Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m√ľssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92277
Momentan online:
463 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzprosa
Mehr als Tausend Worte
Eingestellt am 07. 03. 2008 23:48


Autor
Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.
ledsgo
???
Registriert: Apr 2007

Werke: 14
Kommentare: 43
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um ledsgo eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Rein medizinisch gesehen war es nicht das schlecht differenzierte Karzinom, das beinahe ihre gesamte Leber und Teile der Galle befallen hatte. Auch nicht die Metastasen, die in ihrem K√∂rperkreislauf zirkulierten f√ľhrten letztendlich zu ihrem Tod.
Eine Chemotherapie sei die letzte Möglichkeit, den äußerst agressiven Krebs noch zu stoppen. Nicht um ihr Leben zu retten, sondern um es wenigstens zu verlängern.

Man kann den √Ąrzten nichts vorwerfen. Was tats√§chlich passiert ist, ist rein medizinisch gesehen schnell erkl√§rt: die Chemotherapie attackiert bekanntlich auch gesundes Zellgewebe, mit der Folge, dass die Zellw√§nde der roten Blutk√∂rperchen zerfallen, woraufhin H√§moglobin (der Blutfarbstoff) freigesetzt wird, die Sauerstoffanbindung an die roten Blutk√∂rperchen - und somit der Sauerstofftransport im K√∂rper - unterbunden wird.
Es handelte sich um eine Hämolyse.
Sie starb bei voller Lungenfunktion an Sauerstoffmangel, sie erstickte bei vollem Atem, erstickte mit gef√ľllten Lungen.
Es tut mir sehr leid, sagte der rein medizinische Notarzt nach diesen Erl√§uterungen, ich kann nichts mehr f√ľr sie tun.

Ich bedanke mich, werfe ihn hinaus, sehne mich nach Menschlichkeit, nicht nach Medizin, will alleine sein, nur f√ľr 10 Minuten.

Als sie mir an jenem Morgen sagt, sie bekomme keine Luft, denke ich, vielleicht ein kleiner Asthmaanfall, leicht gereizte Bronchien.
Ihr Inhalator, sagt sie, n√ľtze ihr nichts, und es werde schlimmer.
Ich erhahne nichts Schlimmes. Ruhig gehe ich zum Telefon, tippe die Nummer unseres Hausarztes ein. Plötzlich höre ich ein beständiges, immer lauter werdendes Husten, schwerfälliges Atmen; ich werde nervös, lege den Hörer beiseite, rufe nach nebenan, ob alles in Ordnung sei. Angestrengt, als fehlte den Worten ebenso die Luft, ruft sie nach Hilfe, nach schneller Hilfe.
Ich rufe den Notarzt, der in 5 Minuten dasei, und laufe in ihr Zimmer, und erblicke ein kreidebleiches Gesicht.
Mich starrt kein Mensch mehr an, ich sehe die pure Angst anstelle ihres Antlitz.
Es sei so weit, sagt sie, ihr Ton unwirklich gelassen, nicht zu ihrem Gesicht passen wollend.
Dass der Notarzt kommt gibt ihr keine Hoffnung mehr. Das Grauen in ihrem Gesicht, Ausdruck ihres Unverständnisses, ihrer Hilflosigkeit hat sich in mein Hirn gebrannt wie kein Bild noch so schönem oder schrecklichem Inhalt.
Ich reiche ihr meine Hand, zittrig, wie ein kleines Kind, wie damals im Kindergarten, als sie mich zum ersten Mal alleine hatte stehen lassen, steht meine Hand im Raum, um ihr Kraft zu geben, dabei ist sie völlig kraftlos.
Ihr Griff ist kalt, stark, als w√ľsste sie in diesem Augenblick, dass ihr Leiden bald vorbei sein w√ľrde, meines aber noch bevorstand.
Ich blicke in ihre blauen Augen, Spiegel meiner eigenen Augen; schöne, blaue, jugendliche Augen; das letzte, das junggeblieben war, sage ich mir heute, sind ihre Augen, ist der Spiegel ihrer Seele, ihrer ewig jungen Seele.

Die Klingel. Ich will mich erheben, will meine Hand von ihrer nehmen, doch ihr Blick- ihr Mund ist längst mit dem Kampf mit der Luft beschäftigt- sagt mir Nein, ihr Griff sagt mir Nein.

Sei bei mir, sagen ihre Augen, in meinem letzten Augenblick, du bist alles, was ich habe.
Also bleibe ich. Ihre Lippen zittern, Mein Sohn, bringen sie geschwächt noch hervor. Sie weiß in diesem Moment, dass sie stirbt.
Es sollten ihre letzten Worte sein, und sie sagte es trotz ihrer Schw√§che mit einer solch eingebungsvollen Stimme, als wollte sie es sich selbst einpr√§ngen, als wollte sie dieses Wissen von meiner Existenz als ihr Lebenswerk √ľber ihre eigene Endlichkeit hinaus in die Ewigkeit mitnehmen.

Ich liebe dich, sage ich, aber sie hört nicht mehr. Sie weiß es, sage ich mir.

Wieder stehe ich da, in dem Kindergarten, von meiner Mutter alleine gelassen. Ich bin wieder ein Kind, hilflos; Rundherum stehen Menschen, die mir einreden wollen, dass alles in Ordnung sei, der Lauf der Dinge, Schicksal. Dass ich bei ihnen gut aufgehoben sei, sie mich unterst√ľtzen werden.

Aber ich bin alleine unter ihnen und sie wissen es.
Vielleicht sollte ich ihr gleich folgen, denke ich und spaziere zum See. Das Wasser dort gibt mir keine Hoffnung, auch nicht das Mondlicht, dass darauf ruht wie ein silberner Seidenvorhang; nein, einladend liegt der See vor mir, als wolle er mich aufnehmen in seine Ewigkeit, als wolle er mich zudecken, mit dem silbernen Vorhang.
Ich aber gehe nachhause und schreibe.

Tote wiegen mehr als Tausend Worte.
__________________
Ich hoffe, du verstehst ein wenig vom Leben, denn vom Sterben hast du keine Ahnung.

Version vom 07. 03. 2008 23:48
Version vom 08. 03. 2008 12:23
Version vom 08. 03. 2008 14:08

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


KaGeb
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo!

Habe deinen Text gern gelesen und war betroffen von der Aussage. Sehr traurig und nicht schlecht geschrieben.
Ich hätte ein paar Vorschläge, wie Du (aus meiner Sicht) den Text stringenter machen könntest:


Rein medizinisch betrachtet gesehen war es nicht das schlecht differenzierte Karzinom, von dem Leber und Galle befallen war. das beinahe ihre gesamte Leber und Teile der Galle befallen hatte. Auch nicht die Metastasen, die in ihrem K√∂rperkreislauf zirkulierten f√ľhrten letztendlich nicht zu ihrem Tod.
Rein medizinisch war die Chemotherapie wäre angeblich die letzte einzige Möglichkeit, den äußerst agressiven Krebs noch zu stoppen, und wenn nicht ihr Leben zu retten, es zumindest deutlich zu verlängern. Nicht,um ihr Leben zu retten, sondern es wenigstens zu verlängern.
Man kann den √Ąrzten nichts vorwerfen, weil man ihnen nie etwas vorwerfen kann. Was tats√§chlich passiert ist, ist rein medizinisch gesehen schnell erkl√§rt: die Chemotherapie attackiert bekanntlich auch gesundes Zellgewebe, was zur Folge hatte mit der Folge, dass ihre die Zellw√§nde der roten Blutk√∂rperchen zerfielen zerfallen, woraufhin das und H√§moglobin (der Blutfarbstoff) freigesetzt wurde, und die Sauerstoffanbindung an die roten Blutk√∂rperchen - und somit der Sauerstofftransport im K√∂rper - unterbunden wurde wird. ("Cut"=neue Zeile)
Es handelte sich, wieder medizinisch gesprochen, wohl um eine Hämolyse. ("Cut")
Sie starb also bei voller Lungenfunktion an Sauerstoffmangel, sie erstickte bei vollem Atem, erstickte mit gef√ľllten Lungen. Hier greifst Du vor, obwohl Du erst nachfolgend den Plot schilderst. W√ľrde ich (m.M.n.) umgehen.

Bis hierher erst mal (aus meiner Sicht), weil ich nicht weiß, wie Du zu derartigen Vorschlägen stehst.
Bin gespannt auf Deine Antwort, ob mehr ...

LG, KaGeb

Bearbeiten/Löschen    


2 ausgeblendete Kommentare sind nur f√ľr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur√ľck zu:  Kurzprosa Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!