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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Mein Opa
Eingestellt am 13. 12. 2005 17:57


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Zwillingsjungfrau
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Mein Opa

Als Kind war ich fest davon ĂŒberzeugt, mein Opa habe magische KrĂ€fte. FĂŒr mich war er sowieso ein wundervoller Großvater. Wie oft sah ich ihn in Hamburg vor dem Ofen hocken, er fuchtelte mit den Armen, sprach Beschwörungsformeln in das dunkle Loch und zum Schluss pustete er. Kleine blaue FlĂ€mmchen flackerten auf und plötzlich brannte im Ofenloch dann ein warmes rotes Feuer.

Doch glaubte ich auch aus einem anderen Grund, mein Opa könne zaubern. Jedes Jahr, am Heiligen Abend, nahm er mich mit auf einen nahen Wochenmarkt. Wir wollten einen Tannenbaum kaufen. Ich war zu der Zeit noch ein kleiner KrĂŒmel. Hand in Hand zogen wir los und ich fand es immer wieder spannend.

Bei dem TannenbaumverkĂ€ufer angekommen, nahm Opa einen Baum in die Hand, betrachtete ihn von allen Seiten, fragte nach dem Preis, schĂŒttelte den Kopf und stellte ihn zurĂŒck. So begutachtete er den gesamten Tannenbaumbestand, nach dem Preis fragen, Kopf schĂŒtteln, zurĂŒckstellen, nĂ€chster Baum.

Der TannenbaumverkĂ€ufer hatte inzwischen eine Gesichtsfarbe, die so rot war wie seine MĂŒtze auf dem Kopf. Ich musste ihn immer wieder anschauen, weil ich glaubte, sein Kopf wĂŒrde gleich platzen.

Opa hatte eine besonders hĂ€ssliche KrĂŒcke von Tannenbaum entdeckt. Er war krumm und schief, unten ganz dicht zugewachsen, als hĂ€tte er einen Rauschebart und oben nur Stiel ohne Zweige, so als hĂ€tte er es ganz eilig gehabt, sich dem Himmel entgegenzustrecken. Opa hielt dieses verkrĂŒppelte Ding vor sich hin und wieder das gleiche Spiel, Preis erfragen, Kopf schĂŒtteln. Dann beugte er sich zu mir, strich mir ĂŒber das Haar und meinte zu mir: „Na, mien lĂŒtt Deern, nu gift’s dĂŒt Joor kenen Dannboom.“ EnttĂ€uscht fing ich an zu weinen, mir kullerten die TrĂ€nen nur so ĂŒber die Wangen. Der genervte TannenbaumverkĂ€ufer konnte nicht mehr. Er knallte Opa den KrĂŒppeltannenbaum vor die Brust und murmelte so was, wie „verschwindet“. Opa schnappte mich und den Tannenbaum, es ging zurĂŒck nach Hause. Auf dem Hof standen schon Mutti und Oma, um den neuen Tannenbaum zu begutachten.

Papa war nicht dabei, der war ja im Krieg. Ich wusste damals nicht, was das war, aber es musste schlimm sein, denn Mutti weinte oft, wenn sie von Papa lange keine Post erhalten hatte.

Mutti und Oma sahen uns und den Tannenbaum an, ein Aufstöhnen wie ein ooouuh, kam gleichzeitig aus ihren MĂŒndern. Mutti hielt sich die HĂ€nde vors Gesicht und ich dachte schon, sie wĂŒrde wieder weinen. Das mochte ich gar nicht. Mutti sollte nicht weinen sondern sich darĂŒber freuen, dass wir nun doch einen Tannenbaum hatten, auch wenn er gar nicht hĂŒbsch war. Aber dann sah ich die FĂ€ltchen an ihren Augen, die hatte sie immer, wenn sie ganz doll lachen musste.

Opa verschwand mit dem Tannenbaum in den Keller und ich wurde zu den Nachbarskindern zum Spielen geschickt. Ganz langsam ging ich um das Haus. Gar zu gern hÀtte ich einmal erlebt, was Opa im Keller nun machte. Am Kellerfenster blieb ich stehen und hörte ein SÀgen und HÀmmern. Ich roch auch Opas Leimtopf. Was das werden sollte, verstand ich nicht.

Am Nachmittag wurde ich gerufen und durfte erst in die Gute Stube, als ein kleines Glöckchen am Tannenbaum lĂ€utete. Erwartungsvoll betrat ich das Zimmer und da stand ein Tannenbaum, nicht der krumme schiefe mit dem Rauschebart, den Opa und ich vom Markt geholt hatten, sondern ein neuer wunderhĂŒbscher Tannenbaum, gerade gewachsen, die Zweige breiteten sich gleichmĂ€ĂŸig nach allen Seiten aus. Er war behangen mit funkelnden Kugeln, die Kerzen verbreiteten einen warmen Schein und die vielen Zuckerkringel waren alle in fĂŒr mich erreichbarer Höhe aufgehĂ€ngt.

Staunend sah ich zu Opa, wieder zum Baum, und wieder zu Opa. Fragen mochte ich nicht, doch war ich wieder einmal fest davon fest ĂŒberzeugt: MEIN OPA KANN ZAUBERN.






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Verantwortlich ist man nicht nur fĂŒr das, was man tut, sondern auch fĂŒr das, was man nicht tut.
Laotse

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flammarion
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eine

sehr nette geschichte. ich hoffe, es gibt ne fortsetzung.
lg
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Old Icke

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Zwillingsjungfrau
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Mein Opa

Liebe Flammarion,

diesmal wollte ich nur mit Worten malen. Ist mir wohl scheinbar gelungen.

Schöne Weihnachtstage wĂŒnscht
Ingrid
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Laotse

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flammarion
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da

ist dir wirklich ein sehr schönes bild gelungen.
lg
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Old Icke

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flying theo
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Mein Opa

Hallo und Danke schön
in den hohen Norden. Hab Dich mit Deinem Opa regelrecht gesehen.
Gruß aus Oberbayern
flying Theo
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Theo Auer

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Kejacothie
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jun 2005

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Hallo, so einen Opa hÀtte ich auch gern gehabt.

Die Geschichte gefĂ€llt mir, ich habe mich mit geschĂŒttelt ĂŒber den hĂ€sslichen Baum.

Schön, wie der Opa den Baum verwandelt hat, so klammheimlich.

In meinem Elternhaus wurde der Baum vor unseren Augen verschönert. Erst nachdem er richtig gut aussah, wurden wir ausgesperrt, weil das Christkind kam.

Kejacothie



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Ich sattle um, werde GĂ€rtnerin und begieße den großen Garten meiner Profil-Neu-Rosen

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