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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Mein Herr
Eingestellt am 10. 11. 2002 16:06


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kies
Hobbydichter
Registriert: Nov 2002

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Ein graugekleideter Herr liegt auf den Schienen .In der Nacht liegt er dort, betrachtet den Himmel. Sophia sieht ihn zuerst und ich folge ihrem Blick. Der Mann ist fĂŒllig, groß und, soweit weit wir das im schwachen Licht der Laterne sehen können, alt. Zur Zeit ist fĂŒr uns beide vieles alt: Ungegessener und ungeliebter Pudding im KĂŒhlschrank, die Tageszeitung, ein gerahmtes Bild. Ich denke, Sophia ist heute auch alt. Zwar kann man ihr nicht die geringste biologische Hautalterung nachsagen, doch ihre Augen blicken dumm, und ihre Stimme klingt monoton.
Wir gehen auf den Herrn zu. Er scheint nichts zu bemerken. Unsere Schritte schneiden die Stille. Ich habe Angst, genauer gesagt: Ich will nicht mit ihm reden mĂŒssen. Vielleicht wird er eine leidvolle Geschichte erzĂ€hlen, eine > Ich hatte alles und habe es verloren und mich in die Drogen geflĂŒchtet < Geschichte. Oder er beschimpft oder ignoriert mich. Im schlimmsten Fall sieht er mich nur an. Dann muss ich in seinen Augen lesen, und dem was ich sehe irgendeine tiefe Bedeutung zumessen, denn sonst hĂ€tte ich das GefĂŒhl gar nichts zu verstehen.
Sophia meint, ich könne es sehr gut, dieses In-den-Augen-lesen. Nicht nur die materiellen WĂŒnsche, sondern auch die BedĂŒrfnisse. Meistens sind diese UrgrĂŒnde von Angst und Hunger ausgefĂŒllt. Und in Wahrheit kann ich den Augen nicht helfen, ihren Hunger zu stillen. Die Menschen dahinter bleiben allein, mit dem GefĂŒhl ertappt und entstellt zu sein.
Der Herr hat sehr dunkle, sehr braune Augen. Zuerst ĂŒberschatten wir beide sein Gesicht. Doch Sophia wechselt die Seiten, so dass der Mann zwischen Ihr und mir liegt. Ihre ganze Haltung sagt: Hab Ich es nicht gleich gesagt . Triumphierend ,fast ĂŒberheblich. „Guten Abend“, sagt sie, und „Kann Ich ihnen helfen?“. WĂ€hrend er weiter den Himmel fixiert erklĂ€rt er: „Nein“. Sehr kommunikativer Typ heute Abend, denke ich. FrĂŒher war es einfacher. Man sprach sie an, und sie folgten einfach. Heute wollen sie dableiben, am Ende gar ĂŒberredet werden und dann sĂ€mtliche Verantwortung an uns abgeben. „Warum haben Sie es getan?“, fragt Sophia scheinheilig. Er weiß warum, und er weiß das wir es wissen. Ein langes Schweigen. Schließlich: „Ich dachte ich wĂŒrde auch ein Stern werden, wie der da oben!“. Er deuten auf einen kleinen, kaum sichtbaren Stern. „Aber jetzt sehe Ich, dass Ich ihm niemals nĂ€her kommen werde als Ich es damals war.“
Mir entfĂ€hrt ein Seufzer, so leise das nur Sophia ihn wahrnimmt. Ihr Blick straft mich fĂŒr meine Inkompetenz, mein unreifes Verhalten. Sophia richtet ihre Aufmerksamkeit wieder an den Herrn. „Haben Sie eigentlich eine Idee wo Sie sich befinden?“, fragt sie laut, „Haben Sie das? ..Nein?? Ich werde es Ihnen verraten. Sie sind ein Nichts im Nichts. Sie existieren nicht und sollten zusehen, dass Sie schleunigst aus diesem Zwischenraum herauskommen. Dies ist eine Sperrzone. Also.. Kommen Sie nun mit?“ „Nein. Danke.“, erwidert er ernst und trocken. Das war ihr noch nie passiert. Sophias Überlegenheit schwindet fĂŒr einen Augenblick, aber sie ist zu routiniert, um sich nicht sofort wieder zu fangen. Der Erste, der sich nicht von ihrer dominanten Art erweichen lĂ€sst. Er hĂ€ngt am Leben. Er hasst uns.
Ich kenne das wahre Leben nicht, bin immer irgendwo dazwischen. Solche wie uns nennt man GrenzgĂ€nger. Ich blicke ihm in die Augen. Sie sind fast unergrĂŒndlich, ich kralle mich in ihnen fest. Sein Blick ist in Meinem gefangen. „Kommen sie nun mit.“, sage ich. Keine Reaktion. Ich ziehe seine Augen. Etwas Grosses löst sich in ihnen und rollt auf mich zu...wut, wut, schritte, trauer, schritte, schienen, die sterne, ein licht, der zug.. „Kommen sie jetzt!“, flĂŒstere ich. Er steht auf und folgt uns aus dem Lichtkegel der Laterne.

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
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Hallo kies,
Dein erster Beitrag hier...? Herzlich willkommen in der Lupe. Die kleine Geschichte gefÀllt mir sehr, dieses PÀrchen, das mit unterschiedlicher Strategie Leben retten geht, hat sofort meine Sympathie. Originell ausgedacht und gut erzÀhlt!

Der letzte Absatz ist richtig schön wuchtig, ein toller Höhepunkt, aber diese Reihe von kleingeschriebenen Substantiven haut (zumindest mich) sehr aus dem Lesefluß, da der Text bis dahin stilistisch doch eher konventionell ist. Gibt es dafĂŒr einen besonderen Grund?

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kies
Hobbydichter
Registriert: Nov 2002

Werke: 1
Kommentare: 1
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Hallo Zefira!
Diese etwas ruppige Abfolge von Wörtern stellt fĂŒr mich dar, was die ErzĂ€hlerin in den Augen des Herrn sieht.
Ich habe dieses Stilmittel gewĂ€hlt, weil Ich den Eindruck hatte, dass dies am Besten ihre EindrĂŒcke vermittelt.
Die Pointe an dieser Stelle ist, dass der Herr bereits tot IST.Als Ich die Geschichte geschrieben habe, hatte Ich nÀmlich vor Augen, was passieren kann, wenn man nun tatsÀchlich mal stirbt.
Auf der anderen Seite hast Du aber schon Recht, in gewisser Hinsicht wird der Herr tatsÀchlich gerettet.
Wenn Du eine Idee hast wie man solch ein RĂŒckblendenmoment
besser oder anders darstellen kann, wĂŒrde ich mich sehr ĂŒber eine Hilfestellung freuen.
kies

__________________
"Ohne Dich wĂ€ren die GefĂŒhle von heute nur die leere HĂŒlle der GefĂŒhle von damals"

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