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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Maurice Sachs, Der Sabbat
Eingestellt am 19. 10. 2010 17:27


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Arno Abendschön
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Maurice Sachs (1906 – 1945) war ein französischer Literat, hoch begabt und zu seiner Zeit auch berüchtigt. Man wird nicht leicht eine zweite Schriftstellerbiographie finden, die so viel Unheil und Verwirrung enthält. Fast alle europäischen Plagen der ersten Jahrhunderthälfte sind da vorhanden – und noch einige persönliche Komplikationen zusätzlich. Als Hauptwerk hat er uns die Autobiographie „Der Sabbat“ hinterlassen, zu verstehen im Sinn von Hexensabbat. Sachs schrieb sie in der ersten Hälfte des Jahres 1939 als umfassendes Schuldbekenntnis, als Analyse eigener schlechter Anlagen sowie der Zeitumstände, unter denen sie zur Entfaltung kamen. Er wollte sich von dieser Last befreien und neu beginnen. Es ist ihm zwar ein bedeutendes Buch gelungen, nicht jedoch der persönliche Neuanfang. Sein Absturz war unaufhaltsam. „Der Sabbat“ konnte erst posthum erscheinen.

Eigentlich hieß er Ettinghausen. Sachs war der Mädchenname seiner Mutter. Die Verwandtschaft bestand aus sehr wohl situiertem jüdischem Bürgertum, nur sein Zweig des Familienstammbaums neigte zur Zerrüttung und Verarmung. Scheidungen kamen hier gehäuft vor, sein eigener Vater verschwand früh und endgültig. Der Großvater mütterlicherseits war ein reicher Diamantenhändler und ermöglichte dem Enkel während des 1. Weltkrieges den Besuch eines Eliteinternats. Maurice warf sich früh auf die Literatur, er interessierte sich fast nur für sie.

Er attestiert sich ein angeborenes amoralisches Empfinden und schildert breit und oft amüsant, wie die Verhältnisse im Nachkriegsfrankreich die Entfaltung dieser Anlage begünstigten. Das Land befand sich nach dem gewonnenen Krieg zehn Jahre lang in einem Taumel von Euphorie und Vergnügungssucht. Die Wirtschaft boomte, die Künste blühten. Er gehörte der Generation Versailles an, der damals alles möglich schien. Einen ersten Einschnitt gab es, als seine Mutter nach betrügerischem Bankrott ihren Wohnsitz dauernd nach London verlegte. Maurice, damals sechzehn, brach die Schule ab und folgte ihr für ein Jahr. Er wurde Gehilfe in einer Buchhandlung.

Zurück in Paris schloss er sich dem Kreis um Cocteau an, der damals die literarische Szene beherrschte. Es war die Zeit einer katholischen Renaissance, die einen Teil der Intelligenz für sich gewann. Mit noch nicht achtzehn konvertierte der junge Sachs und ließ sich kurz darauf in ein Priesterseminar aufnehmen, ein Schritt, der Aufsehen erregte. Noch größer war der Skandal ein halbes Jahr später: Sachs empfand schon das Unüberlegte seiner Berufswahl und bandelte, als er mit seiner Großmutter den ersten Urlaub in einem Badeort verbrachte, unter den Augen der Öffentlichkeit mit einem jungen Mann an. Er kehrte nicht ins Seminar zurück und absolvierte nun seinen Militärdienst.

In den späten zwanziger Jahren war Sachs erst Verleger, dann Kunsthändler. Sein privates Leben war geprägt von Alkoholexzessen und von Promiskuität. Gleichzeitig häufte er einen immensen Schuldenberg an. Er stellte Wechsel aus, die er nicht einlösen konnte, und er stahl.

Ein Ausweg bot sich an. Er übernahm die neu einzurichtende Abteilung für moderne Kunst in einer New Yorker Galerie. Sie wurde zufällig am Tag nach dem Schwarzen Freitag eröffnet. Die geschäftlichen Aussichten verdüsterten sich rasch. Sachs fand etwas anderes: Er wurde Redner und reiste für eine der großen Agenturen quer durch die Staaten, um Vorträge über Themen zu halten, von denen er in Wahrheit so gut wie nichts verstand: aktuelle europäische Politik und Wirtschaft. In dieser Zeit lernte er die Tochter eines führenden presbyterianischen Geistlichen kennen. Mit ihrer Heimatstadt „Morpheus“ meint Sachs vermutlich Seattle. Die junge Frau wollte Seattle entkommen und Sachs träumte von einer Politikerkarriere, für die er eine Gattin benötigte. Die beiden verabredeten eine Scheinehe, Sachs konvertierte erneut. Dann kam es zur Parodie einer Hochzeit. Allmählich empfanden beide das Leere, Sinnlose ihrer Beziehung. Sachs ließ seine Frau sitzen und ging mit einem jungen Kalifornier durch. Ihn täuschte er über die in Frankreich bestehenden materiellen Aussichten und nahm ihn mit nach Europa.

Während der Weltwirtschaftskrise litten sie in Paris Mangel an allem und flüchteten sich vorübergehend aufs Land. Sachs’ unsinnige Ausgaben dort zwangen sie nach Paris zurück. Sie trennten sich schließlich, der Amerikaner kehrte in die Staaten heim. Einige Zeit später brach Sachs vollständig zusammen. Die Jahre zwischen seiner Entziehungskur und der Niederschrift werden von ihm nur noch kurz gestreift. Er war damals Autor von Stücken, Übersetzer und Lektor.

Diese Bekenntnisse sind in einem Stil verfasst, der sprachliche Eleganz, Detailreichtum und tiefe Einsicht in Zusammenhänge verbindet. Sachs steht in der Nachfolge vieler französischer Schriftsteller, von La Rochefoucauld über Rousseau bis zu Gide, der wiederholt persönlich auftritt. Es sind also gerade die moralisch empfindenden Autoren, die Sachs stark beeinflusst haben …

Und dann kam der 2. Weltkrieg. Sachs war unter der deutschen Besatzung Schwarzmarkthändler in Paris. 1942 schickte er dem Verlag, der die Autobiographie erworben, doch bisher nicht veröffentlicht hatte, ein Nachwort zum Buch. Er schrieb darin, es sei ihm in Paris nicht möglich, sein Leben von Grund auf zu ändern. Daher werde er das Land verlassen und weiter östlich andere Bedingungen suchen.

Sachs, der homosexuelle Jude, ging als „Fremdarbeiter“ nach Deutschland. Freiwillig? Ich habe darüber nichts gefunden. Nicht ausgeschlossen, dass er sich schon in Paris mit denen eingelassen hatte, denen er dann in Hamburg diente. Er war wohl Kranführer im Hafen – und stand gleichzeitig auf der Gehaltsliste der Gestapo. Er unterhielt Kontakte zu Kreisen des Widerstands und man beschuldigt ihn, Mitglieder der Hamburger Weißen Rose ans Messer geliefert zu haben. Er erlebte die Zerstörung der Stadt durch die Bombenteppiche und war ab Herbst 1943, ohne dass wir die Hintergründe kennen, Insasse im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel, einem Konzentrationslager der Gestapo. Hier soll er gleichzeitig wieder Spitzel gewesen sein.

Und er schrieb und schrieb in seiner Zelle, auf das Kriegsende hoffend. Als die Briten vor der Einnahme Hamburgs standen, verlegte die Gestapo die Häftlinge nach Kiel. Manche kamen auf dem furchtbaren Todesmarsch um. Maurice Sachs wurde am 14. April 1945 in der Nähe von Neumünster erschossen, da er, wie einige sagen, nicht mehr marschfähig war. Andere behaupten, er wurde umgebracht, da er zu viel wusste. Tatsächlich ging die Justiz später daran, Schuldige zu ermitteln und zu bestrafen.

Am Haus Jungfernstieg 50 in Hamburg erinnert heute eine Gedenktafel an die WeiĂźe Rose und an die acht in der Haft zu Tode Gekommenen.

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