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Leselupe.de > Kurzprosa
Mein Verhältnis zum Krebs
Eingestellt am 17. 07. 2000 00:00


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Bilbo
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2000

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Mein Verhältnis zu Krebsen
Ich sitze vor dem Fernseher und zappe von einem Programm zum anderen. Es war ein anstrengender, ermüdender Tag für mich. Da ist ein bisschen Entspannung vor der Flimmerkiste genau das richtige. Aber es läuft ja doch nichts Vernünftiges. Im Ersten zeigen sie gerade einen Naturfilm. Über Meerestiere: Fische, Quallen, Muscheln, Krebse. Krebse...
Langsam fallen mir die Augen zu und ich drifte ab in die Tiefen des Halbschlafs. Ich höre das beruhigende Rauschen des Meeres, während ich mit meiner Mutter am Strand spazieren gehe. "Pass auf, wo du hintrittst", sagt sie. Aber ich höre nicht, sondern laufe voraus. Wenn man erst fünf ist, passt man nicht auf, wohin man tritt. Sicher, ab und zu fühlt sich der Sand glitschig an, wenn ich auf eine gestrandete tote Qualle getreten bin. Dann bleibe ich stehen und quieke, nur um gleich weiter zu rennen. Als ich auf meine Mutter warte, sehe ich die Spuren, die meine Füße im Sand hinterlassen haben. Ich will näher ans Wasser, nur ein paar Schritte. Plötzlich spüre ich einen höllischen Schmerz an der Fußsohle. Ich schreie und falle nach hinten. Meine Mutter schreit ebenfalls und rennt zu mir. Sie will unter meinen Fuß sehen, aber es tut so weh. Irgendein kleines Tier läuft zwischen meinen Beinen davon. "Hab ich nicht gesagt, du sollst aufpassen!?" schreit mich meine Mutter an. Du hast Glück gehabt, es ist nur eine kleine Wunde. Du bist auf einen Krebs getreten, schau, da läuft er." Sie zeigt auf das Tier, das sich schon wieder im Sand verkriecht. "Krebse sind gefährlich, hörst du?" schreit Mama. "Krebse - gefährlich!" Ich fange an zu weinen und
schlage die Augen auf. Natürlich bin ich nicht am Strand, sondern immer noch in meinem Wohnzimmer. Ich bin auch nicht mehr fünf, sondern fünfundvierzig Jahre alt. Vierzig Jahre sind eine lange Zeit; und viel ist passiert seit damals. Ich hätte auf meine Mutter hören sollen, denke ich. Krebse sind gefährlich. Erinnerungen steigen in mir auf. Das erste Rendevouz mit meinem Ex-Mann....
Wir sitzen bei Kerzenschein im Restaurant. Es gibt Hirschragout, dazu einen leichten Rosè. Alles sehr romantisch. Plötzlich - ich weiß selbst nicht, wie es passieren konnte - fällt mir mein Glas auf den Boden und zersplittert in tausend Scherben. Ich werde rot, aber mein Gegenüber, ein gutaussehender Bekannter, beruhigt mich: "Scherben bringen Glück, mach dir nichts draus." Ich bringe ein gezwungenes Lächeln hervor und will ihn necken: "Du bist doch nicht etwa abergläubisch, oder?" "Nein", sagt er freundlich, "du etwa?" "Auch nicht besonders." Dann fragt er mich nach meinem Sternzeichen. Stier, sage ich. "Ein wilder Stier, soso", antwortet er nachdenklich, und dann: "Ich bin Krebs."
Eigentlich hätten schon da meine Alarmglocken klingeln sollen. "Krebse sind gefährlich" hat meine Mutter gesagt, als ich fünf war. Und ich hab es vergessen. Drei Monate später haben wir geheiratet, zwei Jahre danach verlor mein Mann seine Arbeit, begann zu trinken und mich zu schlagen. Noch ein Jahr später wurden wir geschieden. Alles nur, weil ich den Rat meiner Mutter nicht beachtet habe. Aber vielleicht hätte das auch nichts genutzt. Sie selbst hat ihr Wissen auch nicht schützen können. Ich grabe eine andere Erinnerung aus meinem Gedächtnis hervor, noch gar nicht alt. Ein Telefongespräch, das etwa ein 6 Monate zurückliegt.
"Ja, wer ist da?" melde ich mich. "Ich bin´s, deine Mutter", meldet sich die vertraute, zitternde Stimme. "Mama, schön dich zu hören." "Jaja". Sie wirkt nervös, irgendwie anders als sonst. "Ich muss dir eine Mitteilung machen." "Na dann schieß los". Jetzt bin ich aber gespannt, denke ich. "Ich war heute beim Arzt. Wegen meiner Magenschmerzen, du weißt schon." "Ja, ich weiß", sage ich, und eine seltsame Vorahnung ergreift mich. "Er hat gesagt...es ist...ist...Krebs!" Mutter fängt an zu schluchzen. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich kann nur sagen,
Krebse sind gefährlich. Warum hast du nicht aufgepasst, Mama, denke ich, während ich im Wohnzimmer sitze. Der Fernseher läuft immer noch, aber ich bekomme davon nicht viel mit. Mir ist nach Weinen zumute, doch selbst dafür bin ich zu müde. Schließlich habe ich bei der Beerdigung heute schon genug geweint. Ich merke nur unbewusst, dass der Film über Meerestiere zu Ende ist und die Tagesschau anfängt. Ich schlafe schon fast, habe keine Lust mehr, den Fernseher auszuschalten. Ich habe schon ein besonderes Verhältnis zu Krebsen, denke ich noch, bevor ein anderer Gedanke sich daran anschließt. Ich weiß nicht, woher er kommt. Im nächsten Moment schlafe ich. Erst später habe ich erfahren, dass ich in Wirklichkeit nur gehört habe, was der Nachrichtensprecher sagt. Er hat gesagt: "Heute ist der bekannte Schauspieler Dieter Krebs gestorben."

(Übernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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