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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Mein Olymp - Deisterspaziergang
Eingestellt am 05. 07. 2009 09:04


Autor
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Epiklord
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2009

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Der k√ľhle Ostwind hatte eine Woche zuvor riesige Schneemassen in den Deister transportiert, und schon tauten sie wieder ab. Es war ein Ger√§usch im Wald, als wenn tausende Wasserh√§hne tropften. Vereinzelt lagen Schneeplacken herum wie eine versprengte Schafherde. Und mit der aufkommenden D√§mmerung schlichen graue Dunstschwaden umher.

√úber einen verwilderten Pfad qu√§lte ich mich hinauf ins Gebirge. Nur mein Mischlingshund Greif begleitete mich. Die Bergschuhe pappten immer wieder fest an dem schlammigen Lehmboden. Durch den d√ľsteren Fichtenbestand, den ich nun durchquerte, dampfte der Muff von fauligem Humus. Dann wieder mit einer frischen Brise Luft den steilen Anstieg hinauf zum Steinbruch. Auf dessen Aussichtsplattform w√ľrde man sich endlich verlieren im Panorama und in der Tiefe unseres Seins.

Meine Sorgen, die ich aus dem Tal mitschleppte, aus dieser Provinzstadt im Weserbergland, waren zum Gl√ľck bald fortgewischt. Als h√§tte man Sand in ein Glas Wasser gemixt. Hier, drei Schritte von der Abbruchkante eines Felsens, setzte sich das Tr√ľbe, fielen all meine Probleme, senkten sich ab wie der Sand in dem stiller werdenden Wasser.

Im Schneidersitz hockte ich gegen den gedrungenen Stamm einer Eiche gelehnt, dem felsigen Abgrund nahe. Ein Streifen dichten Unterholzes wucherte da unten, ein trotzender Wall. Und die Menschen in der Stadt waren nur noch Striche, die Dicken unter ihnen fette Punkte, die Kursiven waren wohl die Buckligen.

Der blaue Himmel √ľber den skelettierten Buchenwipfeln f√§rbte sich violett; im Erdgeschoss des Fichtenbestandes musste es bereits dunkeln. Nur die Kronen der Nadelb√§ume schimmerten mattgr√ľn, ein auffrischender Wind entfachte in ihnen ein Rauschen. Nun der Abstieg.

In der Feuchtwiese am Waldrand war es still. Zarte Nebelgespinnste krochen den Boden entlang, und etwas sp√§ter hinter einer Anh√∂he tauchten in der Ferne verschwommen die Lichter von einem Bauernhof auf. Ruhig und verschlafen lag er da, wohlig an den S√ľllberg hingeschmiegt.

√úber eine Wiese schlenderte ich gleich hinter dem Hausbrunnen, die absch√ľssig an einem Bachlauf endete. Inzwischen verzauberte der Halbmond mit seinem gedimmtem Licht die Landschaft. Bauchhoch versank die Flur in silbernen Nebelschleiern. Wie durch ein Getreidefeld watete ich darin herum, blickte staunend √ľber die dunstende Fl√§che weit hinauf in einen gigantischen klaren Himmel. Die Sterne schienen der Erde sehr nahe; so tauchte ich ein in die Unbegreiflichkeit dieses endlosen Raumes.

Dann verlor sich mein Blick im Grau des Horizonts, w√§hrend Greif unruhig knurrte und fiepste, mich kurz fragend anschaute. Mit meinem Nachtglas ersp√§hte ich einen Sprung Rehe auf der gegen√ľberliegenden Seite des Baches, auf einem dieser liederlich abgeernteten Stoppelr√ľbenfelder. Ab und zu schnellte eins ihrer H√§upter mit langem Hals und gespitzten Lauschern empor, verharrte eine Weile wie versteinert und tunkte ruckartig wieder in die Nebelschicht hinein. Mein Hund beruhigte sich wieder.

Wie Geisterfiguren nun die dumpfen Silhouetten der Zaunpf√§hle, die verschleierten Weidenst√ľmpfe und bizarren Baumskelette am Bach. Begann es jetzt zu spuken? Ein verdorrter Ast erschien mir pl√∂tzlich wie der drohende Arm eines Elfen. Unheimliche Stille. Durch meinen K√∂rper schauderte der Ruf eines Kauzes aus einem nahen Buchenhain. Das lichte W√§ldchen hatte sich nun in eine schwarze Festung verwandelt. Und ins Gestr√ľpp davor sah ich gerade noch durch meinen Feldstecher einen Fuchs davon schn√ľren.

Die k√ľhle Luft wurde zunehmend feuchter, der Atem schwer. Greif stellte urpl√∂tzlich einem Hasen nach, hetzte einen Moment hinter ihm her, vorbei an einer j√§mmerlichen Esche, lie√ü aber genauso schnell wieder ab von seiner Jagd, als Meister Lampe sich in der D√§mmerung aufzul√∂sen schien. Aus Greifs hechelnder Schnauze stoben wie aus einer Dampfpfeife winzige Wolken hervor und √ľber uns pl√∂tzlich die klagenden Schreie versp√§teter Wildg√§nse, die rasch am Halbmond vorbeiflogen, unwirklich, aneinandergebundene Papierdrachen, die magisch davongezogen wurden.

Irgendwann dr√§ngte Greif nach Hause, ich folgte m√ľden Schrittes. Das letzte einsame Geh√∂ft vor unserem Wohnort erschien von weitem wie ein riesiger Scherenschnitt. Eine Schleiereule schwebte dicht √ľber uns hinweg, wir schreckten auf, denn ihr leichter Luftzug und ihr Schatten √ľberraschten uns wie ein Schlag aus dem Nichts; ger√§uschlos glitt sie weiter um den Giebel des Hauses. Schlie√ülich kehrten wir in den Ort ein. Fr√∂stelnd √∂ffnete ich die Eichent√ľr zu meiner Diele; eine heimelige W√§rme str√∂mte uns entgegen.

*

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Haremsdame
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Hallo Epiklord,
sch√∂ne Bilder hast Du da gemalt. Manchmal noch etwas zu √ľberfrachtet mit Adjektiven, aber das wird sich mit der Zeit schon noch abschleifen. Da es ein Tagebucheintrag ist, m√∂chte ich mich nicht an eine √úberarbeitung machen, sondern nur meine spontane Meinung dazu kund tun. Nur beim flgenden Satz kann ich nicht anders, hier muss ich meinen Senf dazu geben:

quote:
Der blaue Himmel √ľber den skelettierten Buchenwipfeln f√§rbte sich violett;
Wenn Du das Blau des Himmels weglie√üest, f√§nde ich den Satz besser. Vielleicht nur Geschmackssache? Ich meine aber, Du k√∂nntest mit K√ľrzungen das Ganze sehr verdichten und verbessern ...
Gruß von der Haremsdame
__________________
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

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Epiklord
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2009

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Ja, stimmt dass mit dem Himmel. Ist mir gar nicht aufgefallen. Danke!

LG E.

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