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Leselupe.de > Humor und Satire
Mein Versuch eine verdammt gute Horrorgeschichte zu schreiben
Eingestellt am 01. 04. 2006 20:52


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Mortimer
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Mein Versuch, eine verdammt gute Horrorgeschichte zu schreiben

'Nasskalter Wind fauchte um ihr trockenes Haar'. Mist, verdammter. Das klingt wie ne 3-Wetter-Taft Werbung. 'trockenes' muss raus. Der erste Satz muss gleich reinkrachen. Das steht doch in jedem dieser 'Wie man trotz Sonderschulabschluss einen Wahnsinnsroman schreibt!'-Ratgeber. Der Leser muss quasi paralysiert sein. Sich kaum noch halten k├Ânnen vor Angst. Ihm m├╝ssen die Knie schlottern, der Angstschwei├č von der Stirn tropfen und dann muss er das Buch fallen lassen, weil seine H├Ąnde so verdammt stark zittern. Also nochmal von vorne.

'Brutal nasskalter Wind peitschte ihr mit einer Wucht ins Gesicht, dass sie beinahe ein blaues Auge bekam.'

So und jetzt muss da irgendwie der Antagonist auftauchen. Am besten nur skizzenhaft, aber eindrucksvoll charakterisiert ('Wie werde ich als Schriftsteller kn├╝ppelreich?' Band 2, Kapitel 3, Rn. 145). Zudem sollte er einen unvergesslichen Tick haben. ('Crashkurs Megaseller', Kap. 2, Rn. 20).

'Aus dem Halbdunkel sch├Ąlte sich eine Gestalt, die sich unentwegt am Kopf kratzte. Das Gesicht des Wesens war ├╝ber und ├╝ber mit prachtvollen Narben ├╝bers├Ąt.'

Irgendwas klingt da komisch. Mmmh? Ja, ja, genau: '├╝bers├Ąt' muss weg. Das klingt zu ├╝bertrieben.

'Aus dem Halbdunkel sch├Ąlte sich eine Gestalt, die sich unentwegt am Kopf kratzte. Das Gesicht des Wesens war ├╝ber und ├╝ber mit prachtvollen Narben gesprenkelt.'

Perfekt. So jetzt darf er aber nicht ausschlie├člich b├Âse sein, sondern er muss irgendwie ambivalent wirken. ('Scheine scheffeln mit der Schreibmaschine', Kap. 4, Rn. 10). Er muss praktisch einen st├Ąndigen Kampf zwischen Gut und B├Âse ausfechten.

'Das Wesen schritt auf die vor Angst versteinerte Frau zu. Er streichelte ihr liebevoll ├╝bers Haar. Sein Atem roch lustig nach Kaugummi. Pl├Âtzlich warf er sich zur├╝ck und das B├Âse schien von ihm Besitz zu ergreifen, doch er wehrte sich mit aller Kraft. Er schlug sich ins Gesicht und in die Magenkuhle. Doch das B├Âse gewann. Mit gl├╝hend roten Augen warf er sich auf die Frau und fra├č sie auf.'

Wenn ich's so lese, f├Ąllt's mir auf. 'Das B├Âse'. Das darf ich garnicht so explzit sagen. Der Leser muss sich da - angespornt durch meine suggestive Beschreibung - selbst ein Bild davon machen. ('Auf Knopfdruck Goethe', Kap. 12, Rn. 20)

'Das Wesen schritt auf die vor Angst versteinerte Frau zu. Er streichelte ihr liebevoll ├╝bers Haar. Sein Atem roch lustig nach Kaugummi. Pl├Âtzlich warf er sich zur├╝ck und sein Schatten wirkte wie ein geh├Ârntes Monstrum. Also wie der Teufel. Der ja nun nicht gerade als gut zu bezeichnen ist. Nach einem kurzen Fight mit sich selbst warf er sich mit gl├╝hend roten Augen auf die Frau und fra├č sie auf.'

Ich bin ja echt kein Macho, aber ich hab Null Mitleid mit der Kleinen. Das kann nur daran liegen, weil ihr etwas fehlt, was einem als Leser an ihrem Schicksal teilhaben l├Ąsst. Man muss quasi mit ihr mitleiden.('Der Schiller in dir', Kap. 8, Rn. 9)

'Nach einem kurzen Fight mit sich selbst warf er sich mit gl├╝hend roten Augen auf die Frau, die in ihrem Leben schon soviel Gutes getan hat, dass Mutter Theresa neben ihr wie Saddam Hussein neben Papst Benedikt wirkt.'

Jawoll. Das sitzt. Mir kommen fast die Tr├Ąnen, aber da muss ich jetzt durch. So, aber irgendwie fehlt da noch die kr├Ąftige Autorenstimme. ('Lass schreiben, Kumpel!', Kap. 17, Rn. 122).

'Nach einem ├Ątzend kurzen Free-Fight on itself warf sich das Monster mit einer hammerbrutalen Wucht auf die bl├Ątterteigzarte Zauberpuppe, dass es ihr das Porzellan aus den H├╝ften fegte. Dabei war die obers├╝├če Zuckerprinzessin doch so gut zu den Menschen, dass Mutter Theresa dagegen wie die Hure von Babylon wirkte. Dann bohrte er seine tyrannosaurusrexgro├čen und messerscharfen Z├Ąhne in sie hinein und vertilgte sie mit einem Haps. Das miese Schwein!'

Wundervoll. So jetzt muss aber wieder das Gute in ihm zu sehen sein.

'Als er sie verdaut hatte und ein monstertypisches S├Ąttigungsgef├╝hl eintraft ├╝berfiel in das schlechte Gewissen mit voller Wucht. Er fuhr sich mit seinen rasiermesserscharfen Klauen durchs Haar und stimmte ein wolfsrudelm├Ą├čiges Geheul an, dass wie eine Sirene durch die sterile Stille der Nacht wirbelte.'

Das wird immer besser. Jetzt fehlt aber noch die Pr├Ąmisse der Story. Quasi der moralische Wegweiser. ('Wie du es schaffst, dass dich Stephen King bei einer Schreibblockade anruft!', Kap. 18, Rn. 19)

'Irgendwie war das widerliche Monster aber doch nicht richtig satt geworden. Es musste noch einen unschuldigen Menschen, der in seinem Leben nur Gutes getan hatte, auffressen. Hierbei stellt sich bereits die Frage, ob immer Gut sein, wirklich von Vorteil ist. Oder ob man nicht doch so ein klitzekleines Bisschen fies sein sollte, damit einen dieses ekelige Monster verschont. Wer wei├č? Wer wei├č?'

Mist. Jetzt habe ich den Fehler mit dem moralischen Zeigefinger gemacht ('Schreib dich schwindelig vor Schotter!', Kap. 16, Rn. 8). Der muss raus.

'Irgendwie war das widerliche Monster aber doch nicht richtig satt geworden. Es musste noch einen unschuldigen Menschen, der in seinem Leben nur Gutes getan hatte, auffressen. NUR Gutes getan hatte. Das Monster dachte sich dabei, dass ihm ein Mensch, der sich auch hin und wieder moralische Fehltritte geleistet hatte, niemals so vorz├╝glich schmecken w├╝rde wie einer mit einer unbefleckten moralischen Weste.'

Wenn ichs mir Recht ├╝berlege, hab ich selbst ja auch nur Gutes im Leben getan. Wenn es jetzt dieses Monster tats├Ąchlich g├Ąbe, dann w├Ąre ich doch auf seiner Liste, oder nicht? Ich glaub, ich gehe mal eben etwas aus dem Supermarkt klauen. Sicher ist sicher.

---Nach etwa 30 Minuten ----

Jo, endlich wieder Kippen im Haus. Jetzt kanns weiter gehen. Auf dem Weg zum Supermarkt ist mir eingefallen, dass es mir sprachlich noch nicht so gut gelungen ist, durch den rhytmischen Wechsel von langen und kurzen S├Ątzen Spannung zu erzeugen.('Authors Blackbook', Kap. 6, Rn. 3). Ich werds einfach mal versuchen.

'Das Monster, das insbesondere durch seine wahnsinnig starke, an einen Silberr├╝cken (Gorilla), der sich gerade gepaart hatte, erinnernde Behaarung auffiel, schlenderte mit suchendem Blick, der dem Columbos, dem Fernsehkommissar, sehr ├Ąhnelte, durch den Wald, der mittlerweile, wie ein Friedhof, totenstill war. Pl├Âtzlich ein Rascheln. Monster hin. Mensch (nur gut) da. Haps.'

Das sitzt. Fehlt nur noch ein irre symphatischer Protagonist, der dem Mistvieh den Garaus machen wird.

'Als das Monster den Wald verlassen hatte, fiel ihm eine Traube von jungen, ├Ąu├čerst attraktiven Frauen auf. Sie alle umringten einen breitschultrigen Mann, dessen wallend langes blondes Haar zu einem Zopf gebunden war. Seine strahlend blauen Augen wirkten wie zwei Saphire inmitten seines scharfgezeichneten Antlitzes. Das S auf seiner gewaltigen Brust stand mit Sicherheit nicht f├╝r Sozialhilfe. Sein ├╝berdimensionaler Bizeps zeichnete sich durch den eng anliegenden Neoprenanzug ab. Ein blauer Umhang hing von seinen bierkistengro├čen Schultern herab.'

Und jetzt kommt der Vorteil, der bereits vor einigen Zeilen suggestiv angedeuteten, Pr├Ąmisse zur Geltung. Ich erspar mir n├Ąmlich jetzt die Erw├Ąhnung seiner Tugendhaftigkeit. Ich lass einfach das Monster sprechen!

'Wider erwarten st├╝rmte das Monster nicht auf eine der h├╝bschen Frauen los, sondern es steuerte zielgerichtet auf den breitschultrigen Mann zu. Ohne Vorwarnung biss es ihm ein St├╝ck aus dem gymnastikballgro├čen Bizeps heraus. Zum Gl├╝ck besa├č er danach noch immer Fussballgr├Â├če. Das Monster aber geriet derart in Verz├╝ckung, dass es vor Hochgenuss zu jauchzen begann. Mann, musste dieses Fleisch schmecken!'

Das ist mal eine Charakterisierung die seinesgleichen sucht!

Jetzt kann ich kurz vor Schluss auch noch die Technik des Z├╝ndschnur-in-Brand-setzens (Packungsbeilage der 'Goethe-Kapseln', Seite 14) zur Anwendung kommen lassen und gleichzeitig geschickt eine R├╝ckblende einbauen!

'Der breitschultrige Mann sch├Ąumte vor Wut, er holte aus und.....

Die Mutter des Monsters war bereits im 8. Monat schwanger, als ihr der Gyn├Ąkologe die schreckliche Wahrheit offenbarte.....'

Damit kann ich jetzt erst mal ordentlich Seiten f├╝llen. Von der Geburt, ├╝ber den ersten sexuellen Kontakt, der sich aufgrund der bereits erw├Ąhnten starken Behaarung ├Ąu├čerst schwierig gestaltete, bis hin zur ersten Anstellung als Wischmob. Das wird der absolute Knaller, ich habs im Urin!

Jetzt noch schnell den Showdown auf Blatt gezimmert und dabei einen total ├╝berraschenden Schluss einbauen und fertig ist der Bestseller.

'Das Monster griff erneut an. Seine Klauen ritzten die Haut des St├Ąhlernen auf. Superhorst torkelte. Das Monster ergriff seine Chance und setzte mit einem gewaltigen Schwinger nach. Das Knacken des Kiefers erinnerte an das Bersten eines Schiffrumpfes. Der St├Ąhlerne wurde gegen eine Laterne geschleudert. Da ging ihm ein Licht auf. Diesen Schlag hatte er nicht das erste Mal versp├╝rt. Mit blutigem Gesicht wankte er auf das behaarte Unikum zu. 'Papa?'. Das Monster war wie versteinert. 'Wie hast du mich erkannt?', dr├Âhnte es in sonorem Bass zur├╝ck. Im matten Licht der Laterne glitzerten Tr├Ąnen in den Augen des Monsters. 'Schei├če, Mann, ich bin es.'. Superhorst sp├╝rte wie ihm der Boden unter den F├╝├čen weggezogen wurde. 'Warum bist du abgehauen als ich 6 war? Warum hast du Mutter und mich alleine gelassen? Warum hast du uns dieses unendliche Leid angetan?'. 'Guck mich doch an, Junge. Mit der Behaarung h├Ątte ich doch nirgendswo nen Job gefunden '
Meine Chance, politische Themen einzuflechten ('Die goldende Schreibmaschine', Kap. 14, Rn. 12).
“Seit Hartz 4 gelte ich als schwer vermittelbar. Ich wollte euch einfach dieses Elend ersparen.'. Superhorst sank auf die Knie. 'Komm her mein Junge, lass uns Frieden schlie├čen!' . Der St├Ąhlerne l├Ąchelte matt. Dann warf er sich seinem Vater in die Arme.

Haps.'









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flammarion
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einfach

k├Âstlich vom ersten bis zum letzten wort, das es wahrlich in sich hat.
lg
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Old Icke

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Mortimer
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Moin Flammarion,
vielen Dank f├╝r die nette Kommentierung. Kann im Moment nicht mehr schreiben, mein Sohn liegt mir zu schwer im Magen ...

Gru├č Mortimer
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ja,

genau das ist es, man wei├č am ende nicht, wer wen fri├čt . ..
lg
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