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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Mein Freund mit dem stacheligen Hintern
Eingestellt am 02. 12. 2013 10:52


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Art.Z.
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Mein Freund mit dem stacheligen Hintern

Ich zog mich an und ging laufen. Eine kalte Novembernacht begrĂŒĂŸte mich mit stechendem Frost. Laternenlichter warfen gelbes Licht, das seine Farbe auf dem Weg nach unten verlor und scheinbar gefroren weiss auf dem Asphalt aufkam. Die Bushaltestelle leuchtete schwach in 50 Metern Entfernung. Die Glasscheibe waren beschlagen und matt. Ich setzte zum leichten Trab an, um mich an die KĂ€lte zu gewöhnen. In regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden entschwand meinem Mund eine weiße Rauchwolke und verschmolz mit dem Schwarz der Nacht. Seltsamerweise spĂŒrte ich die KĂ€lte kaum. Nur meine HĂ€nde, besonders die Finger, waren taub. Es war ein befremdliches GefĂŒhl, die Knöpfe meiner Uhr zu drĂŒcken mit Fingern, die scheinbar nicht meine waren. Allein die Routine dieser Bewegung ließ mich mein Ziel nicht verfehlen.
Nach zehn Minuten war mein Kreislauf aber soweit angeregt, dass das Blut auch die Finger wĂ€rmend berĂŒcksichtigte. So konnte ich problemlos den Reißverschluss meiner Tasche aufmachen, um ein Taschentuch herauszuholen. Bei solch kalten Temperaturen neigte meine Nase dazu, mitlaufen zu wollen.
Die Straßen waren vollkommen leer. Eine tiefe Stille lag auf der Stadt. Ich mochte diese Tages-, oder besser gesagt, Nachtzeit. Allein und ungestört konnte ich meinen Schritten lauschen und in mich hineinhören. Meine Gedanken schwangen gedĂ€mpft im Rhythmus meiner Bewegungen. Gelegentlich gesellte sich eine Melodie hinzu und ich summte sie innerlich mit. Auch Textfetzen bekannter Songs stimmten mit ein und so spielte ich meine eigenen unhörbaren Konzerte der Nacht. Plötzlich sah ich zwei Lichter in der Ferne. Ein Auto fuhr mir entgegen. Als es an mir vorbeifuhr, erkannte ich die Aufschrift auf der SeitentĂŒr: BĂ€ckerei Sonne.
Es musste wohl der Lieferfahrer sein, der nachts die BĂ€ckerei beliefert, damit diese morgens pĂŒnktlich mit frischer Ware die FrĂŒhstĂŒckstische fĂŒllen konnte.
Ich lief meine gewohnte Runde. Mein Tempo war mĂ€ĂŸig, denn ich hatte keine Lust, mich zu verausgaben. Bei Minusgraden sollte man es nicht ĂŒbertreiben; zu tiefes Einatmen könnte schnell zu einer ErkĂ€ltung fĂŒhren. Also atmete ich ruhig durch die Nase und setzte einen Fuß vor den anderen, immer tiefer in die Nacht hinein.
Ich hatte meine erste Runde fast beendet, bog um die letzte Kurve und sah in einiger Entfernung wieder die verlassene Bushaltestelle. Und mit einem zufĂ€lligen Blick nach unten – fast könnte man es Schicksal nennen – erfassten meine Augen etwas kleines Rundes in ein paar Metern vor mir. Ich konnte gerade noch ausweichen und mein Gewicht verlagern, sodass ich nicht drauf trat. Es bewegte sich gemĂ€chlich ĂŒber den BĂŒrgersteig und wackelte leicht von links nach rechts. Ich hielt an und schaute mir an, was es war. Ein kleiner Igel. GeschĂ€ftig machte er schnelle, tapsige Schritte auf seinen kurzen Beinen, was auch das schwappende Hin- und Her seines stoppeligen Hinterns verursachte. Ich beschaute ihn genau, und als ob er meinen Blick auf sich spĂŒrte, verlangsamte er seine Schritte, wechselte aber nicht die Richtung. Vielleicht wollte er sich seine NervositĂ€t nicht anmerken lassen und ganz gelassen wirken. Ein LĂ€cheln huschte ĂŒber mein Gesicht. Ich fand das Kerlchen einfach putzig. Nach wenigen Sekunden besann ich mich wozu ich eigentlich hier draußen war und setzte meinen Lauf fort. Ich drehte mich noch einmal um und sah meiner nĂ€chtliche Bekanntschaft das letzte Mal nach. Ob es ihn fror?
Die nĂ€chsten paar Minuten verschwand der Igel aus meinem Kopf und ein alter Song von Curse erklang: „Warum nicht, einfach so tun als wĂ€r' doch alles so gut und alles im Lot und keiner hat Not? Warum nicht?“
Doch dann dachte ich wieder an den Igel. Vielleicht hĂ€tte ich ihn mitnehmen und irgendwo im GebĂŒsch aussetzten sollen? Am Ende wĂŒrde ihn noch ein Auto ĂŒberfahren und ich wĂ€re schuld daran. Aber es fahren doch keine Autos um die Uhrzeit. Aber ein Auto reicht doch schon! Aber wer sagt denn, dass er auf die Fahrbahn lĂ€uft? Vielleicht war er ja unterwegs zur nĂ€chsten Hecke? Und was wenn nicht? Sollte ich umdrehen und ihn retten? Aber wie will ich ihn anfassen? Er lĂ€sst sich bestimmt nicht gerne von so einem schwitzenden Riesen mitten aus der Dunkelheit holen. Da wird selbst der coolste Igel nervös. Egal, alles Unsinn, lauf einfach weiter, mach dir keine Gedanken.
So lief ich weiter. Doch in meinem Kopf wollte sich keine Musik mehr einfinden. Alles war ruhig nur das Bild des hin und her wackelnden Igelhinterns machte sich breit. Nun war ich schon mehr als ĂŒber die HĂ€lfte der zweiten Runde gelaufen und es machte keinen Sinn mehr umzukehren. Also beschleunigte ich meinen Schritt, um möglichst schnell wieder an die Stelle zu kommen, wo mein kleiner Nachtkumpane seinen Lauf bestritt. Ja, fĂŒr kurze Zeit hatte ich den absurden Gedanken, dass er auch zum Joggen draußen war und dann gemĂŒtlich in seinen Erdbau verschwinden wĂŒrde, um seine mĂŒden Beine auszuruhen.
Irgendwie sah ich auch immer mehr Autos auf der Straße. Als ob jedes extra rausgefahren wĂ€re, um den Igel zu ĂŒberfahren.
Ich lief immer schneller und merkte gar nicht, wie schwer mein Atem wurde. Hektische weisse Rauchschwaden stĂŒrmten in den Nachthimmel. Ich spĂŒrte ein Stechen in der Lunge. Die kalte Luft strömte in mich und ließ mich innerlich erzittern.
Schließlich kam ich an der Stelle unserer ersten Begegnung an. Und... Er war nicht da.
Ich traute mich gar nicht auf die Fahrbahn zu schauen. Nein, ich hielt gar nicht an. Ich lief einfach weiter. Mit einem flĂŒchtigen, fast schuldbewussten Blick suchte ich die Seiten des BĂŒrgersteigs ab und fand natĂŒrlich nichts. Jetzt merkte ich auch die Anstrengung des schnellen Laufens, wurde langsamer und joggte weiter.
So ein Unsinn! Ihm ist schon nicht passiert, dachte ich. Es ist mitten in der Nacht und kein Mensch ist draußen. Außerdem hĂ€ttest du ihn fast selbst zertreten. Da hat nicht mehr viel gefehlt. Es ist nur ein Igel und er ist ganz sicher irgendwo untergekommen!
UnwillkĂŒrlich spielten sich Szenarien vor meinem inneren Auge ab, die schlimmer nicht hĂ€tten sein können. Plötzlich kamen mir alle zerquetschten Tiere, die ich am Autobahnrand jemals gesehen hatte, in den Sinn. Das erste Mal, als ich ein totes Tier am Fahrbahnrand gesehen hatte, war ich total schockiert. Aber nach und nach stumpfte ich ab. Diese HĂ€ufchen ĂŒberfahrenen Lebens waren fĂŒr mich so alltĂ€glich wie Staumeldungen. Es war immer noch ein leichtes Unbehagen dabei, wenn ich daran vorbeifuhr, aber es verflog fast so schnell wie die Stelle, wo es lag, meinen Augen entschwand.
Nein, ich durfte an so etwas nicht denken.
Nun zwang ich mich dazu, eine Melodie zu summen und lief kopfnickend nach Hause. Als ich zum dritten Mal an der Stelle vorbeilief, wagte ich einen kurzen Blick auf die Fahrbahn. Dort war nichts.
Diese scheinheilige Geste beruhigte mich. Als ob er nur genau hier ĂŒberfahren hĂ€tte werden können...

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Ciconia
Routinierter Autor
Registriert: Jul 2012

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Hallo Art.Z.,

an diesem Text gefĂ€llt mir eines nicht: der Titel. „Mein stacheliger Freund“ hĂ€tte es auch getan, aber mit Deinem Titel ziehst Du natĂŒrlich mehr Leser an. VerstĂ€ndlich.

Ansonsten finde ich die Geschichte ganz hĂŒbsch erzĂ€hlt, man kann die Gedanken des Prota gut nachvollziehen. Manchmal macht man sich eben unnötige Gedanken ĂŒber nebensĂ€chliche Dinge und wird diese Gedanken lange nicht los.

Am Stil könntest Du noch ein wenig arbeiten, z. B. kommt fĂŒr meinen Geschmack etwas zu hĂ€ufig „war/waren“ vor. Das kann man sicher umschreiben und verfeinern.

Fehler habe ich kaum gefunden, außer vielleicht diese
weiss = weiß
Kumpane = Kumpan

Gruß Ciconia

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