Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5551
Themen:   95213
Momentan online:
560 Gäste und 18 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Mein Schatz
Eingestellt am 05. 10. 2014 23:25


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Art.Z.
AutorenanwÀrter
Registriert: Oct 2012

Werke: 107
Kommentare: 133
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Art.Z. eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Mein Schatz

Sie war zu schlank fĂŒr ihre GrĂ¶ĂŸe. Ihr Haar verströmte einen sĂŒĂŸen Duft, doch die Augen glichen Eiskristallen. Ihre Nase war gestutzt und in Bahnen gelenkt, die den Vorstellungen eines virtuosen Plastikchirurgen geschuldet waren, der mehr auf IndividualitĂ€t als auf FunktionalitĂ€t seiner Kreationen Wert legte. Sie holte tief Luft und schloss ihre Lippen wieder. Schwermut gepaart mit unbeholfener Ungeduld lag in ihrem Blick. Sie fĂŒhlte sich unwohl und konnte es nicht verbergen. Der Schatten an der Wand neben dem Badezimmer wurde grĂ¶ĂŸer und wieder kleiner. Er schwoll an und senkte sich gen Boden mit jedem Wippen des Schaukelstuhls, in dem der Mann saß, angeschienen vom Licht der Nachtlampe.
Wie war er in die Wohnung gelangt? Hatte er einen SchlĂŒssel oder brach er das Fenster auf? Und wieso hatte sie es nicht geahnt? Ihre Intuition verließ sie immer öfter, je mehr sie sich der Liebe hingab. Unverantwortlich! Sie war selber schuld an dieser prekĂ€ren Situation und es wĂŒrde wohl ihr letzter Fehler werden.
Er erhob sich aus dem Schaukelstuhl. Sein Schatten tauchte die Wand in ein tiefes Schwarz. Sie wagte es nicht, ihn anzusehen. Allein am Schatten erkannte sie, was er tat und als dieser langsam kleiner wurde, hörte sie seine weichen Schritte. Bei jedem Auftreten so sanft wie damals.
Sie spĂŒrte seinen Geruch. Er umschlang sie, umarmte ihre Sinne und strömte gewaltsam in sie hinein. KĂ€lte und Feuchtigkeit – Moder, ein Wald im Herbst, nach einem starken Regen – daran erinnerte sie der Geruch.
Er beugte sich zu ihr und roch an ihrem Haar. Es duftete sĂŒĂŸ wie immer.
„Benutzt du immer noch dasselbe Shampoo“, fragte er flĂŒsternd.
Sie ĂŒberhörte es.
Ein LĂ€cheln schlich wie Eiskristalle auf Fensterscheiben im Winter sein Gesicht hoch. Ja, sie war immer noch so temperamentvoll wie damals. Er kannte sie in- und auswendig. Also spielt er weiter sein Spiel. Nun war er am Zug.
„Magst du mich nicht anschauen, Schatz?“, zischte er ihr ins Ohr. Wie eine Schlange wanden sich seine Finger um ihren Hals. Kalt und rau.
„Wer hat dir das mit deiner Nase bezahlt? War wohl ein Billigpfuscher aus Polen oder wolltest du bald im Zirkus anfangen?“
Seine Finger griffen nun nach ihrem Haar und rissen ihren Kopf ruckartig nach hinten. Sie schrie kurz auf, verschluckte aber die nĂ€chsten drĂ€ngenden Töne im Wissen um seine Warnung. Sie musste still sein. Bloß still sein.
„Na, was ist, du kleines Flittchen? Rede, wer ist dein neuer Maker? Ist er reich? Wo hast du ihn aufgegabelt?“
Sie keuchte vor Schmerzen: „Niemand, ich bin allein.“
„LĂŒg mich nicht an. LĂŒg mich bloß nicht an!“, schrie er und zog an ihren Haaren. Sein Gesicht war nun ganz nah an ihrem und er sah ihr in die Augen. Er lachte wieder eisig.
„Ich bin heute nicht umsonst hier. Du fragst dich sicher, wie ich reingekommen bin. Ich kenne dich doch. Ich kann jeden Gedanken von deinen Augen ablesen. Gerade fragst du dich, ob ich mein Wort halten werde und nicht ins Kinderzimmer gehe. Hab ich recht?“
Sie schien sich wieder gefasst zu haben. Ihr Blick fand die StÀrke, seinen Augen zu begegnen.
„Wir können das wie erwachsene Menschen klĂ€ren. Lass unsere Tochter aus dem Spiel“, antwortete sie selbstsicher. Kein Zittern in der Stimme.
„Nein, das können wir nicht“, antwortete er. „Und ich sage dir auch, wieso.“
Er ließ ihr Haar los und richtete sich wieder auf. Im Licht der Lampe glitzerte das Klebeband um ihren Körper. Sie war so wehrlos, so hilf- und schutzlos. Das gefiel ihm. Er fĂŒhlte sich stark.
„Wir“, fuhr er fort, „wir schulden uns noch etwas.“
Er entfernte sich mit weichen Schritten von ihr und nahm wieder im Schaukelstuhl Platz.
„Weißt du noch, was wir uns damals versprochen hatten?“, fragte er sie, ohne sie anzuschauen.
Sie schwieg.
„Respekt! Wir hatten uns Respekt versprochen. Ich weiß, du siehst mich jetzt als deinen Feind an, als jemanden, der dein Leben zerstören will, aber glaube mir, es ist allein deine Schuld.“
Er begann wieder zu schaukeln. Sein Schatten schlich rhythmisch ĂŒber die Wand.
„Du hĂ€ttest dein Wort halten sollen, dann wĂ€re es nie so weit gekommen. Rache ist nie eine gute Lösung, wenn man am kĂŒrzeren Hebel sitzt. Wusstest du nicht, dass ich dich finde? Hattest du nicht genug Zeit, mich kennenzulernen? Und eines solltest du in den sieben Jahren gelernt haben. Ich halte mein Wort. Immer!“ Seine Stimme war gefasst und leise. Bis auf das „Immer!“ hielt er dieselbe Tonlage, dann wurde er lauter. Als ob er sich diese Unbeherrschtheit nicht verzeihen könnte, tadelte er sich spielerisch, indem er seine HĂ€nde ausbreitete und sie schlichtend nach unten bewegte. Seinen Lippen entfuhr wieder ein Zischen.
„Was habe ich dir damals gesagt?“, fragte er kontrolliert und fast lautlos.
Sie öffnete ihre Lippen und holte Luft. Sollte sie schreien? Konnte sie noch etwas retten? WĂŒrde er es wirklich tun?
Sie wandte ihr Gesicht zu ihm. Er schaukelte behÀbig und schaute aus dem Fenster.
„Schau mich bitte an“, sagte sie mit einem schwachen Zittern in der Stimme. „Bitte, ich kann alles erklĂ€ren.“
Er reagierte nicht. Sein Kopf begann nun im Rhythmus des Schaukelns mitzuwippen, so als ob er sich selbst eine Vermutung bestÀtigen wollte.
„Was habe ich dir damals gesagt?“, wiederholte er seine Frage.
Gut, sie musste jetzt mitspielen. Das war die einzige Chance. Sie musste diesem Psychopathen gehorchen. Nur so konnte sie sich und ihre Tochter vielleicht noch retten.
„Liebe deine Feinde, denn sie sagen dir deine Fehler“, sagte sie laut und deutlich in der Hoffnung, es wĂŒrde seinen Erwartungen genĂŒgen.
Er stoppte das Schaukeln, atmete tief ein und wieder aus.
„Genau“, sprach er langsam und zog die letzte Silbe stimmlos in die LĂ€nge. „Und jetzt werde ich dir deine Fehler sogar zeigen, mein Schatz.“

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Charybdis
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Sep 2014

Werke: 5
Kommentare: 42
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Charybdis eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Lieber Art.Z.,

vorab möchte ich kurz etwas Allgemeines feststellen: Ich habe definitiv nichts gegen Geschichten, die nicht alles erklÀren. Ich finde dies teilweise sogar anregend, wenn es geschickt gemacht ist, weil so der Autor dem Leser eine eigene Phantasie gestattet. Ich finde so auch ErzÀhlungen, die ein offenes Ende haben, nicht enttÀuschend, sondern sie lassen Variationen zur eigenen Interpretation, zum eigenen Fortspinnen der Geschichte.

Allerdings, finde ich, muss eine Story dennoch einen festen Kern haben. Ich persönlich möchte zumindest wesentliche Eckpunkte kennen, mit denen ich dann etwas anfangen kann. Diese entdecke ich aber in "Mein Schatz" nicht so richtig.

Der Plot selbst ist ja nicht ungewöhnlich, jedoch immer wieder erschreckend. Ein Psychopat ĂŒberfĂ€llt eine Frau, schleicht ihr offenbar schon seit lĂ€ngerem hinterher, hat sie nun gefunden, nach langen Jahren. Komplizierter wird das alles, weil eine gemeinsame Tochter existiert, die auch noch im Kinderzimmer schlĂ€ft. Nun ist man neugierig, fiebert mit, möchte wissen, worum es geht, ob alles gut ausgeht oder ob Schrecklicheres geschieht. Du hast bis zu diesem Punkt den lesenden Voyeur in uns gut eingeladen.

Nun aber löst die Story in mir widerstrebende GefĂŒhle aus. ZunĂ€chst einmal wechseln die ErzĂ€hlsichten stĂ€ndig. Mal ist es die Frau, mal der Mann, mal ein offenbar neutraler Beobachter. Es geht aber so schnell, dass man nie wirklich fokussieren kann. Wovor wird gerade eigentlich gesprochen? Und wer erlebt das gerade?

Des weiteren werden ein paar VersatzstĂŒcke in den Ring geworfen, die aber in der gesamten weiteren Geschichte niemals weiterentwickelt werden. Da wird beispielsweise angedeutet, dass die Frau sich gerĂ€cht habe. Von Rache ist die Rede. Was genau hat sie gemacht? Hat sie den Mann einst angezeigt? Oder war da etwas anderes geschehen? Ist das bloße Abtauchen, das Fliehen vor ihm, schon Rache? Hier wĂŒrde ich mehr Informationen wĂŒnschen.

Die Handlungsmotivation des Mannes scheint zu sein, dass er die Frau besitzen möchte. Macht, Besitz. Dies suggeriert schon der Titel "Mein Schatz", zudem fragt er ja nach dem neuen "Macker", den es vielleicht gar nicht gibt. Nur große Teile der Unterhaltung bleiben - zumindest fĂŒr mich - beim Lesen schablonenhaft. Da wird von Respekt gesprochen, ohne dass der Mann weiter ausfĂŒhrt, was er denn mit Respekt meint.

SelbstverstĂ€ndlich könnte man nun sagen, dass es schwierig ist, einen Psychopathen ĂŒberhaupt zu verstehen, so dass derartige Aussagen auch quasi in der Luft hĂ€ngen können, aber Du, als Autor, lĂ€sst uns ja zeitweise in sein Inneres schauen. Ich hĂ€tte mir hier ein paar mehr ErklĂ€rungen gewĂŒnscht. Was meint er mit Respekt?

Auch das Ende lĂ€sst einen fragend, aber unbefriedigt zurĂŒck. "Liebe deine Feinde, denn sie sagen dir deine Fehler." Nun ja, ein weiser Spruch, der natĂŒrlich Angst macht, wenn sich ein Psychopath auf ihn beruft, nur was genau sind denn jetzt die Fehler, die er der Frau zeigen möchte? Dass sie fortgelaufen ist? Wie zeigt er diesen Fehler? Oder dass sie ihm keinen Respekt erwiesen hat? Da nicht klar wird, was er mit dem Respekt meinst, fehlt mir die Idee, was hier geschehen soll. Oder dass sie sich wohl einst rĂ€chte? Wie? WofĂŒr? Was war denn damals?

Tja, und man kann das alles nicht mehr wie unter Erwachsenen regeln, wie der Mann sagt? Was genau meint er damit? Erwachsene reden, und Nicht-Erwachsene fĂŒgen sich Schmerzen zu? Oder was ist angesagt? So, wie es geschrieben ist, bleibt der Spruch eine PlatitĂŒde. Vielleicht ist das auch gewollt, da die Frau in einer Ausnahmesituation ist und der Mann ein VerrĂŒckter, nur dem Leser hilft das nicht.

Und am Ende: Foltert er nun die Frau? Tötet er das Kind? Kann sein, kann auch nicht sein. Obwohl das zwar erschreckende Optionen sind und ich, wie schon gesagt, offene Enden durchaus mag, lĂ€sst mich diese Geschichte am Ende ganz konkret ziemlich kalt zurĂŒck, weil ich mich gar nicht tief genug in sie hineinleben kann. Mann und Frau bleiben blasse Muster, und da man ĂŒber sie nicht genug erfĂ€hrt, verzichte ich darauf, fĂŒr das Kind zu zittern.

Bitte sei mir nicht zu gram. In meinen Augen könnte man aus dem Plot allerdings mit nur ein wenig mehr Infos zu den Personen (muss möglicherweise gar nicht viel sein), mit ein bisschen mehr WĂŒrze sozusagen, etwas viel Intensiveres schaffen. Ich wĂŒrde es mir wĂŒnschen, und dann macht mir das Lesen bestimmt deutlich mehr VergnĂŒgen.

Bearbeiten/Löschen    


Art.Z.
AutorenanwÀrter
Registriert: Oct 2012

Werke: 107
Kommentare: 133
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Art.Z. eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Charybdis,

vielen Dank fĂŒr deinen langen und ausfĂŒhrlichen Kommentar.

Der Gedanke bei der Geschichte war es, eine klassische Kurzgeschichte zu schreiben. Ich habe ein paar Geschichten von Borchert gelesen und wollte so etwas ausprobieren.
Du hast Recht, ich sollte mehr ĂŒber den Mann schreiben und etwas zur Rache der Frau. Das wĂŒrde den Leser mehr familiĂ€r mit den Charakteren werden.
Danke fĂŒr deine Anregungen. Damit kann ich sehr gut weiterarbeiten.

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung