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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Mein Herz ist rein
Eingestellt am 09. 12. 2014 17:21


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valcanale
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Rund um Weihnachten trank der Vater mehr als sonst. Er kam erst sp├Ąt von seinen Sauftouren nach Hause, was den Vorteil hatte, dass man l├Ąnger von ihm unbehelligt blieb.
Dann war es aber angeraten, sich m├Âglichst unauff├Ąllig zu verhalten, schon ein falsches Wort oder manchmal nur ein bestimmter Gesichtsausdruck konnte eine Katastrophe ausl├Âsen. Die Stimmung kippte dann sehr rasch. Und nicht zum Guten.
Die Fingern├Ągel meiner Schwester waren in diesen Tagen noch mehr abgekaut als sonst und ich kratzte nachts Muster in den Wandverputz neben meinem Bett. M├Âglichst so weit unten, dass sie von der Matratze verdeckt waren und nicht gleich am n├Ąchsten Morgen entdeckt werden konnten. Die Angst vor Strafe war ein zuverl├Ąssiger Begleiter.

In der Auslage des Dorfladens sa├č in diesen Vorweihnachtstagen manchmal der Hl. Nikolo. Ein dicker Mann mit rotem Mantel, einem gewaltigen wei├čen Bart und einer seltsamen M├╝tze mit einem wei├čen Kreuz auf rotem Grund. Auf seinen Knien hielt er ein gro├čes, aufgeschlagenes Buch, in dem er hie und da bl├Ątterte und mit einem gro├čen Stift Eintragungen machte. Dazwischen fixierte er immer wieder mit einem eindringlichen Blick eines der Kinder, die sich vor der Auslagenscheibe die kalten Nasen plattdr├╝ckten.
Manchmal erhob er mahnend den Zeigefinger, w├Ąhrend seine Augen ernst und streng blickten, und schrieb gleich darauf etwas in sein Buch. Ob er auch manchmal l├Ąchelte war wegen des dichten Bartes nicht zu sehen. Es wurde uns erz├Ąhlt, er schriebe die guten und die b├Âsen Taten, welche die Kinder w├Ąhrend des Jahres begangen hatten, in sein Buch. Ich versteckte mich hinter den anderen, damit er mich nicht sehen konnte. Bei mir gab es, wenn ich meine Strafen ├╝bers Jahr zusammenrechnete, doch einige b├Âse Taten.

Ich hielt mich lieber ans Christkind, das mir sanft und lieblich erschien und am Heiligen Abend die Geschenke brachte. Das Christkind, obwohl weiblich und wie ein Engel aussehend, war eigentlich ein kleines Jesulein. Es lag zuerst winzig und nur in eine Windel gewickelt in der Weihnachtskrippe, mutierte dann aber seltsamerweise in k├╝rzester Zeit zu einer lieblichen Lichtgestalt mit Fl├╝geln. Oft war es auch beides gleichzeitig. Das war eines der Weihnachtswunder und ich war immer bereit an Wunder zu glauben.
Das Sch├Ânste am Christkind war, dass man sich etwas von ihm w├╝nschen durfte. Und wenn man das Jahr ├╝ber sehr brav gewesen war, wurde hie und da einer der W├╝nsche erf├╝llt. Dann lag eine Puppe unterm Weihnachtsbaum oder ein Malkasten, einmal sogar ein Teddyb├Ąr, dessen Fell verd├Ąchtig dem alten Pl├╝schmantel meiner Mutter ├Ąhnelte. Ich war froh, dass das Christkind in mich hineinschauen konnte und auch meine guten Seiten sah. Es brachte zwar auch Dinge, die ich mir nicht gew├╝nscht hatte, etwa eine neue Strickweste oder warme Socken, aber wahrscheinlich wusste es besser als ich, was ich brauchte.

In den Wochen vor dem Heiligen Abend h├Ąuften sich die Drohungen meiner Mutter dass uns das Christkind nichts bringen w├╝rde, wenn wir nicht brav w├Ąren, sondern der b├Âse Krampus kommen und uns in die Butte stecken w├╝rde.
Ich war davon wenig beeindruckt. In meinen Augen war das Christkind g├╝tig und verzeihend und kannte mich besser als meine Mutter. Und der Krampus konnte auch nicht ├Ąrger sein als der manchmal in Rage tobende Vater, wenn die Kneipentour wieder einmal zu ausgiebig ausgefallen war. Der dann mit seinen riesigen Pratzen alles packte, was ihm in die Quere kam. Mit seinen rotunterlaufenen Augen furchterregend wirkte. Ich hatte gelernt, das auszuhalten.

Und dann war der schwarze Geselle eines Abends da.
Meine Schwester und ich waren an diesem Tag nicht einmal besonders schlimm gewesen, zumindest konnte ich mich an keine Straftat erinnern, die den Krampus dazu bewogen h├Ątte, extra bei uns vorbeizukommen.
Pl├Âtzlich rasselten drau├čen am Gang metallene Ketten und die Schl├Ąge an die Wohnungst├╝re waren laut und heftig. Dann sprang die T├╝re auf und eine Gestalt im schwarzen Pelz, einem fratzenhaften Gesicht, roten H├Ârnern am Kopf und einer riesigen Butte auf dem R├╝cken stand vor uns in der K├╝che.

Meine Schwester machte sich sofort in die Hose und verkroch sich schreiend unter einem K├╝chensessel.
Mit tiefer, lauter Stimme rief der Krampus, er h├Ątte erfahren, dass sich hier schlimme Kinder bef├Ąnden, die der Mutter nicht folgen w├╝rden. Und er sei gekommen um uns daf├╝r zu bestrafen. Meine Schwester schrie gleich noch lauter, aber mir kam irgendetwas an der Stimme des teuflischen Gesellen seltsam vor.
Mein nach unten gerichteter Blick, der mehr von der sich der unter dem K├╝chensessel ausbreitenden Lache, die unter meiner Schwester hervorquoll (da w├╝rde es wieder ordentlich was setzen!) fasziniert war, als vom Krampus, fiel auf schlie├člich auf seine F├╝├če und etwas erstaunte mich.
ÔÇ×Der hat ja die Schuhe vom Papa an!ÔÇť sagte ich laut und gleich darauf ÔÇ×Und die H├Ąnde hat er auch vom Papa!ÔÇť Die waren unverkennbar, hatte ich sie doch schon oft genug mit aller Gewalt zu sp├╝ren bekommen. Im Vertrauten und Bekannten verschwindet die Angst. Was man kennt f├╝rchtet man nicht.

Der Krampus schrie, dass er dieses schlimme Kind, das es wagte, ihm zu widersprechen, jetzt gleich in die Butte stecken und in den finsteren Kohlenkeller tragen w├╝rde! Es klang immer deutlicher nach der Stimme meines Vaters.
Schon wurde ich hochgehoben, in die Butte am R├╝cken gesteckt und wir traten den Gang ├╝ber die Kellerstiege ins Dunkel an. Bevor es ganz finster wurde, sah ich am Hinterkopf des vermeintlichenTeufels ein Gummiband ├╝ber die kurzen braunen Haare, das die Gesichtsmaske hielt. Nun bestand f├╝r mich kein Zweifel mehr, ich hopste begeistert in der Butte auf und ab und quietschte vor Vergn├╝gen ├╝ber dieses neue Spiel. Mein Vater versuchte noch mit verstellter Stimme ein paar halbherzige S├Ątze wie ÔÇ×Na warte nur, du b├Âses Kind!ÔÇť und ÔÇ×Du wirst schon sehen, was passiert!ÔÇť anzubringen, musste schlie├člich aber selbst lachen, was die Krampusautorit├Ąt nun vollends zunichte machte. Er nahm die Maske ab und trug mich wieder zur├╝ck.

Ich h├Ątte mich im finsteren Keller sowieso nicht gef├╝rchtet. Es war eine beliebte Ma├čnahme, mich dort bei einem Vergehen f├╝r l├Ąngere Zeit allein einzusperren. Da f├╝hlte ich mich in der Krampusbutte beim Vater viel sicherer.
Meiner Schwester hatte sich das Ereignis aber anders eingepr├Ągt. Sie glaubte noch lange, dass der Krampus im finsteren Keller zur├╝ckgeblieben sei. Es blieb ein Ort des Schreckens f├╝r sie und ein Grund, sich den Erwartungen der Erwachsenen mehr und mehr anzupassen.

In den letzten Tagen vor dem Weihnachtsabend wurde die Stimmung bei uns zu Hause immer schlechter. Der Vater kam immer ├Âfter erst sp├Ąt in der Nacht nach Hause, dann h├Ârten wir die Eltern in der K├╝che streiten, manchmal splitterte Holz oder klirrte Glas. Die Mutter warf dem Vater vor, dass er das letzte Geld versaufen w├╝rde und hatte oft verheulte Augen am n├Ąchsten Morgen.
Ich kratzte nachts meine Muster immer tiefer in die Wand.

Am Weihnachtstag bem├╝hten wir uns besonders brav zu sein. Meine Schwester und ich verkniffen uns die ├╝blichen Streitereien und schlichen auf Zehenspitzen durch die K├╝che und das Kabinett, die T├╝r zum Wohnzimmer war versperrt. Ein Zeichen, dass dort bereits die Englein am Werk waren und beim Schm├╝cken des Christbaums halfen.
Als es d├Ąmmrig wurde, zog meine Mutter den Mantel an und ging den Vater suchen. Wir starrten durch die Fenster in die Dunkelheit ob wir das Christkind zu sehen bekamen. Manchmal flog es ja knapp vorbei und hinterlie├č den schimmernden Glanz seiner Fl├╝gel an der Fensterscheibe. Aber es lie├č sich nicht blicken.

Die Mutter kam allein zur├╝ck, einen harten Zug um den Mund. Sie setzte sich an den K├╝chentisch und antwortete auf unsere Frage, wann denn das Christkind endlich kommen w├╝rde, dass es uns wohl heuer nicht besuchen w├╝rde, da es nichts zu bringen h├Ątte.
Ich glaubte ihr das nicht. Ich hatte t├Ąglich so viele W├╝nsche nach dem Abendgebet an das Christkind gerichtet, das dieses gen├╝gend Auswahl gehabt h├Ątte. Ein kurzes ├ťberschlagen meiner S├╝nden brachte zwar einige ÔÇô in meinen Augen ÔÇô kleinere Vergehen zum Vorschein, aber ich rechnete eigentlich schon mit einem g├╝tigen Verzeihen, ich war ja nicht absichtlich b├Âse gewesen. ÔÇ×Ich bin klein, mein Herz ist rein..ÔÇť hatte ich gebetet. Und daran glaubte ich ganz fest.

Als meine Schwester und ich schon vor M├╝digkeit fast einschliefen und der Vater noch immer nicht nach Hause gekommen war, l├Âschte die Mutter das Licht in der K├╝che und wies uns an, dort zu bleiben. Bald darauf h├Ârten wir das Klingeln des kleinen Gl├Âckchens, das anzeigte, dass das Christkind dagewesen war. Die T├╝r zum Wohnzimmer stand offen, das Dunkel wurde von den Kerzen am kleinen Christbaum sp├Ąrlich erhellt. Wir standen and├Ąchtig vor dem Baum und meine Schwester, die schon in die erste Klasse ging, sagte ein Gedicht auf. Dann sangen wir alle gemeinsam ein Weihnachtslied.
Als meine Mutter das Licht anmachte sahen wir unter dem Baum nur zwei nicht ganz fertig gestrickte Pullover (aus der gleichen Wolle wie vom Vorjahr, nur etwas gr├Â├čer) und zwei winzige P├Ąckchen liegen. Am Baum hingen ein paar selbstgebackene Kekse, ein paar rote ├äpfel und die Weihnachtsengel, die meine Schwester und ich aus Goldpapier gebastelt hatten. Ich freute mich sehr, dass das Christkind sie f├╝r sch├Ân genug f├╝r den Weihnachtsbaum befunden hatte. Aber kein St├╝ck Schokolade, keines dieser in bunte Folie gewickelten Zuckerl, kein Geleeringerl zierte den Baum. Ich war entt├Ąuscht.
In den zwei kleinen P├Ąckchen befand sich jeweils eine Plastikh├╝lle mit f├╝nf kleinen Buntstiften. Gelb, gr├╝n, rot, blau und schwarz.
Ich suchte hinter dem Baum, unter dem Tisch, sp├Ąhte in die Zweige, irgendwo musste doch noch etwas versteckt sein! Ich wollte es nicht glauben, dass uns das Christkind heuer keinen einzigen Wunsch erf├╝llen wollte. So b├Âse konnte ich doch gar nicht gewesen sein.
Heuer gibt es eben nichts, sagte meine Mutter und der Zug um ihren Mund wurde noch h├Ąrter.

Mit dem schwarzen Stift malte ich sp├Ąter das Einwickelpapier voll. Die vielen schwarzen Punkte auf meiner Seele. Ich musste viel schlechter sein, als ich geglaubt hatte. Ein b├Âses Kind.

Am n├Ąchsten Morgen riss ich alle selbstgemachten Goldpapierengel vom Baum.


Version vom 09. 12. 2014 17:21

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Maribu
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Mein Herz ist rein

Hallo valcanale,

eine Kindheit in ├Ąrmlichen und scheinheiligen Verh├Ąltnissen zu erleben, ist schon Strafe genug! Nun ist der Vater auch noch Alkoholiker und nach dem "Saufen" brutal zu seiner Frau und den Kindern, die schon gesch├Ądigt sind und nachts nicht richtig schlafen k├Ânnen, Fingern├Ągel abkauen und Muster in den Wandputz kratzen.

Als Krampus (Knecht Ruprecht) war der Vater wohl ausnahmsweise mal n├╝chtern und konnte sogar ├╝ber sich selbst lachen.
Selbst am Heiligen Abend kam er nicht nach Haus. - Was war das f├╝r eine Verlogenheit! Mit Abendgebet an das Christkind, dass, (weil die Eltern nichts hatten bis auf die billigen Buntstifte) trotzdem nicht vorbeikam. Den Kindern suggerieren, dass sie "schlecht" seien als Vertuschung, dass der Vater einen gro├čen Teil des Einkommens versoff.

Dass der Pro die Goldpapierengel vom Baum riss, ist verst├Ąndlich. Aus Entt├Ąuschung, dass das Christkind nicht kam oder wegen der Verlogenheit der Eltern?
Wenn ich in der Situation gewesen w├Ąre, h├Ątte ich den Baum angesteckt!
Ich w├╝nsche frohe und besinnliche Weihnachten!
Maribu

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valcanale
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Maribu, danke f├╝r dein Feedback!

Was hier geschildert wird (den Kindern zu suggerieren, dass sie b├Âse und schlecht w├Ąren und daf├╝r bestraft w├╝rden oder schwarze Punkte auf ihrer Seele sammeln w├╝rden) war zu dieser Zeit eine absolut g├Ąngige Auffassung und auch Erziehungsmethode (auch von der Kirche) und wurde vor allem von den Eltern - weil so ├╝blich - absolut geglaubt! Das hat also nichts mit Verlogenheit gemein! Sie waren ├╝berzeugt, das Richtige zu tun! (Trinken f├Ąllt nat├╝rlich nicht darunter). Da sollten keine Vorw├╝rfe aus dem Text entstehen (wenn es so ist, l├Ąuft etwas falsch).
Dass der Vater nicht immer getrunken hat ist ja realistisch. Bemerkenswert f├╝r mich, dass du das Verhalten des Vaters nicht aber das der Mutter hinterfr├Ągst. Auch ein Hinweis f├╝r mich, etwas zu ├Ąndern!
Danke nochmal und liebe Gr├╝├če
Valcanale

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