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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Mauersplitter
Eingestellt am 15. 03. 2009 20:28


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Walther
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Mauersplitter


I - 1990

Als die Mauer zusammenbricht, brechen viele auf. Es geht in die damalige Übergangs-DDR mit dem Auftrag, Interessenten zum Thema „Wie mache ich mich selbständig“ zu schulen. Uns treibt so etwas wie einen nationalen Impetus, mit anzupacken. Erleichtert wird das dadurch, dass man die Reisekosten kofinanziert bekommt. Sonst gibt’s nichts, und nicht nur ich fahre trotzdem.

In Dessau hausen wir in einem Wohnheim, in dem die Heizung durch das Ă–ffnen von Fenstern geregelt wird. Das Klo kann man nur mit geschlossenen Augen und zugekniffener Nase betreten. An Duschen ist nicht zu denken.

Beim Schnäuzen der Nase ist das Taschentuch nach der ersten Nacht schwarz. Der Horizont ist fahl gelbgrün und der Schwefelgeruch ungefilterter Braunkohleverbrennung allgegenwärtig.


II – 1991

Ich fahre im Auftrag der sächsischen Wirtschaftsförderung nach Riesa ins Stahlwerk. Die Straßen fordern den Ford Mondeo bis an die Grenzen seiner Stoßdämpfer. Einschlafen am Steuer ist nicht.

Trabbis all ĂĽberall: Der Gestank der Zweitakter ist der klare Hinweis, wo man sich befindet, ebenso die anderen Verkehrszeichen. An einer Ampel biegt man rechts ab, auch wenn die Ampel rot ist. Der grĂĽne Pfeil nacht rechts macht wenigstens da Hoffnung auf Besserung.

Die Besichtigung des Betriebs ist niederschmetternd. Mehr als 70% der Arbeitsplätze werden wegfallen, wenn es überhaupt eine Überlebenschance gibt. Den Leitern der Werks PHG habe ich geraten, sich möglichst schnell mit einem Geschäftsplan und einer Ausgründung zu beschäftigen. So können sie wenigstens am beginnenden Bauboom teilhaben. Ihr Betrieb wird sie bald nicht mehr benötigen.


III – 1992

Ich fahre wieder einmal ĂĽber Plauen nach Dresden. Der Flug ist zu teuer. AuĂźerdem brauche ich das Auto, um nach Schwarzenberg zu kommen, der Vorlage fĂĽr den Roman gleichen Namens von Stefan Heym. Den kennt heute keiner mehr, Schwarzenberg liegt im Windschatten des Erzgebirges, ohne Zukunft und Perspektive.

Ich fahre über Landstraßen durch das Vogtland, weil sich die einzig fertig gestellte Brücke der Hitlerautobahn nach Berlin gerade im Neubau befindet. Stuttgart – Dresden dauert zwischen acht und neun Stunden. Wie viele der schwäbischen Leihbeamten und –manager in der Aufbauzeit ihr Leben auf diesen Straßen gelassen haben, weiß keiner. Auch ich habe ein halbes Dutzend Verkehrstote im direkten Umfeld. Der Aufbau ist auch eine blutige Angelegenheit, es fahren sich nach vorsichtigen Schätzungen einige Tausend in den Tod.


IV – 1993

In Dresden gewinnt die Hoffnung Oberhand: die Renovierung der Frauenkirche geht auf die Baustelle. Welch ein Wunder, welche weltweite Solidarität! Mit diesem einzigartigen Bauwerk bekommt der Aufbau Gestalt.

In einem wahnwitzigen Projekt werden zuerst die Reste, die noch stehen, gesichert, und dann werden die Schutthaufen sortiert und geordnet. Ich bin jedes Mal, wenn ich in Dresden war, hingegangen, um Kraft zu schöpfen. Hier wächst das, was möglich hätte sein können. Hier ist das Wunder der Wiedervereinigung fassbar.


V – 1995

Berlin, Marienburgerstraße: eine Rückkehr. Wer nach dem Krieg in Berlin geboren ist und weggezogen, nach Frankfurt, nach Hamburg, in die verbliebenen großen Städte, der trägt zeitlebens ein schlechtes Gewissen mit sich. Geradewegs wie die Eltern und Großeltern, die gingen, weil die Existenzangst sie trieb.

Die Häuser sind im Hochparterre so feucht, dass man in diesen Wohnungen oft nicht mehr leben kann. Der Vater hat sich in das zweite und dritte OG eingekauft. Die Renovierung ist eine Pusselarbeit, die Kosten exorbitant, die Straßen eine Zumutung.

Aber Berlin, ja, das ist es. Da sieht man die Veränderung. Der Potsdamer Platz: die Baustelle Deutschland ist selten so fassbar. Und an ihm kann man heute noch Erfolg, Scheitern und Chuzpe nachfühlen.


VI – 1999

Mit Kollegen nach Dresden in einer gefĂĽhrten Reise, die Liebste will endlich wissen, was geschieht. Die Frauenkirche ist halbfertig. Wir besuchen die Orte, die man gesehen haben muss. Es ist viel geschehen.

Es fällt richtig auf, dass am Flughafen einiges vorangekommen ist. Der Verkehr ist verheerend, aber die Trabbis sind in der Unterzahl. Die Luft ist viel besser, die Hotels sind auf Weststandard.

Wer die Hauptstraßen verlässt, sieht jedoch, was alles noch gemacht werden muss, wie viel 40 Jahre DDR gekostet haben. Meißen ist beeindruckend und niederschmetternd zugleich.


VII – 2002

Die Fahrt geht wieder ĂĽber Plauen, die Autobahnen sind neu gemacht, und das Fahren ist wie im Paradies. Ich will die alten Wege fahren, will selbst sehen und spĂĽren, wo der Soli hingekommen ist.

Jetzt sind die StraĂźen besser als zwischen Karlsruhe und MĂĽnchen. Wenigstens das haben wir hinbekommen.

Als ich bei Cottbus Richtung Berlin weiterfahre, spĂĽre ich wieder das bekannte Klackedieklack der alten Betonplatten. Wie alt dieser Belag ist? Nicht ĂĽberall ist der Fortschritt angekommen.

Als ich in Treptow ankomme, fahre ich durch eine Stadt, in der schon die Zeit nach der Renovierung angebrochen ist. Der Leerstand in der Innenstadt ist erschreckend, das aus einer Klinikfehlinvestition entstandene Altenheim der größte Arbeitgeber neben der Stadtverwaltung.

Auch wir haben ein Mezzogiorno. Und es wird noch schlimmer kommen, man kann es regelrecht riechen.


VIII – 2006

Einig Fußballvaterland – ganz Deutschland in Schwarzrotgold. Jedes Tor ist ein nationales Erlebnis, das ganze Land ist im Freudentaumel.

Als ob sich 1954 wiederholte: ein Volk findet einen historischen Augenblick zusammen, es entsteht so etwas wie die Leichtigkeit des Seins. Alle Probleme verschwinden hinter dem friedlichen und freundlichen FuĂźballfest.

Dass wir den Titel nicht gewinnen, ist eine Nebensache. Weltmeister der Herzen sind wir. Und in Berlin, da schlägt unser aller Pulsschlag: welch eine Abschiedsfeier für die Fußballhelden!


IX – 2008

Nach dem Sommermärchen 2007 folgt das Sommermärchen 2008. Und immer geht es voran.

Als ich 2008 nach Berlin fliege, sehe ich nichts mehr von der Mauer, aber den Lehrstand. Die Lesung findet in der Nähe des Alex statt, in einer Ladenzeile, die – mangels anderer Verwendung – Atelier an Atelier aneinanderreiht.

Irgendwie trostlos: Die Baustelle Deutschland ist inzwischen hinter schönen Fassaden versteckt, hinter denen das Land munter weiterbröckelt. Der kalte Hauch der Globalisierung dringt durch die Ritzen, der Wohlstand steht auf dem Prüfstand.

Die Lesung ist schön und befreiend. Aber wir sind froh, wieder im schönen Hotel im Westen der Stadt zu übernachten. Noch kann man sich, wenn man Geld hat, die Hülle Sicherheit kaufen. Was aber, wenn die Krise doch noch kommt?


X – 2009

Der Geier kreist. Was wird aus uns? Keiner weiß das. In der Not kommen die Realitäten wieder auf den Tisch. Berlin im Februar ist kalt, die Tagung merkwürdig unwirklich. Die Lähmung hat auch die IT-Branche erfasst.

Die Mauer ist weg, wenigstens die, die wir sehen. Man kann ihre Reste besichtigen. Als ich davorstehe, habe ich diesen Flashback ins Jahr 1972. Mit der Abitursklasse war ich nach Berlin gefahren. Auf der luftigen Stahlrohrkonstruktion konnten wir in den Westteil sehen. Es war März, und der Wind pfiff uns kühl und heftig um die Nase.

Auch die Kontrollen und die ohnmächtige Wut über die Behandlung beim Übertritt am Bahnhof Friedrichsstraße. Die Gefühle waren da in der Erinnerung, aber irgendwie schienen sie aus einem anderen Leben.

Ja, die manifeste, die körperliche, Mauer ist weg, aber sonst geht sie nach wie vor durch dieses Land. Sie ist in uns. Fest gemauert, gut fundamentiert. Es wird nach wie vor an ihr gebaut und ständig ausgebessert. Wir fühlen es. Wir können es sehen.

Aufgeben gilt nicht, sage ich zu mir. Es muss weitergehen. Und es geht weiter, auch wenn man es nicht glauben will.

In weiteren zehn Jahren werden wir erneut Bilanz ziehen. Vielleicht sind die Mauersplitter aus unseren Herzen und Köpfen verschwunden. Vielleicht haben sie sich auch nur verwachsen.

__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

Version vom 15. 03. 2009 20:28
Version vom 15. 03. 2009 20:48
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Version vom 16. 03. 2009 09:27

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suzah
Guest
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Mauersplitter

hallo Walther,

das ist ja alles recht interessant, aber - wie in der vorgabe zu lesen - ist das limit für diese schreibaufgabe 250 wörter, schade. dein text ist gut 4x so viel!!

es gibt einige kleine tippfehler (die habe ich aber nicht gezählt).

grĂĽĂźe suzah

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Walther
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Hallo Suzah,

es gibt Texte, die gehen nicht kĂĽrzer. Dieser hat hier seinen thematisch richtigen Platz.

Mir geht es nicht darum, BerĂĽcksichtigung bei der Ausschreibung zu finden. Hier ist ein interessiertes Publikum, dem evtl. dieser Aspekt der Wiedervereinigung und des Mauerfalls etwas gibt.

Vielen Dank fĂĽr Deinen Eintrag.

GruĂź W.
__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

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Zeder
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Hallo Walther,

ich habe den Text zunächst hierher verschoben, da er die Kriterien der Schreibaufgabe leider nicht erfüllt.

GrĂĽĂźe von Zeder

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revilo
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Hallo Walter,
ich freue mich, dass ich dazu beitragen konnte, den wirklich guten Text aus der Versenkung zu holen.. Ich habe mich gewundert, dass er bislang weitestgehend unbeachtet blieb.Es ist für mich eine ungeheure Leistung,einen so wichtigen Zeitabschnitt so verdichtet aufs´Papier zu bannen. Hast Du daran gedacht,einmal ein erweitertes Werk - vielleicht gar ein Buch-
über Deine Erinnerungen zu schreiben ? Ich wäre der erste Leser.......... LG revilo

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suzah
Guest
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mauersplitter

hallo walther,

es wurde schon mal vorgeschlagen, diese längeren texte, die deshalb nicht in die auswahl paßten, u.a. auch der text von frankk, in einem buch zu veröffentlichen. ich denke, das wäre doch ein gutes zeitdokument.

lg suzah

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Walther
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Hi Carlo,

danke fĂĽr Deine lieben Worte. Ich habe versucht, meine Erlebnisse nĂĽchtern zu protokollieren. Mehr kann ich nicht leisten, noch nicht.

Hi Oliver,

es geht um Verstehen und Respekt. Aber wann geht es eigentlich beim Versuch zu verstehen, darum eigentlich nicht?

Hi Frank,

danke für Dein ausführliches Lektorat, das ich komplett umgesetzt habe. Was wäre die Lupe ohne Kollegen wie Dich? Sie wäre ein Ort des Abladens und nicht des Textarbeitens. Danke, in jeder Hinsicht. Auch für Dein Mutmachen.

Lieber GruĂź Euch allen.

W.
__________________
Walther
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