte das in einem Roman gelesen. Gregor klaute sich durchs Leben. So war es auch mit dieser Idee gewesen. Geklaut, doch großartig. Keine Verpflichtungen, ein klares Ziel vor Augen, ein sehr einfaches Prinzip, jedoch auch mit einigen herausfordernden Schwierigkeiten verbunden, wenn er an Q oder X dachte, ein sauberes System, denn am Ende hĂ€tte er eine Chronologie vorzuweisen. Nicht so wie alle anderen, die planlos und fremdbestimmt durchs Leben treiben und hier und dort mal Pause machen um dann an irgendjemandem endgĂŒltig hĂ€ngen zu bleiben, an dem man dann doch den Rest des Lebens vorbei lebt. Er wollte die Liste vor seinem 40. Geburtstag abgehakt haben und dazu blieb ihm nur noch ein halbes Jahr Zeit. Danach könnte er sich einen anderen Masterplan ausdenken. Vielleicht den perfekten Mord. Krimis hatte er genug im BĂŒcherschrank. Jetzt hatte er jedoch das U im Visier. Ute.

Ab und zu schlĂŒrfte er mĂŒhsam den Sabber hoch und schluckte ihn unter großer Anstrengung hinunter.

Sie war ein schwieriger Fall. Das war ihm lÀngst klar geworden, auch wenn er sie heute zum ersten Mal gesehen hatte. Sie telefonierten schon eine Weile miteinander und sie hatte darauf bestanden, dass das erste Treffen an diesem albernen Valentinstag stattfinden sollte. Er hatte sie im Internet aufgegabelt, so wie er es immer machte. Schnell, problemlos und effizient. Er musste nur den Vornamen einer Frau herausfinden um zu wissen, ob sich ein Einsatz lohnt.
Das erste date war immer entscheidend. Alles musste passen. Heute passte gar nichts.
Die Kerze auf dem Tisch war ein mĂŒder Stummel, die Tischdecke fleckig und das Ambiente trostlos. Er hĂ€tte das vorher besser eruieren sollen. Zwar war er schon mal hier gewesen, jedoch im Sommer. Er war damals von der großen Terrasse und der bewaldeten Umgebung begeistert gewesen. Doch jetzt im Februar sah das ganz anders aus.

Gregor bekam kaum noch Luft. Sein Röcheln wurde lauter.

Er hatte schon am Telefon gemerkt, dass Ute eine harte Nuss werden könnte. Sie nahm ihn einfach nicht ernst. Deshalb hatte er sich auf die Masche mit der Lyrik eingelassen. Er las ihr Gedichte von Emily Dickinson vor die er selbst zwar nicht ganz verstand, jedoch klanglich wunderschön und dem Anlass entsprechend romantisch fand:

It's all I have to bring to-day,
This, and my heart beside,
This, and my heart, and all the fields,
And all the meadows wide.
Be sure you count, should I forget, --
Someone the sum could tell, --
This, and my heart, and all the bees
Which in the clover dwell.

Da war selbst er gerĂŒhrt gewesen. Er streute witzige oder hintergrĂŒndige Zitate von Heinz Erhard oder Nietzsche wohl platziert in die Unterhaltung und sie hatte angebissen, obwohl sie Nietzsche als Frauenfeind bezeichnete. Hier musste er vorsichtig sein, denn natĂŒrlich verstand er nichts von Literatur, Lyrik oder Philosophie. Doch google sei Dank, war sein Fundus unerschöpflich und Gott sei Dank sein Timbre sehr mĂ€nnlich. Ganz der Mann von Welt.

In den Kontaktbörsen im Internet gab es auch immer wieder diese armseligen Kreaturen, die ihre eigenen lyrischen ErgĂŒsse der Öffentlichkeit prĂ€sentierten und als, meist wirkungslosen, Köder einsetzten. Eins davon hatte er geklaut und heute Abend Ute geschenkt. Gleich nachdem das Essen kam, weil sie nur einen kurzen, angewiderten Blick auf ihre Schweinelendchen geworfen hatte, die in viel zu viel dicklicher, brauner Soße schwammen. Gregor hatte Fisch bestellt. Ein fataler Fehler.

Ute gefiel ihm. Sie sah fabelhaft lĂ€ssig aus. Eines dieser MĂ€dchen, denen die Konventionen der Gesellschaft gleichgĂŒltig waren, sie aber trotzdem im verqueren Bewusstsein von IndividualitĂ€t eine beliebige, billige Kopie der J-Lo oder Britney Spears Imitatorinnen war. Lange, offene Haare, enge Hipjeans, ein RiesendekolletĂ© und irgendwelche billigen, hohen Schuhe. Dramatisches Augen-Make-up und ein dunkel umrandeter Mund. Ein Hauch von IntellektualitĂ€t, sie studierte irgendwas - wahrscheinlich Architektur oder Kunstgeschichte - und Gregor hĂ€tte darauf wetten können, dass sie ein Arschgeweih-Tatoo trug.

Wie ein kleines Kind hatte sie freudig den eleganten Umschlag geöffnet und die Karte mit dem Gedicht herausgezogen. WÀhrend sie las, probierte Gregor seinen Fisch und fand ihn gar nicht schlecht. Ihr LÀcheln wurde immer breiter und Gregor gratulierte sich heimlich selbst.
ZuckersĂŒĂŸ bedankte sie sich und fragte ob es von ihm sei. NatĂŒrlich bestĂ€tigte er, gespielt verlegen. Doch dann legte sie los. Das Metrum wĂ€re stĂŒmperhaft, es wimmele von unreinen Reimen, der Jambus wĂ€re nicht durchgĂ€ngig, die Silbenanzahl nicht stimmig und so ging das weiter in einem fort. Sie spielte sich auf wie ein geltungsbesessener Studienrat und zerpflĂŒckte das Gedicht Zeile fĂŒr Zeile. Leere Metaphern, aufgeblasene Adjektive, abgegriffene Phrasen, kitschige Bilder und ihm blieb buchstĂ€blich der Fisch im Hals stecken. Eigentlich war es nur eine GrĂ€te, doch sie reichte aus um dem Abend und Gregors WĂŒrde den Garaus zu machen.

Er stand in dieser Restauranttoilette und war verzweifelt. Bei dem vergeblichen Versuch die GrĂ€te mit den Fingern aus den Tiefen seines Halses zu fischen, wo sie schmerzhaft in der Rachenmandel stak, hatte er sich unvermittelt ĂŒbergeben mĂŒssen. Dabei hatte er Hemd und Jackett total verspritzt, es stank widerlich und das Waschbecken war selbstverstĂ€ndlich sofort verstopft. Das einlaufende Wasser verwandelte das Ganze in eine ekelerregende BrĂŒhe. Mit der rechten Hand, die sowieso vollgekotzt war, hatte er versucht den Abfluss freizuschaufeln, die Manschette war dabei völlig durchnĂ€sst worden, und das brockige Wasser war auf Hosenbeine und Schuhe geschwappt.

Eine einzige GrĂ€te. Es kam ihm so vor, als hĂ€tte Ute diese GrĂ€te persönlich in seinem Hals platziert. Mit ihrem nichtssagenden LĂ€cheln auf den Lippen. Sie wollte ihn demĂŒtigen. Ihn erniedrigen, ihm seine ganze SouverĂ€nitĂ€t um die Ohren hauen. Sie war bestimmt der Teufel höchstpersönlich. Niemand sonst könnte Gregor etwas anhaben. Und schon gar nicht so ein billiges Weibchen.

Er hatte keine Chance der Situation zu entkommen. Inzwischen war sein Hals fast vollstÀndig zugeschwollen, in seiner Nase steckten ekelhafte Brocken, er sah aus wie eine aufgedunsene Wasserleiche. Sehr eindringlich manifestierte sich bei ihm der Gedanke, seine MasterplÀne in der Reihenfolge auszutauschen. Zuerst der perfekte Mord und dann das Alphabet. Ein U findet sich sicher schnell wieder


Gregor wĂŒrgte.

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flammarion
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hallo,

da fĂŒr meinen geschmack zu wenig humor bzw satire in dieser widerlichen geschichte steckt, habe ich sie in den bereich kurzgeschichten verschoben.
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Old Icke

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Silberstreif
???
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hallo flammarion

die Geschichte bedient sich der klassischen Stilmittel fĂŒr Satire: Ironie, Übertreibung, Sarkasmus und Überzeichnung.
Zitat: "Sie ist ehrlich, direkt und konkret. Sicher nicht die Sorte Humor zum Schenkel klatschen. Sie schildert eine kaputte Situation, die sich mancher Mann sehr gut vorstellen kann..." Zitat (meines Verlegers) Ende.

Ich wusste nicht, dass hier nur Blumenwiesen-Storys gern gesehen sind.

Dass du sie als widerlich bezeichnest, rĂŒhrt vielleicht daher, dass du dich noch nie ĂŒbergeben hast und das GefĂŒhl nicht kennst?

Jedoch beleidigt deine Bewertung nicht mich, sondern die ca 50 Zuhörer von letztem Sonntag in Stuttgart, im Insomnia, die sehr gelacht und heftig applaudiert haben. Sollten sie sich alle irren und du recht behalten?

Hast du auch was zum Schreibstil zu sagen? Besser nicht. Denn so voreingenommen wie du bereits bist, wirst du wohl auch daran kein gutes Haar lassen.

Gruß Silberstreif
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knychen
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ich find die geschichte schon recht witzig, egal ob die idee gregors beispiel folgend geklaut oder komplett selbst fabriziert ist.
gregor - anscheinend nicht dumm - mĂŒĂŸte ja eigentlich im laufe der zeit ein kluger mensch werden. seine google-recherchen mögen zwar einem niederen zweck folgen, irgendwas bleibt jedoch immer hĂ€ngen. und so mĂŒĂŸte ihm auch langsam klar sein, daß die angepeilten buchstaben ab einem gewissen IQ oder genĂŒgend erfahrung mit typen wie ihm so einfach nicht mehr auf's kissen gezerrt werden können.
einige passagen hÀtten ruhig als reflektierende gedanken gregor's markiert sein können. z.b.
Eine einzige GrĂ€te. Es kam ihm so vor, als hĂ€tte Ute diese GrĂ€te persönlich in seinem Hals platziert. Mit ihrem nichtssagenden LĂ€cheln auf den Lippen. Sie wollte ihn demĂŒtigen. Ihn erniedrigen, ihm seine ganze erlogene und geklaute SouverĂ€nitĂ€t um die Ohren hauen. Sie war bestimmt der Teufel höchstpersönlich. Niemand sonst könnte Gregor etwas anhaben. Und schon gar nicht so ein billiges Weibchen.
ab : "Sie wollte...." hÀtte ich geschrieben: "sie will mich..."
und da gregor von sich ĂŒberzeugt ist, könnte man auch auf dieses reuevolle:" ihm seine ganze erlogene und geklaute SouverĂ€nitĂ€t um die Ohren hauen."verzichten, zumindest auf: ...ganze erlogene und geklaute...
aber das mag geschmackssache sein.
die slapstickhafte situation im toilettenraum ist zwar vorhersehbar, aber gut beschrieben.
mir hat's gefallen.
gruß knychen
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kny

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flammarion
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soso,

vorgelesen. hast du schon mal erlebt, dass leute, die sich amĂŒsieren wollen, zugeben, sich nicht zu amĂŒsieren? außerdem finde ich kotze wirklich nicht prickelnd und somit auch deine geschichte nicht.
lg
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Old Icke

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knychen
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flammarion, entschuldige, daß ich mich einmische, aber die existenz von kotze kannst du nicht leugnen, oder?
und die von dir so entrĂŒstet angefĂŒhrte kotze ĂŒberzieht ja auch nicht die ganze geschichte.
als moderator solltest du schon ein wenig objektiver sein.
kennst du eigentlich solche sachen wie die geschichte ĂŒber eine kindesvergewaltigung von bukowski? das wurde sogar gedruckt, obwohl es aus der sicht des tĂ€ters geschrieben war. als verleger hĂ€ttest du wahrscheinlich keine chance.
gruß knychen.
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kny

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