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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Mein Gehirn, meine Seele und ich
Eingestellt am 07. 01. 2009 16:38


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Heiden Steffen
Festzeitungsschreiber
Registriert: Feb 2007

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Mein Gehirn, meine Seele und ich

Eine schreckliche Vorstellung ist das: Ich bin nur ich, solange mein Gehirn mitspielt. Dabei spreche ich nicht vom Tod meines Gehirns, der natürlich auch mein Tod wäre. Ich spreche davon, dass mein Gehirn mich – etwa durch einen Tumor – in eine andere Person verwandeln kann. Ich lebe weiter, aber ich bin nicht mehr ich.
Eigentlich dachte ich – und denken wir das nicht alle? – solange man lebt, ist man derselbe. Alzheimer und die Gehirnchirurgie haben uns gezeigt, dass man sich darauf nicht verlassen kann. Freundliche, friedfertige Menschen verwandeln sich in aggressive, bösartige Personen. Andere scheinen nach einer Hirnverletzung äußerlich immer noch die gleichen, sind aber nun gefühlskalt und unsozial. Wieder andere vergessen mit einem Schlag ihr umfassendes Wissen und wissen nicht einmal mehr, was sie vor Minuten getan haben.
Wenn ich mir nur dies vorstelle, dass ich nichts mehr aus meinem bisherigen Leben wüsste, keine Erinnerung mehr an meine Jugend, meine Eltern, meine erste Liebe, an die Kämpfe, die ich gefochten, die Wege, die ich gegangen bin. Wäre ich dann noch ich selbst? Ich glaube nicht.
Dass ich einmal ein anderer sein könnte, weil irgendein Blutgerinnsel mein Hirn verändert, ist für mich ein bedrohlicher Gedanke. Aber auch ohne den Ernstfall: Es beunruhigt mich schon die bloße Vorstellung, dass mein Selbst von ein paar Nervenzellen und Botenstoffen abhängt.
So hat uns das doch niemand gesagt! Wir haben doch eher gehört, dass unser Ich unabhängig von der Materie existiert, als eine eigene Einheit, die nur Wohnung bezogen hat im Körper, aber nicht von ihm bestimmt wird. Eine Einheit, die beständig und unzerstörbar ist.
So haben uns das unsere Vorfahren überliefert. Sie glaubten fest an eine Seele, die unabhängig vom Körper existiert. Im Glauben der frühen Menschen konnte die Seele den Körper sogar zeitweise verlassen und sich frei im Raum bewegen. Folglich starb sie auch nicht mit dem Körper, sondern lebte weiter im Jenseits. Nichts konnte eine solche Seele zerstören – schon gar nicht ein Blutgerinnsel!

Das menschliche Ich –einst und jetzt
Die Bilder aus den neurologischen Kliniken führen mitten hinein in den geschichtlichen Niedergang des menschlichen Selbstwertgefühls. Was für ein gewaltiges Ding war das menschliche Ich, bevor die Naturwissenschaften sich einmischten! Der Mensch war das Ebenbild Gottes, im Mittelpunkt des Universums, berufen zum Herrn über die Natur, im Bunde mit einem allmächtigen Gott und deswegen Teilhaber der Allmacht, versehen mit einer unzerstörbaren Seele, der ewiges Leben versprochen war.
Aber dann erklärten Kopernikus und Galilei, dass sich das Firmament keineswegs um die Erde drehte. Der Mensch als Mittelpunkt des Universums und Herr der Welt – das war vorbei. Im Universum sind wir nur ein unbedeutender Krümel. Das war der erste Schlag!
Es kam jedoch weit schlimmer: Darwin zeigte uns, dass alle Lebewesen auf der Erde sich aus Einzellern zu den höheren Formen – und auch zum Menschen - entwickelt hatten. Wir wurden eingereiht in die Tierwelt, über die wir uns doch so erhaben fühlten! Vorbei die Sonderstellung des Menschen als Herr der Natur. Er war jetzt nur noch ein Teil von ihr.
Dieser Schlag für das menschliche Selbstwertgefühl war so gewaltig, dass noch heute, über ein Jahrhundert später, viele Menschen sich weigern, ihn anzunehmen. Es ist für sie nach wie vor unvorstellbar, dass wir „vom Affen abstammen“. Unterdessen erzählen uns die Genetiker, dass wir über 90% unseres Erbgutes sogar mit Mäusen teilen, und sind gerade dabei, Mischwesen aus menschlichen und tierischen Zellen zu schaffen!
Schließlich kam noch Freud, der behauptete, dass unser Denken und Handeln zu einem großen Teil von unbewußten Vorgängen gesteuert wird. All diese großartigen Gefühle und Werte wie Ehre, Gewissen, Stolz, Liebe und Macht, sie fußen auf dumpfen Antrieben tief in unserem Innern. Wir kennen gar nicht alle Gründe unseres Handelns, wir sind nicht einmal Herr im eigenen Haus. Kann es eine größere Beleidigung für unser Ich-Gefühl geben?

Abschied von der unsterblichen Seele
Alles dies wird nun noch übertroffen durch die Ergebnisse der modernen Hirnforschung. Was schon die Beobachtungen in den neurologischen Kliniken zeigen, erklären uns auch die Hirnforscher: Für alles was wir tun, fühlen und denken, gibt es ganz banale Vorgänge in unserem Hirn. Wenn wir uns beispielsweise das Bild eines Gegenstandes ins Bewusstsein rufen, kann der Hirnforscher sagen, welche Nervenzellen „feuern“ müssen. Er kann auch die Nervenzellen künstlich reizen, und wir sehen prompt das Bild. Und wenn diese Nervenzellen kaputt sind, dann geht es eben nicht.
Seelische Zustände wie Angst oder Stolz werden ebenso durch biochemische Vorgänge erzeugt. Ich empfinde es als eine schreckliche Entzauberung meines Seelenlebens, wenn all meine Freuden und Enttäuschungen in Wirklichkeit nichts anderes sind als Dopamin-Pegel. Es ist mir kein Trost, wenn ich erfahre, dass auch Ratten abhängig vom Dopamin sind; ohne das haben sie keine Lust zu spielen.
Wenn alle seelischen Zustände auf körperliche Vorgänge zurückzuführen sind, dann gehört die Seele zum Körper, zumindest ist sie abhängig von diesem. Wir müssen uns von der Vorstellung einer Seele verabschieden, die unabhängig vom Körper existiert.
Wie hätte man sich das denn auch vorzustellen, wenn es in einem Leben durch Hirnschädigung zwei unterscheidbare Personen gibt, also auch zwei verschiedene Ichs? Wären es dann nicht auch zwei Seelen? Welche Seele müsste sich dann beim Jüngsten Gericht verantworten? Welche Seele würde weiterleben im Jenseits?
Offensichtlich ist es anders, als unsere Vorfahren es sich vorgestellt haben – und auch anders als jener amerikanische Arzt es sich vorstellte, der durch Abwiegen von Sterbenden kurz vor und nach ihrem Tod das Gewicht der Seele zu bestimmen suchte. Die Seele kann den Körper nicht verlassen, da ihre materielle Grundlage im Gehirn feststeckt.
Das Ich hängt von einem bestimmten Zustand des Gehirns ab. Wenn der sich verändert, verändert sich auch das Ich. Wenn das Gehirn stirbt, stirbt auch das Ich. Meine Seele ist so gefährdet und zerbrechlich wie irgendein Teil meines Körpers, sie hängt buchstäblich an Nervenfäden.

Mein Gehirn weiĂź mehr als ich
Dass ich keine unsterbliche Seele habe und mein Ich von meinem Gehirn abhängt, muss ich wohl oder übel als Menschenschicksal hinnehmen. Aber die Gehirnforscher gehen ja noch weiter: Sie wollen mir überhaupt mein Ich absprechen!
Führende Hirnforscher wie etwa Wolf Singer behaupten nämlich, dass unser Gehirn bei allem unserem Denken und Handeln nur den Gesetzen der Biologie folgt. Die Nervenzellen und Botenstoffe können gar nicht anders. Was wir für unsere eigenen Entscheidungen halten, ist nur das Ergebnis physikalischer und chemischer Vorgänge, die gesetzmäßig ablaufen. Unser Ich braucht da nichts mehr zu entscheiden, und es kann auch gar nichts entscheiden.
Eine typische Versuchsanordnung in der Hirnforschung sieht ungefähr so aus: Man legt den Versuchspersonen eine (einfache) Entscheidung vor und beobachtet dann mittels Kernspintomografen, was im Hirn vorgeht. Da die Forscher diejenigen Nervenzellen schon kennen, die bei der Entscheidung A oder B aktiv werden, können sie im Gehirn sehen, welche Entscheidung die Versuchsperson einige Zeit später mitteilen wird.
Die Forscher kennen also die Entscheidung im Gehirn, bevor die Versuchsperson selbst sie kennt. Daraus schlieĂźen sie, dass die Entscheidung durch die Nervenzellen getroffen wird und die Versuchsperson sozusagen nur willenloses Werkzeug des Gehirns ist.
Damit glauben diese Hirnforscher entschieden zu haben, worüber die Philosophen Jahrtausende nachgedacht haben: Haben wir einen freien Willen oder wird unser Denken und Handeln festgelegt, ohne dass wir gefragt werden? Singer und seine Mitstreiter meinen, wir bildeten uns nur ein, dass wir einen freien Willen hätten; in Wirklichkeit sei der freie Wille eine Selbsttäuschung, das Ich eine schöne Illusion.
Das sind starke Aussagen, die ich so nicht hinnehmen kann und auf die ich noch zurĂĽckkommen muss.
Aber zunächst einmal zeigt das Experiment sehr anschaulich, dass mir vieles nicht bewusst ist, was mein Gehirn tut. Wenn ich eine Entscheidung für A oder B treffen soll, dann hätte ich doch gedacht, dass nur mein Bewusstsein arbeitet. Tatsächlich aber laufen in meinem Gehirn Vorgänge ab, von denen ich nichts weiß.
Wovon ich nichts weiß, das spielt sich in meinem „Unbewussten“ ab. Damit meine ich nicht das Freud’sche Unbewusste, sondern einfach alle Gehirnvorgänge, die mir eben nicht bewusst sind. Das Bewusstsein und das Unbewusste darf man sich natürlich nicht als zwei verschiedene Gefäße vorstellen, die klar voneinander getrennt sind. Vielmehr sind sie vielfach verschränkt und wirken unablässig aufeinander ein. Wenn mir ein Wort nicht einfällt, dann verbleibt es in meinem Unbewußten, bis es mir einfällt. Jetzt ist es in meinem Bewusstsein, dabei hat es wahrscheinlich seinen Ort im Gehirn gar nicht verändert, nur die Verbindung ist hergestellt.
In dem Experiment ist es nun offenbar so: Mein Bewusstsein gibt Arbeitsaufträge an das Unbewusste und ist dann erst wieder mit von der Partie, wenn die Ergebnisse gemeldet werden. Es ist so ähnlich wie wenn ich etwas in eine Tastatur eingebe und dann im Inneren des Computers etwas geschieht, wovon ich nichts weiß. Ich bin erst wieder dabei, wenn die fertigen Zeichen auf dem Bildschirm auftauchen.
Die unbewußten Vorgänge in meinem Gehirn sind also auch für die Arbeit meines Bewusstseins unverzichtbar – und nicht nur für die vielen Vorgänge, wo sie ohne Auftrag des Bewusstseins tätig werden. Ständig arbeitet mein Gehirn, ohne mich zu fragen. Ich könnte diese Arbeiten auch gar nicht mit meinem Bewusstsein ausführen. Oder wüssten Sie, wie Sie das CO² aus dem Blut bekommen oder wie Sie Fettsäuren aufspalten? Haben Sie gestern daran gedacht, in jeder Sekunde einige Millionen Zellen Ihres Körpers zu erneuern? Oder wissen Sie wenigstens, welcher Stelle im Körper Sie die entsprechenden Befehle geben sollten? Ich weiß es nicht. Und Sie sicher auch nicht.
Wenn ich allein mit meinem Bewusstsein meine Körperfunktionen steuern wollte, wäre ich nach wenigen Minuten tot. Wir fühlen uns zwar als Herr über unseren Körper, aber das – ja das ist wirklich eine Illusion! Wir können nur leben dank all der – für uns unbewußten – Vorgänge unseres Nervensystems. Das arbeitet auch noch zuverlässig, wenn jemand bewusstlos oder hirnverletzt ist. Nicht das Bewusstsein ist also lebenswichtig, sondern die unbewusste Steuerung durch mein Gehirn. Das können wir wiederum an traurigen Bildern in den neurologischen Kliniken beobachten: da leben Menschen biologisch weiter, obwohl sie kein Bewusstsein haben.
Die Hilfsdienste der unbewussten Teile meines Gehirns werden bei jeder kleinen Tätigkeit meines Bewusstseins benötigt – wie ja schon das Experiment zeigte. Wenn ich z.B. einen Bekannten wiedererkenne und begrüße, laufen unterhalb des Bewusstseins viele, viele Vorgänge ab, von denen ich gar nichts weiß - etwa der Vergleich verschiedener eingespeicherter Gesichter oder die Auswahl von mimischen und körpersprachlichen Signalen. Auch dass wir unsere Umwelt dreidimensional wahrnehmen, ist nur möglich durch komplizierte Rechenvorgänge in unserem Gehirn, von denen wir nichts merken. Genauso rechnet unser Gehirn in Sekundenschnelle aus, von wo die Stimme kam, die uns in einem Raum voller plaudernder Leute angesprochen hat.
Schon vor über hundert Jahren überraschte der amerikanische Psychologe William James mit der Frage „Laufe ich weg, weil ich Angst habe oder habe ich Angst, weil ich weglaufe?“ Nach unserem Alltagsverständnis laufen wir natürlich weg, weil wir Angst haben. James aber meinte – und das ganz ohne Kernspintomografen! -, dass es umgekehrt sei, und er wurde durch die moderne Hirnforschung bestätigt.
Das Unbewusste entscheidet über das Weglaufen, erst dann wird unser Bewusstsein informiert, und wir haben Angst. Das ist die gleiche Verzögerung auf dem Weg zum Bewusstsein wie bei den Entscheidungen für A oder B. So gesehen, sind die modernen Befunde also nichts so furchtbar Neues.
Im Bewusstsein erlebe ich nur eine Art Spiegelung, einen Widerhall dessen, was unbewusste Vorgänge im Gehirn für mich erarbeitet haben. Nur ein winziger Anteil der Arbeit meines Gehirns wird mir bewusst. Ohne das Unbewusste wäre das Bewusstsein hilflos. Und auf das Unbewusste habe ich nur minimalen Einfluss. Mein Gehirn weiß und kann viel mehr als ich! Unser Bewusstsein ist nicht der wahre Kapitän an Bord, eher ein Passagier, der ab und zu Wünsche an den Kapitän richten kann.
Soweit haben die Hirnforscher recht: Mein Leben wird weitgehend von Nervenzellen und Botenstoffen gesteuert und bestimmt – und nicht von meinem Ich. Aber haben sie auch darin recht, dass sie den freien Willen als Selbsttäuschung und das Ich als Illusion bezeichnen?

Das Ich – eine geistige Einheit.
Wie soll ich denn mein Ich bezweifeln? Soll das gar nicht ich sein, der gern liest und Musik hört, der Erinnerungen hat und Träume und Hoffnungen, die niemand anders so hat wie eben ich? Bin ich nicht der, der leidet, wenn er Schmerzen hat, der sich freut, wenn ihm etwas gelingt?
Ich dachte immer, meine Gefühle und Gedanken, meine Sorgen und Ängste, meine Erfolge und Niederlagen seien eben meine eigenen, meine ganz eigene Welt, die nur mir gehört. So nah und so wichtig ist mir mein Ich, dass ich eigentlich denke, ich hätte es selbst erschaffen in vielen Lebens-Entscheidungen und Stunden der Selbstdisziplin.
Und das soll alles nur eine Illusion sein? Mein Bewusstsein soll in Wirklichkeit von Hirnzellen gesteuert werden, ohne dass ich es überhaupt beeinflussen kann? Die Hirnforscher bestehen darauf, dass sie im Gehirn keine Struktur erkennen, die das Ich sein könnte. Im Gehirn spielen alle Teile zusammen, es gibt kein Befehlszentrum, als das wir ja unser Ich empfinden.
Aber vielleicht stellen die Hirnforscher die falsche Frage, wenn sie das Ich in den Nervenzellen suchen.
Was sehen die Forscher denn, wenn sie ins Gehirn schauen? Sie sehen so etwas Ähnliches wie ein Chemiker, der Farben und Untergrund eines Gemäldes analysiert. Der Chemiker sieht die materielle Grundlage, aber nicht die Aussage, die Wirkung, vielleicht den Zauber des Bildes. Diese wird er in der materiellen Grundlage niemals finden, auch wenn er noch so viel am Bild herumkratzt.
Das Eigentliche des Bildes ist die Bedeutung, die es für Betrachter hat. Das Gemälde ist ein geistiger Akt, es liegt in einer anderen Wirklichkeitsebene als Farbe und Leinwand. Und so verhält es sich auch mit anderen kulturellen Werken. Liegt die Bedeutung der Einstein-Formel etwa in der Druckerschwärze auf dem Papier? Fasziniert uns die Musik von Mozart durch die Wellenlänge der Schallwellen? Natürlich nicht. Gewiss, ohne Druckerschwärze und Schallwellen würde es beide Werke nicht geben. Aber das, was ihren Wert ausmacht, ist etwas anderes, und dieses Andere liegt in der eigenen Welt der Bedeutungen.
Wenn die Forscher sich die Arbeit der Nervenzellen im Gehirn ansehen, bewegen sie sich auf der Ebene von Druckerschwärze oder Schallwellen. Sie sehen die materielle Grundlage, aber sie sehen nicht die Gedanken, die Bedeutung, die von den Nerven übertragen wird. Die Bedeutung gehört zu einer anderen Seins-Schicht als die materielle Grundlage, sie gehört zur geistigen Sphäre. Diese Schichten zu verwechseln oder zu vertauschen, das nennen die Philosophen einen Kategorien-Fehler.
Deshalb kann man das Ich nicht in den Gehirnzellen finden, denn das Ich gehört eben auch zur Welt des Geistes, zur Welt der Bedeutungen. So töricht waren also unsere Vorfahren gar nicht, als sie die Seele erfanden. Sie haben die Andersartigkeit der geistigen Sphäre besser erfasst als einige heutige Neurowissenschaftler. Die Seele war als eine geistige Einheit gedacht, wie es das Ich auch ist.
Wie jeder geistige Inhalt hat auch das Ich materielle Grundlagen – eben in den Nervenzellen des Gehirns, und zwar in jenen, die dem Bewusstsein zugänglich sind. Obwohl das Bewusstsein Teil des Gehirns ist, kommt dort das Ich nicht vor, sondern nur seine Grundlagen. Und die sind wahrscheinlich über das ganze Hirn verstreut.
Mein Ich ist der geistige Inhalt, der in den Nervenzellen gespeichert ist. Alles, was ich im Laufe meines Lebens erfahren habe, ist im Bewusstsein abgelegt und macht insgesamt mein Ich aus. Meine Gefühle als Kind, meine Wertvorstellungen, meine Kenntnisse über meine Mitmenschen, mein Wissen über die Welt, alles das und vieles mehr, bildet mein Ich – eine geistige, nicht eine neuronale Einheit.

Mein Ich ist keine Illusion
„Da haben wir’s ja!“ höre ich die Neuroforscher rufen, „Geistige Einheit - das ist doch nur eine andere Ausdrucksweise für das Wort Illusion!“
Das sehe ich anders. Denn wenn auch das Ich zur geistigen Sphäre gehört, so ist es doch mit der materiellen Ebene verbunden. Ständig empfängt mein Ich Nachrichten über meinen Körper, am deutlichsten, wenn mir Schmerzen melden, dass etwas nicht stimmt. Und umgekehrt kann mein Ich dann Fasten oder Kühlen verordnen und damit auf die materielle Ebene einwirken. So wie ein Ingenieur kraft seiner geistigen Entwürfe die Materie beeinflusst und für seine Idee arbeiten lässt, etwa wenn er eine Windmühle baut, so kann auch das Ich die Gehirnzellen für sich arbeiten lassen.
Ich weiß beispielsweise nicht, welche Muskeln in welcher Weise eingesetzt werden müssen, um einen Schritt vorwärts zu tun. Das Unbewusste weiß es, das Ich gibt einen entsprechenden Befehl, und schon werden die Muskeln tätig. Beim Placebo-Effekt erwartet das Ich Heilung, und diese tritt manchmal tatsächlich ein, obgleich der Patient keine Ahnung hat, welche der unbewußten Teile seines Gehirns dort tätig werden müssen. Beim sogenannten mentalen Training der Sportler werden die Muskelgruppen erregt, die zu der nur vorgestellten Bewegung gehören. Mittels Autogenem Training kann mein Ich Durchblutung und Herzfrequenz beeinflussen – Vorgänge, die eigentlich unbewusst gesteuert werden.
Das Ich hat durchaus Macht ĂĽber unbewusste Teile des Gehirns und damit auch ĂĽber mein materielles Leben. Es ist keine Illusion!
Sonderbarerweise ist das auch an jenem Experiment klar zu sehen, das die Forscher als Beleg für die Illusions-These ansehen. Die Forscher sprechen nämlich das Bewusstsein, das Ich der Versuchspersonen an, wenn sie diese um eine Entscheidung zwischen A und B bitten. Und das Ich der Versuchspersonen ist offenbar in der Lage, dem Unbewussten einen Befehl zur Bearbeitung zu geben. Wie käme sonst das Unbewusste auf die Idee, eine Entscheidung zu erarbeiten, welche die Forscher dann im Gehirn sehen können?

Und einen freien Willen habe ich auch
Ob wir einen freien Willen haben oder nicht, das hat die Menschen seit jeher beschäftigt. Und nicht nur die Philosophen. Wohl jeder von uns hat schon einmal das kleine Gedankenspiel gespielt: Ob ich jetzt rechts oder links gehe – ich denke, ich entscheide das, aber vielleicht vollende ich nur das, was eine unbekannte Bestimmung mir eingibt. Und wenn ich mich für das Gegenteil entscheide, dann eben auch, weil die höhere Macht das so gewollt hat. Wie auch immer ich mich entscheide, ich kann der Möglichkeit nicht entgehen, dass ich damit nur ausführe, was woanders vorentschieden wurde.
Was dieses simple Gedankenspiel andeutet, darüber diskutieren die Philosophen seit Jahrtausenden, ohne einer Lösung näher gekommen zu sein. Aber die Hirnforscher glauben jetzt, die bestimmende Macht gefunden zu haben, nämlich die biochemischen Vorgänge in unserem Gehirn, die einfach nur den Naturgesetzen folgen.
Sicherlich spielen die unbewußten Vorgänge in meinem Gehirn bei vielen Entscheidungen mit. Wen ich heirate, das wird auch von Genen und von frühen Erfahrungen mitgesteuert, die mir vielfach nicht bewusst sind. Wie ich mich kleide, welchen Sport ich treibe, welche Musik ich liebe – überall spielt das Unbewusste mit. In diesem Sinne sind viele Entscheidungen nicht ganz frei, jedenfalls sind sie nicht beliebig.
Aber deshalb müssen sie ja nicht vorbestimmt sein. Was in meinem Unbewussten gespeichert ist, ist ja auch ein Teil von mir und beeinflusst zu Recht meine Entscheidung. Aber wie oft fällen wir auch Entscheidungen gegen unsere unbewussten Antriebe! Wie oft in meinem Leben wollte ich am liebsten weglaufen und habe mich dann doch der unangenehmen Situation gestellt. Und bekanntlich gibt es Menschen, die sogar ihr Leben opfern, obgleich doch der Überlebenstrieb der stärkste überhaupt ist.
Es scheint mir auch so, dass die Versuchspersonen in dem geschilderten Experiment – im Gegensatz zur Interpretation der Hirnforscher - ihren freien Willen beweisen. Denn sie treffen bereitwillig Entscheidungen, weil der Forscher sie darum bittet. Sie tun das ja nicht, weil das Gehirn sie dazu zwingt. Denn die Forscher sprechen ja nicht das Gehirn an, sondern die Versuchsperson. Diese könnte auch die Antwort verweigern und sagen „Das ist mir jetzt zu blöd!“ Auch diese Aussage würde natürlich im Gehirn vorfabriziert. Na und? Was sagt das über eine Fremdbestimmung?

Ist denn Wolf Singer und seinen Kollegen eigentlich klar, was sie mit ihrer Verneinung des freien Willens auch über ihr eigenes Leben sagen? Sie haben es doch auch erlebt: Sie mussten für Universitätsprüfungen büffeln, obgleich sie viel lieber am Strand gelegen hätten. Und das soll überhaupt kein eigenes Verdienst sein, nur die Ausführung eines fremden Willens? Und die hart erarbeiteten wissenschaftlichen Erfolge – die sollen gar nicht die eigene Leistung sein? Bei all dem hätten sie nur als ausführendes Organ gewirkt, eigentlich als Marionette einer fremden Bestimmung? Ich erlaube mir Zweifel, dass diese Wissenschaftler das so sehen, wenn es um ihre eigene Person geht.
Wenn sich ein Mensch entscheidet, endlich einmal in einer Badewanne den Atlantik zu überqueren – das soll von den grauen Zellen vorbestimmt sein? Kann es wirklich eine höhere Macht geben, die für all die Verrücktheiten der Menschen verantwortlich zeichnet? Hier kommen wir letztlich bei einem naiven Determinismus an, der einfach unterstellt, dass bis zum Rieseln des letzten Sandkorns alles nach einem großen Plan läuft.
Bitte, man kann so etwas glauben, es ist nicht widerlegbar. Aber das mit den doch noch recht dürftigen Ergebnissen der Hirnforschung zu „beweisen“ – also das ist ein starkes Stück! Bis mir jemand schlüssig beweist, dass es den großen Plan gibt, bleibe ich dabei: Ich glaube an den freien Willen und handle danach.
Übrigens gilt das auch für unsere Gesellschaft als Ganzes. Wenn es keinen freien Willen gäbe, dann dürften wir niemandem Vorwürfe machen, dass er zu spät kommt, niemandem sagen „Reiß dich zusammen!“, wir müssten uns nie entschuldigen. Es gäbe keine Schuld, und wir dürften niemanden bestrafen.
Unsere Gesellschaft baut auf der Verantwortung des Einzelnen auf. Ohne freien Willen gäbe es aber keine Verantwortung. Wer nicht selbst entscheidet, kann nicht falsch oder unrecht handeln. Er kann so wenig „zur Verantwortung gezogen“ werden wie eine Katze, die eine Meise umbringt.

Das Ich in der geistigen Sphäre
Mein Ich ist Teil der geistigen Sphäre und lebt damit in einer schier unbegrenzten Welt. Denn mein Bewusstsein ist nicht an das Hier und Jetzt gebunden. Ich kann mir Dinge vorstellen, die es gar nicht gibt, ich kann Pläne machen, mich in Gedankenspielen und Tagträumen ergehen, ich kann die Vergangenheit geistig wieder auferstehen lassen, mir eine ferne Zukunft ausmalen.
Und ich kann auch mit Hilfe der Sprache an Gedanken meiner Mitmenschen teilnehmen, ob ich mich mit ihnen unterhalte oder ein Buch lese, einen Film sehe. Wenn ich in einem Roman lese, verlässt mein Ich die körperliche Welt und taucht in eine andere, nur geistig vorhandene Welt ein. Ich kann mich in einer neuen Freiheit bewegen. In dieser Welt ohne Grenzen fühlt sich mein Ich zuhause.
All dies ist weit jenseits dessen, was das Unbewusste kann. Es ist zwar wohl immer dabei, aber ohne das Bewusstsein wäre es hilflos vor diesen Anforderungen. Mit dem Unbewussten wären wir nicht einmal in der Lage, eine simple Verabredung zu treffen - wie z.B. „Übermorgen treffen wir uns um 10 Uhr am Hafen.“ Dazu müssen beide Beteiligte mit den Begriffen „übermorgen“, „10 Uhr“ und „Hafen“ etwas verbinden. Das funktioniert aber nur über das Bewusstsein. Das Unbewusste allein kann nicht denken. Deshalb kann ein Mensch, der bewusstlos ist oder dessen entsprechende Gehirnregionen zerstört sind, auch nicht denken.
Wenn ich mit anderen Gedanken austausche, dann ist es mein Ich und das Ich der anderen, die miteinander reden. Mit dem Unbewussten im anderen können wir nicht reden; nur auf der Ebene des Ichs ist das möglich. Zwar gehen auch Impulse vom Unbewußten in den Dialog mit ein, beispielsweise körpersprachliche Signale. Aber die sprachliche, die begriffliche Kommunikation geschieht auf der Ebene der Ichs.
Manche Wissenschaftler haben das Ich deshalb als eine „soziale Konstruktion“ bezeichnet. Damit haben sie recht. Da das Ich eine geistige Einheit ist, muss es im Laufe des Lebens „konstruiert“ werden, und das geht eben nur in der Begegnung mit anderen Ichs.
Während der Evolution haben sich das Bewusstsein und damit das Ich entwickelt, weil die Menschen dadurch erfolgreicher in Gruppen zusammenleben und zusammenarbeiten konnten. Das Ich und das Leben in Gesellschaften gehören zusammen. Der „Blick der Anderen“ – in den Worten von Sartre – formt das Ich. Ein Kind entwickelt sein Ich, indem es das Ich der anderen erkennt, und vor allem, indem es als eine eigene Person angesprochen wird.
Aus den Beziehungen zwischen vielen Ichs entwickelte sich auch die kulturelle Eigenwelt der Menschen, entwickelten sich Religion, Kunst und Wissenschaft. Mein Ich ist ein Teil dieser Eigenwelt. Ich nehme daran teil, indem ich mich mit anderen Menschen verständige und an der gesellschaftlichen Kommunikation beteilige, indem ich eine bestimmte religiöse oder weltanschauliche Haltung einnehme, indem ich mich für Musik oder Literatur interessiere. Die kulturelle Eigenwelt besteht aus nichts anderem als aus Milliarden Ichs.
Nur mit dem Bewusstsein konnten unsere Vorfahren diese Eigenwelt jenseits der Natur erschaffen. Erst im Laufe der letzten 50 000 Jahre haben sie diese andere Welt gebaut, nachdem sie vorher Hunderttausende von Jahren ohne das gelebt hatten, was wir Kultur nennen. Die Vermutung liegt nahe, dass in dieser Zeit das Bewusstsein gewachsen ist. Denn mit dem Unbewussten konnte die kulturelle Eigenwelt nicht geschaffen werden.
Nur mit dem Bewusstsein können auch nachfolgende Generationen Zugang zur kulturellen Welt – auch zur Sprache - gewinnen. Bekanntlich ist Kultur nicht angeboren, sie muss von Gehirn zu Gehirn weitergegeben werden.
Tatsächlich gibt es keine geistigen Inhalte außerhalb von menschlichen Gehirnen. Das Eigentliche am Kölner Dom, die Schönheit und Harmonie des Bauwerks, teilt sich nur dem Menschen mit. Für die Ameisen ist es ein Haufen Steine. Auch Mozarts Musik oder Einsteins Formel können in ihrem Wert nur von menschlichen Gehirnen empfangen werden.
Wenn der letzte Mensch gestorben ist, gibt es keine geistige Ebene mehr.


- - - - -

Damit muss ich also leben: Mein Ich ist körperlich gar nicht vorhanden. Es ist „nur“ eine Konstruktion in der geistigen Sphäre. Es kann mich nicht am Leben halten und ist auf die unbewußten Vorgänge in meinem Gehirn angewiesen. Es liegt nur wie ein Zuckerguss über den unbewussten Teilen meines Gehirns, die eigentlich mein Leben steuern.
Die Welt, in der mein Ich lebt, ist die kulturelle Eigenwelt der Menschheit; dort ist es frei von den Begrenzungen meines körperlichen Daseins. Aber trotzdem hängt es an den Nervenfäden meines Gehirns. Jederzeit kann mein Ich zusammenbrechen, weil dort etwas kaputt ist.
Ich kann eben nur scheinbar frei und unbegrenzt in der geistigen Welt leben. Mein Ich ist keine unabhängige Einheit, es ist auf den Körper angewiesen, gleichsam an ihm festgemacht. Obgleich es eine geistige Einheit ist und damit eigentlich nicht sterblich, stirbt das Ich mit dem Gehirn.
So gesehen ist das Ich nur eine Erweiterung des Körpers – und deshalb würde es auch keinen Sinn machen, wenn es ohne den Körper weiterleben würde. Was weiterlebt in neuen Gehirnen, ist die kulturelle Eigenwelt des Menschen – jedenfalls bis zum letzten Gehirn.

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jon
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"So hat uns das doch niemand gesagt! Wir haben doch eher gehört, dass unser Ich unabhängig von der Materie existiert, als eine eigene Einheit, die nur Wohnung bezogen hat im Körper, aber nicht von ihm bestimmt wird. "

… mir schon. Ich – in einem ausgeprägt atheistischen Umfeld aufgewachsen, wie viele der "echten DDR-Generationen" und so manch andere – hab nie gesagt bekommen, das Ich sei losgelöst vom Fleisch (=Hirn). Dieser Satz klingt so, als wäre es die allerneueste (schockierende) Erkenntnis, dass das Ich (v. a.) im Hirn ensteht. Jeder weiß, dass das sie NICHT neu ist – auch die, die diese Erkenntnis anzweifeln, kennen sie zumindest. Dadurch bekommt der Text einen "gestrigen Klang" (der Autor verkauft als "neu", was "alt" ist.)
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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Penelopeia
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Der Text berĂĽhrt zweifellos ein wichtiges Thema, reizt aber in manchen Punkten zum Widerspruch, - sicher nicht das Schlechteste, was einem Autor passieren kann. Ein paar Gedanken.

„Mein Ich ist körperlich gar nicht vorhanden“.

Wieso? Es wurde doch lang und breit erklärt, dass der Geist keine Eigenexistenz führt. Ergo: Das Ich ist vor allem Körper, cogito...

Daraus folgt: Das Ich ist eben nicht nur eine „Konstruktion in der geistigen Sphäre“, sondern hat vor allem eine materielle Basis. (Oder nahm der Autor einfach nur eine Gleichsetzung von Ich und Bewusstsein vor? Ich sehe da Differenzen.)


Die Welt, in der mein Ich lebt, ist die kulturelle Eigenwelt der Menschheit; dort ist es frei von den Begrenzungen meines körperlichen Daseins.

Die Welt unseres Bewusstseins hat sehr wohl Grenzen, so ganz spontan fällt mir natürlich zuerst Wittgensteins Satz von den Grenzen unserer Welt ein, die er mit den Grenzen unserer Sprache gleichsetzte. Sprache ist aber an die Physiognomie des Körpers gebunden, wir können, z.B., nicht so gut im Ultra- oder Infraschallbereich kommunizieren. Folglich ist man niemals ganz frei von den Begrenzungen seines körperlichen Daseins. Was der Autor mit diesem Satz plötzlich wieder einsieht:

Ich kann eben nur scheinbar frei und unbegrenzt in der geistigen Welt leben.

Besonders fragwĂĽrdig erscheint mir dieser Part:

Tatsächlich gibt es keine geistigen Inhalte außerhalb von menschlichen Gehirnen. Das Eigentliche am Kölner Dom, die Schönheit und Harmonie des Bauwerks, teilt sich nur dem Menschen mit. Für die Ameisen ist es ein Haufen Steine. Auch Mozarts Musik oder Einsteins Formel können in ihrem Wert nur von menschlichen Gehirnen empfangen werden.
Wenn der letzte Mensch gestorben ist, gibt es keine geistige Ebene mehr.


Ist eine solche Sicht nicht sehr, sehr stark anthropozentristisch eingeengt? Was wissen wir über die Gedanken einer Ameise? Auf Mozarts Musik reagiert manche Pflanze stärker als mancher Mensch. Einsteins Formel (ich vermute, es ist E = m*c² gemeint) dürfte auch vom Durchschnittsmenschen nicht so leicht nachvollziehbar sein, oder behauptet hier jemand ernsthaft, ein „Gefühl“ für Lichtgeschwindigkeit, zumal in der Quadrierung, zu haben? Andererseits: Woher wissen die Termiten so genau, welchen Gang sie wo anlegen müssen und wo sie ihre Nester setzen, um einen konstant durchlüfteten und klimatisierten Bau zu erhalten? Warum reagieren fast alle höheren Lebewesen auf geometrische Muster, auf Kreise also und Vielecke?
Ich habe grundsätzliche Zweifel, dass es außerhalb der menschlichen geistigen Sphäre keine „geistige Ebene“ geben soll.

Ich bin letztlich sogar unschlüssig, inwieweit es nicht doch „Geist ohne Körper“ gibt, die Spezies reden von "Platonismus" oder "Semantischem Realismus", oh Gott.

Wir sind hier bei der alten Frage nach der Existenz von Universalien gelandet. Die wurde mal so und mal so beantwortet. Wer schlau war, vermied eine Antwort darauf, sogar schon in der Antike, der wir uns unsinnigerweise so haushoch ĂĽberlegen fĂĽhlen. Man erinnere sich an Porphyrius, der lebte im 3. Jahrhundert...

Beispielsweise zeigt die Frage, ob die Zahl Pi als Verhältnis von Durchmesser zu Umfang an die Existenz eines Körpers gebunden ist, oder ob sie an und für sich und nur aus sich heraus und für sich existiert, die Schwierigkeit der Beantwortung solcher Fragen.

LG

P.

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jon
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Mich stört an dem Text, dass er (wiedermal) wie ein "ständiger Versuch, den Punkt einzukreisen" wirkt – ohne den Punkt je wirklich zu treffen wohlgemerkt (*). Ich mag, dass bei diesen schier unendlich langen Ausholbewegungen immer wieder mal eine Sache zur Sprache kommt, die auch interessant ist, mit dem Thema sogar zusammenhängt, aber eber eine Art Neben-Spirale (um einen andern, benachbarten Punkt herum) bildet.

* Manchmal streift die Kurve den Punkt, berührt ihn sogar, triftet dann aber wieder weg. Hier ist der Punkt: Das Ich ist kein "Objekt" – es nur der Name(!) für eine riesige Anzahl miteinander verwobener Lebens"phämomene" (von den vegetativen Prozessen im Körper angefangen bis hin zum (Selbst)Bewusstsein). Ein "Konstrukt(!) in der geistigen Sphäre" dagegen ist durchaus auch eine Art "Objekt", nur eben eines in der "geistigen Sphäre" (wobei die ja auch schon ein "Konstrukt" ganz analog zum "Ich" ist) .
Irritierend ist für mich als Leser, dass hier (und bei den andern Texten) scheinbar ein Materialist schreibt, der sich aber wieder und wieder nicht vom idealistischen Wortschatz (und den damit verbundenden Ideen) trennen kann. Ich vermute, dass dieses Dilemma auch für dieses "ewige Kreis/ßen" verantwortlich ist. Soweit jedenfalls mein (fachlich vielleicht gar nicht korrekter) Erklärungsversuch, warum ich mit dem Text nicht recht klar komme ...
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Heiden Steffen
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Mein Gehirn, meine Seele und ich

Hallo jon,
danke für Deine Kommentare. Stilistisch gefällt mir der letzte Kommentar mit der durchgehaltenen Umkreisungs-Metapher gut. Ich sehe auch, dass diese Metapher etwas mit meiner Schreibe zu tun hat. Aber ich kann nichts Schlechtes daran finden. Denn was Dich so nervt, scheint mir unvermeidlich in einem Essay. Da geht es, so denke ich, nicht darum, einen „Punkt“ bekanntzugeben. Das hätte den Wert eines Lexikon-Eintrages und würde für die Leserin bedeuten „friß oder stirb“.
Die Aufgabe eines Essays sehe ich darin, die Leserin auf einen Gedankengang mitzunehmen, der zu diesem Punkt fĂĽhrt. DafĂĽr muss ich sie bei vertrauten Vorstellungen abholen, so wie ich sie vermute, und Schritt fĂĽr Schritt zu ĂĽberzeugen versuchen.
Nun ist ein Gedankengang, linear wie er ist, bei der vernetzten Struktur unseres Denkapparates eine heikle Sache. Ständig melden sich bei der Leserin Assoziationen, welche vom Weg abführen und das „Mitgehen“ gefährden. Ich versuche nun, solche Assoziationen, soweit ich sie voraussehen kann, in Beziehung zu dem Gedankengang zu setzen. Das sind dann die „Ausholbewegungen“.
Der „Punkt“, auf den hin ich den Gedankengang anlege, ist auch eigentlich kein Punkt, sondern ein Möglichkeitsraum. Wenn die Leserin am Ende hierin einen anderen Schwerpunkt sieht, ist das für mich kein Unglück. Denn der Weg ist das Ziel. So habe ich auch mit Deinem „Punkt“ keine Probleme.
Zur sprachlichen Kritik: Mit dem Begriffspaar materialistisch-idealistisch kann ich nur theoretisch etwas anfangen, aber leider gar nichts, was die Praxis des Schreibens angeht. Allerdings würde es mich sehr stören, wenn ich Begriffe verwenden sollte, die ein solches „Mascherl“ haben, ohne dass ich dessen gewahr werde. Gibt es Beispiele?
Mit Deinem ersten Kommentar hast Du sicher recht. Ich habe auch gewusst, dass das eine riskante Formulierung ist. Ich dachte schon, dass Du an dieser Stelle die LektĂĽre abgebrochen hast. Gut, dass das nicht so war. GrĂĽĂźe, Heiden Steffen

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jon
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Deine Befürchtung im Zusammenhang mit dem ersten Kommentar ist nicht ganz aus der Luft gegriffen – ich hatte beim ersten Anlauf (auch aus Zeitgründen), kurz nach diesem Sat abgebrochen.

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Die Mischung der Begriffe ... Ich weiß nicht, ob dieser Eindruck einem fachlichen Blick (durch einen gelernten Philosophen) stand hält. In diesem Text kam mir der Gedanke, weil "das Ich" am Anfang (richtigerweise) als „eigenes Objekt" eingeführt wird aber diesen Touch selbst am Ende noch ganz deutlich trägt. Oder noch gravierender: Der Begriff "Seele" – der ist nun wirklich aus dem nicht-materialistischen Vokabular und steht bei den (oder nur vielen?) idealistischen Sichten gleichbedeutend für "das Ich". Der Satz

" Wenn alle seelischen Zustände auf körperliche Vorgänge zurückzuführen sind, dann gehört die Seele zum Körper, zumindest ist sie abhängig von diesem. "

wird damit so ein Misch-Dings, denn "das Ich" ist zwar "abhängig vom Körper" (materialistisch nicht mal das, sondern lediglich Zusammenfassung dessen, was einen Menschen ausmacht), die Seele ist aber (per Wortsinn) IMMER "eigenes Objekt" (das abhängig von etwas sein kann, aber eben "real existiert", nicht "nur Zusammenfassung" ist).

Aber wie gesagt: Das ist eine Sache, die fachlich vielleicht gar nicht stimmt ...

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Das "Einkreisen" ist ok und die "Schlenker" mag ich – sogar sehr. Aber "Einkreisen" schließt "auf den Punkt kommen" nicht aus, das ist kein Widerspruch. Vielleicht würde ich den Punkt/die Punkte nicht so sehr vermissen, wenn der Rhythmus des Textes abwechslungreicher wäre. Vielleicht ist "der Punkt"/"die Punkte" am Ende ja sogar vor allem eine Frage des Klanges ... Ich bin da wirklich nicht mehr sicher.


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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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Heiden Steffen
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Hallo Penelopeia,
danke für Deinen Kommentar. Allerhand Nachdenkenswertes! Am heikelsten ist sicher das Problem "Gibt es einen Geist ohne Körper? Niemand weiß es, viele glauben es.Aber ist es nicht eigentlich schon anthropozentrisch, zu glauben, daß etwas, was wir empirisch nur vom Menschen kennen, allgemeingültig sei? Heißt "geistig" nicht einfach "was der Mensch mit seinem symbolischen Denken macht"? Warum sollen Ameisen oder irgendwelche anderen Wesen so menschlich denken? Vielleicht ist der Begriff "kulturelle Eigenwelt des Menschen" einfach besser als "geistige Sphäre".
Und die kulturelle Eigenwelt ist doch "nur" eine Welt von Bedeutungen. Aber Bedeutungen setzen voraus, daß sie gelesen werden können. Wir stampfen vielleicht beim Spazieren durch den Wald über einen Fels, der der heiligste Platz eines vorgeschichtlichen Stammes war. Wir verhalten uns also wie Ameisen, weil wir die Bedeutung nicht kennen. Deshalb denke ich, daß es Gehirne braucht und daß es ohne Gehirne keine geistige Sphäre geben kann. Grüße, Heiden Steffen

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