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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Mecki
Eingestellt am 15. 02. 2012 15:20


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Jean-Marc
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Feb 2012

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Sie verpassten mir eine Igelfrisur und nannten mich Mecki. Ich betrachtete mich im Spiegel und fand mich ganz okay, sympathische Gesichtsz├╝ge, nettes Holzf├Ąllerhemd und eine modische Sacktuchhose.
Ich war neu, ich war der Star, ich bekam den besten Platz, im besten Schaufenster, in der gro├čen Einkaufsstra├če. Ich sah die Menschen vor meinem Fenster stehen, Kinder mit leuchtenden Augen, die mit dem Finger auf mich zeigten, M├╝tter die weinende Kinder von meinem Schaufenster wegzogen.
Eines Tages nahmen sie mich aus dem Schaufenster heraus. Der Kleinen, der sie mich reichten, liefen dicke Tr├Ąnen ├╝ber die Wangen, sie weinte auch, aber vor Gl├╝ck. Sie schloss mich in die Arme und bedeckte meine sonnenbraunfarbenen Wangen mit unz├Ąhligen K├╝ssen. Sie wusste, dass ich Mecki hie├č und sie machte mich zum Mittelpunkt ihres Lebens. Sie ging nie zu Bett, ohne mich vorher auf meinen Schlafplatz zu betten, sie verga├č nie mich zuzudecken. Wenn sie nicht zu m├╝de war, erz├Ąhlte sie mir noch eine Gute-Nacht-Geschichte und w├╝nschte mir mit einem Gute-Nacht-Kuss sch├Âne Tr├Ąume.
Der Morgen begann wie der Abend aufh├Ârte, ich war ihr ein und alles. Ich liebte es wie sie mich umsorgte, wie sie mich knuddelte, nur ganz selten wurde es mir zu viel. Ich ahnte damals nicht, dass ich die sch├Ânste Zeit meines Lebens lebte, ahnte nicht, was mir noch bevorstand.
Die Tage vergingen und die Kleine blieb nicht klein. Sie bekam andere Spielsachen, aber ich wusste, dass ich ihr Liebling war. Die anderen Spielsachen gingen wieder, ich blieb.
Als die Kleine kein wenig mehr klein war, bekam ich einen Ehrenplatz in ihrem Zimmer. Die K├╝sse wurden seltener und manchmal vergingen Wochen ohne dass sie mich wahrnahm. Eines Tages kam Besuch, ein Junge, ihr Alter, nicht so modisch gekleidet wie ich, aber ganz nett. Irgendwann k├╝sste sie ihn, so wie sich mich gek├╝sst hatte als sie noch ein kleines M├Ądchen war. In ihr brannte die Leidenschaft, in mir die Eifersucht.
Eines Tages zogen wir um, raus aus dem Zimmer. Der Junge, der jetzt ihr Mann war, mein gar nicht mehr kleines M├Ądchen und ich, zogen in ein kleines Haus. Damals begriff ich nicht, welches Gl├╝ck ich hatte, dass sie mich mitnahm, zu einer Zeit, wo die meisten meiner Artgenossen l├Ąngst verschollen oder vermodert waren.
Ich bekam auch in dem kleinen Haus einen Ehrenplatz, hoch oben im Wohnzimmerregal. Von Zeit zu Zeit nahm sie mich herunter, klopfte mir den Staub von den Schultern und r├╝ckte mein Holzf├Ąllerhemd zurecht. Bevor sie mich zur├╝ckstellte, dr├╝ckte sie mir stets einen Kuss auf die Stirn und w├Ąre ich kein gef├╝hlsloser Mecki, ich h├Ątte vor R├╝hrung geweint.
Dann kam die neue Kleine, anfangs schlief sie nur und wenn sie nicht schlief, br├╝llte sie bis man ihr zu essen gab. Ich mochte sie nicht, und sie mochte mich nicht. Trotzdem nahm mich ihr Vater eines Tages aus dem Regal, da wo mein Ehrenplatz war und legte mich zu ihr in die Wiege. Da br├╝llte sie besonders laut, obwohl sie gar keinen Hunger hatte.
Ihre Mutter erl├Âste uns beide indem sie mich wieder aus der Wiege nahm. Sie richtete mein Holzf├Ąllerhemd, dr├╝ckte mir einen Kuss auf die Stirn und stellte mich zur├╝ck auf meinen Ehrenplatz. Und die neue Kleine br├╝llte wieder ein bisschen weniger laut.
Eines Tages, kurz nachdem die neue Kleine ihre ersten Schritte gemeistert hatte, machten sie sich fr├╝h morgens ausgehfertig. Alle drei waren gut gelaunt und lachten viel, sogar die neue Kleine lachte. Ihre Mutter trug ein h├╝bsches Sommerkleid, das ich noch nie gesehen hatte, es musste neu sein. Nachdem sie Br├Âtchen geschmiert hatten, die sie in einem gro├čen Korb verstauten, verlie├čen sie immer noch lachend das Haus. Ich wusste damals nicht, dass dieser Tag mein Leben ver├Ąndern w├╝rde. Als die T├╝r hinter ihnen ins Schloss fiel, fiel die T├╝r zu meinem alten Leben zu und sie w├╝rde sich nie wieder ├Âffnen.
An diesem Abend dauerte es lange bis ich den Wagen in der Einfahrt h├Ârte. Drau├čen war es schon lange dunkel und als er eintrat erkannte ich ihn nur schemenhaft. Die neue Kleine hatte er auf dem Arm, sie schlief. Als er das Licht einschaltete erschrak ich, ich hatte ihn noch nie so blass gesehen und seine Augen waren blutrot unterlaufen. Vorsichtig legte er die Kleine in ihr Bettchen und verschwand dann im Schlafzimmer. Ich h├Ârte ihn weinen, er weinte die ganze Nacht und auch die folgenden N├Ąchte.
Das kleine Haus war leer geworden, es hatte sein Lachen verloren. Viele Menschen kamen nun zu Besuch, die meisten von ihnen hatte ich noch nie gesehen. Sie redeten ihm zu und brachten der neuen Kleinen Geschenke, meistens Spielzeug. Als der Haufen an Spielsachen gr├Âsser war als das Mitleid, kamen sie nicht mehr.
Hoch oben von meinem Ehrenplatz aus, sah ich Tage die sich glichen und die mir nicht gefielen. Die neue Kleine war jetzt so alt wie ihre Mutter damals, als sie mich im Schaufenster abgeholt hatte. Sie glich ihr ├Ąu├čerlich sehr, aber sie war nicht wie sie. Unter all dem Spielzeug war nichts, was ihr heilig war, nichts mit dem sie l├Ąnger als ein paar Minuten spielte. Einen richtigen Freund, einen Mecki hatte sie nicht.
Manchmal kam er abends sp├Ąt nach Hause, taumelte durch die Wohnung und warf mit allem herum, das er gerade in die Finger bekam. Eines Tages traf es mich, er packte mich und schleuderte mich gegen die Wand. Am n├Ąchsten morgen fand mich die neue Kleine auf dem Boden liegend. Sie ballte ihre kleine Hand zu einer Faust und verpasste mir einen Hieb auf die Nase. Ihre Augen funkelten dabei vor Zorn. Dann packte sie mich und schleuderte mich in hohem Bogen durch den Raum. Noch im Flug sah ich wie sie Fahrt aufnahm und mir hinterherlief. Kaum war ich unsanft auf dem Boden aufgeschlagen, bef├Ârderte mich ein Fu├čtritt wieder in die H├Âhe. So ging es von nun an jeden Tag, an dem sie zornig war, und sie war fast jeden Tag zornig. Meinen Ehrenplatz hoch oben im Wohnzimmerregal, sah ich nie wieder.
Eines Tages kam er mit einer gro├čen Kiste nach Hause. Er lief kreuz und quer durch die Wohnung und sammelte scheinbar willk├╝rlich Gegenst├Ąnde ein, die er in der Kiste verstaute. Erst als er mit ihrer Lieblingstasse aus der K├╝che kam, begriff ich, was er machte. Er sammelte alles ein was ihn an Sie erinnerte. Als er die Kiste verschlossen hatte und sie st├Âhnend hochhob, fiel sein Blick auf mich und er hielt kurz inne. In der Kiste war alles, was ihr lieb und teuer gewesen war. Wir wussten beide, ich geh├Ârte in diese Kiste.
Wenige Augenblicke sp├Ąter, war ich von Dunkelheit umschlossen und ich h├Ârte, wie er schwer atmend, die Treppen hochstieg. Mir war gar nicht bewusst gewesen, dass das kleine Haus so viele Treppen hatte, die so hoch hinauff├╝hrten. Schlie├člich setzte er die Kiste ab, schob und dr├╝ckte sie noch ein bisschen hin und her, bis wir den Platz erreicht hatten der f├╝r uns bestimmt war.
Seine Schritte entfernten sich und es wurde still, ganz still. Manchmal h├Ârte ich den Wind ums Haus pfeifen, manchmal prasselte der Regen aufs Dach. Aber meistens war es ruhig, ruhig und sehr dunkel. Ganz selten vernahm ich Schritte, doch nie n├Ąherten sie sich der Kiste.
Eines Tages, nach unendlich langer Zeit n├Ąherten sich dann doch Schritte. Ein Schieben und Ziehen an der Kiste, dann wurde der Deckel entfernt. Ich erkannte sie sofort, sie glich immer noch ihrer Mutter, aber sie war erwachsen geworden. Ich machte mich ganz klein in der Kiste, ich wollte keinen weiteren Hieb auf die Nase.
Sie fischte einen Gegenstand nach dem anderen aus der Kiste, betrachtete ihn eine Weile und legte ihn wieder weg. Dann griff sie nach einem gro├čen Buch, und ich h├Ârte wie sie es durchbl├Ątterte. Nach einiger Zeit erschien ihr Kopf wieder ├╝ber der Kiste, diesmal nahm sie nicht den n├Ąchstbesten Gegenstand heraus, sie schien etwas zu suchen. Dann sah sie mich und hob mich aus der Kiste. Ich wartete darauf durch die Gegend geschleudert zu werden, aber nichts geschah, sie sah mich nur an, der Zorn war aus ihren Augen verschwunden. Schlie├člich setzte sie mich auf ihren Schoss und zog das Buch wieder heran. Das Buch war gar kein Buch, sondern ein Fotoalbum, aus der Zeit als ihre Mutter noch ein kleines M├Ądchen war. Sie bl├Ątterte das Album noch einmal gemeinsam mit mir durch. Ich war auf fast allen Fotos auch mit drauf.
Ich konnte mich noch gut an damals erinnern. Die Kleine hatte mir immer das Holzf├Ąllerhemd zurechtger├╝ckt und dann mit ernster Stimme gesagt, Mecki, jetzt musst du brav l├Ącheln, Papa macht ein Foto von uns. Und dann strahlten wir um die Wette, sie und ich, auf jedem einzelnen Foto.
Die neue Kleine, die jetzt erwachsen war, packte alles wieder in die Kiste, nur das Album und mich nahm sie mit. Sie zog mir das verstaubte Holzf├Ąllerhemd aus, und die vielleicht nicht mehr ganz modische Sacktuchhose. Als ich die Sachen wieder bekam waren sie sauber und rochen nach Fr├╝hling.
Sie packte mich ins Auto und wir fuhren los. Nach ein paar Minuten hielten wir, sie stieg aus und als sie zur├╝ckkam hatte sie einen h├╝bschen Blumenstrau├č dabei. Die Fahrt ging weiter und endete vor einem gro├čen Gittertor aus Eisen. Noch bevor wir durch das Tor schritten, wusste ich, dass wir einen ganz besonderen Ort betraten, ich sp├╝rte die Ehrfurcht die dieser Ort ausstrahlte. Zielsicher ging sie mit mir ├╝ber den Kieselpfad, zwischen unz├Ąhligen kleinen Steinkasten hindurch, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Jeder Kasten hatte eine Innschrift und am Kopfende ein Kreuz.
Vor einem schlichten Kasten blieben wir stehen. Am Kopfende, unter dem Kreuz, war ein Foto angebracht. Sie l├Ąchelte darauf und trug das Sommerkleid, das sie an dem Tag getragen hatte als sie f├╝r immer das kleine Haus verlie├č. Ihre Tochter legte die Blumen nieder und blieb dann eine Weile schweigend stehen.
ÔÇťSchau MamaÔÇŁ, sagte sie schlie├člich, ÔÇťich habe dir jemanden mitgebrachtÔÇŁ. Sie hob mich hoch und k├╝sste mich auf die Stirn, so wie es ihre Mutter immer getan hatte. Es war das erste Mal, dass sie mich k├╝sste und es war das erste Mal, dass sie in meiner Gegenwart die Herzlichkeit ausstrahlte, die ihre Mutter so liebenswert gemacht hatte.
Dann stellte sie mich zwischen die Blumen und das Foto. Ich war wieder da wo ich hingeh├Ârte, und da wo ich hingeh├Ârte hatte ich einen Ehrenplatz.

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