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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Maurice, der Pflegeheimkater
Eingestellt am 04. 09. 2014 08:54


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Semmelbr├Âsel
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Maurice,
der Pflegeheimkater


Heute war ein guter Tag. Ich f├╝hlte mich stark, als ich mich gen├╝├člich am Fensterbrett in der Morgensonne streckte und meine Muskeln anspannte. So wie jeden Morgen veranstaltete ich eine kurze Katzenw├Ąsche, verschwendete aber nicht allzuviel Zeit damit, weil es f├╝r mich Wichtigeres zu tun gab. Heute hatte ich einen vollen Terminplan, den es einzuhalten gab. Ein Streichler hier, ein nettes Wort dort erwarteten mich. Die Menschen liebten mich. Ich war schon lange hier zu Hause und ein wahrer Professor, wenn es sich um menschliche Belange handelte. Ich hatte schon ganze 14 Jahre auf meinem Katzenbuckel. Mancher w├╝rde sagen, ich sei schon alt, aber ich f├╝hlte mich jung, wenn ich meinen Pflichten als Heimkater nachging. Und ein gewissen Ma├č an Erfahrung in meinem Job gab mir das Gef├╝hl, wichtig zu sein und etwas Bedeutendes zu tun. Ja, meine Arbeit hielt mich wirklich jung.
Ich schlenderte mit hocherhobenem Schweif durch die Heimg├Ąnge. Mein Fressnapf war so gut wie zu jeder Zeit voll und beim Fr├╝hst├╝ck staubte ich nicht selten ein St├╝ckchen Schinken ab. Die Schwestern meinten zwar, dass die Bewohner mich besser nicht so vollstopfen sollten, aber nur wenige hielten sich daran. \"Das schadet seiner Gesundheit, wenn er so fett wird!\" Diese Bemerkung h├Ârte ich nur all zu oft. Na gut, ein wenig war ich doch in die Breite gegangen, aber es st├Ârte mich nicht sonderlich. Im Alter sollte man sich doch auch ab und zu etwas g├Ânnen.
Am Morgen war immer besonders viel los. Die Schwestern waren noch damit besch├Ąftigt, die Bewohner f├╝r das Fr├╝hst├╝ck fertig zu machen. \"Das ist vielleicht ein Stress!\", kann ich nur sagen... Ich schaute ein paar mal durch eine T├╝r und wollte wissen, was da so abgeht. Katzen sind von Natur aus sehr neugierig auf Neues. Das zeichnet uns aus. Wir beobachten gerne das Geschehen als \"unbeteiligte Aussenstehende\" und machen uns dann viele Gedanken dar├╝ber, was Pfleger und Bewohner da ├╝berhaupt wahrnehmen. Den Beteiligten schien es auch heute nicht aufzufallen, wie es da ├╝berhaupt zuging.
Ich setzte mich zun├Ąchst ins Zimmer 25. Es war der Wohraum von Frau Bauer. Sie war schon sehr alt, in Katzenjahren w├Ąre sie wohl ein Methusalem. Ihre Haut war schon sehr faltig, und die restlichen Haare, die sie noch hatte, waren grau ÔÇô so wie meine Schnurrhaare. Ich bin mir dank meiner scharfen Augen dennoch sicher, dass sie fr├╝her eine sehr h├╝bsche Frau gewesen sein muss.
\"Frau Bauer, welches Gewand soll ich ihnen denn herrichten? Das blaue Kleid oder heute doch lieber die Hose mit der Weste?\", fragte die Schwester freundlich.
Es war sehr nett, dass die Pflegerin fragte, was sie lieber anziehen w├╝rde, dennoch bemerkte sie nicht, dass Frau Bauer noch komplett verschlafen im Bett lag und irgendwie traurig wirkte. \"Na, was ist ihnen lieber?\"
Frau Bauer seufzte: \"Ich glaub\', ich nehm lieber die schwarze Hose und die dunkle Weste. Heute ist es sehr kalt da drau├čen.\", meinte sie und setzte sich an den Bettrand. \"Nein, Frau Bauer, heute scheint doch die Sonne - schauen sie mal!\" Die Schwester ├Âffnete den Vorhang und die Sonnenstrahlen fielen auf das Bett. \"Nein. Es ist kalt.\"
\"Das empfinden Sie nur so, weil sie gerade aus dem Bett gestiegen sind. Das gibt sich dann schon, wenn sie angezogen sind. Sie werden sehen, das Kleid ist heute wirklich angebracht, sonst schwitzen Sie wieder so viel. \"
\"Ich habe kein Gef├╝hl in den Beinen. Es ist so als h├Ątte ich keinen Stand. Ich glaube nicht, dass ich heute aufstehen kann. Ich f├╝hle keinen Boden unter meinen F├╝├čen. \"Aber Frau Bauer, Sie sind doch sonst auch selbst├Ąndig aufgestanden.\"
\"Heute geht das nicht, Schwester, ich sag\' doch, ich w├╝rde den Stand verlieren. Nein, diese K├Ąlte heute...\"
\"Warten Sie, ich helfe Ihnen.\" Die Schwester ging zu ihr hin und half ihr beim Aufstehen. \"Das ging doch ganz leicht, ich hab\' Ihnen nicht wirklich helfen m├╝ssen, Frau Bauer.\" Die alte Dame seufzte wieder.
\"Ja, es geht schon.\" Ich war auf das Bett gesprungen und verfolgte das Geschehen aufmerksam. W├Ąhrend der K├Ârperpflege war die alte Dame sehr ruhig und in sich gekehrt. Sie lie├č alles willig ├╝ber sich ergehen und war auch bereit, das blaue Kleid anzuziehen, obwohl sie nochmals meinte, heute etwas Dunkes zu bevorzugen.
\"Ich begleite Sie schnell zur Couch und hole Sie dann ab, wenn ich mit dem Aufr├Ąumen fertig bin. Dann bring ich Sie in den Speisesaal. Dort wartet ein gutes Fr├╝hst├╝ck auf Sie!\"
\"Ja, ist in Ordnung.\"
Drau├čen vor dem Zimmer, als Frau Bauer so alleine und etwas verloren am Gang sa├č, h├╝pfte ich zu ihr auf die Bank. Ich schnurrte und schaute sie anfangs nur an. Ich wartete auf eine Einladung, ob ich mich auf ihren Scho├č setzen durfte. Ja, Katzen wissen, wann man besonders h├Âflich sein muss. Als sie mich bemerkte, streckte sie mir ihre Hand entgegen und ich schmiegte mich an sie. Dann hob sie mich auf ihren Scho├č. Katzen riechen einfach, wenn Menschen traurig sind. Es ist so eine Kombination aus salzigem Geruch vermischt mit einer Ahnung von verschwitzten Socken. Dieser Geruch war bei Neuzug├Ąngen, die ich im Heim begr├╝├čte, besonders ausgepr├Ągt. Frau Bauer geh├Ârte allerdings schon fast zum Inventar und hatte schon einige Jahre in unserer Pflege-Einrichtung verbracht. Sie streichelte mich jetzt besonders z├Ąrtlich. Das tat sie oft. Es gibt die Grapscher und es gibt die Krauler. Es gibt grobe Streichler, es gibt feste Streichler, und es gibt die Streichler, die man fast nicht sp├╝rt, so z├Ąrtlich sind sie. Meine pers├Ânlichen Lieblingstreichler fangen jedoch beim Kopf an und wandern bis zur Schwanzspitze. Es gibt also so viele Arten, ber├╝hrt zu werden, wie es Menschen gibt, und jede einzelne Ber├╝hrung erz├Ąhlt mir die Geschichte eines Bewohners und wie er gerade aufgelegt war. Ich wurde schon sehr oft gestreichelt und wei├č, wovon ich rede. Man kann sehr viel herauslesen aus einem Streicheln. Und Frau Bauers Ber├╝hrung verriet mir, dass sie nicht alleine sein wollte und heute etwas mit ihr nicht stimmte. Ihr blaues Kleid war auf alle F├Ąlle hervorragend f├╝r mich zum Sitzen. Der Stoff war weich und formte ein sehr angenehme Mulde, in der ich jetzt sa├č und sie nun anschaute.
\"Maurice, du bist so ein Lieber!\" Ich schnurrte und blinzelte mit den Augen. Ihre Stimme war recht leise, aber ich h├Ârte sie sehr gut. Sie dr├╝ckte mich an ihre Brust und ich lie├č es geschehen. \"Wei├čt du, heute vor einem Jahr ist mein Mann gestorben. Er hat die letzten Jahre sehr gelitten und ich f├╝hle mich jetzt so alleine.\" Ich schnurrte und blinzelte wissend mit den Augen, um ihr verst├Ąndlich zu machen, dass ich verstanden hatte. \"Alles im Leben l├Ąuft nur auf den Tod hinaus, Maurice. Ich f├╝hle nur noch den Verlust und die Einsamkeit. Es ist, als h├Ątte man keinen Boden unter den F├╝├čen. Man ist so machtlos im Alter und wartet nur noch. Mein Mann, er wird nie wieder kommen. Sch├Ân, dass du wenigstens da bist.\" Ich gab ein besonders lautes Schnurren von mir, rollte meinen Kopf in ihrer Hand und schmiegte mich an ihr Gesicht. Ja, ich war da und ich verstand und ich behielt ihr Geheimnis f├╝r mich. Katzen sprechen gerne in R├Ątseln, und wenn sie etwas k├Ânnen, so war es, Geheimnisse zu bewahren und hinter wissenden Blicken zu verbergen.
Die Schwester kam aus dem Zimmer: \"So, Frau Bauer, jetzt gehts los, auf zum Fr├╝hst├╝ck.\"
Ich h├╝pfte von meiner Klientin herunter und begleitete sie zum Tisch. Sie brauchte heute mehr Ansprache als sonst, und ich lie├č sie ganze zwei Stunden mein Fell streicheln, bis ich zum n├Ąchsten Termin eilte, den ich verschoben hatte.

Ich bin ein viel besch├Ąftigter Kater, wissen Sie? Mein n├Ąchster Auftrag f├╝hrte mich zwei Tische weiter zu Herrn Weber. Herrn Weber mochte ich besonders gerne. Lange Zeit wusste ich nicht, wie ich mit ihm umgehen sollte. Mittlerweile verstand ihn keiner so gut wie ich, weil wir uns ├Ąhnlich waren. Fr├╝her war er noch sehr energisch gewesen und hatte sich oft gegen das Pflegepersonal aufgelehnt, wenn ihm etwas gegen den Strich gegangen war. Oft war er unwirsch geworden, wenn man ihn nicht um Punkt zwei Uhr ins Bett f├╝r ein Mittagsschl├Ąfchen bringen wollte, was man ihm verweigerte, weil ja bald das Abendessen kommen w├╝rde. Mit der Zeit aber ist er immer ruhiger geworden. Er redetet nicht mehr viel, begann vor sich hinzustarren und zu allem Ja und Amen zu sagen. Im Pflegeheim geschieht es leider oft, dass die Menschen sich selbst vergessen. Haben Sie das gewusst? Ja, dies scheint nicht nur ein Ph├Ąnomen der Demenz zu sein. Nicht alle alten Menschen sind wie Frau Keinz, eine weitere Bewohnerin des Heims, die oft von ihrem vergangenen Leben erz├Ąhlt, um sich an ihr fr├╝heres, selbst├Ąndiges Ich zu erinnern.
Herr Weber war das genaue Gegenteil, er redete nicht viel. Er erz├Ąhlte keine Geheimnisse oder Geschichten davon, was er fr├╝her erlebt hatte. Herr Weber war eine ganz spezielle Nummer. Er konnte mittlerweile Geheimnisse f├╝r sich behalten. So machte er aus seinem Leben und aus allem, was darin geschehen war, ein gro├čes Geheimnis. Das w├Ąre weiter nicht schlimm, wenn es nicht so w├Ąre, dass Leute wie er dann mit der Zeit verga├čen, wer sie wirklich gewesen waren, wenn sie sich nicht mehr mitteilten oder sich selbst einredeten, nicht mehr wichtig zu sein. Ein Mensch ohne Vergangenheit hat keine Gegenwart und keine Zukunft. Und man braucht Erinnerungen, um sich selbst im Heute zu sehen. Herr Weber muss fr├╝her ein K├Ąmpfer gewesen sein - so wie ich - das wusste ich einfach. Er hatte es nur vergessen und daher wollte ich ├şhn herausfordern und ihm klar machen, dass er noch Kontrolle ├╝ber sein Leben besa├č. Herrn Weber musste man wie eine Maus lange beobachten, abw├Ągen, studieren. Er war ein sehr reinlicher Mensch und penibel, bestand z.B. fr├╝her darauf, einen Seitenscheitel zu tragen und hatte immer einen Kamm bei sich, um ihn im Laufe des Tages zu korrigieren. Seine perfekten Tischmanieren und die Tatsache, dass er genau wu├čte, wie ein Gedeck richtig aufgelegt wird lie├čen mich vermuten, dass er in der Gastronomie t├Ątig war. Anfangs versuchte ich, mit besonders viel Zuwendung zu ihm durchzudringen. Als ich noch ein junger, unerfahrener Kater war, h├╝pfte ich auf seinen Scho├č und wollte ihn ermutigen, mich zu kraulen, was nur dazu f├╝hrte, dass er mich ignorierte. Er wusste wohl mit Katzen nicht viel anzufangen. Aber so wie mit M├Ąusen musste man geduldig sein. Damals war ich das noch nicht. Ich gab zun├Ąchst auf und verzog mich zu Leuten, die einfacher zu handhaben waren. Erst mit den Jahren erkannte ich, dass dieser Mensch sich selbst vergessen hatte. Er war teilnahmlos. Er redetet nicht viel. Mit Katzenworten: ein \"zahnloser Tiger\". Furchtbar...eine absolut unvorstellbare Sache f├╝r einen Kater, dem nichts wichter ist als seine Selbstbestimmung. Ich musste ihm dies beibringen. Katzen k├Ânnen sehr gut provozieren und jemanden aus der Reserve locken. Wir sind hartn├Ąckig, wenn wir etwas erreichen wollen, und ich war sicher, mit viel Geduld konnte man Herrn Weber beikommen. Die Zeit, in der die Menschen im Aufenthaltsraum sa├čen, um gemeinsam ruhig auf das n├Ąchste Essen zu warteten, nutzte ich, um auf den Tisch von Herrn Weber zu springen. Ich schnurrte, um ihm zu zeigen, dass dies kein ungehobeltes Benehmen war, sondern dass ich h├Âhere Ziele verfolgte. Ich streckte ihm meinen Kopf entgegen und t├Ąnzelte verf├╝hrerisch um seine Nase. Ich wusste genau, wie man ihn aus seiner Welt herausrei├čen konnte.
\"Maurice, geh weg!\" So einfach lie├č ich mich jedoch nicht entmutigen. Also zeigte ich ihm meinen Po und schw├Ąnzelte provokant. \"Maurice! Verdammt. Lass das!\"
Ah, der Tiger zeigte sch├Ân langsam Krallen. Noch ein bisschen mehr und er w├╝rde sich wieder kr├Ąftig und bereit zum K├Ąmpfen f├╝hlen. Ich rollte mich gen├╝sslich auf dem Tisch und schleckte meine Pfote mit einer gewissen Arroganz, wie sie nur Katzen an den Tag legen k├Ânnen. \"Maurice! Geh weg!\" Er schob mich jetzt energisch vom Tisch. Meine Krallen verankerten sich in der Tischplatte. So leicht wollte ich es ihm nicht machen! \"Komm...k├Ąmpf mit mir\"...dachte ich, doch Herr Weber hatte mich bereits auf den Boden katapultiert. Wenigstens f├╝r einen Moment hatte ich ihn aus seiner phlegmatischen Stimmung gerissen. Jetzt war der Moment gekommen, um mich mit ihm zu vers├Âhnen. Ich sprang leichtf├╝├čig auf seinen Scho├č, nachdem ich zu ihm durchgedrungen war und schnurrte und, nun ja, ich versp├╝rte den unwiderstehlichen Drang, meine Krallen ganz leicht in seine Oberschenkel zu versenken. Ich wusste, er w├╝rde das aushalten. Da wir dieses Spiel so gut wie jeden Tag praktizierten, wusste ich, dass er mich jetzt streicheln w├╝rde. Wir waren Kampfkollegen, die sich gerne hatten und sich gegenseiteig respektierten. So duldete er st├Ąndig meinen Versuch, auf den Tisch zu springen, und ich seine Reaktion, mich in meine Grenzen zu weisen und jeder von uns beiden hatte seinen Spass dabei. Ich wage anzunehmen, dass er sogar jeden Tag auf meinen Versuch wartete. Keiner wollte dem anderen seine Kraft oder seine Entscheidungsfreiheit nehmen. \"Das war ein guter Kampf\", dachte ich und der Gedanke streichelte mein Katzenego. Viel mehr konnte ich in meiner Postition nicht f├╝r ihn tun. Aber ich tat, was in meiner Macht stand, um ihm zumindest etwas von seiner St├Ąrke zur├╝ckzugeben.

Ich beschlo├č, Mittagspause zu machen. Ein wenig wollte ich in den Garten hinaus und meiner eigenen Seele etwas Gutes tun. Vor allem konnte ich dort in Ruhe mein Verhalten reflektieren und ├╝berlegen, was ich vielleicht noch besser machen k├Ânnte. Und das gelang mir immer ganz wunderbar drau├čen in der Sonne unter einem Rosenbuschen. Ich rollte mich also gen├╝├člich zusammen und dachte bei mir, dass ich mit meiner heutigen Leistung sehr zufrieden sein konnte. Das ist n├Ąmlich auch wichtig. Gerade f├╝r eine Katze. Nicht unmsonst f├╝hlen wir uns wie kleine L├Âwen. Wir wissen einfach, dass wir unsere Arbeit gut machen.
Unter diesem Rosenbuschen hatte ich schon viele ausgezeichnete Ideen gesammelt. Dort war mein Lieblingsort, mein Ruhepol, mein ganz pers├Ânliches Refugium, an dem auch hin und wieder einige Bewohner vorbeikamen und nicht selten meinten: \"Schau, der Maurice liegt so gen├╝├člich da. Nein, wie malerisch! Er ist ja so lieb\". Ja, solche S├Ątze h├Ârt man doch immer wieder gerne! Vielleicht ist es ein Naturgesetz, dass man Leute besonders mag, die einem Zuwendung entgegenbringen. Jedoch ist es eine viel gr├Â├čere Kunst, auch die zu m├Âgen, die einen zun├Ąchst nicht leiden konnten, so wie es fr├╝her zwischen Herrn Weber und mir gewesen war. Hier, unter dem Rosenstrauch in meiner Erdmulde vertrieb ich alles Schlechte und Traurige, das mich belastete. Sei es ein R├╝ckschlag bei der Arbeit, ein trauriger Verlust oder die Hilflosigkeit angesichts der ├╝bergro├čen Anforderungen, die ich als Heimkater sehr oft empfand. Immer war mir dieser Platz ein R├╝ckzugsort gewesen, wenn mir die Situatuion im Heim ├╝ber meinen strubbeligen Katzenkopf wuchs. Ja, auch Katzen brauchen mal eine Pause.
Wissen Sie, wie man am besten stressige Situationen oder negative Gedanken ausschalten kann? Nach der Ursache zu fragen ist ein guter Anfang. Sich mitten in frustrierenden Gedanken oder in Situationen, die einen ├╝berfordern, selbst zu bremsen und in sich zu gehen ist allerdings eine echte Kunst. Es ist viel leichter, dieser Stimmung nachzugeben und sie auszuleben als sich mit ihr selbstkritisch auseinanderzusetzen. Ich spreche da aus eigener Erfahrung.
Als ich noch ein junger Kater war, ging es wie so oft am Morgen besonders hektisch im Pflegeheim zu, ich wurde von diesem Virus geradezu infiziert. Ich stand derart unter Strom, dass ich wie ein verr├╝ckt gewordener Fellflumie durch die G├Ąnge rannte und meine Krallen in Teppiche und P├Âlster versenkte. Alle lachten und meinten: \"Ach, der Maurice lebt wieder seine verr├╝ckten f├╝nf Minuten aus!\" Ich konnte mich fast nicht unter Kontrolle bringen. Stress ist ein ganz besonderer Geruch, er ist sehr pr├Ągnant und ├╝berw├Ąltigt einen geradezu, man wird sehr leicht angesteckt, besonders Katzen haben ein feines Sensorium daf├╝r. Mit den Jahren wird man jedoch ruhiger und gelassener. Man analysiert die Dinge einfach mehr. Man bremst sich selbst mitten im hektischen Alltag oder w├Ąhrend einen negative Gef├╝hle ├╝berw├Ąltigen wollen und fragt nach dem Grund der ├ťberforderung.
Aus schlechter Stimmung resultieren n├Ąmlich oft schlechte Taten. Es geschah sogar einmal , dass ich einen Heimbewohner gebissen habe, weil ich so aufgew├╝hlt war. Ja, es ist gut, wenn man sich auch selbst ab und zu wie von au├čen beobachtet und nicht nur auf die Fehler der anderen schaut. Ich darf sogar behaupten, dass ich durch diese Strategie inzwischen selbst ein Ruhepol f├╝r Schwestern und die Bewohner geworden bin.

\"Ja, Maurice, da hast du aber ein sch├Ânes Pl├Ątzchen gefunden. Das h├Ątte aber Frau Maier gefallen, wenn sie dich jetzt sehen k├Ânnte.\" Herr Brunner ging oft im Garten spazieren. Er war selbst G├Ąrtner gewesen und liebte es noch immer, in den Hochbeeten des Heimgartens zu arbeiten. Er wei├č sehr viel ├╝ber Pflanzen, was sie brauchen, um gut zu gedeihen und auch ├╝ber alles, was ihnen schadet. Er war einst ein wahrer Experte auf seinem Gebiet. Hier konnte er seine Berufung und seine Talente einbringen und die Ernte allj├Ąhrlich selbst einfahren. Au├čerdem freuten sich die Heimbewohner ├╝ber den sch├Ânen Anblick der Beete und den gepflegten Garten, auch ├╝ber das selbstgezogene Gem├╝se, das sie in der K├╝che verarbeiten konnten. Ich pers├Ânlich bevorzuge ja die kleinen Nager, die sich hier zeitweise einnisten. M├Ąuse sind nicht nur eine Beute, sondern auch sehr gute Lehrer. Eine Katze lernt w├Ąhrend der Jagd vieles Brauchbare von diesen kleinen, scheinbar unbedeutenden Gesch├Âpfen.
Geduld. Ausdauer. Konzentration. Liebe zur Detailarbeit. Probleml├Âsungsans├Ątze. Mit Fehlschl├Ągen umzugehen. Und vor allem: aus Fehlern zu lernen.
\"Schau, den Streichler geb\' ich dir von Frau Maier\", meinte Herr Brunner und streifte mit einem Finger mein Kinn entlang. Das ist die einzige Schwachstelle, die ich habe, ich liebe es, dort gekrault zu werden. Jeder noch so gro├če L├Âwe ist auch irgendwo eine Schmusekatze, wenn man seinen Schwachpunkt kennt.
Frau Maier hatte mich besonders gerne gehabt. Sie lebte insgesamt sieben Jahre im Pflegeheim. Ich kann mich noch an unsere erste Begegnung erinnern. Auch an ihr haftete der Geruch von Salz und verschwitzten Socken, als ich mich zum ersten Mal an ihre Beine schmiegte. Ich h├╝pfte auf ihre fremdartig duftenden Koffer, die sie beim Einzug mitgebracht hatte, und wollte mehr erfahren. Wie gesagt, Neugierde zeichnet uns Katzen aus und neue Ger├╝che waren faszinierend. Der Geruch ihrer Utensilien verriet mir, dass sie eindeutig unter die Raucher zu z├Ąhlen war. Raucher gab es bei uns nicht viele und anfangs konnte ich mit diesem intensiven Geruch nicht wirklich etwas anfangen, mich ekelte sogar etwas davor. Als Frau Maier mich erblickte, ├Ąnderte sich schlagartig ihre ganze Mimik und auch ihr Tonfall.
\"Ja mei, ein Schnurrlie, geh├Ârt der hierher?\". Die Schwester l├Ąchete und bejahte.
\"Wissen Sie, ich hatte auch eine Katze, Minka, die lebt aber jetzt bei meiner Tochter in Deutschland, weil ich ja hier einziehen sollte. Ich hoffe so sehr, dass es ihr dort gut geht. Wenn sie nur die Umstellung bald schafft und sich gut einlebt, das w├╝rde ich mir so w├╝nschen\". Ich blinzelte verst├Ąndnisvoll ÔÇô das konnte auch ich als Kater nur hoffen. Ob ich wohl jemals ein guter Ersatz f├╝r ihre Minka sein w├╝rde? Bei mir dachte ich, nun m├╝ssten sich wohl beide an eine neue Umgebung gew├Âhnen.
\"Sie werden sehen, Maurice ist ein ganz Lieber. Sp├Ątestens beim Fr├╝hst├╝ck wird er zu Ihnen kommen und um ein St├╝ckchen Wurst betteln. Ab und zu schl├Ąft er auch in den Betten der anderen Mitbewohner. Vielleicht kommt er ja demn├Ąchst auch zu Ihnen.\"
\"Ach, meine Minka hat das fr├╝her auch immer gemacht.\"
Heute wage ich doch zu behaupten, dass ich ihr den Einstieg in dieses neue Leben hier bei uns um einiges erleichtert habe. Bei jeder Gelegenheit und wann immer ich ihr unter die Augen kam, pfl├╝ckte sie mich vom Boden, knuddelte mich und fl├╝sterte mir nette Worte ins Ohr. Oft schlich ich in der Nacht in ihr Zimmer, das die Schwestern offen lie├čen, damit ich zu jeder Zeit hinein konnte. Dann legte ich mich zu ihren F├╝├čen auf die Kuscheldecke. Besonders im Winter sch├Ątzte ich das sehr. Ab und zu ging sie auch in den Garten zu Herrn Brunner. Sie selbst konnte zwar nicht mehr arbeiten, da sie an Gicht litt, aber die beiden konnten sich wunderbar miteinander unterhalten. Mit den Jahren konnte sie mich dann bald nicht mehr aufheben, ihre Knie wurden schwach, ihr R├╝cken schmerzte und sie bekam nur schwer Luft beim Gehen. Ab und zu verleitete ich sie zu Bewegungs├╝bungen, indem ich mich ihr ein wenig entzog und sie sich bem├╝hen und strecken musste, um mich zu fangen. Ihr Allgemeinzustand wurde leider in kurzer Zeit rapide schlechter. Sie musste meistens im Bett liegen, ich fand sie jedoch ab und zu in einem Cosysessel im Gemeinschaftsraum. Am Ende redete sie nicht mehr viel und ihr Blick wanderte in die Ferne. Oft sprang ich noch auf ihren Scho├č und rollte mich zusammen. Sie konnte mich zwar nicht mehr streicheln, aber ihr Herzschlag verriet mir, dass sie mich wahrnahm und sich freute. Ja, ich wei├č sehr gut, wie entspannend mein gleichm├Ą├čiges tiefes Schnurren auf Menschen wirkt! Auch Herr Bauer kam oft vorbei und stellte ihr ein paar Blumen auf den Tisch. Er erz├Ąhlte ihr von der Arbeit, die er gerade im Garten verrichtete, und mit einem L├Ącheln davon, dass er sich selbst auch immer schwerer damit tat, die Beete auf Vordermann zu bringen.
\"Ich bin f├╝r jeden Tag dankbar, an dem ich noch das eine oder andere im Garten erledigen kann\", meinte er. Er bat die Schwestern ein paar mal darum, Frau Maier in einen Rollstuhl zu setzen, damit er mit ihr in den Heimgarten und an die frische Luft hinausfahren konnte. Jedoch verlie├č ihn mit der Zeit die Kraft daf├╝r. F├╝r Herrn Bauer war es ein herber Verlust, als sie eines Tages gestorben ist, und er vermi├čte sie sehr. Ich wei├č es noch sehr gut, wie kalt es gewesen war, als es damals mitten im Winter geschah. Viele Menschen im Pflegeheim versterben im Winter, das ist mir immer ein erstaunliches Ph├Ąnomen. Ich mag diese Jahreszeit eigentlich besonders gerne. Es steht immer ein geschm├╝ckter Weihnachsbaum in der Eingangshalle und ich sage Ihnen, wenn es etwas gibt, das ich mindestens so liebe wie meine Arbeit, so ist es, das Lametta vom Baum zu rupfen. Im gesamten Haus ist es ├╝ber die kalten Monate warm und gem├╝tlich, ganz besondere Ger├╝che schweben durch das Haus und verbreiten eine heimelige Stimmung. Au├čerdem kommen zu dieser Zeit besonders oft Angeh├Ârige in die Einrichtung und sorgen f├╝r Abwechslung. Man sieht dann immer sehr viele fr├Âhliche Gesichter und das Haus wird lebendig. Kinder veranstalten meistens zu Weihnachten ein Krippenspiel und singen Weihnachtslieder. Einmal bin ich zur freudigen ├ťberraschung aller Besucher als Showeinlage w├Ąhrend des St├╝cks auf die B├╝hne gelaufen und habe mich in die Krippe gelegt, das war eine Aufregung! So ein B├╝hnenbild ver├Ąndert die gewohnte Einrichtung gleich um einiges und ich wolte mir die Sache einfach etwas n├Ąher ansehen. Zu Frau Maier kam jedoch niemand, da ihre Verwandten weit entfernt lebten. Sie lag in den letzten Tagen nur noch im Bett und wiederholte st├Ąndig die gleichen Laute. Als sie dann auch nichts mehr essen wollte, schien sie nur noch in ihrer eigenen inneren Welt zu leben. Bei den Pflegebehandlungen schrie sie ab und zu und verkrampfte ihren K├Ârper. Diese Handgriffe waren f├╝r sie nicht mehr nachvollziehbar, sondern wirkten bedrohlich, da sie Angst hatte und sich nicht wehren konnte. Der Bezug zu ihrem K├Ârper ging immer mehr verloren, das Bewusstsein wich dem Unbewussten. Die letzten Tage, die sie noch lebte, begann sich ihre Atmung zu ver├Ąndern, denn obwohl ihr Oberk├Ârper hochgelagert war, schnappte sie st├Ąndig nach Luft. Ich legte mich so oft, wie es mir m├Âglich war, zu ihren F├╝├čen, um sie sp├╝ren zu lassen, dass sie nicht alleine war. Ihr K├Ârper roch nach ├ľl, das Zimmer nach Lavendel, und die Schwestern meinten: \"Jetzt wird es bald soweit sein.\" Sie gaben sich besonders viel M├╝he mit ihr, weil sie sie alle sehr sch├Ątzten, hielten ihre Hand, summten vertraute Lieder und versuchten sie somit zu beruhigen, wenn sie sich aufregte. Es schien ein eigener Kampf zu sei,n den Frau Maier mit sich ausmachen musste. Ich pers├Ânlich vermute ja, dass der K├Ârper dabei ums ├ťberleben k├Ąmpft, w├Ąrend sich der Geist langsam auf etwas Neues einstellt. Und dieser Kampf findet auf einer einmaligen und sehr bedeutsamen Ebene statt. Aber das ist Ansichtssache und ich selbst kann Ihnen nicht einmal davon berichten, wenn f├╝r mich der gro├če Moment gekommen sein wird. Aber ich kann von meiner Katzenseite aus sagen, dass auch unsere Art in diesem Moment die Einsamkeit bevorzugt. Wir verkriechen uns, weil wir wissen, dass wir diesen Weg alleine gehen m├╝ssen. Soll ich Ihnen eines der gr├Â├čten Katzengeheimnisse verraten? Ich verdanke diese Gedanken meinem Rosenbuschen, unter dem ich liebend gerne und immer wieder philosophiere. Nichts Materielles verschwindet auf unserer Erde. Es kann sich verwandeln, aber es verschwindet nicht. Gedanken k├Ânnen sich ├Ąndern und Angewohnheiten k├Ânnen wir ablegen, und es entsteht etwas Neues. Ich glaube, dass unser Unterbewusstes im Sterbeprozess auf Hochtouren l├Ąuft. Verstehen Sie mich nicht falsch, das sind nur gro├če Gedanken eines kleinen Katers, der wieder einmal zu lange in der Sonne gelegen hat, aber ich kann mit diesem Gedanken sehr gut leben, dass unser Unbewusstes mehr ist als man auf den ersten Blick meint. Dennoch sp├╝rte ich, als ich mich auf den Brustkorb von Frau Maier legte, eine Ver├Ąnderung, sie schien mich in ihrer fernen Ralit├Ąt wahrzunehmen. Ihre Atmung verlangsamte sich zwar nicht, aber ihre Anspannung lie├č nach. Ich schnurrte. Es schien mir das einzige zu sein, was ich tun konnte. Nicht lange, und ich f├╝hlte, wie im Zimmer langsam Ruhe einkehrte. Der Kampf war vorbei. Die W├Ąrme ihres K├Ârpers entwich und ihre Haut sowie ihr Gesichtsausdruck bekam eine eigene Form und Farbe, aber sie wirklte entspannt und gel├Âst. Ich blieb liegen wollte diese Ruhe nicht st├Âren. Die Krankenschwestern kamen nach einiger Zeit und versorgten ihren K├Ârper. Dieser Moment regte mich dazu an, ├╝ber den Sinn des Lebens und den Tod zu nachzudenken. Sinn ist ├╝berall dort, wo man ihn sehen will. Und das gelingt am besten mit viel Optimismus, Humor und Zuversicht im Leben. Der Tod ist eine Frage an uns, wie weit wir Vertrauen in das Leben und in Neuanf├Ąnge haben. Es ist unvermeidlich, sich diese Fragen zu stellen, wenn man mit alten kranken Menschen zu tun hat. Wer schon einmal einen Verstorbenen gesehen hat, wird merken, dass das Leben eindeutig von seinem K├Ârper entwichen ist. Nachdem ich ein Kater bin, der daran glaubt, das nichts verloren geht und alles eine Verwandlung ist, wage ich zu behaupten, dass dieses Leben in einer anderen Form wieder zu finden ist.

Es waren sicher ganze zwei Stunden vergangen, als ich wieder erwachte. So ein Mittagsschl├Ąfchen hat schon was. Es war Zeit f├╝r mich, etwas Magenf├╝llendes zu mir zu nehmen. Ich schlenderte noch etwas benommen zu meinem Fressnapf. Heute gab es Lamm, nicht unbedingt meine Lieblingsspeise, aber ich fra├č. Oft lie├č ich das Futter auch unber├╝hrt stehen, wenn es absolut nicht meinen gehobenen Anspr├╝chen gen├╝gte. Katzen sind sehr w├Ąhlerisch. Oft sitze ich auch nur so vor dem leeren Fressnapf, um zu sehen, wie lange es dauert, bis sich jemand um mich k├╝mmert. Eine Krankenschwester gibt es, die mich wirklich nie ├╝bersieht. Sie h├Ąlt mir sogar beide Futters├Ąckchen vor die Nase und fragt mich: \"Na, was darf\'s heute sein? Thunfisch oder doch lieber H├╝hnchen?\" Sie hei├čt Johanna und hat daran mindestens so viel Spa├č wie ich, wenn ich mich dann an eines der P├Ąckchen schmiege. Sie ist sehr sensibel, will den Leuten immer alles recht machen und von allen gemocht werden, da sie nur so wirklich gl├╝cklich sein und mit ihrer Arbeit zurechtkommen kann. Sie ist noch sehr jung, und die Jugend bringt es eben so mit sich, dass man Fehler macht. Fehler machen ja auch nicht nur die Jungen, wenn Sie mich fragen. Es gab da mal so eine ├Ąltere Krankenschwester, die einfach schon zu lange in ihrem Beruf stand. Vielleicht hatte sie auch private Probleme oder einfach keinen Bezug mehr zu ihrer Arbeit, immerhin, auch sie musste einen Grund gehabt haben, warum sie sich einmal f├╝r diese Arbeit mit Menschen entschieden hatte. Diesen Grund hatte sie vielleicht in all den Jahren auch wieder vergessen. Mit dieser Person hatte Johanna immer Probleme. Bei jedem Fehler, den sie machte, verbreitete die Schwester im Team, wie unf├Ąhig und ungeschickt sie w├Ąre und meinte: \"Habt ihr das denn in der Schule nicht gelernt?\"
├ťberhaupt war es f├╝r sie schwer, sich in unser Team zu integrieren. Sie wollte alles, was sie in ihrer Ausbildung gelernt hatte, in der Praxis umsetzen. Dieses Wissen gab ihr in ihrer Arbeit Sicherheit und das Gef├╝hl, richtig zu handeln. Bei vielen jedoch stie├č ihr Enthusiasmus auf harte Mauern. \"Die Neue\", hie├č es, \"die will uns was beibringen\". Das sagten sie ihr jedoch nicht direkt, man merkte es aber an ihren Blicken, obwohl sich Johanna die gr├Â├čte M├╝he gab, nicht arrogant und besserwisserisch zu wirken. Johanna verbrachte viel Zeit mit den Heimbewohnern und besonders gerne hatte sie die scheinbar Schwierigen. Mit ihnen kam sie besser zurecht als mit ihren Teamkollegen. Oft vertraute sie mir in ihrer Anfangszeit an, dass sie Angst h├Ątte, am n├Ąchsten Tag wieder hierher ins Heim zu kommen, aus Sorge, wieder einen Fehler zu machen. Angst kann einen Menschen sehr hemmen und l├Ąhmen, und die Unsicherheit f├╝hrt dazu, dass man sich selbst nicht mehr vertraut und an allem zweifelt. An sich selbst, an seiner Arbeit, daran, ob man wirklich den richtigen Weg mit dieser Ausbildung eingeschlagen hat. Ja, mit Angst kann man auf verschiedene Weise umgehen lernen. Man kann sich zur├╝ckziehen und aufgeben, mit der Angst leben lernen oder man kann k├Ąmpfen und eine Strategie entwickeln, wie Johanna es getan hat. Sie fragte viel nach, interessierte sich daf├╝r, wie andere arbeiteten und welche Erfahrungen sie gesammelt hatten. Auch warum sich ihre Teamkollegen f├╝r diesen Berufszweig entschieden hatten, war f├╝r sie wichtig zu wissen. Sie wollte ihr Team nicht nur als Arbeitskollegen sehen, sondern auch die Menschen dahinter. Und das f├Ârderte den Zugang zu den Menschen. Manche Kollegen fragten mit der Zeit sogar nach, wie Johanna handeln w├╝rde und zusammen setzten sie nicht wenige Vorschl├Ąge um, die sie ihrem Team unterbreitet hatte. Und die Erfahrung folgte dann mit den Jahren. Mittlerweile f├╝hlte sie sich in ihrer Arbeit sehr wohl, auch wenn es hin und wieder ein paar Konfliktpunkte gab, das bringt Teamarbeit so mit sich. Ich als Katze halte ja nicht so viel davon. Ich bin ja eher der Einzelg├Ąnger, der Beobachter, der, der gerne im Abseits steht und analysiert und dann einschreitet, wenn es etwas zu ver├Ąndern gibt. Ich glaube, einige w├╝rden mich als Besserwisser degradieren, aber ja... ich bin ein Kater und Katzen wissen einfach mehr.



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herziblatti
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Hallo Semmelbr├Âsel, heute ist ein guter Tag! Mir gef├Ąllt die Geschichte, die mir dieser samtpf├Âtige Menschen- & Seniorenversteher erz├Ąhlt Ein Vorschlag: im Pr├Ąsens erz├Ąhlt, bek├Ąme der Text mehr N├Ąhe und die R├╝ckblenden k├Ânnten durch einen Zeitenwechsel st├Ąrker abgesetzt werden; bei einer Bearbeitung k├Ânntest Du auch die Schr├Ągstriche rausnehmen. Gern gelesen. LG - herziblatti
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Warten, was der Fluss so bringt - Fritz Popp

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