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Leselupe.de > Horror und Psycho
Mein Freund Sammy
Eingestellt am 16. 05. 2006 11:42


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nemo
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Registriert: Aug 2001

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Ich stehe auf einer Anhöhe und schaue hinunter ins Tal, dorthin, wo einst meine Heimatstadt lag und sich mir heute ein Bild der Zerstörung bietet. RauchsĂ€ulen steigen in den blutroten Himmel hinauf und noch immer kann man die lodernden Flammen vereinzelter BrĂ€nde sehen. Ich bin froh, dass ich mir dieses grauenhafte Bild nur aus der Entfernung ansehen muss, froh nicht die Leichen sehen, nicht die Schreie hören oder den Überlebenden ins Gesicht schauen zu mĂŒssen, denn ich trage eine Mitschuld an dieser VerwĂŒstung.
Ich kneife die Augen zusammen, um meinen Blick zu schĂ€rfen, doch das fĂ€llt mir nicht leicht, denn die salzigen TrĂ€nen der Schuld trĂŒben mein Sehvermögen. Ich folge der Schneise der Zerstörung, die Sammy in der Stadt hinterlassen hat, und dort wo die Sonne langsam hinter dem Horizont auftaucht, sehe ich einen hellen weißen Fleck und ich bin mir sicher, dass er es ist. Warum Sammy, warum bist du nur so geworden?

Es begann vor gut einem Jahr.
Ich hatte gerade meinen Job bei der Post verloren.
“Es tut uns leid Herr Reinhardt, Ihre UnzuverlĂ€ssigkeit und vor allem Ihre UnpĂŒnktlichkeit lassen uns keine andere Wahl. Wir hatten Sie bereits abgemahnt, aber leider konnten wir keine Verbesserung Ihres Verhalten erkennen.“
Danke und tschĂŒss.
Nicht schön, aber so schlimm auch wieder nicht. Immerhin blieb mir dann mehr Zeit fĂŒr „Savage World“, dem Online-Rollenspiel meines Vertrauens. Dort war ich nĂ€mlich nicht Jens Reinhardt, der hagere Verlierer aus der Normannenstraße, sondern Red, der Barbar, Sohn von Obulkan, dem Herrscher der Narbenweiden.
Jede freie Minute verbrachte ich in Mystica, meinem virtuellen Zuhause, wo ich Heldentaten vollbrachte und Freunde fand. NatĂŒrlich keine echten Freunde aus Fleisch und Blut, nicht solche, die einen besuchen kommen oder mit denen man ins Kino gehen kann, sondern Leute, denen mein Äußeres egal war und die mich so nahmen, wie ich war. NatĂŒrlich war das auch der Grund fĂŒr meine stĂ€ndigen VerspĂ€tungen und Krankmeldungen. Wenn man sich die Nacht um die Ohren schlĂ€gt, ist man am nĂ€chsten Tag halt nicht so fit.
Auch wenn ich nicht mehr so viel Kohle im Monat zur VerfĂŒgung hatte, kam ich doch ohne Probleme mit dem aus, was ich hatte. Wozu brauchte ich schon neue Klamotten oder irgendwelchen modischen Schnickschnack. Der Aldi lag beinahe vor meiner HaustĂŒr und wenn der Monat mal eng wurde, gab es immer noch meine Mutter, bei der ich essen oder mal ein paar Euro schnorren konnte.
Obwohl ich also jetzt endlich das Leben fĂŒhrte, das mir Spaß machte, fehlte mir etwas. Irgendwie spĂŒrte ich eine unbeschreibliche Leere, die ich erst dann zu verstehen in der Lage war, als Sammy in meinem Leben trat. Bevor ich aber von unserem ersten denkwĂŒrdigen Treffen erzĂ€hle, muss ich ein wenig von meiner dĂŒrren Gestalt berichten.
Schon als Kind war ich dĂŒnn. So dĂŒnn, dass mich mein Vater - Gott hab ihn selig, den alten Drecksack - Spargeltarzan nannte. WĂ€hrend ich aufwuchs, schoss ich zwar in die Höhe, blieb dabei aber dĂŒrr wie eine Zaunlatte. Essen ohne zuzunehmen. Der Traum aller dicke Menschen. Ich aß nicht, ich fraß. Schaufelte das Essen nur so in mich hinein und machte einen großen Bogen um jede sportliche BetĂ€tigung.
„Das sind die Gene“, meinte meine Mutter, „dein Großvater konnte auch essen, was er wollte, und nahm nicht zu.“ Ja Mutter, klar, Weißkohl und Kartoffeln, aber bestimmt keine Pommes, Döner, Hamburger, JĂ€gerschnitzel, Pizza, AuflĂ€ufe, Cola, Bier, Chips, Schokolade und anderen SĂŒĂŸkram.
Warum das so wichtig ist?
Naja, weil Sammy nicht ganz unschuldig an diesem Zustand war.

Das besagte Treffen mit Sammy fand in einer Februarnacht statt. Nur im Wohnzimmer hatte ich die Heizung an und in meinem Schlafzimmer war es schweinekalt. Obwohl ich fror und mein Magen mal wieder Salti schlug – ich hatte immer mal wieder Magenprobleme, keine Schmerzen, mehr so ein GefĂŒhl, als wĂŒrde es darin rumoren, als wĂŒrde die MagensĂ€ure kochen – schlief ich ganz gut ein. Seltsamerweise kann ich mich sogar daran erinnern, was ich in dieser Nacht getrĂ€umt hatte; das ist bei mir eigentlich recht selten der Fall. Der Anfang des Traumes war ziemlich wirr, doch irgendwann saß ich auf der Toilette meiner Wohnung, und ging einem großen GeschĂ€ft nach. Dabei starrte ich auf das Poster von Xena, der Amazone, wobei mich wunderte, warum sie auf einmal die GesichtszĂŒge meiner Mutter trug. Dann kam der Schmerz und das an einer Stelle, an der man als heterosexueller Mann eigentlich keine Schmerzen haben möchte. Es war, als ob ich einen faustgroßen, viereckigen Bauklotz scheißen wĂŒrde. Ich schrie, griff mir an den Hintern und sprang auf. Als ich mich umdrehte, sah ich einen Fötus in der KloschĂŒssel, ungefĂ€hr von der GrĂ¶ĂŸe eines amerikanischen Footballs. Ich schrie noch lauter und hielt mir die Augen zu, dann spĂŒrte ich etwas Warmes, Feuchtes an meinem Gesicht. Blut, ich hatte Blut an den HĂ€nden.
Schweißgebadet wachte ich auf und der Schmerz war immer noch da. Ganz vorsichtig fĂŒhrte ich meine Hand zu meinem Po, dann zu meinem After und auch dort fĂŒhlte ich die unangenehme Feuchtigkeit. Ich schrak auf und merkte dann, dass ich nicht alleine im Zimmer war. Auf dem LĂ€ufer vor dem Bett war etwas, das ich erst fĂŒr eine große Schlange hielt. Doch als meine Augen sich immer mehr mit dem dĂŒsteren Licht meines Zimmers anfreundeten, erkannte ich die milchige Haut des Wesens und einen blumenförmigen Köpf mit vier Löchern, die aussahen wie Augen. Das Ding war ziemlich dĂŒnn, hatte aber genug Kraft, sich aufzurichten, wie die Kobra eines Schlangenbeschwörers. Es schien mich mit seinen vier Höhlungen zu beobachten und ich wagte es nicht, mich zu bewegen, obwohl ich mir sicher war, noch zu trĂ€umen. Dann neigte das Ding den Kopf zu Seite, wie ein Welpe in Erwartung von Streicheleinheiten, und ich hörte eine sĂ€uselnde Stimme in meinem Kopf, die nur ein Wort sagte: „Vater!“

Sammy war ein taenia saginat, ein Rinderbandwurm, wenn auch ein außergewöhnliches Exemplar seiner Gattung. Sechzehn Jahre hatte er nun schon in mir gelebt und sich von dem ernĂ€hrt, was ich aß. Er war gewachsen und gediehen, und hatte sich so ganz anders entwickelte als alle anderen BandwĂŒrmer. Durch das Wunder der Evolution, oder vielleicht durch eine zufĂ€llige Mutation, hatte Sammy Muskeln gebildet, die ihm erlaubten, sich wie ein Wurm oder eine Schlange zu bewegen, er besaß eine gewisse Intelligenz und konnte durch so etwas wie Telepathie kommunizieren – wenn auch nur in einem beschrĂ€nkten Rahmen. So konnte er einzelne Worte wie Hunger, Durst oder Vater ĂŒbermitteln, aber auch GefĂŒhle.
NatĂŒrlich habe ich mich anfangs ein wenig vor dem Wesen geekelt, doch Sammys Zutraulichkeit, seine Liebe, die ich immer dann spĂŒrte, wenn ich in seiner NĂ€he war, all das brachte mich ihm nĂ€her. Es dauerte nicht lange und Sammy war Teil meines Lebens geworden. Ich brachte ihm bei, einen Tennisball zu apportieren, stundenlang konnten wir auf der Couch sitzen und Filme gucken, Sammy auf meinem Schoß, zusammengerollt wie eine Katze und immer ein wohliges GlĂŒcksgefĂŒhl sendend, das mich ein wenig berauschte.
Aber es war anders als mit einem Hund oder einem Haustiger, immerhin war Sammy so etwas wie ein Teil von mir gewesen. NatĂŒrlich konnte ich Sammy niemandem zeigen, denn ich hatte eine grobe Vorstellung davon, wie die Menschen reagieren wĂŒrden, wenn sie einen freilaufenden Rinderbandwurm zu Gesicht bekĂ€men. Wenn also mal Besuch kam, was bei mir nur recht selten vorkam, verzog sich Sammy in mein Schlafzimmer und harrte dort aus, bis der Besuch wieder verschwunden war.
Eines Tages jedoch, als es bei mir klingelte, war ich gedankenverloren zur TĂŒr gegangen, um sie öffnen, obwohl Sammy noch in der KĂŒche war. GlĂŒcklicherweise war es nur meine Nachbarin Frau Kulowski, eine alte Ostblockvettel, die sich als Hausdrachen aufspielte. Also nicht jemand, den man so ohne Weiteres in die Wohnung lĂ€sst.
„Warum sie haben noch nicht geputzt die Treppe?“, fragte sie mich und spuckt dabei kleine Speicheltröpfchen in meine Richtung.
„Wir schon haben Freitag und Treppe muss normal Montag geputzt!“
Ich setzte mein mitleiderregendstes LĂ€cheln auf, in der Hoffnung sie ein wenig zu erweichen, aber ihre GesichtzĂŒge blieben hart wie Granit.
“Nix lĂ€cheln, putzen!“, sagt sie schroff. Es klang fast wie ein Hundebellen.
Dabei blieb sie unbeirrt auf der Schwelle meiner HaustĂŒr stehen und starrte mich mit ihren Schweineaugen an, wie ein Kellner, der auf sein Trinkgeld wartet.
Als sie merkte, dass ich nicht verstand, was sie von mir wollte, sagte sie unfreundlich: „Jetzt putzen!“, und ihr Ton ließ keine Widerrede zu.
Murrend schlurfte ich ins Badezimmer, wo mein Putzzeug stand.
Ich nahm den Eimer und fĂŒllte ihn in der Badewanne mit heißem Wasser. Als ich gerade das Putzmittel suchte, polterte irgendetwas. Ein dumpfer Aufprall, gefolgt von einem SchlĂŒrfen. Erst dachte ich, die GerĂ€usche kĂ€men aus der Nebenwohnung, doch dann fiel mir wieder ein, dass ich Sammy gar nicht im Schlafzimmer eingesperrt hatte. Ich stĂŒrzte in den Flur und stockte, als ich sah, dass die alte Schabracke von Nachbarin dort dem Boden lag. Aus einem Reflex heraus stieß ich die HaustĂŒr zu und betrachtete die Szene, die sich auf dem Perserimitat meines kleinen Hausflurs abspielte. Dort lag Frau Kulowski auf dem Bauch, den Rock bis auf Kniehöhe hochgezogen, so dass man ihre hellbraune Strumpfhose sehen konnte, unter der sich ihre ĂŒppige Beinbehaarung krĂ€uselte. Ihre Arme lagen vor ihr, als hĂ€tte sie noch versucht ihren Fall aufzufangen. Dort wo ihr Kopf hĂ€tte sein sollen, war nun Sammy, der saugende GerĂ€usche von sich gab. Irgendwie hatte er sich ĂŒber den SchĂ€del der Frau gestĂŒlpt, wie eine Schlange, die ein zu groß geratenes Kaninchen verschlingen wollte. Ich konnte nicht fassen, was ich sah, und so blieb ich einfach regungslos stehen und beobachtete, wie Sammy Frau Kulowski aufaß, bis nichts, aber auch gar nichts mehr von ihr ĂŒbrig blieb.

Seit dem Zwischenfall mit meine Nachbarin war Sammy um gut einen Meter in der LĂ€nge gewachsen und hatte auch im Durchmesser ordentlich zugelegt. Proportional zu seiner GrĂ¶ĂŸe hatte auch sein Appetit zugenommen, und so musste ich von Katzen- auf Hundefutter umstellen, wobei er gelegentlich auch Gehacktes oder ein StĂŒck rohes Fleisch von mir bekam. Darauf war er dann immer besonders scharf und wedelte immer ganz aufgeregt mit seiner Schwanzspitze, wenn er mitbekam, dass es etwas Frisches gab. Wie scharf Sammy auf frisches Fleisch wirklich war, sollte ich einige Tage spĂ€ter auf erschreckende Weise feststellen.

Es war spĂ€t geworden, denn ich hatte die halbe Nacht vor dem Computer gesessen. Ich war in Mystica eingetaucht und hatte soeben Drudge, den untoten Drachen besiegt, als ich den Luftzug bemerkte. Ein kaltes LĂŒftchen, das mir eine GĂ€nsehaut bescherte. Ich hatte zwar das Fenster meines Zimmers auf Kippe, aber mir war nicht bewusst, irgendein anderes Fenster offen gelassen zu haben. Ich stand auf, ging in den Flur und bemerkte, dass die HaustĂŒr offen stand.
Mir kam eine böse Ahnung und ich spurtete in die KĂŒche, wo ich Sammys großen Bastkorb leer vorfand. Ich lief in den Hausflur ... nichts. Hektisch stĂŒrzte ich die Treppe hinunter, blieb im Erdgeschoss vor einem geöffneten Fenster stehen, ein schwarzes Rechteck inmitten der BlĂŒmchenidylle unserer Altbau-Hausflur-Tapete. In einiger Entfernung konnte ich die Lichter der Seniorenresidenz „Sankt Anna“ sehen, und mein mulmiges GefĂŒhl gewann noch mal an IntensitĂ€t.
Ich stieg ĂŒber die Fensterbank hinaus in die Nacht. Unter meinen Birkenstocks knisterte das trockene Laub, wĂ€hrend ich schnurstracks auf die bunten Bauten des Altersheim zuging, die in der Dunkelheit einfach nur grau wirkten. Immerhin kannte ich mich dort aus, da ich im Sankt Anna meine Zivi-Zeit verbracht hatte. Seniorenresidenz „Endstation“ hatten wir die Einrichtung damals scherzhaft genannt.
Einigermaßen behĂ€nde kletterte ich ĂŒber den Zaun des GrundstĂŒcks und landete auf der anderen Seite auf dem Rasen. Im Licht einer schwachen Laterne, die dort im Park der Residenz stand, konnte ich eine Schneise eingedrĂŒckten Grases erkennen, das von der Mauer weg, hin zu einem der GebĂ€ude fĂŒhrte. Schleichend folgte ich der Spur, bis ich im abnehmenden Licht einen schwarzen Schatten sah, der gut zwanzig Meter vor mir auf dem Boden lag. Ich verlangsamte meinen Schritt und nĂ€herte mich vorsichtig.
Das Ding blieb regungslos.
So langsam gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit und ich erkannte zwei Beine, um genauer zu sein, die beiden Hinterbeine eines Hundes, vielleicht die eines SchÀferhundes.
Was mich stutzig machte, war die Tatsache, dass der Hund so verdreht liegen musste, dass ich sein Vorderteil nicht sehen konnte. Dann wurde mir bewusst, dass der Hund gar kein Vorderteil mehr hatte. An den Beinen war noch ein StĂŒck Rumpf und dann kam ein großes Loch, aus dem GedĂ€rme und Innereien hingen. WĂ€hrend ich mich nĂ€herte, wehte mir ein bitterer, ekelhafter Geruch entgegen. Ich unterdrĂŒckte ein WĂŒrgen und sah weg.
Sammy war scheinbar gestört worden, denn sonst hĂ€tte er den Hund ganz gegessen, so wie er es mit meiner Nachbarin gemacht hatte. Dieser Verdacht wurde wenige Meter weiter bestĂ€tigt, als ich auf eine herrenlose Taschenlampe stieß, die einen Holunderstrauch beleuchtete.
Einen Meter weiter fand ich eine BaseballmĂŒtze, mit dem Firmenlogo eines Sicherheitsunternehmen. Vom Sicherheitsmann keine Spur.
Ich hob die Taschenlampe auf und leuchtete das mir am nĂ€chsten gelegene GebĂ€ude an. Es war einer der Wohnblocks – das weinrote Haus. Ich ließ den Lichtkreis ĂŒber die Fassade wandern,
bis ich eine TerrassentĂŒr sah, von der nur noch ein Haufen Scherben und ein verbogener Metallrahmen ĂŒbrig geblieben waren. Irgendetwas hatte sie völlig zertrĂŒmmert. Irgendetwas Großes, und ich hatte da so einen Verdacht.

In den GĂ€ngen des Weinroten Hauses, so der Name des L-förmigen GebĂ€udes, eröffnete sich mir ein Bild des Grauens. Überall lagen abgerissene Körperteile, blutdurchtrĂ€nkte Nachthemden und man musste aufpassen, nicht ĂŒber einen umgefallenen Rollstuhl zu stolpern oder auf einem ausgelaufenen Urinbeutel auszurutschen. Nachdem ich mich lautstark meines Mageninhalts entledigt und meine Nase sich langsam an den Gestank von Blut und menschlichen Ausscheidungen gewöhnt hatte, zwang ich mich weiterzugehen.
Als ich Sammy endlich fand, war er im Aufenthaltsraum des Weinroten Hauses und ich sah auch sofort den Grund dafĂŒr: Er war so groß geworden, dass er nicht mehr durch die GĂ€nge des GebĂ€udes passte, in etwas so hoch wie ein Autobus und noch mal genau so breit; der Aufenthaltsraum war der einzige Raum, in den Sammy ĂŒberhaupt noch reinpasste.
Vorsichtig umrundete ich den zusammengerollten, milchigen Köper des Riesenbandwurmes bis hin zu seinem aufgerichteten Kopf, in dem ich gerade noch ein Arm verschwinden sah, wĂ€hrend eine Gehhilfe zu Boden flog. Der Fernseher lief – irgendeine dieser unsagbaren Richtershows – und der nĂ€chtliche Fernsehgucker musste wohl taub gewesen sein, denn die LautstĂ€rke war so hoch, dass es schon unangenehm war. Ich ging zum Fernseher und unterbrach das SchlussplĂ€doyer des Staatsanwaltes. Sammy drehte sich zu mir um und als er mich erkannte, begann er zu schnurren. Es war ein tiefes, brummendes GerĂ€usch, wie der Bass einer Diskothek, den man eher spĂŒrt als hört. Er senkte seinen blumenkohlförmigen Kopf zu mir herunter und ich streichelte ihn sanft, wĂ€hrend ich beruhigend auf ihn einredete.
“Es ist alles in Ordnung, Sammy. Alles wird wieder gut.“
Dass es nicht so war, verrieten mir die sich nÀhernden Polizeisirenen.
Auch Sammy spĂŒrte etwas, denn er wurde sichtlich nervös und rollte langsam seinen Körper aus.
Mir wurde klar, dass ich Sammy nicht wĂŒrde helfen können. Wenn die Polizei erst vor Ort sein wĂŒrde, wĂŒrden sie gar nicht erst versuchen mit meinem Freund zu reden, wieso auch, sie wĂŒrde schießen und ihn töten. Meine Hand glitt weiter ĂŒber Sammys Kopf, ich kraulte die Ausbuchtungen, dort, wo er es besonders gern hatte.
Der Abschied fiel mir schwer und salzige TrĂ€nen rannen an meinen Wangen hinunter, als ich den Aufenthaltsraum verließ. Ich nahm noch ein leises „Vater“ wahr, dann ein viel tieferes und lauteres: „Hunger“!
Als ich gerade das Weinrote GebĂ€ude verließ, hörte ich ein Poltern, als wĂŒrde jemand eine Wand einreißen ... Sammy hatte den Aufenthaltsraum verlassen und war in die inzwischen mondklare Nacht geglitten. Dann quietschende Reifen und wĂ€hrend ich weinend in die Richtung meiner Wohnung lief, hörte ich auch schon die ersten SchĂŒsse durch die Nacht peitschen.

Jetzt, einige Stunden spĂ€ter, weiß ich, dass die Polizei Sammy nicht getötet hat. Die Sonne steht nun schon in ihren ganzen Pracht am Morgenhimmel und der Rinderbandwurm, der inzwischen gigantische Ausmaße angenommen hat, setzt seinen zerstörerischen Weg in die Nachbarstadt fort.
Aus der Ferne höre ich das GerÀusch sich nÀhender Jagdflugzeuge und wenig spÀter sehe ich die Kondensstreifen am Himmel.
Als sie auf Sammy feuern, drehe ich mich um und verlasse die Anhöhe. Hinter mir höre ich die Explosionen, die den sonst so friedlich wirkenden Morgen erzittern lassen.
In meinem Magen rumort es und ich lege beim Gehen beide HĂ€nde auf den Bauch. Irgendetwas sagt mir, dass es diesmal ein Weibchen ist.
Ich denke, ich werde sie Emily nennen.
__________________
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Mein Freund Sammy

Irgendwie eklig. Aber ganz munter erzÀhlt, und das macht die Sache wieder wett. Ein paar stilistische Korken sind drin (z. B. sich eine Sache einfach machen - das ist wohl schlechtes Deutsch, richtig wÀre nicht leicht oder schwer). Und es sind auch keine Worte, sondern Wörter (solche Sachen wie Hund oder Vater usw.) usw. Aber gut aufgebaut hast du die Geschichte, richtig schön eklig. Ich vermute, mehr wolltest du auch gar nicht, als kleine Kinder schrecken.

Lieben Gruß
Hanna

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