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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Mein Selbstmord
Eingestellt am 01. 06. 2001 12:37


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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

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Ich steige bed√§chtig die Stufen zur Br√ľcke hinauf. Mein Herz schl√§gt nicht schneller als sonst, aber es scheint in w√ľtendem Protest gegen meinen Brustkorb zu h√§mmern. Dies sind die letzten Augenblicke meines Lebens.
Ich war heute Abend auf dem Geburtstag meiner besten Freundin, wir kennen uns noch aus der Schulzeit, wir hingen immer wie Saugn√§pfe aneinander. Noch heute verstehen wir uns fast ohne Worte, manchmal gen√ľgt ein Blick und wir werden wie damals von Schulm√§dchenkichern gesch√ľttelt. Es war eine wunderbare Feier - wie wir gelacht haben, ich war eine der letzten die ging.
Als ich in der sommerlichen Morgend√§mmerung auf der Strasse stand, beschloss ich, nicht nach Hause zu gehen, sondern durch den menschenleeren Park zum Rhein zu spazieren, das Gr√ľn, die V√∂gel und die taufeuchte Wiese, alles geh√∂rte mir ganz alleine.
Es ist Sonntag, ich sah auf die Uhr ‚Äď bald halb f√ľnf.
Ich war gl√ľcklich. Nach dem lauten Fest war es hier so ruhig, dass ich meine Haut als Grenze zur Welt f√ľhlte. Mein Gl√ľcksgef√ľhl hingegen dehnte sich immer weiter aus, wurde Teil des Universums. W√§hrend ich noch diese ungewohnt sanfte Luft einsog, beschloss ich, auf die Eisenbahnbr√ľcke zu gehen und herunter zu springen.
Ich wusste in diesem Augenblick genau, dies ist f√ľr mich der Tag zu sterben.
Ich will nie wieder sprechen, nicht mehr lachen, denken. Nicht mehr beherrscht oder ausgelassen sein, kein Mensch mehr sein, nur noch die Energie meiner Materie.
Jetzt steige ich bedächtig die eisernen Stufen der hohen Wendeltreppe hinauf. Ich versuche zu verstehen, warum ich so plötzlich diesen Entschluss gefasst habe.
Ich habe selten √ľber meinen Tod nachgedacht, sicher hatte ich auch traurige Tage, aber noch nie ist mir ernsthaft in den Sinn gekommen, mich zu t√∂ten. Selbst wenn ich schneidenden Liebeskummer hatte, schien mir mein Tod nie eine L√∂sung. Eher hegte ich da schon Mordgedanken. Aber das ist alles lange her. Seit f√ľnf Jahren lebe ich in einer Beziehung, wie ich sie mir immer ertr√§umt habe.
Mein Leben ist makellos, ich m√ľsste mich anstrengen, um etwas Belastendes zu finden. Nein, wenn sich jemand vor einer Stunde nach meinem Befinden erkundigt h√§tte, w√§re meine ehrliche Antwort gewesen, dass es mir pr√§chtig gehe. Auch jetzt geht es mir nicht schlecht, ich f√ľhle dass meine Mundwinkel sich kleine L√§chelnester gebaut haben. Nein, es geht mir wirklich nicht schlecht.
Obwohl ich v√∂llig sicher bin, in wenigen Minuten von der Br√ľcke zu springen, f√ľhlte ich mich weder bedr√ľckt, noch denke ich √ľber mein Leben nach. H√∂chstens ein Anflug von Melancholie, der meinem leuchtenden Gl√ľck wie ein Kometenschweif folgt. Ich habe auch nicht das Gef√ľhl, einem Zwang zu unterliegen. Ich habe Nachsicht mit den harten Schl√§gen meines Herzens, wundere mich nur, wie genau es meine Absichten lesen kann. Meine Hand liegt noch auf dem rostigen Treppengel√§nder, w√§hrend ich sehe, wie die hellgelbe Sonne den Morgendunst inhaliert. Es wird wieder ein sehr hei√üer Tag werden. Ich werde ihn nicht mehr erleben, aber es ist gut so.
Vielleicht ist der Abschied von der Welt viel schwerer, wenn man dies aus Trauer, Krankheit oder Schuld tut. Dann gilt es abzuw√§gen, Gr√ľnde aufzuz√§hlen, sich Rechenschaft abzulegen. Ich schwelge darin ohne Not, √ľber mein Leben bestimmen zu k√∂nnen.
Mein Freund liebt mich, aber er wird dar√ľber hinwegkommen. W√§hrend ich zur Mitte der Br√ľcke schlendere, scheint mein Blut sich zu Champagner zu wandeln. Ich bin im v√∂lligen inneren Gleichgewicht, liebe das Leben ebenso wie den Tod.
Pflichtschuldig hake ich kostbare Erinnerungen an meine Familie und Freunde ab. Noch vor der Br√ľckenmitte bin ich damit fertig. Noch nie hatte ich ein so starkes Empfinden, ein Teil der Welt zu sein. Trotzdem durchwandere ich mein Hirn und versuche ungew√∂hnliches zu entdecken. Ich will doch sicher gehen, nicht ein Opfer von Drogen zu sein.
Aber bis auf die Gewissheit, dass dies der richtige Augenblick zum sterben f√ľr mich ist, l√§sst sich dort nichts au√üergew√∂hnliches entdecken. Ich mache sogar den ‚Äěmit geschlossenen Augen Finger an die Nase fassen‚Äú Test und benutze den Streifen des Fahrradweges, um zu sehen, ob ich nicht schwanke. Alles ist in Ordnung, der Alkohol ist wohl inzwischen verarbeitet, keiner hat heimlich Drogen in den Krabbencocktail gemischt.
Ich bin achtundzwanzig, ich hatte ein wechselhaftes, aber sicher kein schlechtes Leben. Heute wird es zu Ende sein. Jetzt stehe ich hier, sehe hinunter in den Sog des Stromes. Meine Seele fliegt ihm entgegen, es ist kein Tod, ich werde nur Eins mit der Ewigkeit. Ich habe keine Lust mehr, mein albernes Herz zu beachten, dass sich ausgedehnt zu haben scheint, inzwischen hat es bereits meinen Hals erreicht und macht sich selbst tief in meinem Gedärm zu schaffen.
Erstaunt stelle ich fest, wie genau man wissen kann, wann der richtige Zeitpunkt ist, um zu sterben. Die Indianer wussten das auch; sie gingen dann auf einen Berg, wenn die Sonne aufging, befahlen sie ihrem Herzen aufzuhören zu schlagen. Heute kann das keiner mehr.
Wenn jetzt der Eindruck entstehen sollte, ich sein Esoterikerin, kann ich nur sagen, dass ich mich h√§ufig in Diskussionen zu diesem Thema unbeliebt gemacht hatte, ob meiner rationaler Einstellung. Auch geh√∂re ich nicht zu den Anh√§ngern von ‚Äělive fast, die soon‚Äú. Die Vorstellung von Alter schreckt mich nicht. Mein Geist war mir immer wichtiger als mein K√∂rper, obwohl das Schicksal mich auch hier vortrefflich ausgestattet hatte.
W√§hrend ich √ľber das Gel√§nder gebeugt in die Tiefe sehe, bemerke ich ein vorstehendes Gitter einen halben Meter unterhalb von mir. Das sollte kein Problem sein, nachdem ich √ľber das Gel√§nder geklettert bin, werde ich mich darauf hinab lassen und von dort aus springen. Selbst wenn der Aufprall nicht t√∂dlich sein sollte, werde ich auf jeden Fall ertrinken, weil ich nicht schwimmen kann. Der Tod, den ich gew√§hlt habe, birgt kein Risiko, er erforderte lediglich einen klaren Willen, mehr nicht.
Mit Nachsicht denke ich an Dinge, die Menschen wohl in den letzten Minuten ihres Lebens durch den Kopf gehen. Nebens√§chlichkeiten - die Erinnerung an das erste Mal, als man dem Schwan das St√ľckchen Brot gereicht hatte, an das schreckliche Vorsingen in der Schule, die erste Nacht alleine in einem Zelt voller Ameisen und M√ľcken, das abgerutschte Pr√§servativ und die schrecklichen zwei Wochen Angst, den Geruch von H√ľhnersuppe, Shalimar, Welpen und Waldmeisterwackelpudding.
Ich bin erleichtert, nicht an all diese Banalit√§ten zu denken. Ein Schlepper f√§hrt unter der Br√ľcke durch, er zieht vier Kohlek√§hne. Ein wei√üer Hund l√§uft die Reling entlang. Ich muss warten, bis der letzte Kahn durch ist, schlie√ülich will ich nicht mit gebrochenen Knochen auf einem Berg Kohlen landen. Wenn ich Schiffe vom Ufer betrachtete, hatte ich immer das Gef√ľhl, sie bewegen sich kaum. Jetzt, von hier oben betrachtet, scheint das Schiff unter der Br√ľcke hindurch zu rasen.
Wie wenig bewusst lebt ein Mensch. Ich habe immer versucht, jeden Augenblick auszukosten, in mich aufzusaugen und zu begreifen. M√∂glicherweise ist dies der Grund, dass ich schon in so jungen Jahren wei√ü: dies ist der Augenblick f√ľr mich, zu gehen.
Während ich zusehe, wie das Schiff weiter stromauf fährt, steigt mir der ekelhafte kalte Rauchgeruch meiner Haare in die Nase. Wie mag ich nur aus dem Mund stinken…, ich suche in meiner Tasche nach einem Pfefferminzbonbon und lege es mir unter die Zunge.
Wenn ich jetzt dar√ľber nachdenke, eigentlich war diese Party heute Abend total langweilig und spie√üig. Ich erinnere mich, √ľber welche Witze ich gelacht habe‚Ķ, nein, daran will ich jetzt nicht denken.
Nicht ein interessantes Gespr√§ch habe ich gef√ľhrt, die Musik war viel zu laut und dazu noch schlecht. Angela hatte einfach einen Schei√ümusikgeschmack, kein Rap, Soul oder Rock nur Techno, von abends acht bis heute morgen Techno, als w√§re sie alleine auf der Welt. Aber die G√§ste haben mich eigentlich auch alle nicht interessiert, Grafiker, Studiomusiker und eine √ľberdrehte Goldschmiedin. In einem Wort alles M√∂chtegernk√ľnstler.
Angela hatte auch Klaus eingeladen, obwohl sie genau wei√ü, dass ich ihm nicht mehr begegnen will. Nat√ľrlich ist sie trotzdem meine beste Freundin, r√ľcksichtsvoll war sie ja noch nie. Dazu fehlt ihr einfach die Sensibilit√§t, aber daran habe ich mich gew√∂hnt. Allerdings dass sie mir zumutet einen ganzen Abend mit Klaus zu verbringen, ist schon ein starkes St√ľck; wo sie doch genau wei√ü was er mir angetan hat.
√Ąrgerlich schlage ich mit der Hand auf das Gel√§nder. Ich hatte fester geschlagen als ich dachte, es tut verdammt weh. In meiner Handfl√§che ist ein kleiner roter Punkt. Hier muss ein Eisensplitter stecken, ich habe eine sehr zarte Haut. Hoffentlich gibt das keine Blutvergiftung. Eigentlich sollte ich immer Handschuhe tragen; fr√ľher war dies bei Damen ja √ľblich, aber heute w√ľrden mich die Leute f√ľr affektiert oder, schlimmer noch, f√ľr krank halten.

W√§hrend ich √ľber all das nachdenke merke ich, meine Stimmung ist zerst√∂rt, wie ein Soufflee in sich zusammengefallen. Ich bin selbstverst√§ndlich noch immer ein Teil des Universums, aber ich empfinde es kaum noch.
Nat√ľrlich kann ich trotzdem springen, aber es ist nicht mehr das selbe, es w√ľrde nicht mehr dieses Gl√ľcksgef√ľhl sein, es genau im richtigen Augenblick zu tun.
W√§hrend ich langsam zur Uferstrasse zur√ľckschlendere, f√ľhle ich mich ruhig und ausgeglichen. Heute ist nicht der letzte Tag, an dem ich sterben kann, da bin ich mir v√∂llig sicher.

Um halb sieben liege ich dann im Bett, greife aus dem unordentlichen B√ľcherstapel neben mir den Band, ‚Äě√Ėsterreichische Erz√§hler‚Äú.
Ich beginne eine Geschichte √ľber einen Leutnant zu lesen, ich glaube gleich schlafe ich ein‚Ķ‚Ķ‚Ķ

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Lady Darkover
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jun 2001

Werke: 113
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Hallo Kyra,

gute Geschichte. Wie oft hat man schon Selbstmordgedanken gehabt, aber dann doch nicht getan. Eigentlich ist es ja ein Hilferuf. Das ist doch wieder typisch Mensch, √ľber Banalit√§ten macht man sich Gedanken, doch wenn es darauf ankommt h√∂rt niemand richtig zu.

Lady Darkover
__________________
Ich bitte um eure Meinung zum Text.

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Frank Zimmermann
Junior Mitglied
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Registriert: Jan 1999

Werke: 41
Kommentare: 273
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Wechselbad

Ein Text wie ein Wechselbad! Nach den ersten Passagen war ich emp√∂rt √ľber die Botschaft, der Verkitschung eines Suzides und war mir sicher, der Text ist schlecht. Doch ich las weiter, machte mir klar, da√ü es ja noch nichts schlechtes ist, die Gedanken einer Protagonistin zu erz√§hlen und erz√§hlt wird hier wirklich gut.
Dann habe ich beschlossen, der Text ist tiefgr√ľndiger als erwartet. Die Aufz√§hlung der Nebens√§chlichkeiten, die einem am Ende vom Leben √ľbrigbleiben, ist ganz phantastisch. Klar dachte ich, hier ist die message: die Protagonisten erkl√§rt Dinge zu Nebens√§chlichkeiten, die die Essenz des Lebens sind, sie hat keinen Durchblick und deshalb ist ihre Haltung keine von der Autorin gew√ľnschte Romantisierung der Selbstt√∂tung, sondern ein kritischer Fingerzeig.
Dann kippt die Geschichte, die Selbsttötung scheitert an den Banalitäten des Lebens, diesmal den wirklichen; ein versöhnlicher Ausgang. Und doch bleibt, trotz aller erzählerischen Könnerschaft der Autorin, der fade Nachgeschmack der Botschaft: wenn das Leben am schönsten ist, sollte man es beenden, dann wäre es richtig. Ist nur zu hoffen, daß diese Botschaft nicht von den falschen Leuten gehört wird...
__________________
fz

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Marc Mx
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2000

Werke: 3
Kommentare: 66
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Widerspruch...

Heutzutage einen Text zu schreiben, der im Leser sofort Widerspruch auslöst, das ist selten und eine Kunst!!!
Doch auch mir ging es beim Lesen des Textes fast so wie Frank. Aber ich finde es gut, daß der Text nicht nur Widerspruch erregt sondern mich auch sehr nachdenklich macht...
Aber der Titel gefällt mir nicht. Er trägt zwar zur Spannung bei, weil er eine gewisse Erwartung auslöst, aber letztlich hält er sie ganz und gar nicht ein...
Die Beschreibung vom "brodelnden" Blut finde ich etwas zu kitschig. Vielleicht k√§me es besser, wenn Du stattdessen verschiedene andere Merkmale von Aufregung beschreiben w√ľrdest. Ein bi√üchen zu dick aufgetragen ist mir auch die Empfindung zur Fete: Erst ganz toll, dann mies. Besser f√§nde ich, wenn Du zuerst den sch√∂nen Teil der Fete beschreiben w√ľrdest und hinterher dann das bl√∂de. Aber so, da√ü der Leser merkt, da√ü beides stattgefunden hat! Auch denke ich, da√ü der Text an einigen Stellen noch etwas gestrafft werden k√∂nnte und einige Fromulierungen bed√ľrfen meiner Meinung nach auch noch der drigenden √úberarbeitung. Aber sonst denke ich, gerade wegen dieses gewissen Widerspruches kann aus diesem Text ein wirklich interessantes St√ľck Prosa werden...
Viele Gr√ľ√üe
MarcPlanet.de

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