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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Mein Defekt
Eingestellt am 28. 06. 2007 16:56


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Penelopeia
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Registriert: Nov 2002

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Ich bin, genau genommen, weder Männchen noch Weibchen. Ich bin nicht in der Lage, Samen zu produzieren, mich treibt kein wahnwitziger Drang, einmal im Jahr einen hohen Flug zu wagen, um anschließend in entwürdigender Stellung am Boden meinen Samen in eins der reproduktionsorientierten Weibchen zu spritzen. Ich besitze aber auch keine Samentasche wie die Weibchen, ich habe nicht solche schön-dummen Augen und spüre rein gar keine Lust, ihr emsig-einfallsloses Arbeiterinnendasein zu leben. Ich gehöre nicht zur Kaste der Soldaten, denn für einen Soldaten sind meine Kieferzangen zu klein, und meine Geschlechtsorgane sind nicht so jämmerlich verkümmert, wie es bei jenen die Regel darstellt.
Einmal im Jahr wachsen mir kleine Flügel, ich könnte mich damit ein Stück in die Luft erheben, aber ich bleibe lieber am Boden und sehe amüsiert der großen Schau von vorgeblicher Liebe und nachfolgendem Schmerzenstod zu.
Sonst steche ich – zum Glück! – nicht weiter hervor in unserem Staat. Ich bin von normaler Größe, also etwa halb so groß wie unsere allseits verehrte Königin, ich besitze wie fast alle meiner Art zwei abgeschnürte Glieder zwischen Ober- und Unterleib und somit eine Wespentaille, auf die ich stolz bin, meine Kopfoberseite, mein Thorax, der Unterleib und die Beine sind schwarzbraun gefärbt, die anderen Körperflächen leuchten intensiv rot. Ich habe zwölfgliedrige Fühler und – neben meinen Facettenaugen – sogar Rudimente kleiner Nebenaugen, dies gibt mir einen jünglingshaften Touch.
Wie alt ich bin, weiß ich nicht genau, ich bin mir jedoch sicher, schon mehrere Winter überstanden zu haben, was einem Männchen sonst nie gelingt, es übersteht zumeist nicht einmal den als Liebesmonat bezeichneten, ich rede vom Mai. Wenn sich die anderen auf Brautschau begeben, halte ich mich stets zurück. Unendlich viele der stürmischen Männchen sah ich in meinem Leben schon sterben, aus Kummer, aus Schwäche, aus tiefer Einsicht in die Nutzlosigkeit ihres Daseins... Sie ließen sich einfach in Pfützen oder Bäche oder gar auf Asphaltstraßen fallen, und das kurz nach ihrem Hochzeitsflug und dem darauf folgenden Akt!
Interessiert und, wie schon erwähnt, in den letzten Jahren zunehmend amüsiert, beobachte ich das Spektakel der Fruchtbarkeit und inszenierten Liebe in jedem Mai von neuem. Die Männchen machen immer wieder den gleichen Fehler. Aber wer sollte sie auch vor den Folgen ihrer geschlechtsgesteuerten Flugshow warnen! Die gierigen Weibchen, die Königin werden wollen, locken und schweigen. Und ich werde mich hüten, mein Wissen preiszugeben...
Was mich wesentlich von meinen Genossen unterscheidet, ist, neben Alter und Wissen, ein – Defekt. Ich verfüge über einen unentschiedenen Hormonhaushalt, er liegt vermutlich genau zwischen den männlichen und den weiblichen Standardwerten. Als Folge davon ist mein Geruchssinn stark eingeschränkt. Wie es zu diesem Defekt kam, weiß ich nicht. Ich habe keine Ahnung, wie ich als Larve behandelt wurde, welche Menge und welche Arten Hormone man an mich verfütterte oder nicht, wie oft und wie sauber ich von den zuständigen Arbeiterinnen geleckt wurde, ob man mich vernachlässigte, in einer Ecke liegen ließ, ob meine Larve Schimmel ansetzte, feucht wurde, zu heiß, zu kalt... Ich habe diese Frage – zum Glück! – noch niemandem gestellt. Denn alle denken, ich sei normal, mein Leben als Männchen oder Weibchen sei vorprogrammiert, laufe nach einem festen Schema ab, ich reagiere auf die üblichen Duftstoffe, die von der Königin und den führenden Genossen sekretiert werden usw.
Welche Chance in meinem Defekt liegt, welch überwältigende Freiheit, das ahnte ich ansatzweise, als ich das erste Mal die Männchen in den Maihimmel fliegen sah. Himmelhoch jauchzend, mit leuchtend-verzückten Augen und liebestrunken sirrenden Flügeln, flogen sie los, folgten den Düften, die für mich nicht existieren, weil ich sie nicht wahrnehme, warben mit ulkigen Verrenkungen unter Einsatz all ihrer körperlichen Fähigkeiten um „ihr“ Weibchen, ließen sich am Boden nieder, vollzogen den Akt und – wurden beschimpft, direkt hinter die Fühler geohrfeigt, in den Leib getreten, in die Augen gebissen, solange, bis sie sich vor Verzweiflung in sumpfige Tümpel, Dreckpfützen oder auf jene asphaltierten Flächen stürzten, über die Menschenfahrzeuge rollen...
Richtig begriffen habe ich meine defektbedingte Freiheit gegen Ende meiner Innendienstzeit. Ich durchlief damals, wie alle Nachwuchskräfte, die üblichen Stationen im Bau: Brutpflege, Instandhaltung/Reinigung, Wache stehen. Zu allen Zeiten hörte ich das geflügelte Wort von „unserem Staat“, „unserer Kolonie“, „unseren Leistungen“, „unserer gegenseitigen Solidarität“, „unserer Vernunft“, „unserer Arbeitsteilung“ usw. usf. Es ging mir mächtig auf die Fühler, aber ich ließ mir nichts anmerken. Manchmal erdrückte mich das Gesumms regelrecht, ich hatte die klaustrophobische Wahnvorstellung, meine Glieder in diesem „Dauer-Wir“ so wenig bewegen zu können wie jene meiner Genossen, die in einem Harztropfen elendiglich für alle Zeiten erstarrt waren. Immer wieder wunderte ich mich über die Selbstverständlichkeit, mit der diese Parolen von anderen Genossen geschluckt wurden. Bis mir der Gedanke kam, sie könnten sie anders empfinden als ich, und zwar sehr viel tröstlicher, eingängiger, süßer... Während ich auf einem Außenposten stand und Zeit hatte, meinen Gedanken nachzuhängen, versank ich in tiefe Grübeleien und konnte doch nicht klar den Grund für die offenbaren Unterschiede zwischen mir und meinen Genossen benennen. Warum beindruckte mich das gebetsmühlenhafte Gesumms nicht – ich fand keine Antwort.
Lange schaute ich auf das Gewimmel meiner Genossen, beobachtete, wie sie brav und wie aufgezogen den gesetzten Wegmarkierungen folgten, diesen für andere Waldbewohner unriechbaren Spuren von Pheromonen, die von führenden Kadern abgesondert worden waren. Ich sah eine Gruppe Arbeiterinnen, die von einem Außeneinsatz mit Beute zurückkehrte. Ein minderwertiges Stück, das sie da anbrachten, halbverweste Teile eines nicht sonderlich schmackhaften Käfers. Ich beobachtete einen ranghöheren Genossen, wie er sich eilig und mit einer gewissen Verschämtheit auf einer Nebenstraße vom Bau entfernte. Ich beschloß, ihm zu folgen. In sicherem Abstand krabbelte ich hinter ihm her, auf einer kleinen Lichtung zeigte sich der Grund: Eine tote Blindschleiche – vielleicht hatte sie ein Bussard versehentlich verloren – lag da im Moos, die leckeren Eingeweide nach außen gestülpt. Um sie versammelt die ganze mittlere Führungsschicht unseres Baues, ich erkannte die meisten auf Anhieb wieder. Mit dem größten Genuß schlugen sie ihre Mandibeln in das Schlangenfleisch, Blut spritzte, sie schmatzten laut und ungeniert, besabberten sich und rülpsten, während sie ihre Augen genüßlich zum Himmel drehten...
Und da begriff ich: Ich konnte von den vorbestimmten Wegen der niederen Kasten abweichen und den heimlichen Wegen von Genossen höherer Kasten folgen, weil ich nicht an die Markierungen gebunden war, die mir zugedacht waren, die man für mich und meinesgleichen gesetzt hatte, ich war – auf Grund meines Defektes – unabhängig vom Klassenverhalten der dienenden Kasten. Ich war – frei!
Frei auch von einem vorbestimmten Lebenslauf. Ich würde weder zu den emsig und blöd-besinnungslos rackernden Arbeiterinnen gehören müssen noch zu den kurzlebigen Männchen mit ihrem Fruchtbarkeitswahn. Ich bräuchte mich nicht in den Liebesmaihimmel schwingen, um dann elend zu verrecken, ich bräuchte mir auch keine Kämpfe liefern mit den Soldaten benachbarter feindlicher Völker, ich könnte mich immer an ungefährlicher Stelle nützlich machen, mal als fleißige Arbeiterin, mal als aufmerksamer Innendienstler, mal als ehrlich bemühter Außenarbeiter, je nach Situation...

Eine Weile beobachtete ich das Treiben, prägte mir die Gesichter ein. Meine Erinnerung würde mir nichts nützen, ich begriff. Was, wenn ich vor meine Kastengenossen träte und mit dem Fühler auf einen jener Schmarotzer zeigte, der sich hier so unflätig den Unterleib vollschlug: Keiner würde mir glauben, denn ich konnte andere Wege als die für mich markierten ja gar nicht gegangen sein. Und auf ihren Wegen hatten sie nichts gesehen als zertretene oder dahingestorbene kleine Käfer – alltägliche Nahrung, gewöhnlicher Fraß. Anschließend würden mich die führenden Genossen vermutlich zur Rede stellen, ich hätte keine Zeit für eine Antwort, sie würden mich zügigst zer- und verteilen, um danach mit um so lauterem Wir-Gesumms zur Tagesordnung überzugehen. Ein kurzes Schmatzen und ich wäre gewesen...
Also behielt ich die Erkenntnis meiner Freiheit durch meinen Geruchsdefekt für mich. Unauffällig krabbelte ich auf einem heimlichen – weil unmarkierten und schrägen, dafür aber sehr schnellen – Weg zurück und bezog meinen mir zugewiesenen Wachposten. Bei der Ablösung zeigte ich das einfältigste, unschuldigste Gesicht. Freundlich und ergeben lächelte ich dem Offizier zu. Ich erkannte ihn sofort – als Teilnehmer der heimlichen Freßorgie...

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Penelopeia
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Liebe Leser, zu den Fragen:

@Dubidu: Die Zahl der Absätze könnte höher sein, ich stimme dir zu. Ich habe allerdings die - schlechte - Angewohnheit, ältere Texte nicht mehr zu verändern. Selbst auf die Gefahr hin, manches mittlerweile anders zu sehen. Ich schrieb den Text in einer ziemlichen Geschwindigkeit, quasi atemlos. Die geringe Zahl der Absätze erinnert mich dran...

@Waldemar: Es ist natĂĽrlich eine politische Geschichte. Markierungen werden fĂĽrs Volk gesetzt. Einziger Unterschied: sie werden nicht sekretiert, sondern dekretiert...

@Inu: Ja, woher weiĂź die kleine Ameise das alles? Sie erinnerte sich an den Biounterricht, sie googelte nochmal kurz, dann reflektierte sie ein paar Minuten eigene Erfahrungen - und WĂĽnsche. Schon schrieb sie...

@Petra: Danke fĂĽr das Kompliment.

Aus heutiger Sicht habe ich wohl sowas wie den Entwurf eines halbwegs symphatischen Opportunisten abgeliefert, der sich nicht auf eindeutige Normen, Paradigmen, Muster etc. festlegen lassen möchte...

LG

P.

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