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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Mein Leben als Ente
Eingestellt am 13. 12. 2004 14:09


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Esta
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jan 2003

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Mein Leben als Ente

Die Geschichte vom Schwan, der nicht fliegen konnte


I.


Noch bevor ich Livs Wohnung betrete, fragt man mich, ob ich das Interview gelesen h√§tte. Ja, sage ich, nat√ľrlich h√§tte ich das gelesen. Immerhin h√§tte man es mir mit freundlicher Unterst√ľtzung von FedEx zukommen lassen. FedEx. Ich meine ‚Äď hallo? Wer w√ľrde sich schon weigern, die 12 B√∂gen abkopierten, urspr√ľnglich handschriftlichen Texts zu lesen, wenn sie ihn in einem unnat√ľrlich formell aussehenden, mit schaler Luft zu einem fluffigen Kissen aufgepumpten Schutzumschlag erreichen, dem man die lange Reise durch sauber eingerichtete B√ľros und empfindliche Maschinerien der f√ľrsorglichen FedEx Cooperation f√∂rmlich ansah ... ?
Ja, sage ich noch einmal, als man mir mit einem nerv√∂sen Blick begegnet, der irgendwie wirkt, als √§hnelte ich einem blutr√ľnstigen Ungeheuer. Vielleicht bin ich das. Ein zu kurz geratenes, stelzbeiniges Wesen, das sich Frau schimpft, das vorgibt einen zerzausten Waschb√§ren auf dem Kopf zu tragen um den Anschein einer bewusst erstellten Frisur zu wahren. Himmel, ich bin nicht ordentlich und ich habe nie das Verlangen versp√ľrt, es zu sein. Das muss mir niemand sagen. Erst recht nicht vor Livs mit gelben Polizeibanderolen ‚Äď Crime Scene! ‚Äď abgeriegelter Wohnungst√ľr, die mich anstarrt, als wollte sie mich verh√∂hnen. Ich schenke dem blank polierten Ebenholz mein patentiertes Haifischl√§cheln und trete ein.
Der Mann, der mich eben noch mit diesem Hilfe-ein-Ungeheur-rette-sich-wer-kann!-Blick angesehen hat, versucht erstaunlich energisch mich aufzuhalten. Er ist ein aufgedunsener Kerl, den ich f√ľr gew√∂hnlich als fett bezeichnen w√ľrde, w√§ren seine Gesicht, seine Beine und Arme nicht d√ľrr und abgemagert wie Bohnenst√§ngel.
Mich √ľberkommt das unwirkliche Gef√ľhl, eine mutierte Apfelsine vor mir zu haben, dick und aufgeblasen und √ľbers√§ht mit Pockennarben, die in einem fr√ľheren Leben einmal fette, vor Eiter angeschwollene Pickel gewesen sein m√∂gen. Die Apfelsine l√§uft auf zu Streichh√∂lzern. Die Apfelsine fuchtelt mit ihren Schaschlik√§rmchen in der Luft herum, rutscht haarscharf an einer filigranen Glasvitrine im Flur vorbei und baut sich anschlie√üend in einem schalen Abklatsch von Bedrohlichkeit vor mir auf. Die verschrumpelte Pflaume, die wahrscheinlich einen Kopf darstellen soll, besteht im Gro√üen und Ganzen aus hervortretenden Adern und pulsierenden Adern, aus Schwei√ü und zwei buschigen schwarzen Raupen, die bei einem normalen Menschen Augenbrauen w√§ren. Unter den Raupen sitzen zwei stumpfe Onyxe und versuchen mit aller Macht, meinem Blick standzuhalten.
Die Apfelsine heißt Alex und verlangt von mir zu wissen, wer ich bin und was ich eigentlich in Liv Chats Wohnung zu suchen hätte.
Ich lächle Alex frostig an, die Onyxe seiner winzigen Augen versinken in ihren Höhlen, die Schaschlikarme schlingern nutzlos an den runden Seiten seines Apfelsinenkörper hin und her.
‚ÄěIch bin die b√∂se Hexe‚Äú, sage ich heiter und wenn mich nicht alles t√§uscht, setzt Alex tats√§chlich zu einem tapsigen Mauseschritt in Richtung T√ľr an. Ich frage mich, ob seine Streichholzbeinchen einem Tritt meiner bestiefelten F√ľ√üe standhalten oder einfach unter ihm weg brechen w√ľrden.
Ich wende mich ab und betrachte Livs bescheidende Wohnung. Alex‚Äô Onyx-Blick ruht nach wie vor auf mir. Beil√§ufig teile ich dem von feinen, dickfl√ľssigen Sonnenstrahlen zu einem Teppich der Farben und Eindr√ľcke verwobenen Flur mit: ‚ÄěDie aus dem Interview. Das werden Sie wohl gelesen haben, oder? Das Interview mein ich.‚Äú

II.


Ich bin √Ąrztin. Sch√∂nheitschirurgin. Und ich arbeite in einem permanent desinfizierten Krankenhaus, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Krankheitserreger und Keime jeder Art m√∂glichst schnell zu eliminieren.
Frauen und M√§nner gleicherma√üen kommen zu mir, um irgendetwas an ihrem K√∂rper ver√§ndern zu lassen. Gr√∂√üere Br√ľste, schlankere Oberschenkel, reine Haut, geradere Nase, h√ľbscheres Gesicht ... Sie kommen zu mir und legen sich unters Messer. F√ľr gr√∂√üere Br√ľste.
Ich wei√ü bis heute nicht, welch ungl√ľckliche Umst√§nde mein Studium ins Fachgebiet der Sch√∂nheitschirurgie gelenkt haben. Ich kann mich ehrlich gesagt nicht entsinnen, als Kind je den brennenden Wunsch versp√ľrt zu haben, zu einem glamour√∂sen Pop-Sternchen zu mutieren. Ich war immer recht gl√ľcklich mit meinem K√∂rper ‚Äď bin es immer noch ‚Äď und hatte soweit ich mich entsinnen kann nie ernsthaft vor, √Ąrztin zu werden. Menschen helfen, ja, das klang in den Ohren einer 18-j√§hrigen Abiturientin schon recht verlockend, das gebe ich gern zu ‚Äď aber Sch√∂nheitschirurgie? Bitte!
Egal. Wen st√∂rt‚Äôs. Ich bin √Ąrztin, nicht Predigerin. Es steht mir nicht zu, den Menschen, meinen Patienten, etwas vorschreiben zu wollen oder gar an ihre Moral zu appellieren. Als Chirurgin ist es meine Aufgabe verhunzte K√∂rper so umzumodeln, dass sie aussehen wie die eines √úbermenschen. Ich habe mich nach den W√ľnschen meiner Patienten zu richten, mein Geld f√ľr unn√ľtzen Schnickschnack auszugeben und fertig.
Eigentlich ein ganz angenehmer Job.
Und wenn Liv nicht w√§re, w√ľrde ich das eigentlich streichen und mich nicht weiter √ľber den tieferen Sinn der viel ger√ľhmten Sch√∂nheitschirurgie auslassen.

III.


Liv war eine außergewöhnliche Patientin.
Au√üergew√∂hnlich gutherzig und au√üergew√∂hnlich h√§sslich. Sie kam in mein Krankenhaus mit der Bitte, ein sch√∂nes M√§dchen aus ihr zu machen. Auf die Frage hin, was sie denn unter einem sch√∂nen M√§dchen verstehe, wurde sie puterrot und ratterte in ihrer nuschelnden Sprache die Namen aller m√∂glichen Pop-Ikonen herunter, von Shakira √ľber J Lo bis hin zu Keira Knightley. Als wir ‚Äď also das zust√§ndige √Ąrzte-Team, meine Wenigkeit inbegriffen ‚Äď ihr erkl√§rten, eine solche Operation sei nicht nur eine Frage des Willens und des K√∂nnens sondern auch des Geldes, warf sie uns einer nach dem anderen einen langen, einen sehr langen flehenden Blick zu und erkl√§rte anschlie√üend, das Geld sei kein Problem, ihr Vater w√ľrde das regeln.
Ich mochte sie. Auf Anhieb.
In ihrer tollpatschigen, schrecklich unbeholfenen Art war sie netter anzusehen, als die meisten anderen Patienten. Sie war zwar keine Bohnenstange, aber auch kein Fass. Ihr Gesicht war nicht das von Shakira oder J Lo, doch sah man durch ihre Augen mitunter direkt in ihre Seele. Sie wechselten sogar die Farbe. Giftgr√ľn in Augenblicken der Wut, Seltersflaschengr√ľn in Zeiten der Sanftmut und Grasgr√ľn zu freudigen Zwecken, immer jedoch durchsetzt mit diesen feinen Spritzern Bernsteingelb, die sie in meinen Augen zu einem verkr√ľppelten L√∂wen machten.
Es war ausgesprochen interessant, sich mit ihr zu unterhalten.
Ihre Mimik ruhte nie. Immerzu arbeitete es in ihrem rundlichen Mondgesicht und die unterschiedlichsten Eindr√ľcke flackerten √ľber die changierende Iris.
Ein wirklich erfrischendes Kind.

IV.


Ich sprach oft mit Liv. Versuchte, zu erfahren, welche Hoffnungen sie mit einer Sch√∂nheitsoperation verband oder ob sie tats√§chlich der Meinung war, ihr Leben durch eine √Ąnderung ihres K√∂rper umkrempeln zu k√∂nnen.
Sie verstand mich nie.
Sie sah mich einfach mit diesen l√∂wenartigen, zu jener Zeit meist giftgr√ľnen Augen an und fragte mich, warum ich das alles wissen wollte.
Sie wurde nie ausfallend oder bissig oder gar sarkastisch. Liv Chat verschanzte sich hinter einer Mauer aus Höflichkeit und Charme und ließ es nie zu, dass etwas aus ihr hervorbrach von dem sie es nicht wollte.
Nat√ľrlich hat es Spa√ü gemacht, mit Liv zu reden. Ich bereitwillig gebe zu, sie das ein oder andere mal gereizt zu haben, lauernd neben ihrem Bett gesessen zu und gen√ľsslich zugesehen zu haben, wie sich ihre Iris von Glasgr√ľn nach Giftgr√ľn verf√§rbte und schlie√ülich f√∂rmlich zu gl√ľhen begann. Ich habe es getan, nur um herauszufinden, wie weit ich die stille, liebe, in sich gekehrte Liv aus der Reserve w√ľrde locken k√∂nnen.
Darum war es auch eine ... ziemlich negative Überraschung, man könnte es vielleicht sogar Schock nennen, Livs Interview zu lesen.

V.


Januar.

Hallo Welt.
Mein Name ist Liv Chat und ich bin eine Ente. Ein kleines, h√§ssliches Vieh, das in seinem Entent√ľmpel herumd√ľmpelt und nach glitschigen W√ľrmern sucht.
Nat√ľrlich schmecken mir die W√ľrmer. Sonst w√ľrde ich sie nicht suchen und essen, oder? Nur schmerzt es mich, als dummes Entchen immerzu dem Spott der anderen ausgesetzt zu sein. Der Biber macht sich √ľber mich lustig und sagt, ich sei zu fett, es w√§re ja ein Wunder, dass ich √ľberhaupt schwimmen k√∂nnte und die ganzen anderen V√∂gel, die Spatzen und die Amseln und vor allem die Schw√§ne sehen mich an, als w√ľrden sie mich am liebsten tot picken. Ich bin die einzige Ente im Teich.
Nein, mein Vater ist keine Ente. Hey, das ist eine Beleidigung! Mein Vater ist der sch√∂nste Schwan von allen! Er strahlt so wei√ü, dass es weh tut, ihn anzusehen und er besch√ľtzt mich vor den anderen b√∂sen Schw√§nen und sagt mir, ich solle nur warten, ich w√ľrde irgendwann auch zu einem Schwan werden und dann k√∂nnte ich fliegen, wohin ich wollte und mir ganz viele Enten suchen, die ich aufbauen w√ľrde.
Was denkst du von mir?! Dass ich ‚Äď wenn ich erst mal ein Schwan bin ‚Äď zu den Aufgeplusterten gehe und mit ihnen tratschte und quatschte?! Du kennst mich nicht, du kennst mich √ľberhaupt nicht, gib es zu.
Na und wenn schon. Du musst es ja nicht direkt behaupten, du kannst es ja auch zwischen den Zeilen verlauten lassen. Zwischen den Zeilen lesen, heißt das.
Dacht ich mir. Na egal. Jedenfalls ... wenn ich ein Schwan bin, dann suche ich mir einen wundersch√∂nen T√ľmpel voller W√ľrmer und freunde mich mit den Enten an.
Nein, das ist kein Traum, das ist ein Plan.
Find ich auch, ganz toller Plan.
Das wei√ü ich noch nicht so genau. Mein Vater meinte immer, irgendwann w√ľrde ich von ganz allein erkennen, dass ich ein Schwan geworden bin, aber im Moment sp√ľre ich nichts davon. Ich sehe jeden Morgen in den Spiegel und stelle doch fest, dass mich noch immer das h√§ssliche Entlein entgegenstiert, das sich am Abend zur Ruhe gelegt hat. Es ist deprimierend.
Ja, davon habe ich geh√∂rt. Vielleicht geh ich irgendwann einmal hin, aber im Moment m√∂chte ich einfach nur nach W√ľrmern suchen und schauen, ob ich nicht doch irgendwo eine Ente in meinem T√ľmpel ausmachen kann, verstehst du ... ?

Februar.

Hey, dich gibt es ja noch!
Gut geht’s mir, Danke. Ich war gestern ... du weißt schon wo. Ich habe gefragt, ob man aus einem Entlein einen stolzen Schwan machen könnte ...
Nat√ľrlich kann man das.
Ich wei√ü es nicht. Ich scheue mich ein wenig davor, wei√üt du? Es ist alles so ... so sauber da und ... Ich habe das Gef√ľhl, vor Scham im Boden versinken zu m√ľssen, wenn mich eine von den Hexen anspricht. Sie wollen alles m√∂gliche von mir, manchmal auch ...
Du kannst ja Gedanken lesen!
Unglaublich faszinierend. Jedenfalls f√ľhle ich mich dort unwohl. Es kommt mir vor, als w√ľrde ich die Hexen nerven, ihnen irgendwie auf den Schlips treten. Als wollten sie mich am liebsten fortjagen, weil ich doch so ein ... so ein ...
... genau ...

Februar.

Es ist mir jetzt egal, ob ich den Hexen auf die Nerven gehe oder nicht. Ich halte es nicht mehr aus. Die Schw√§ne hacken auf mir herum, sie lachen √ľber mich und √§rgern mich und erz√§hlen dumme Witze, wenn ich in ihrer N√§he bin. Und das schlimmste ist ihr Verhalten gegen√ľber meinem Vater. Sie verachten ihn! Sie behandeln ihn wie einen Auss√§tzigen, den man meiden muss! Oh Gott, er tut mir so schrecklich Leid ... Es ist meine Schuld, dass sie ihn so sehr triezen.
Na weil ich doch eine Ente bin. Sie verabscheuen Enten.

März.

Ich bin ein Schwan ... ich bin ein Schwan! Ich stehe morgens auf und gehe ins Bad. Dann hebe ich den Blick und sehe ‚Äď EINEN SCHWAN!
Danke, ich kann es selbst kaum fassen. Es war so ein langer Weg hierher und jetzt ... jetzt ... jetzt bin ich tatsächlich ein Schwan, kannst du dir das vorstellen?
... ich frage mich gerade ernsthaft, ob ich von dir etwas anderes erwartet hätte ...
Wie es hier ist? Oh, es ist toll! Die Hexen sind supernett und unterhalten sich mit mir, wenn ich reden will und sie bringen mir alles, was ich brauche und verlange ... Sie k√ľmmern sich um mich, als w√§re ich ihre Tochter!
Nein, leider nicht. Es gibt eine unter ihnen, die mag mich ganz offensichtlich nicht. Sie ist b√∂se. Ein b√∂se Hexe. Sie redet immer auf mich ein und will mir ein schlechtes Gewissen machen und alles und wenn ich sie frage, warum sie das tut, fl√ľchtet sie sich in fadenscheinige Ausreden ... Aber wei√üt du was?
Der Rest der Hexen mag sie auch nicht! Sie reden schlecht √ľber sie, wenn sie nicht in der N√§he ist und sie verachten sie, ich sehe es ihnen an!
Nat√ľrlich! Ich mag die alte Hexe nicht. Warum sollte ich Mitleid f√ľr sie empfinden, wenn die anderen sie doch auch nicht m√∂gen ... ? Es ist gut, Verb√ľndete zu haben ...

April.

Ich bin zu Hause. Mein Vater hat eine bombastische Willkommensparty veranstaltet und alle waren da ... ganze viele Schw√§ne! Und wie die alle gestaunt haben! Die Augen sind ihnen √ľbergegangen vor √úberraschung und sie haben versucht, sich bei mir einzuschleimen. Aber das k√∂nnen sie vergessen, das habe ich ihnen gleich gesagt. Ich lasse mich nicht von den Aufgeplusterten um den Finger wickeln, nein, nein, das k√∂nnen sie von vornherein vergessen.
Ich bin nicht Don Quichotte! Ich werde nicht in einen sinnlosen Krieg gegen die Schw√§ne ziehen, was wollte ich damit bezwecken? Doch werde ich sie nicht zu meinen Fl√ľgelm√§nnern machen.
Na ich will die Welt sehen! Meine Koffer sind gepackt, morgen fliege ich ab! Und dann suche ich mir einen heimeligen T√ľmpel mit ganz vielen Enten und ganz vielen W√ľrmern.

August.

Ich hab die Welt gesehen ...
Ich weiß nicht.
Ich habe das Gef√ľhl, meinen T√ľmpel nie verlassen zu haben. Wo ich hinging, traf ich Schw√§ne und Schw√§ne und immer neue Schw√§ne und alle haben versucht, mich um den Finger zu wickeln und ... es war gr√§sslich.
Doch! Viele! Unglaublich viele. Ich habe so viele Enten gesehen, dass es auf keine Kuhhaut geht ‚Äď
Nein, ein Wal w√ľrde auch nicht reichen. Jedenfalls ... diese Enten ... die waren komisch. Die waren ganz anders als ich ... also als ich noch eine Ente war. Die haben sich eingeigelt und sich vor der Welt verkrochen und als ich versucht habe, sie zu anzusprechen, sind sie gefl√ľchtet.
Nein, das ist nicht √ľbertrieben. Sie sind wirklich gefl√ľchtet. Hals √ľber Kopf. Als h√§tten sie panische Angst vor mir ...
Ich wei√ü es nicht. Vielleicht fliege ich noch einmal in die andere Richtung und suche dort mein Gl√ľck.

Oktober.

Ich kann nicht mehr fliegen. Ich kann es wirklich nicht. Ich weiß nicht, woher es kommt, aber ich kann nicht fliegen, nicht mehr. Ich bin ein kleiner dummer Schwan, der nicht fähig ist, seine Schwingen auszubreiten und einfach ... zu entschwinden ...
Ich weiß es doch nicht! Ich konnte fliegen, als mich die Hexen entlassen haben, aber ich kann es nicht mehr! Ich habe es verlernt! Und ... außerdem ...
Da ist noch etwas anderes.
Ich habe meinen heimatlichen T√ľmpel wieder gesehen. Es waren ganz viele Enten darin.
Nein, das ist nicht fabelhaft! Das ist ganz und gar nicht fabelhaft, das ist einfach schrecklich! Sie wollen nichts mit mir zu tun haben, sie fl√ľchten, genau wie all die anderen Enten, die ich getroffen habe!

November.

Vater ist böse auf mich. Die Schwäne hacken noch immer auf ihm herum, obwohl ich jetzt auch ein Schwan bin und sie doch so begeistert von mir waren ...
Er hat mir erz√§hlt, meine Mutter sei eine Ente gewesen. Ich habe meine Mutter nie kennen gelernt, sie ist sehr fr√ľh verstorben, aber Vater sagte, ich sei genauso dumm wie sie. Wir haben uns gestritten. Ich schrie ihn an, wie er sie dumm nennen k√∂nnte und er sagte, er k√∂nne es nicht nur, er t√§te es auch, sie w√§re eine ganz schrecklich dumme Ente gewesen.
Das hat er nicht gesagt. Aber ich habe die anderen Enten gefragt und die erzählten, sie sei eine herzensgute Ente gewesen.
Nein, mehr haben sie nicht erzählt. Mehr wollten sie einem Schwan nicht anvertrauen.

November.

Ich habe etwas herausgefunden. √úber meine Mutter. Mein Vater, der Schwan, hat mir ihren Namen verraten und es war ganz leicht, im Internet ein paar Recherchen anzustellen ...
Oh, nichts Wichtiges. Aber ich weiß jetzt, wie ich fliegen kann.
Das verrate ich nicht. Heute noch bin ich flugunfähig. Morgen werde ich fliegen. Auf Wiedersehen.

VI.


Ich stehe in Livs Wohnung und sehe mich um. Es sieht schrecklich aus. Die f√ľnf riesigen Zimmer wirken, als h√§tte vor ein paar Minuten eine Bombe eingeschlagen. Kleidung, B√ľcher, einzelne Papierschnipsel, Stifte, CDs ‚Äď alles liegt in einem wirren Netz des Chaos auf dem Boden. Man muss wirklich aufpassen, wohin man seinen Fu√ü setzt, will man nicht irgendein Glasfl√§schchen zertreten und sich einen h√ľbschen Splitter einziehen. Dickfl√ľssiges Sonnenlicht flie√üt durch die hohen Fenster der weitl√§ufigen R√§ume und vergoldet alles, was sich darin befindet. Gepflegte Gummib√§ume, Pflanzen aller Art, Schr√§nke, Kommoden, gl√§sernen Firlefanz an den W√§nden, flauschige Kissen auf den ausgesessene Sofas und Sesseln. Vom Fernseher ausgehend sickert ein statisches Knistern ins Schlafzimmer.
Ich betrachte Livs Bett und frage mich, wie sie sich so hat gehen lassen k√∂nnen. Zu der Zeit, als ich Liv kennen lernte, war sie ein penibles, stets auf Ordnung und Sauberkeit bedachtes Wesen, das nichts mehr hasste als Chaos. Wenn ich mir jetzt ihr saal√§hnliches Schlafzimmer ansehe, die √ľberquellenden Spiegelschr√§nke, das riesige Bett, die zerw√ľhlten Kissen und Decken, der Schmutz, der auf dem weinroten Teppich lagert, dann frage ich mich, was dem M√§dchen alles durch den Kopf gehen mochte, dass sie zu einer derart allumfassenden Wandlung f√§hig war.
Alex steht hinter mir auf seinen spindeld√ľrren Streichholzbeinen. Er sieht mir m√ľhsam √ľber die Schulter und betrachtet genau wie ich das unsch√∂n anzusehende Chaos in Livs Raum. Ich sehe im Spiegel, wie sich seine Lippen bewegen, doch dauert es, bis ich seine Frage f√ľr mich zu √ľbersetzen wei√ü.
‚ÄěWas hat sie gemeint ...‚Äú, fl√ľstert er leise und ich muss mir das Lachen verkneifen, obwohl seine Stimme erstaunlich nach dem √ľberdrehten Quietschen einer Maus in Todesangst klingt. ‚ÄěWas hat sie gemeint mit diesem ... Heute noch bin ich flugunf√§hig. Morgen werde ich fliegen.‚Äú
Ich drehe mich um, sehe ihn an. Das √ľbliche Haifischgrinsen liegt auf meinen Lippen. Ich sage nichts, stapfe lediglich gem√§chlich durch das w√ľste Zimmer und √∂ffne die hohe Glast√ľr, die zum Balkon f√ľhrt.
Stinkende, verseuchte Luft und der √úbelkeit erregende L√§rm einer pulsierenden Gro√üstadt schwappen mir entgegen. Blitzende Chromv√∂gel ziehen ihre Bahn √ľber den fahlgelben, ausgewaschenen Himmel, Autos kriechen durch die H√§userschluchten der Stadt und spucken ihre giftigen Abgase in die Luft.
Ich mag Städte nicht.
Alex tastet sich schrittchenweise auf den Balkon vor, wobei er den Blick tunlichst auf mich heftet. Die Nervosität, die er mir mit jeder seiner plumpen Bewegungen vermittelt, ist fast physisch greifbar.
Als er sich bis auf einen Abstand von einer knappen Elle zur mir vorgearbeitet hat, holt er tief Luft und fragt noch einmal: ‚ÄěIch ... mich w√ľrde interessieren, was Sie mit Ihrem Ausflug auf den Balkon bezwecken, Miss, ich fragte doch nur -‚Äú
Meine Hand schnellt vor, packt den aufquiekenden Alex im Nacken und beugt ihn √ľber das Gel√§nder des Balkons, soweit sein hervorquellender Bauch es erlaubt. Unten, vor dem Aufgang zu Livs pomp√∂ser Wohnung, hat sich eine kleine Menge nach oben stierender Menschen versammelt.
‚Äě ... was sie mit fliegen meinte, ich wei√ü‚Äú, zische ich leise und ich sp√ľre ihn unter meiner Hand erzittern. ‚ÄěVerstehst du das denn nicht, Pflaumenhirn? Liv ist geflogen. 23 Stockwerke weit.‚Äú

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"Reality is Ralph." (Stephen King: 'Lisey's Story'/'Love')

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