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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Mein Bruder Karl
Eingestellt am 14. 12. 2007 22:29


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gromski
Routinierter Autor
Registriert: Jun 2007

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Mein Bruder Karl

Bevor wir zur Party los sind, hat mein gro├čer Bruder Karl seine Hose verloren. Er wettete gegen Harri, den alle nur Stardust Harri nennen. So ist mein Bruder n├Ąmlich. Obwohl er nie Geld hat, wettet er. Meine Mutter sagt, er lasse es immer drauf ankommen. Dem Stardust Harri hat das nat├╝rlich gefallen. Er hat bl├Âd gegrinst, als er sich das Ding ├╝ber seine eigene Jeans zog. Selber schuld, Karrmann. Jetzt gehste halt nackt. Ich denke mir: Bestimmt hat mein Bruder Karl ihn absichtlich gewinnen lassen. Weil dass der Stardust Harri sich mit den Liedern von David Bowie gut auskennt, das wei├č doch jeder Idiot. Mein Bruder Karl scheint einen Plan zu haben. So ist er. Und wie immer finden es sp├Ąter alle ziemlich gut, als er nur in Unterhose auf die Party kommt. Ich darf mit auf die Party und ich finde es auch ziemlich gut. Ich w├╝rde mich das niemals trauen.
Mein Bruder Karl ist ziemlich cool. Er hat vier Jahre vor mir Abitur gemacht und sogar eine Weile lang studiert. Aber er ist nicht so langweilig wie ich und hat es bald sein lassen. Im Gang veranstaltet er gleich nach Betreten ein Trara: Ey, Leute. Ist euch kalt oder ist das gar keine Bikini-Party, ruft er. Alle Leute lachen. Sie finden meinen Bruder Karl genau so cool wie ich.
Mein Vater sagt, Karl h├Ątte das Zeug zu einem Wissenschaftler oder zu einem Ingenieur, wenn er sich nur nicht immer so die N├Ąchte um die Ohren schlagen w├╝rde. Meine Mutter sagt, aus dem selben Grund, wie mein Bruder Karl immer glaube, es diesmal wirklich besser zu wissen, aus dem selben Grund trinke er auch und lasse es nicht bleiben. In dem Moment, da er das erste Bier in der Hand halte, habe er wohl so die ├ťberzeugung, alles beachtlich im Griff zu haben. Und so ein Bisschen stimmt das vielleicht auch. Die Leute lachen ja immer ├╝ber die Witze, die er macht oder die Geschichten die er erz├Ąhlt. Keiner sagt ihm: Ey, Karl. Geh mal nachhause. Morgen hast du doch eine Pr├╝fung. Aber mein Bruder Karl wei├č genau, was er tut.
Das sagt auch Christina. Sie ist die Freundin von meinem Bruder Karl. Sie treffen wir auch auf der Party. Wie ich ist sie f├╝rs Wochenende von der Ausbildung nachhause gekommen. Wir finden sie am hinteren Ende der Wohnung, in der Schlauchk├╝che bei dem Tzatziki und dem Tiramisu. Er k├Ânne manchmal so nett l├Ącheln, erkl├Ąrt sie mir sp├Ąter, als wir mit R├╝cken gegen die Heizung sitzen und Karl im Nachbarraum eine seiner Geschichten erz├Ąhlt. Da k├Ânne man gar nicht anders, als ihm den Spa├č zu g├Ânnen. Und er habe ja auch wirklich alles im Griff. Einmal habe er sogar eine Woche lang nichts getrunken. Einfach so. Das habe ihm gar keine Probleme gemacht. Seine wahre Liebe sei ja die Musik und nicht der Alkohol. Ich mag Christina ziemlich gern.
Nachdem Abitur hat mein Bruder Karl erst einen Monat lang in einer Fabrik am Flie├čband gearbeitet. Danach hat er Chemie studiert. Zuerst Z├╝ndkerzen sichtpr├╝fen, hat er mir erz├Ąhlt. Und dann bei den Pr├╝fungen wie ne Kerze durchz├╝nden. Ein Jahr lang hat er `s ausgehalten im Studium. Hat sogar Schach spielen k├Ânnen auf einem vorgestellten Periodensystem. Mit den Molek├╝len und so, das hat er auch ziemlich gut gekonnt. Aber dann hat `s ihm nicht mehr gefallen, im Labor zu stehen. Ist ja auch bl├Âd, in so nem Kittel und mit so ner Skifahrer-Brille, hat er gesagt. Tagein tagaus dasselbe. Und h├╝bsche M├Ądels suchst du in der Chemie auch umsonst. Daran muss ich am Ende des Abends denken, w├Ąhrend Christina und ich ihn aus der T├╝r zu schubsen versuchen.
Christina ist h├╝bsch. Das fand ich schon immer. Sie ist sehr still, und das mag ich gern. Wenn mein Bruder Karl seine Witze erz├Ąhlt, dann sitzt sie immer still daneben, ein Bein ├╝ber dem anderen. F├╝r andere verschwindet sie neben meinem Bruder, aber nicht f├╝r mich. Oft streicht sie sich die Haare aus dem Gesicht und l├Ąchelt nur sehr unsicher, was mir dann auch gut gef├Ąllt. Mein Bruder Karl hat mir vor einigen Jahren mitgeteilt, er wisse, dass ich in Christina verliebt sei. Ich habe es abgestritten. Er hat mir dann einige seiner Bekannten vorgestellt. Mit einer habe ich sogar zu schlafen versucht. Aber es hat alles irgendwie nicht so gut geklappt. Ich habe ihn einfach nicht rein bekommen. Sie wollte mir helfen, und da ging das noch schlechter. Du bist s├╝├č, hat sie gesagt.
Manchmal lege ich die Kabel, wenn mein Bruder Karl und seine Band irgendwo einen Auftritt haben. Christina ist dann auch immer dabei. Mein Bruder Karl steht mit ihr an der Bar und trinkt ein Mineralwasser und raucht eine Zigarette. Stimm doch noch mal die Gitarre, sagt er zu mir. Christina fragt, ob ich auch etwas trinken mag. Mein Bruder Karl ist ├╝ber 1,90 gro├č. Und sie ist sehr klein. Ich trinke auch ein Wasser. Ist das dein kleiner Bruder, fragen die M├Ądels an der Theke meinen Bruder Karl. Ja, sagt er. Er lernt Kaufmann in W├╝rzburg. Ist sehr klug. Das hat er wohl von unserem Vater geerbt. Der ist ja s├╝├č, sagen die M├Ądels. Ja, sagt mein Bruder Karl. Und klug ist er auch. Er wird bestimmt einmal Geld haben.
Morgen ist Sonntag, versuche ich mich abzulenken, w├Ąhrend mein Bruder unten am Fluss herumw├╝rgt und ich mit Christina alleine auf einer Bank warte. Am Sonntag essen wir manchmal bei unserer Mutter. Sie fragt dann immer, ob er jetzt irgendwo arbeitet. Er sagt, dass nein. Aber er suche. Das sei so schwer, dass er nicht einmal richtig zum Gitarre Spielen komme. Christof, sein Schlagzeuger, hat mir gesagt, dass mein Bruder nur mal ein bisschen ├╝ben m├╝sste, anstatt bis zwei auszuschlafen und sich abends dann wieder die Birne wegzuballern. Er habe Talent, mache aber nichts draus. Meine Mutter sagt: Such dir doch etwas zum Arbeiten. Dann hast du Geld und kannst deine Musik als Hobby weiter machen. Mein Bruder Karl hat Adorno gelesen, deshalb st├Â├čt ihm das Wort Hobby auf.
Einmal habe ich mich mit Christina betrunken. Das war eher aus Zufall. Wir warteten in einer Kneipe. Mein Bruder sollte mit dem Zug kommen, er war in Berlin gewesen, bei Freunden. Dein Bruder Karl sieht sehr gut aus, sagte sie irgendwann. Wei├čt du das? Das kann schon sein, sagte ich. Kann ich nicht beurteilen. Sp├Ąter rutschten wir nur auf den St├╝hlen herum, mein Mund war trocken von dem vielen Bier. Er hat vor mir schon andere Freundinnen gehabt, sagte sie. Das kann schon sein, sagte ich wieder. Sie legte mir die Hand auf den Unterarm und l├Ąchelte traurig. Ihr seid schon vier Jahre lang zusammen, versuchte ich sie zu beruhigen, das ist doch etwas anderes. Da zuckte sie nur die Achseln und blieb traurig.
Schei├če, ist das kalt, ruft mein Bruder Karl, als wir ihn wieder auf dem Gehweg haben. Und klar. Er hat ja auch keine Hose an. Sei doch leiser, murmelt Christina. Die Leute schlafen.
Mein Bruder Karl hat mich fr├╝her mit dem Auto unserer Eltern auf dem Feld fahren lassen. Manchmal durfte ich mit ihm und seinen Freunden Fu├čball spielen. Wenn ich nach dem Wochenende zum Internat musste, hat er mich manchmal auf den Zug gebracht. Lern du nur sch├Ân, sagt er noch heute zu mir. Einmal habe ich mitbekommen, wie er weinte. Ich sollte Christina und ihn zum Essen holen, noch als mein Vater bei uns gewohnt hat. Fast w├Ąre ich durch die T├╝r gestolpert, aber zum Gl├╝ck h├Ârte ich es noch rechtzeitig. Ich bin einfach nicht klug genug, wimmerte er. Doch, sagte sie. F├╝r mich bist du genial. Aber er wimmerte weiter.
Wir schubsen ihn ins Bett und decken ihn zu. Danach gehen wir leise in die K├╝che hinunter. Ich stelle Brot hin und Ziegenk├Ąse. Christina vertr├Ągt keine Laktose. Willst du einen Tee, frage ich. Sie sch├╝ttelt den Kopf. Leitungswasser? Ja, ein Glas Leitungswasser ist ok. Ob ich denn Tabak h├Ątte. Nein, sage ich. Ich rauche doch nicht. Du bist s├╝├č, sagt Christina. Dann ist sie mit den Gedanken woanders. Da steht pl├Âtzlich mein Bruder in der T├╝r. ÔÇ×Das Bett ist ganz nassÔÇť, lallt er und blickt hilflos umher. Christina steht auf und nimmt ihn in den Arm. ÔÇ×Komm, ich bezieh es neu.ÔÇť Ich bleibe noch eine Weile allein in der K├╝che sitzen, drau├čen wirdÔÇÖs langsam wieder Morgen.
Am Abend bringt mein Bruder Karl mich mit dem Auto unserer Mutter auf den Zug. Er ist verkatert und muss viel husten von den Zigaretten. Lern sch├Ân, sagt er zu mir, als er sich verabschiedet. Und bockst mich in die Seite. Ich h├Ątte gern, dass er mich umarmt. Aber wir umarmen uns nie. Was machst du unter der Woche, frage ich. Er l├Ąchelt. Lern du nur sch├Ân, sagt er. Dann f├Ąhrt er davon.

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gromski

Version vom 14. 12. 2007 22:29
Version vom 14. 12. 2007 23:01

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petrasmiles
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Hallo Gromski,

normalerweise mag ich diese ruhigen, an Tatsachenberichte erinnernden Geschichten und Du schreibst auch sehr gut.

Aber mir fehlt hier irgendwas.
In dieser L├Ąnge und Ausf├╝hrlichkeit w├╝rde ich eine Pointe erwarten, die dem Text Struktur gibt, oder aber der Text m├╝sste verdichteter sein, um ein Schlaglicht auf eine bestimmte Konstellation zu werfen, die dann so ohne H├Âhepunkt stehen bleiben kann.

Wenn dies ein St├╝ck aus einem Roman w├Ąre, in dem es ein Davor und ein Danach gibt, dann h├Ątte ich nix zu meckern.

Liebe Gr├╝├če
Petra
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