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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Mein Spiegelbild ist gestorben
Eingestellt am 01. 12. 2000 09:58


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Mein Spiegelbild. Es ist gestorben.
Seit Wochen sehe ich ihm beim Sterben zu. Erst hat es mich nur traurig angestarrt. Dieser eigenartige Blick. Mitleidsheischend. Dieses arme geplagte Bild von mir. Aber auch mitleidig.
Ich konnte mir erst keinen Reim dieses Ausdrucks auf meinem Spiegelbild erdichten. Doch es war Mitleid. -- Mit mir. Es wu√üte, das es bald sterben w√ľrde.
Ich w√ľrde mein Spiegelbild bald nicht mehr haben. Und das wu√üte es. Es w√ľrde bald fort sein. Tot. Dahin. Aus der Spiegelwelt gebrochen und zerklirrt.
Mein Bild siechte dahin. Unendlich langsam. Wie das Welken einer Welt. Es wurde krank und immer schwächer. Ich sah es niemals etwas essen. Stets hatte ich den Eindruck, es tat immer nur so, als nehme es mit mir etwas zu uns.
Restkr√ľmel fielen unter den Tisch. Sie blieben dort liegen.
Mein Spiegelbild schlich verstohlen umher, als suche es nach seinen Spuren. Dabei trat es nur meine Gegenwart klein.
"Laß mich doch nicht so gehen!" rief ich meinem Spiegelbild zu. "Wie ich aussehe! Schau dich doch nur an!"
"Nein." fl√ľsterte es. "Das kann ich nicht. - Das sollst nur du."
Jene Augen, die den meinen glichen, wie ein Ei dem anderen, versanken in ihren H√∂hlen. Die Mundwinkel zogen sich in die Tiefe des immer spitzer und kantiger werdenden Kinns. Bildeten eine Br√ľcke der Qual. Unsicher gest√ľtzt auf dem d√ľnnen und trocken schluckenden Hals. Der ganze K√∂rper sackte in sich zusammen, als sei jemand aus ihm gewichen und nichts nehme dessen Platz ein.
"Schau nur um dich!" rief ich meinem Spiegelbild zu und es regte den mir so identischen Kopf. Seine schuldbewußten Blicke schlichen durch den Raum.
Vorbei am Lebensbaum, dessen verdorrten Wurzeln sich durch die Wände traten. Vorbei am Fenster, hinter dem die fremd gewordenen Nächte schwarz und schweigend explodierten. Durch die Ecken, in deren Innern die Schatten gebärten. Aus der ganzen Verlegenheit drumherum gähnte Leere.
"Gib mir Ruhe." √§chzte mein Spiegelbild. Die Stimme, die wie meine klang, nur viel schw√§cher, stemmte sich aus diesem verfallenen K√∂rper und aus dem Spiegel heraus, wie aus einer K√ľhlzelle. "Gib mir Ruhe. Nur du kannst es. - Bitte. - Schau mich nicht so lebendig an. - Ich kann nicht mehr sein."

Ich gab meinem Spiegelbild Zeit. Ich drehte alle Spiegel um und gab sie der Wand zur bewahrenden Dunkelheit. Lange Zeit war ich nicht zu sehen.
Ich staunte mir nicht in die Augen.
Ich biß mir nicht in die Lippe.
Ich streckte mir nicht die Zunge heraus.
Ich f√ľhrte mich nicht an der Nase.
Ich fletschte mir nicht die Zähne.
Ich sprang nicht √ľber meinen Schatten.
Doch dann ... Irgendwann. ... hielt ich es blind nicht mehr aus, mich nicht zu sehen. Und ich drehte mir mich im Spiegel zu.
Ich erbleichte von Angesicht zu Angesicht. Ich erkannte mich selbst nicht mehr. Mein Schatten war meiner selbst. R√∂chelnd lag mein Spiegelbild in meinem erschreckten Blick. Die Augen rollten zuckend und unsicher in dem Sch√§del, wie St√ľtzr√§der an Kinderfahrr√§dern. Eine hauchfeine Schicht bleicher Haut spannte sich um die hervortretenden Knochen. Bleich. Gleich einem Seidenhemd im Winter. Seine Finger zupften nerv√∂s an ihren roten N√§geln. Auf dem Teppich lagen Haarb√ľschel herum. Der Fu√üboden st√∂hnte unter dem mangelnden Gewicht meines Gegen√ľbers. Die W√§nde in dem Spiegel √§chzten. Sie ertrugen meinen Anblick nicht, mit dem ich mein Bild marterte.
Dann hob mein Spiegelbild flehend seine Arme. Wie verdorrte Zweige wuchsen sie mir entgegen. Flatterten fiebrig, als st√ľnden sie unter Strom. "Es tut mir leid." fl√ľsterte mir mein Spiegelbild zu.
Dann wurde es von der Zeit zertreten.
Ich dr√ľckte nochmal beide Augen zu.

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Flori
Hobbydichter
Registriert: Dec 2000

Werke: 6
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Mein Spiegelbild

Ich will mich nicht zu breit außlassen, schließlich hab ich gerade schon meinen Senf zu "Wut" dazu gegeben.
Versteh ich die Aussage richtig das der "Held" mit seinem Leben nicht zufrieden ist? Ich deute die Sache mit dem Spiegelbild als eine Methaper daf√ľr. Die Sache schmeckt f√ľr mich nach Selbsthass.
Zu der Ausf√ľhrung dieser K.G. kann ich dir echt nur gratulieren. Das hat mir sehr gut gefallen. Du hast es geschafft das Leiden und den Verfall sehr glaubw√ľrdig r√ľber zu bringen. Ich war richtig mitgeri√üen. Weiter so Markus!

P.S. Schreib mir und erzähl ob meine Theorie richtig war.

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Marc Mx
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2000

Werke: 3
Kommentare: 66
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Erstmal macht der Text neugierig. Ich habe ihn ohne zu z√∂gern durchgelesen. Das ist gut. Den Einw√§nden von Jan mu√ü ich allerdings auch recht geben und was mich am meisten st√∂rt, ist der scheinbare Pessimismus. Scheinbar deshalb, weil ich nat√ľrlich noch ein bi√üchen √ľber den Text nachdenken k√∂nnte. Vielleicht ist da ja tats√§chlich eine Botschaft versteckt. Aber warum dieses Spielchen? Solche Texte geh√∂ren meinetwegen in den Deutschunterricht. Ansonsten stelle ich mir nur die Frage: Was soll das? Und wozu? M.M.n. ist der Text noch nicht fertig. Da fehlt noch die entscheidende Wende!!! Der short story big point - wo ist der???

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Yossarian
Hobbydichter
Registriert: Oct 2000

Werke: 14
Kommentare: 71
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Hi
Jan hat die Sache schon richtig erkannt. Metaphern wie "wie das Welken einer Welt" sind schon seltsam, seit wann welken Welten ?
Von der Grammatik und den furchtbaren Sätzen ganz zu schweigen. Zum einen wäre da der ES-Tick genannt:
"ES wurde krank und immer schw√§cher. Ich sah ES niemals etwas essen. Stets hatte ich den Eindruck, ES tat immer nur so, als nehme ES mit mir etwas zu uns", sowas gibts noch √∂fters. Oder "Mein Schatten war meiner selbst. R√∂chelnd lag mein Spiegelbild in meinem erschreckten Blick. Die Augen rollten zuckend und unsicher in dem Sch√§del, wie St√ľtzr√§der an Kinderfahrr√§dern." Oh Gott !
Noch Schlimmer: "Und ich drehte mir mich im Spiegel zu."
Ich habe auch das Gef√ľhl es mangelt hier etwas an √úberarbeitung.
Durch diese verqueren Sätze entstehen zumindest bei mir auch keine Bilder.



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Flori
Hobbydichter
Registriert: Dec 2000

Werke: 6
Kommentare: 8
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Ich finde Yossarian, das gerade solche Sätze deren Sinn nicht gleich zu erfassen ist, die fruchtbarsten Interprettaionen erzeugen. Geschichten die man gleich durschaut sind doch langweilig!

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