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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Maurice, Film von James Ivory
Eingestellt am 26. 06. 2012 17:07


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Arno Abendschön
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Maurice von 1987 ist die mittlere von Ivorys drei Romanverfilmungen nach E. M. Forster (A Room with a View 1985, Howards End 1991). Maurice blieb aus dem gleichen Grund ein wenig im Schatten der beiden anderen Produktionen, aus dem Forster selbst den Roman jahrzehntelang unter Verschluss gehalten hatte – es ist ein problematischer Stoff und nicht geeignet, nachhaltiges Interesse breiter Schichten zu erregen oder gar deren Sympathien zu gewinnen. Er erschien, dem Testament entsprechend, erst 1971, ein Jahr nach dem Tod des Autors.

Maurice Hall (James Wilby) und Clive Durham (Hugh Grant) lernen sich 1909 wĂ€hrend ihres Studiums in Cambridge kennen. Beide vertreten die zwei bestimmenden KrĂ€fte der englischen Oberschicht von damals. Clive ist Landadliger, kommt aus einer Familie von AnwĂ€lten und Politikern. Maurice entstammt dem gehobenen BĂŒrgertum, sein Vater war Börsenmakler gewesen, sein Großvater ist reich. Von den beiden ist Clive der geistig regsamere, und er neigt zum Opponieren. Er wendet sich frĂŒh vom Christentum ab und der antiken Kultur zu, betrachtet sich als „Hellenen“. Maurice entspricht in fast allem dem Durchschnitt seiner Zeit und seiner Schicht. Er teilt deren Vorlieben, Gewohnheiten, Auffassungen und Vorurteile. Nur in einem weicht er von diesem Durchschnitt ab: Er ist homosexuell. Clive schĂ€tzt sich ebenso ein. Auf dieser Grundlage entsteht eine intensive Freundschaft, allerdings besteht Clive auf rein platonischer Beziehung unter Ausschluss praktizierter SexualitĂ€t. Maurice ordnet sich dem unter, wie er das in allem Übrigen tut.

Clive wird Anwalt in London und bereitet sich auf eine politische Karriere vor. Er hat auch fĂŒr das etwas heruntergekommene Familiengut im SĂŒdwesten Englands zu sorgen. Maurice arbeitet als Broker in der City. Beide verbringen jetzt einen Großteil ihrer Freizeit miteinander. Ihre Familien - MĂŒtter und Schwestern - freunden sich an.

Die harmonische Beziehung der jungen MĂ€nner endet 1912, als Clive sich von Maurice zurĂŒckzieht und im Jahr darauf heiratet. Ivory hat diesen radikalen Wandel in Clives LebensfĂŒhrung mit gesellschaftlichen RĂŒcksichten zu begrĂŒnden versucht. Ein den beiden aus Cambridge bekannter Viscount wird, Ă€hnlich wie Oscar Wilde eineinhalb Jahrzehnte davor, in einem Sensationsprozess verurteilt, und das löst bei Clive Panik aus. Hier weicht Ivory von der Romanvorlage ab. Bei Forster fehlt dieser Sittenskandal und Clives Motive bleiben letztlich im Dunkeln.

Clive findet sich rasch in seine neue Lage. Er wird bei den kommenden Wahlen kandidieren. Seine Wendigkeit, seine IntellektualitĂ€t, sein blendendes Aussehen, sein guter Geschmack – alles dient ihm zum Erreichen seiner Ziele. Immer deutlicher wird, dass die reiche Kultur, die er teils ererbt, teils sich angeeignet hat, nur Dekorum ist. Sein Oppositionsgeist war eine auf die Adoleszenz beschrĂ€nkte aristokratische Spielerei. Maurice dagegen, der SchwerfĂ€lligere, weniger SelbstĂ€ndige, gerĂ€t alleingelassen in eine tiefe Krise. Er muss erst neue Erfahrungen machen, neue AnstĂ¶ĂŸe von außen bekommen und seine verborgenen Kraftquellen entdecken. Dabei kommt ihm zugute, dass er ĂŒber den ausgeprĂ€gten Pragmatismus der englischen Mittelklasse verfĂŒgt.

Maurice verbringt im September 1913 eine Urlaubswoche auf dem Gut des frisch verheirateten Freundes. In diese entscheidende Zeit fallen zwei Behandlungstermine in London. Maurice will seine sexuelle Orientierung von einem Hypnotiseur korrigieren lassen. Die Hypnose fĂŒhrt allerdings nur zu grĂ¶ĂŸerer Offenheit, und Maurice lĂ€sst sich auf eine Beziehung mit Clives WildhĂŒter Alec Scudder (Rupert Graves) ein. Bevor das ĂŒberraschende, doch nicht unrealistische Happy End erreicht wird, haben Maurice und Alec noch einige KĂ€mpfe zu bestehen, gegeneinander und mit sich selbst 


Im Vergleich mit Forsters Roman erscheint der Film zwangslĂ€ufig flacher. In zweieinviertel Stunden lassen sich nicht alle Seelenregungen ausleuchten, nicht alle gesellschaftlichen BezĂŒge darstellen, die der Autor auf knapp 300 Seiten ausbreitet. DafĂŒr setzt Ivory andere Mittel ein, um den Film ĂŒberzeugend zu gestalten. Zum einen wirken Ausstattung und AtmosphĂ€re bewundernswert authentisch. Noch die letzte Vorhangfalte ist reinster Edwardian Style und die Musik im spĂ€tromantischen Stil (Richard Robbins) ein großer Genuss. Die GefĂŒhlsĂ€ußerungen, die zarten wie die heftigeren, beschwören jene Welt herauf, die ihr Gesicht vom Jugendstil und von Maeterlinck, beispielsweise, erhielt. Zum anderen bestechen die Leistungen der Hauptdarsteller, die ihre Rollen nuanciert, ausdrucksvoll und verwandlungsreich ausfĂŒllen. James Wilby, Hugh Grant und Rupert Graves haben sich mit diesem Film auf die große Leinwand der Filmgeschichte gespielt. Auf ihr hat auch Maurice seinen Platz.

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