Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92201
Momentan online:
94 Gäste und 0 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Meeresstimmen
Eingestellt am 30. 12. 2001 18:37


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Tallit
Hobbydichter
Registriert: May 2001

Werke: 39
Kommentare: 62
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Tallit eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil





Meeresstimmen


Stimmen. Sie h├Ârte Stimmen. Ganz deutlich und klar. Doch da war niemand. Keiner der etwas sagte, keiner der nichts sagte, niemand. Die Stimmen waren wohl doch nur in ihrem Kopf. Es war wohl doch gut, dass sie hier war. Es war wohl doch alles richtig.
Loslassen. Das war es doch, was sie hier lernen sollte. Loslassen.
Sie lie├č los. Das Glas zerschellte auf dem blanken Boden. Jetzt gl├Ąnzte er nicht mehr wie geleckt, war nicht mehr steril, nicht mehr trocken, denn der ach so gesunde Traubensaft floss wie Blut, verteilte sich. Sch├Ân sah das aus, fand sie. Beruhigend, wie die Fl├╝ssigkeit so langsam verlief. Geheimnisvoll neu. Losgelassen.
Schritte. Jetzt h├Ârte sie Schritte. Und das war keine Einbildung. Das war Gemeinheit. Gleich w├╝rde jemand hereinkommen und st├Âren. Gleich. Jetzt.
Eine Hand hatte sich ger├Ąuschlos um den T├╝rgriff gelegt und diese war sogleich mit einem warnenden Quietschen aufgesprungen. Ihr war schwindelig, sie schloss die Augen. Die Schwester kam herein. Sie tat sehr besorgt, und, was schlimmer war, sie zeigte Mitleid. Und als ob das nicht schon genug w├Ąre, es war gespielt. Sollte die doch sagen, dass es ihr nicht passte, wenn sie bei ihren Flirtversuchen mit dem neuen Praktikanten durch krebskranke alte Damen gest├Ârt wurde. Sollte sie doch wegbleiben. Keiner hatte sie eingeladen und hergebeten. Verdammt.
Wie dachte sie eigentlich? War das ein Zeichen ihrer Krankheit? Langweile? Isolation? Selbstschutz?
Sie war eine gute Schauspielerin. Sie wollte jetzt mit niemandem reden. Zuletzt mit diese Schwester. Ihre Augen bebten nicht wie gewohnt, ihr Atem ging langsam wie der einer Schlafenden, ihr Mund war entspannt, leicht ge├Âffnet, so dass die Luft seufzend ein und aus str├Âmte. Wie der letzte Faden, der ihr Leben festhielt wie einen Schmetterling in einem Spinnennetz - nicht lange.
Sie h├Ârte, wie die Schwester einen Lappen holte, einen Besen, einen Eimer. Sie h├Ârte, wie sie ihr Experiment aufwischte und auch nicht einen Hoffnungstropfen zur├╝cklie├č. Alles war rein. Dann kontrollierte sie noch fl├╝chtig den Tropf, der an ihrem Arm hing, schloss wie zur Bestrafung das gekippte Fenster und verschwand mit einem erwartungsvollen L├Ącheln in der T├╝r. Sie sp├╝rte es.
Das war es also gewesen ihr Leben. Das war also alles. Na gut. Was konnte sie anderes erwarten. Es war bald vorbei, das wusste sie. Aber zuvor wollte sie noch lauschen, h├Âren. Diese Stimmen, was hatten die gefl├╝stert?
Sie hatte eine ausf├╝hrlich ├╝berlegte strategische Idee vom Sterben. Schon immer gehabt. Sie hatte die Vorstellung, all die sch├Ânen Augenblicke, die sie erlebt hatte, w├╝rden wiederkehren. Doch sie war entt├Ąuscht. Nichts kam. Keine alten und vergilbten Schwarzwei├čfilme ihrer Kindheit, keine Erinnerungen, sie hatte wohl schon alles vergessen.
So lag sie da und lauschte auf die Stimmen, die nicht redeten. Sie tastete nach ihrem Kopf, strich ├╝ber die glatte Haut und vermisste ihre Haare nicht. Sie hatte nichts zu tun und der Tod wollte und wollte nicht kommen.
Wenn weder der Tod kam noch die Erinnerungen, so wollte sie wenigstens etwas erfinden, was statt ihrer bei ihr sein konnte. Und dann kreierte sie sich ihre neue Strategie, das Meer-Prinzip. Es funktionierte ganz einfach. Wie eine Muschel. Es war wie eine Muschel, in die man lauscht, um das Meer rauschen zu h├Âren. Eine Illusion. Eine sch├Âne Illusion.
Rauschen. Sie h├Ârte rauschen. Klar. Man h├Ârt immer Rauschen in einer Muschel. Das ist nicht das Blut. Das ist das Meer. Sie lauschte den Wellen, ihrem gleichm├Ą├čigen auf und ab. Und sie lie├č sich von ihnen treiben. Das war sehr viel einfacher als sterben. Es war sehr viel einfacher als sich zu erinnern. Und es war wundersch├Ân. Sie schaukelte auf den Wellen. Erst auf kleinen, dann auf immer gr├Â├čeren, zuletzt auf einer gewaltigen Riesenwoge. Es war ein gutes Gef├╝hl, das beste, das sie kannte, das verr├╝ckteste. Dieses Gef├╝hl, eins mit der Welle zu werden und sich mit ihr zu ├╝berschlagen. In die Tiefe zu tauchen. Tiefer und tiefer. Das einzige Licht zu sein. Sicher, denn schlimmer konnte es nicht werden. Sch├Âner auch nicht. Es war die tiefste Stelle, auf die man sinken konnte. Die, von der an es nur noch besser werden konnte. Und gerade als sie diesen Punkt erreichte, schaltete sie mit einem verrenkenden Griff den so unangenehm piependen Ton aus, um zu h├Âren, wie er in immer unregelm├Ą├čigeren Abst├Ąnden kam, wie er langsam aber sicher erstarb. Und sie? Sie lauschte dem Meer.
Stimmen. Sie h├Ârte Stimmen.







Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!