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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Mastkur
Eingestellt am 09. 02. 2002 10:27


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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

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Mastkur

Die SchneewĂ€lle an der Bergstraße waren mannshoch. Wawa saß auf dem RĂŒcksitz des alten Mercedes und hoffte, nie anzukommen. Es war nicht mehr weit, vom Tal aus hatte sie das große Haus oben auf dem Berg schon sehen können.
Der Wagen quĂ€lte sich langsam hinauf – sie durften jetzt nur nicht anhalten. Schlingernd fuhren sie um eine Kurve und sahen sich einem Traktor gegenĂŒber, der fast die ganze Breite der Straße einnahm. Sie mußten scharf abbremsen, ein KotflĂŒgel versank im Schnee. Max hĂ€tte jetzt sicher geflucht, wĂ€re er alleine gewesen. Aber er gehörte zu den Erwachsenen, die der sechsjĂ€hrigen Wawa ein gutes Beispiel sein wollten.
Sie waren sowieso zu spĂ€t dran, schon seit einer Stunde wurden sie im Sanatorium erwartet. Max stieg aus, um mit dem Bauern zu sprechen. Wawa verstand die beiden kaum, so breit war der bayerische Dialekt. Schuld hatte wohl der Treckerfahrer, aber auch wenn Max jetzt wĂŒtend auf die Motorhaube schlug, damit kĂ€men sie nicht weiter. Vielleicht wĂŒrden sie hier festsitzen, Wawa hielt ihre beiden Daumen umklammert. Hoffentlich. An ihrem rechten Daumen konnte sie deutlich den Hornhautwulst vom Daumen lutschen fĂŒhlen. Sie wĂŒrden ihr das sicher verbieten, da oben in dem Haus. Genauso wie das Essen von Zitronen. Sechs Wochen sollte sie dort bleiben. TrĂ€nen drĂŒckten gegen ihre AugĂ€pfel. Es wurde schnell dĂ€mmrig, die MĂ€nner verhandelten noch immer. Was wĂ€re, wenn sie hier nicht wegkĂ€men? Es gĂ€be sicher einen Aufschub von einer Nacht. Sie könnte versuchen Max zu ĂŒberreden, mit ihr zu fliehen. Seine Freundin war sowieso viel zu alt fĂŒr ihn, sicher fĂŒnf oder zehn Jahre Ă€lter. Außerdem war sie auch grĂ¶ĂŸer als er und dĂŒnn - sie paßten ĂŒberhaupt nicht zusammen. Das hatte auch die Urgroßmutter gesagt, nur meinte sie damit, FrĂ€ulein Dauer wĂ€re zu gut fĂŒr ihn.
Wawas Hoffnung wĂ€hrte nicht lange. Fluchend, wie es ihr schien, holte der Bauer eine Kette die am Traktor hing. SpĂ€ter sollte ihr Max erzĂ€hlen, wie freundlich der Mann gewesen sei, er habe nur ein wenig gegrantelt. Obwohl Wawa in MĂŒnchen geboren war, konnte sie einen echten Bayern kaum verstehen.
Sie hatte nicht aufgepaßt, was die draußen mit der langen Kette gemacht hatten - so sehr hatte sie sich darauf konzentriert zu beten, es möge nicht funktionieren - doch plötzlich sprang Max wieder ins Auto und mit einem heftigen Ruck standen sie wieder auf der Straße. Dann schob der Bauer sie ein StĂŒck an und sie waren wieder unterwegs zu dem Haus.
Beim Warten war es Wawa kalt geworden, sie hatte sich ihren Anorak ĂŒbergezogen. Als sie wieder fuhren, zog sie die Kapuze tief ĂŒber das Gesicht, Max sollte ihre TrĂ€nen nicht sehen. In den HĂ€nden hielt sie eine Mandarine, die sie als Proviant fĂŒr die Fahrt mitbekommen hatte. Der Beutel mit den belegten Broten war unter den Vordersitz gerutscht.

Nach der letzten Steigung fuhren sie auf einen kleinen Parkplatz unterhalb des Sanatoriums. Die letzte Wegstrecke war Krankenwagen vorbehalten. Max nahm Wawa an die Hand, packte mit der anderen den Koffer und sie machten sich auf das letzte kleine StĂŒck Weg.

Wawa mochte die Nonne nicht, die ihnen mit ernster Mine die TĂŒr öffnete. Die große Diele bekam ihr bißchen WĂ€rme durch die angelehnte KĂŒchentĂŒr. Ihr wurde hier der Anorak abgenommen, Max stellte den Koffer auf die erste Treppenstufe. Max sprach mit der Schwester Oberin. Wawa hörte nicht zu, sie versuchte noch eine letzte Ausflucht zu finden – ein Wort das sie vor diesem Haus, dieser Frau und diesen sechs Wochen befreien wĂŒrde.
”Ich werde jetzt immer ganz viel essen....”
Sie sagte dies ein wenig fragend. Ihr war klar, sie war hierher geschickt worden, um dicker zu werden. Eigentlich wollte sie damit sagen, laß mich nicht hier, ich will auch Zuhause essen. Die Nonne antwortete ihr in einem Tonfall, den sie offenbar fĂŒr Kinder reserviert hatte,
”Das ist ja wunderbar, da wird sich unser Koch aber freuen. Der mag es, wenn die Kinder ihre Teller immer leer essen.”
Bei ihrer Urgroßmutter mußte sie nie aufessen. Sie sah auf die Mandarine in ihrer Hand und legte sie wortlos auf den Tisch der Nonne. Die nahm sie mit einem gezierten LĂ€cheln an sich,
”Danke dir mein Kind. Aber hier muß eigentlich keiner sein Essen mitbringen.”
Bei den letzten Worten wandte sie sich mit einem Auflachen an Max,
”Sie hĂ€tte die Mandarine lieber essen sollen, jetzt ist sie warm und eingedrĂŒckt. So schmeckt sie natĂŒrlich nicht mehr.”
Wawa griff an Max Hand, aber er entzog sie ihr, faßte sie an der Schulter und schob sie der Schwester zu. Er wollte sie los sein. Er wollte sie einfach wie ein Paket hier abgeben und nach MĂŒnchen zurĂŒckfahren. Sollte er doch zu FrĂ€ulein Dauer zurĂŒckfahren, die war noch viel dĂŒnner und knochiger als sie selber.
Max strich ihr freundlich ĂŒber den Kopf, dann ging er schnell hinaus. An der TĂŒr drehte er sich noch einmal um,
”Wir kommen dich auch bestimmt besuchen. Paß auf, wenn ich dich abholen komme, willst du gar nicht mehr mit."
Wawa drehte sich weg und versuchte ihren Koffer aufzuheben, sie blickte zu der Ordensschwester auf,
”Wohin gehen wir jetzt?”
Ihre Stimme glich dem Fiepen einer Maus, aber sie war gehört worden.
”So ist es gut, keinen langen Abschied. Das bringt sowieso nichts als TrĂ€nen.”
Forsch nahm sie Wawa den Koffer ab und marschierte die Treppe hinauf. Max bedachte sie mit einem kurzen Gruß ĂŒber die Schulter, dann war sie verschwunden. Wawa folge zögernd. Sie mußte sich beherrschen, nicht noch einmal zum Ausgang nach Max zu sehen.
Den Blick auf die Stufen gerichtet, ging sie nach oben.
Ihr Zimmer lag im ersten Stockwerk, am Ende eines linoleumbedeckten Flurs. Ein kleiner Raum mit einem Etagenbett, einem Tisch und zwei KinderstĂŒhlen. Die Nonne öffnete den Koffer und rĂ€umte Wawas Kleidung in einen Wandschrank.
“Im Augenblick bist du hier alleine im Zimmer, aber das kann sich noch Ă€ndern. Hast du Hunger? Ist jetzt zwar noch keine Zeit fĂŒrs Abendessen, aber du warst ja lange unterwegs.”
Wawa war hungrig, aber sie traute sich nicht, es zu sagen. Wenn sie hier gar nichts essen wĂŒrde, konnte man sie nicht hier behalten. Eigentlich aß sie gerne, sogar viel – nur schien ihr Körper dies nicht zu bemerken. Sie war hochaufgeschossen und so dĂŒnn, wie die Menschen hinter dem Stacheldrahtzaun, auf dem Foto, das ihr die Mutter gezeigt hatte. Es war in einer Zeitschrift neben dem Bild von einem Berg nackter Leichen. Die waren alle verhungert, hatte die Mutter damals gesagt und dabei merkwĂŒrdig gelĂ€chelt. Als Wawa fragte, warum sie lĂ€chele, antwortete sie etwas, das Wawa zwar behalten hatte, aber nicht genau verstand,
“Erst demĂŒtigt man die Lebenden, dann die Toten.”
Die Schwester war fertig und blickte kurz auf ihre Armbanduhr,
“Es lohnt nicht mehr, fĂŒr dich noch etwas extra zu Essen zu machen. In einer halben Stunde gibt es Abendbrot. Solange kannst du ins Spielzimmer gehen. Ich zeig es dir.”
Wawa mochte keine Kinder, sie war immer nur mit Erwachsenen zusammen. So betrat sie ein wenig schĂŒchtern den Raum mit den BilderbĂŒchern und Bauklötzen auf dem Boden. Eine Gruppe MĂ€dchen hockte im Kreis auf einem Flickenteppich in der Mitte des Zimmers.
Sie sah sich Hilfe suchend nach der Nonne um, die war aber schon verschwunden. Ohne hinzusehen hob sie ein Buch auf und ging zu einem Stuhl am Fenster. Niemand schien sie zu beachten, aber sie bemerkte, wie die anderen Kinder ihren Kreis enger schlossen und leiser sprachen, damit sie nichts verstehen konnte.
Wawa schlug das Buch auf. Sie konnte noch nicht gut lesen, mußte die Buchstaben flĂŒsternd zu Worten zusammensetzten, um etwas zu verstehen. Plötzlich bemerkte sie die Stille, nur ihr Gewisper war zu hören. Sie sah auf und blickte in feixende Gesichter, die sich direkt wieder abwandten. UnterdrĂŒcktes Kichern war zu vernehmen. Sie versuchte, sich auf den Text zu konzentrieren. Es ging um eine kleine Katze, die sich vor Allem fĂŒrchtete, vor dem Staubsauger, vor Sonnenstrahlen, vor Gardinen, die sich im Wind bewegten.
Wawa fand das KĂ€tzchen dumm, sie selber hatte höchstens Angst vor Menschen. Am meisten vor betrunkenen Menschen. Ein lauter Gong schreckte sie auf. Die anderen Kinder stĂŒrmten alle hinaus. Sie folgte langsam dem hallenden Getrampel die Treppe hinab. Im Eßsaal standen lange Tischreihen, an jedem Platz ein Suppenteller, in der Mitte dampfende SchĂŒsseln mit Eintopf. Die meisten PlĂ€tze waren schon besetzt. Zögernd blieb sie stehen. Eine junge Nonne nahm sie freundlich an die Hand und fĂŒhrte sie zu einem freien Stuhl. Neben ihr saß ein magerer Junge mit sehr dunklem Haar, genauso schwarz wie ihr Zopf. Sofort sprach er sie hoffnungsvoll in einer fremden Sprache an. Wawa verstand kein Wort. Die Nonne beugte sich lĂ€chelnd zu ihr hinab,
“Du bist doch auch eine kleine AuslĂ€nderin, oder? Rico hier spricht nur italienisch. Kannst du das?”
Wawa schĂŒttelte erstaunt den Kopf. Sie konnte nur deutsch und russisch.
Eine Schwester fĂŒllte die Teller auf. Die Suppe war sehr dick, fast ein PĂŒree, mit Brocken von Fleisch und Kartoffeln. Dann ging eine Nonne mit einer Kanne herum und schĂŒttete jedem noch eine Portion Sahne darĂŒber. Wawa war sehr hungrig, sie wollte schon beginnen, zu essen, aber jemand nahm ihr den Löffel wieder aus der Hand. Erst wurde gebetet. Sie senkte den Kopf und bewegte die Lippen. Sie kannte das Gebet nicht, hoffentlich merkte es keiner. Schließlich durften alle essen. Eine vertrocknete, gelbgesichtige Nonne saß am Kopfende des Tisches und beobachtete die Kinder. Ihr Platz war nicht gedeckt, nur ein Glas Wasser stand da, aus dem sie ab und zu einen Schluck trank. Wawa schien es so, als wĂŒrde sie die Bisse der Kinder zĂ€hlen. Dabei sah sie so mĂŒrrisch und mißgĂŒnstig aus, als wĂŒrde man sie hier hungern lassen. Unbehaglich löffelte Wawa ihren Teller leer. Der Junge neben ihr, hatte keinen neuen Versuch gemacht, mit ihr zu sprechen. Er tat ihr leid. Offensichtlich war er nicht hungrig, lustlos stocherte in seinem Teller herum, fischte sich die wenigen Möhren heraus und legte die FleischstĂŒcke auf den Tellerrand. Wawa zuckte zusammen, als eine Hand sich um Ricos Nacken legte. Es war die Ordensschwester, die sie auf ihr Zimmer begleitet hatte. Sie schĂŒttelte den Buben am Genick wie einen unfolgsamen Welpen. Dabei sagte sie kein Wort – aber er hĂ€tte ja ohnehin nichts verstanden. Wawa fand das unheimlich, vor allem als er begann, lautlos zu weinen. Schließlich ließ die Schwester ihn wieder los und er begann sich hastig Löffel um Löffel in den Mund zu schieben. Er kĂ€mpfte mit einem Brechreiz, schluckte aber tapfer weiter. Nach einem Dankgebet durften alle die ihre Teller leer gegessen hatten, aufstehen. Die anderen wurden alle dicht um die alte Nonne gesetzt und mußten unter ihrem strengen Blick so lange sitzen bleiben, bis sie aufgegessen hatten. Die alte Nonne sah so aus, als wĂ€re es ihr egal, ob sie die ganze Nacht hier verbringen wĂŒrde. Wawa verließ den Raum mit einem schlechten Gewissen, aber sie wußte nicht, warum sie es hatte. Sie hĂ€tte jetzt noch, vor dem Zubettgehen, eine halbe Stunde mit den anderen spielen können, ging aber lieber alleine auf ihr Zimmer. Sie fĂŒhlte sich sehr einsam, als sie ihr Nachthemd aus dem Schrank nahm. Ob man an Einsamkeit sterben konnte? Selbst die Mutter erschien ihr auf die Entfernung weniger schrecklich als sonst. Hier wĂŒrde sie niemand zu Bett bringen, wie sollte sie da einschlafen. Aber nachdem sie sich hingelegt hatte, schlief sie direkt ein.

Die nĂ€chsten Wochen waren durch Malzeiten bestimmt. FĂŒnf davon gab es jeden Tag und einmal in der Woche wurden sie alle gewogen. Wie bei HĂ€nsel und Gretel dachte Wawa immer. Vielleicht wurden die Kinder hier alle am Ende geschlachtet und von den Nonnen aufgegessen? Warum sonst aßen die Schwestern nie mit den Kindern zusammen? In ihrem Inneren wußte sie natĂŒrlich, so etwas gab es nur in MĂ€rchen, außerdem wurden immer wieder Kinder von ihren Eltern abgeholt. Trotzdem mißtraute sie den Frauen in den schwarzen GewĂ€ndern, sie waren so anders als normale Menschen.
Wawa bekam manchmal an den Wochenenden Besuch aus MĂŒnchen, Max mit FrĂ€ulein Dauer und einmal ihre Urgroßmutter. Sogar ihre Mutter kam. Sie war von einer Arbeitskollegin hergebracht worden, einer kleinen dicken Frau, die ganze Zeit ungeduldig auf ihre Uhr sah. Wawa freute sich, die Mutter zu sehen, sie roch gar nicht nach Alkohol und war trotzdem nett und fröhlich. Leider blieb sie nicht lange, dann saß sie wieder alleine in ihrem Zimmer und blĂ€tterte das Micky Maus Heft durch, das ihr die Mutter mitgebracht hatte.
Donald mußte mit seinen drei Neffen auf Kamelen eine WĂŒste durchqueren. Sie waren auf der Suche nach einem Pharaonenschatz. Es war leider eine Fortsetzungsgeschichte, das letzte Bild zeigte die kleine Gruppe halb verdurste und verhungert in einer endlosen SandwĂŒste. Die Sonne grinste bösartig zu ihnen herunter.

Wawa hatte tatsĂ€chlich zugenommen, nicht so viel, wie die Schwestern gerne gesehen hĂ€tten, aber doch einige Kilo. Wie allen Kindern war es ihr verboten, zu laufen, herum zuspringen, oder sich irgendwie anzustrengen. Nach dem Mittagessen mußte sie sich auf dem Balkon in einen Liegestuhl legen. Dann wurde sie fachmĂ€nnisch aber lieblos zugedeckt.
Einmal gab es einen kleinen Zwischenfall. Den Kindern war von einem Doktor eine winzige Wunde in den RĂŒcken gekratzt worden, die er mit einer FlĂŒssigkeit bestrich. Am nĂ€chsten Tag, vor dem Mittagsschlaf, mußten alle ihre Pullover und Hemden hochheben. Neben Wawa lag der italienische Junge. Als die Nonnen seinen RĂŒcken begutachteten, wurden sie auf einmal sehr aufgeregt, riefen sich ein Wort zu, was fĂŒr Wawa wie “Tuberkeln” klang. Wawa hatte keine Ahnung, was es zu bedeuten hatte, aber es war offensichtlich schlimm, denn Rico wurde unverzĂŒglich aus seinen Decken geschĂ€lt und weggebracht. Sie sah ihn nie wieder.

Wie eine Gefangene zĂ€hlte Wawa die Zeit bis zu ihrer Abreise. Hierzu hatte sie einen Kalender von Zuhause mitgenommen, von dem sie jeden Tag vor dem Schlafengehen ein Blatt abriß. Als endlich ihr Abreisetag kam, konnte sie vor Aufregung kaum etwas essen. Das sahen die Ordensschwestern nicht gerne, weil die Kinder immer, bevor sie das Sanatorium verlassen durften, noch einmal gewogen wurden. Vor den Augen der Eltern. So ließ man sie auch vor ihrem Teller mit WĂŒrstchen und Kartoffelsalat im Eßzimmer sitzen. Heute war sie die einzige, die nicht aufgegessen hatte. Alleine, nur die alte Nonne war noch da, saß sie vor ihrem Essen. Sie konnte einfach nicht. Leise sagte sie,
“Ich kann wirklich nicht mehr. Darf ich...?”
Sie hatte noch nicht ausgesprochen, da hörte sie schon ein gekrĂ€chztes “Nein”. Noch nie hatte sie die Stimme von der Alten vernommen, die war aber ebenso freudlos und vertrocknet, wie ihr Gesicht. Wenn sie ihre Portion nicht aufaß, wĂŒrde sie nicht entlassen werden. Vielleicht saß Max schon im Wartezimmer. Wawa schluckte Bissen um Bissen herunter. Schließlich war der Teller leer. Wie auf ein Zeichen öffnete sich in diesem Augenblick die TĂŒr und ihre Mutter trat ein. Als Wawa aufsprang, um sie zu begrĂŒĂŸen, drehte sich ihr Magen um. Alles was sie mĂŒhsam in sich hineingestopft hatte, landete in einem Schwall auf dem Fußboden.
Auf der Heimfahrt wollte Wawa nicht aufhören zu singen, obwohl die Mutter stark nach Schnaps roch und Max deshalb immer wieder die Fenster aufkurbelte. Wie schön wÀre es, immer nur zu fahren.
Nicht einmal der saure Geschmack in ihrem Mund störte sie.


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flammarion
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wieder

einmal eine gutgeschriebene wawa-geschichte. ja, es ist grauenhaft, kinder zu zwingen, daß sie alles essen, was ihnen vorgesetzt wird. schlimm genug, daß sie nicht sagen können, was sie gern essen, nein, sie mĂŒssen nehmen, was es gibt. wawa war sehr tapfer. hat sie tatsĂ€chlich zugenommen? das wĂŒĂŸte ich gern noch. eines hat mich allerdings gestört: das wort "direkt". frĂŒher wurde es fĂŒr "genau" genommen, also wenn etwas genauer als genau war. heute nimmt man es fĂŒr "gleich" und "sofort". das tut mir leid. ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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