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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Mein Bruder, der Held - Film von Josh Kim
Eingestellt am 11. 05. 2019 21:26


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Arno Abendschön
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Dieser Film, fertiggestellt 2015, ist ein Beispiel fĂŒr den intensiven kulturellen Austausch zwischen Nordamerika einerseits und Ost- und SĂŒdostasien andererseits. Der 1981 in Texas geborene Filmemacher Josh Kim ist koreanischer Herkunft, er las als junger Mann den Kurzgeschichtenband „Sightseeing“. Ihr Verfasser Rattawut Lapcharoensap, in Chicago geboren und thailĂ€ndischer Abstammung, wuchs in Bangkok auf. Um aus zwei Texten der Sammlung, sie verschmelzend, erst ein Drehbuch, dann einen Film zu machen, zog Kim selbst fĂŒr lĂ€ngere Zeit in die thailĂ€ndische Hauptstadt. Er realisierte sein Werk in thailĂ€ndischer Sprache und ĂŒberwiegend mit einheimischem Personal. Der Streifen wurde international unter dem Titel „How to Win at Checkers (Every Time)“ ein großer Erfolg und schaffte es unter anderem auf die Berlinale.

Lapcharoensaps Geschichten sind sozialkritisch. Dementsprechend dient auch in Kims Film das mann-mĂ€nnliche Paar vor allem dazu, die soziale Kluft zwischen Arm und Wohlhabend aufzuzeigen. Die Beziehung der beiden jungen MĂ€nner Ek (Thira Chutikul) und Jai (Arthur Navarat) zerbricht, als Jais Eltern den Sohn vom MilitĂ€rdienst freikaufen, d.h. ĂŒber den lokalen Schwarzmarktboss Bestechungsgeld fließen lassen. Ek dagegen muss an die malaysische Grenze und wird auf einer Patrouille von Rebellen erschossen. Zuvor erleben wir die Einberufungsziehung in einem buddhistischen Tempel mit. Der thailĂ€ndische Staat benötigt nur einen Bruchteil der jungen MĂ€nner fĂŒrs MilitĂ€r und veranstaltet daher fĂŒr alle einundzwanzig gewordenen zusammen mit der Musterung eine pompöse Lotterie. Wie sich dabei die Korruption diskret und zugleich schamlos inszeniert, ist einer der beiden Höhepunkte des Films.

Die zentrale Beziehung ist indessen die von Ek zu seinem elfjĂ€hrigen Bruder Oat (Ingkarat Damrongsakkul). ErzĂ€hlt wird die Filmgeschichte anhand der Erinnerung des jungen Erwachsenen Oat (Toni Rakkaen). Geschickt werden AlptrĂ€ume und Kommentare des ĂŒberlebenden Bruders mit Kinderszenen verwoben. In Oats leicht verklĂ€rendem RĂŒckblick erscheint Ek fast wie ein irdischer Bodhisattva: sanft, mitfĂŒhlend, verantwortungsbewusst, redlich. Allerdings konsumiert er auch Chrystal Meth und ist erst Barkeeper, dann gezwungenermaßen Prostituierter in einem Lokal fĂŒr Homo- und Transsexuelle. Dorthin nimmt er den ElfjĂ€hrigen auf dessen hartnĂ€ckiges Bitten hin einmal mit, bevor er Bangkok fĂŒr immer verlĂ€sst. Oats kindliche Einblicke in die Szene sind der zweite großartige Höhepunkt des Films.

Oat selbst passt sich nach Eks Tod voll Bitterkeit den korrupten VerhĂ€ltnissen im Land an und vermeidet so das Schicksal des Älteren. Insgesamt atmet der Film eine AtmosphĂ€re, die gesĂ€ttigt ist von mitreißender Melancholie. Beeindruckend fĂŒr den Zuschauer ist auch, wie souverĂ€n Kim EinflĂŒsse anderer Filmemacher von TechinĂ© bis Weerasethakul im Rahmen eines traditionellen ErzĂ€hlkinos verarbeitet hat. Zur Vorbereitung hat er ĂŒberdies eine Kurzfilmdokumentation ĂŒber jene Einberufungsziehung gedreht: „Draft Day“ (anzusehen als Zugabe auf der bei Edition Salzgeber herausgekommenen DVD - oder allein im Netz leicht zu finden).

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