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Leselupe.de > Humor und Satire
Mein Ableben
Eingestellt am 18. 09. 2003 21:04


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casagrande
???
Registriert: Mar 2002

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Mein Ableben
Der Tag begann ganz normal. Duschen, ein bisschen herumkruschen, FrĂŒhstĂŒck machen. Ich setzte mich gerade an den Tisch und biss in das Brot, da krampfte sich der Muskel an der linken Seite unter der Achselhöhle derart, dass ich ohne Reaktion auf den Boden stĂŒrzte. Sofort erinnerte ich mich an das GesprĂ€ch, das ich eine Woche zuvor mit Edlinger gefĂŒhrt hatte, der mir von den Symptomen eines Herzinfarktes bei seiner Mutter erzĂ€hlt hatte. An der linken Seite, direkt unter der Achselhöhle ein krampfartiger Schmerz. Stechend und brennend. Langsam nachlassend. Genauso wie ich es verspĂŒrte. Seine Mutter war nur deshalb mit dem Leben davon gekommen, weil sie sofort in das Allgemeine Krankenhaus (AKH) in Wien eingeliefert worden war. Und ich? Hier gab es kein AKH, hier gab es vielleicht einen Arzt, aber wo und vor allem, wie erreichen. Jeddah war diesbezĂŒglich ein verdammt unglĂŒcklicher Ort, krank zu werden. Nicht umsonst pilgerten die hiesigen Kranken nach London, MĂŒnchen, Wien. Ich röchelte mehr als ich sprach zu meiner Frau, die in die KĂŒche kam und mich verwundert in meiner Lage auf dem Boden betrachtete:
„Ich habe einen Herzinfarkt“
„Du spinnst! Du bist gar nicht der Typ fĂŒr einen Infarkt!“
Ich war entsetzt. Meine Frau sah mich sterben und es berĂŒhrte sie nicht! Aber ich wollte nicht darum streiten, ob ich nun am Sterben war oder nicht. Resigniert kĂ€mpfte ich mich zurĂŒck auf meinen Stuhl, unfĂ€hig etwas zu essen, quĂ€lte mich in meine Kleider und sah als einzige Chance zu ĂŒberleben nur, irgendwie ins BĂŒro zu fahren und von dort zu einem Arzt zu kommen. Meine Frau konnte mich nicht fahren, fĂŒr Frauen war das Lenken von Autos verboten. Sie schaute mich an, wie einen Simulanten. Mir war alles egal. Nur ins BĂŒro. Vorsichtig, nur keine ErschĂŒtterung oder Anstrengung, das konnte mein direkter Tod sein, aufrecht und aufmerksam in mein Inneres lauschend ging ich langsam zum Auto und fuhr die fĂŒnf Kilometer ins BĂŒro. Dort sagte ich mit leiser Stimme zum BĂŒroleiter:
„Ich glaube, ich hatte einen Herzinfarkt. Heute Morgen.“
Er war dabei gewesen, als Edlinger mir vom Infarkt seiner Mutter erzĂ€hlt hatte und war sofort in hellster Aufregung. Er rief alle verfĂŒgbaren Leute zusammen und beauftragte sie mit Aufgaben. Mich begleitete ein Fahrer zu meinem Auto und fuhr mich zu einem Arzt, der telefonisch benachrichtigt war und mich schon am Haustor erwartete. Vorsichtig wurde ich auf die Liege fĂŒr das EKG und andere Untersuchungen gelegt. Die nĂ€chste Stunde wieselte der Arzt mit seiner Helferin um mich herum und betrachte mich zwischen den Checks mit besorgter Miene. Ich sah mich als einen weitgehend hoffnungslosen Fall, fĂŒr den zwar alles getan wurde, aber bedauerlicherweise kaum eine Chance bestand.
„Lassen Sie sich nach Hause fahren. Legen Sie sich ins Bett. Absolute Ruhe. Keine Aufregung! Morgen liegt das endgĂŒltige Ergebnis vor.“
Zu Hause empfing mich meine Frau mit skeptischem Blick. Es war ihr suspekt, dass ich nun auch noch mit Àrztlicher Empfehlung einen Infarkt simulierte. Warum wohl?
Jedenfalls kroch ich ins Bett und ĂŒberließ mich den trĂŒben Gedanken ĂŒber mein baldiges Ende. Nach ungefĂ€hr einer Stunde kam der libanesische GeschĂ€ftsfĂŒhrer um nach mir zu sehen und machte ein ebenso betrĂŒbtes Gesicht wie der Arzt. Meine Frau begann mehr und mehr an die Ernsthaftigkeit meines Übels zu glauben. Der GeschĂ€ftsfĂŒhrer blieb nur kurz und ermahnte mich, nur ja nach den Anweisungen des Arztes ruhig liegen zu bleiben.
Gegen zweiundzwanzig Uhr klingelte es und der Fahrer des GeschĂ€ftsfĂŒhrers kam mit einem fremden Herrn, den er als den fĂŒhrenden Herzspezialisten des Libanon vorstellte. Den hatte man mobilisiert und eingeflogen, um mich vor dem Ableben zu bewahren. Ich war viel zu sehr mit mir selbst beschĂ€ftigt, als dass ich dies wĂŒrdigen konnte.
Der Spezialist untersuchte mich grĂŒndlich, hörte mich ab und schickte den Fahrer los, das EKG vom Arzt zu besorgen. Dann verschwand er wieder mit der Ermahnung, mich völlig ruhig im Bett zu halten.
Am nĂ€chsten Tag fĂŒhlte ich mich wohl, nur etwas bedrĂŒckt, stand mir doch der Tod kurz bevor. Gegen zehn Uhr kam der Fahrer und meinte, er solle mich ins BĂŒro bringen, der libanesische Spezialist wolle mit mir reden.
„Kein Problem? Er sagte doch, ich solle mich ruhig im Bett halten!“
„Kein Problem!“
Wir fuhren hin und dort eröffnete mir der Herzspezialist, dass ich keineswegs einen Herzinfarkt erlitten hĂ€tte, sonder der fĂŒr den Infarkt typische krampfartige Schmerz von einem Rheumasymptom ausginge, das zwar selten, aber doch manchmal auftrete und bedingt sei durch die Autoklimaanlage, die genau auf diesen Muskel blase.
Ich war entsetzt, welch eine Blamage! Herzinfarkt und dann so etwas!
Der Spezialist wie auch der GeschĂ€ftsfĂŒhrer waren aber nur erleichtert und beglĂŒckwĂŒnschten mich zu einem solch glĂŒcklichen Ausgang. Kein Vorwurf, keine HĂ€me.
Nur zu Hause großes GelĂ€chter und jahrelanger Spott:
„Hypochonder!“

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