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Leselupe.de > Kurzprosa
Mein Vater
Eingestellt am 06. 02. 2009 19:51


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kleinebÀrin
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Registriert: Sep 2008

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Die Gardinen sind wie immer zugezogen, verwehren uns den Blick auf den im Sonnenlicht liegenden weitlÀufigen Gartens.
Er sitzt mir gegenĂŒber auf dem Sofa, ordnet mit langsamen, bedĂ€chtigen Bewegungen Papiere, die er auf dem Sofa und dem Tisch verteilt hat. "Rechnungen, nichts als Rechnungen" murmelt er, wirft mir einen mißtrauischen Blick zu und schiebt sie eilig, bevor ich einen Blick darauf werfen kann, in Schnellhefter. Dann ĂŒberkommt ihn das BedĂŒrfnis zur Toilette zu gehen. „Ich muss Wasser lassen“. So wie unzĂ€hlige Male zuvor an diesem Tag und in der zurĂŒckliegenden Nacht, im Zwanzig-Minuten Rhythmus. So wie an allen Tagen und in allen NĂ€chten der zurĂŒckliegenden Monate.
Sehr hĂ€ufiger Harndrang, konstatiere ich, zurĂŒckzufĂŒhren auf die Herzinsuffizienz. Die Arbeitsleistung des Herzens betrĂ€gt nach Aussagen seines behandelnden Kardiologen gerade noch fĂŒnfzehn Prozent.
MĂŒhsam erhebt er sich, steht mit leichtem Schwanken auf, geht mit tastenden, zittrigen Schritten zur Toilette. Ich eile ihm zur Hilfe, ergreife seine Hand um ihn zu stĂŒtzen.
Und ich fĂŒhle nichts, kein Mitleid mit ihm, bin wie erstarrt und gelĂ€hmt.

SpĂ€ter am Nachmittag fahre ich an den See, laufe wie betĂ€ubt am Ufer entlang, finde mich irgendwann auf einer Bank sitzend wieder. Lange bleibe ich dort. AllmĂ€hlich erst nehme ich die stille WasseroberflĂ€che wahr, die ruhig dahin gleitenden schwarzen BlĂ€sshĂŒhner und die Schwalben hoch oben am Himmel. Ich spĂŒre die angenehme AbendkĂŒhle auf meinen bloßen Armen und Beinen, und ich sehe, dass meine FĂŒĂŸe, die in Sandalen stecken, gebrĂ€unt sind. Erst jetzt weicht die LĂ€hmung von mir. Macht Platz fĂŒr GefĂŒhle des Schmerzes in meinem Inneren und der Hilflosigkeit. Nichts kann er loslassen, abgeben. Will noch stets alles selber regeln, in der Hand halten. Bis zum Platz des Kabels und kleinsten Nagels


* * *
Den langen Weg, auf dem mit jedem abnehmenden Kilometer die Hoffnung wuchs, dass wir dieses Mal miteinander ins GesprÀch kÀmen, hatte ich hinter mich gebracht.
Um ihn am Nachmittag in seinem letzten Sommer zu besuchen.
Zuvor hatte ich in der BĂ€ckerei Streuselkuchen gekauft. Weil er den so gerne isst. In der Hoffnung erstand ich ihn, an diesem warmen, sonnigen Tag mit meinen Eltern im Garten sitzen zu können. Unter dem alten Apfelbaum, mit dem ich seit den Kindertagen befreundet war, der seine gebogenen Äste auf so hungrige Weise noch stets der Sonne entgegenstreckt. Wider besseres Wissen erstand ich ihn. Als könnten sie sich zugestehen, jemals etwas in Ruhe zu genießen. Sie, die sich nicht mal den Besuch eines Cafes gönnten, sondern stattdessen ihren Kaffee in einem Stehcafe tranken.
Wir saßen zuerst im Wohnzimmer. Dann aßen wir den Kuchen in der KĂŒche, weil sie keine Zeit hatten mit mir im Garten zu sitzen.
Meinen Vater hielt es nicht auf seinem Stuhl, kaum dass er seine Tasse ausgetrunken hatte.
Er machte sich zitternd, gebeugt, mit schleppenden Schritten, in unertrĂ€glicher Langsamkeit, mit einem so anrĂŒhrend nutzlosen, viel zu kleinen Spazierstock in der Hand, auf den Weg um das Haus zur Garage. Dort war einer der Handwerker, den er tags zuvor beauftragt hatte, damit beschĂ€ftigt die InnenwĂ€nde der Garage weiß zu kalken. Ich folgte ihm, versuchte ihn zu ĂŒberreden sich in den Garten zu setzen. Doch mit verbissenem Gesicht, mich mit einer Ă€rgerlichen Bewegung abwehrend, schaffte er es bis zu der Garage. Stellte sich vor das geöffnete Tor, verfolgte leicht schwankend jede Bewegung des Arbeiters. Mit diesem wechselte ich einen besorgten Blick, das Angebot des Mannes, ihm einen Stuhl zu holen, wies er erbost mit harscher Stimme ab. Mit Fassungslosigkeit verfolgte ich, wie er dem Handwerker Anweisungen erteilte, das Streichen korrigierte und die PlĂ€tze fĂŒr Kabel und NĂ€gel anordnete.
Ich konnte seinen Anblick nicht mehr ertragen, jeder Blick in sein angestrengtes blasses Gesicht empfand ich wie einen Schlag gegen mich. Auf dem Weg zu meinem Auto sah ich, wie meine Mutter auf dem BĂŒrgersteig vor dem Haus kniete, mit einem Messer in der Hand kratzte sie das Gras aus den Fugen der roten Pflastersteine. „So gehört es sich“ rief sie mir mit hochrotem Kopf zu, „der GĂ€rtner, der fĂŒr diese Arbeit sein Geld umsonst kriegt, dem werde ich zeigen, was grĂŒndliche Arbeit ist!“
Deutsche grĂŒndliche Arbeit, fĂŒgte ich in Gedanken ihren Worten unwillkĂŒrlich hinzu, stieg in meinen Wagen und fuhr los


__________________
© uma

Version vom 06. 02. 2009 19:51
Version vom 07. 03. 2009 16:26

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suzah
Guest
Registriert: Not Yet

mein vater

hallo kleinebÀrin,

diese geschichte auch gerade entdeckt. sehr gut geschrieben. ich werde noch gern weitere texte von dir lesen.

"SpÀter am Nachmittag dann fahre ich an den See"
ich wĂŒrde das "dann" weglassen.

"viel zu kleinen Spazierstock", sagt man nicht zu "kurzer" spazierstock.

"Anweisungen erteilt,das Streichen korrigierte..."
hier mĂŒsste es dann auch "erteilte" sein.

liebe grĂŒĂŸe suzah

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kleinebÀrin
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Registriert: Sep 2008

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Liebe Suzah,

danke fĂŒr die sorgfĂ€ltigen VerbesserungsvorschlĂ€ge.

Bis auf "den kleinen Spazierstock" habe ich sie geĂ€ndert. ĂŒber klein oder kurz muss ich mir noch Gedanken machen.

Lieber Bluefin,

danke fĂŒr die RĂŒckmeldung.
Das Pastell in "Am Meer" scheint ĂŒberarbeitungbedĂŒrftig. Mal sehen...

Fröhliches Schreiben Euch weiterhin

Kleine BĂ€rin
__________________
© uma

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