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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Mein erster Roman
Eingestellt am 22. 10. 2014 12:26


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Kayl
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Registriert: Oct 2014

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Mein erster Roman


MerkwĂŒrdig, dieser Mensch. Er weiß fesselnd zu erzĂ€hlen von seiner Insel, den Quellen, Pflanzen, Katzen, Ziegen, mit denen er vier Jahre und vier Monate alleine war. Auf sich allein gestellt. Einsam, wie man es sich einsamer nicht vorstellen kann. Waren seine WutanfĂ€lle, die ruppigen Antworten auf die Fragen der Zuhörer die Folgen dieser Einsamkeit? Er hielt immer wieder im Redefluss inne, um einen Schluck aus dem Whiskyglas zu nehmen. Das Ende seines Vortrags war stets nicht die Schilderung seiner RĂŒckkehr nach England sondern seine Volltrunkenheit. Dann raffte er sich auf, „Ladies and Gentlemen, thatÂŽs the End!“, nahm die Whiskyflasche, schwenkte sie zum Abschiedsgruß hoch im Tabaksqualm, dass die nĂ€chst sitzenden Zuhörer einige Tropfen mitbekamen, wankte zur TĂŒr und verschwand im DĂ€mmerlicht des Korridors.
Ich hatte mir diesen Alexander Selkirk anders vorgestellt, aufrechter, krĂ€ftiger, beherrschter. Aus Allem sprach seine Abscheu vor der Gesellschaft. Er behauptete gar, er wĂ€re freiwillig auf diesem Pazifik-Eiland 350 Seemeilen westlich von Chile geblieben, weil er den mörderischen Alltag an Bord nicht mehr ertrug. Man glaubt es ihm fast, denn die Mannschaft des englischen Freibeuters „Duke“, die ihn am 2. Februar 1709 von der Insel MĂĄs a Tierra aufgelesen hatte und die zur HĂ€lfte an Skorbut litt, traf ihn gesund und munter an. Er lief zwischen den Felsbrocken der Vulkaninsel schneller als der Schiffshund. Noch eine Genugtuung fĂŒr ihn, dass er auf der „Duke“ seinen ehemaligen KapitĂ€n William Dampier wiedersah, zum Navigator degradiert.
Das Abenteuer dieses Seemanns war von Mund zu Mund gegangen, seit er 1711 mit Freibeutern zurĂŒckgekehrt war. In der Zeitschrift „The Englishman“ erfuhr ich 1713 zum ersten Mal von seinen Abenteuern. Seitdem ließ mich die Idee nicht mehr los, ihn zu treffen und seine Geschichte, so Gott will, in einem Buch zu schildern.
Die Droschke rumpelt durch die Dunkelheit Bristols zurĂŒck zu meinem Quartier. Ich frage mich, wie diesem groben Kerl beizukommen ist, wie ich ihm Einzelheiten entlocken kann. Nicht mit Geld, Geld hat er genug durch drei Jahre Freibeuterei. Ich kann ihm nur seinen Whisky, die Mahlzeiten und NĂ€chte im Gasthaus bezahlen. Und ich könnte ihn damit ködern, dass er durch mein Buch noch bekannter und begehrter wĂŒrde. Sollte er sich weiter sperrig zeigen, sollte er mir nicht sein Tagebuch ausleihen, werde ich mir die Freiheit nehmen, das Geschehen auf der Insel in meinem Werk nach GutdĂŒnken zu Ă€ndern. Vier Jahre scheinen mir zu gering. Ein halbes Menschenleben sollte es sein. Trotzdem darf er nicht nahezu stumm sein wie dieser Seemann bei seiner Rettung. Er muss seine Abenteuer heraus sprudeln können.
Ich werde auch anders beginnen. Den Dauerstreit mit dem KapitĂ€n im Herbst 1704 auf der Cinque Ports mit der Folge, dass er zur Strafe auf der menschenleeren Insel abgesetzt wurde, werde ich nicht erwĂ€hnen. Ich mache ihn zu einem SchiffbrĂŒchigen, der als einziger der Mannschaft fast ertrunken an den Strand gespĂŒlt wird. Damit bin ich der Wahrheit nicht allzu fern, denn die Cinque Ports sank schließlich tatsĂ€chlich, von Bohrmuscheln zerfressen, und nahm fast die ganze Mannschaft mit in den Tod.
Ich habe in groben ZĂŒgen mein Buch im Kopf, als ich vor dem Gasthof aus der Kutsche steige. Im Kerzenlicht meiner Stube werde ich die ersten Notizen machen. Ob sich die MĂŒhe lohnt? Soll ich es wagen? Das Gezerre mit dem Verleger, der mich kurz hĂ€lt und selbst ein Vermögen ansammelt? Gibt er mir 100 Pfund, vielleicht 200? Nach vielen Pamphleten, Flugschriften, Zeitungsartikeln wĂ€re es mein erster Roman. Der schwadronierende Seemann ist mir zuwider, aber seine Geschichte, obwohl nun acht Jahre alt, ist unglaublich, und noch nie ist das Erleben eines Menschen auf einem kleinen Eiland im Buch beschrieben worden.
Bisher war mein Tun als Daniel Foe, Autor und Herausgeber einer sozialkritischen Zeitung, als KĂ€mpfer fĂŒr politische und religiöse Freiheit, wenig eintrĂ€glich. Als 32-jĂ€hriger Kaufmann verlor ich mehrere wertvolle Schiffsladungen im Krieg gegen Frankreich und musste einen Bankrott von 17 000 Pfund erklĂ€ren. Erst mein satirisches Gedicht „The True-Born Englishman“ brachte 1701 mit 21 Auflagen so viel Erfolg, dass ich mich erdreistete, meinen Namen zu Ă€ndern. Was klingt denn vornehmer und flĂŒssiger? Daniel Defoe.
Dank einer Öllampe finde ich die hölzernen Treppenstufen, von unzĂ€hligen Stiefeln ausgeschliffen, den hölzernen Handlauf, von unzĂ€hligen Seemannspranken poliert. LĂ€rm dringt aus der Gaststube, und ein widerlicher Duft von Bier, heißem Fett und Tabaksqualm. Der Wirt hat mir verraten: KapitĂ€ne und SklavenhĂ€ndler feiern mit Dirnen ihre Erfolge. Ich versuche, möglichst wenig davon berĂŒhrt zu werden. Das SĂŒndhafte stĂ¶ĂŸt mich ab.
Da stehe ich allein im fremden Zimmer in kerkerhafter Dunkelheit, in fremden GerĂŒchen von modrigem Holz und Möbelwachs. AllmĂ€hlich erkenne ich schemenhaft Stuhl und Tisch und Bett. Ich gehe ans Fenster. Als graue Silhouette steht das Nachbarhaus, schwarzes Mauerwerk, schwarze Fenster, dunkle DĂ€cher, darĂŒber ein Himmel ohne Mond, ohne Sterne, der kaum einen Deut heller ist. Mir fröstelt. Selkirk wird kaum Ähnliches erlebt haben bei stets freiem Blick wo er ging und stand, keine Mauer, keine gespenstisch dunklen Fenster, keine bedrĂŒckend dĂŒsteren DĂ€cher.
Hier die muffige, dĂŒstere Stube, dort das paradiesische Eiland im grenzenlosen Meer unter grenzenlosem Himmelsblau.
Einerseits gefangen auf der Insel, hatte Selkirk doch die grĂ¶ĂŸtmögliche Freiheit. Was hatte er zu tun mit riskanten GeldgeschĂ€ften, VertrĂ€gen, zĂ€hen Verhandlungen mit Verlegern, dem aufreibenden Betrieb einer Ziegelei? Ich fĂŒhle mich eingeengt. Sein Tun beschrĂ€nkte sich auf das Lebensnotwendige, und das war nicht viel außer Sammeln, Jagen, Essen und Trinken. Er wurde nie dazu befragt, einzige Grenze war der Umriss der Insel. Vier Jahre Paradies? Zugegeben, ich bin durch meine gesellschaftskritischen Schriften bekannt und beliebt, bin von meinen AnhĂ€ngern gar aus dem GefĂ€ngnis geholt worden, aber hatte dieser einfache Seemann mit seinem mĂ€rchenhaften Inselleben und eintrĂ€glichen Kaperfahrten nicht das bessere Los gezogen?
An seinen Abenden in den Londoner Pubs wiederholte er: „Ich habe jetzt 800 Pfund, aber nie wieder werde ich so glĂŒcklich sein wie damals, als ich keinen Viertelpenny besaß.“
Ich hole die Schwefelhölzer heraus. Beim Aufflammen der Öllampe verschwindet die dunkle Mauer und mein Spiegelbild erscheint: ein 60-jĂ€hriger im Rock, mit Stickereien verziert. Üppige Locken fallen auf Brust und Schultern. Es sind nicht meine Locken, nur Zierrat, wie die Stickereien des Rocks, eine PerĂŒcke. Maskenhaft, unecht. War nicht Selkirk wahrhafter in seinem Wollpullover, der ĂŒppige Brusthaare freiließ, selbst volltrunken? Auch das Whiskyglas war kein Zierrat, er hat es gebraucht.
Eine Spinne tastet sich auf der Fensterscheibe vor und quert mein Spiegelbild, erst meine Stickereien, dann, weil ich noch in Gedanken stillstehe, meine kunstvolle PerĂŒcke. Eine Spinne in meiner PerĂŒcke, totes Haar, das nur der Zierde dient! Natur besiegt Kultur.
Ich muss lachen bei der Vorstellung, mit geputzten Stiefeln, reichlich besticktem Rock und prĂ€chtiger PerĂŒcke allein am Strand dieser Insel zu sitzen.
Hat mein Lachen jemand gehört? Nein, nur der LÀrm der Gaststube dringt als Gemurmel an mein Ohr.
Ich ziehe die Stiefel aus, hĂ€nge den Rock in den Schrank, ziehe die PerĂŒcke vom Kopf, betrachte den lockenhaarigen Putz und werfe ihn auf den nĂ€chsten Stuhl.
Aber, so ich dasitze im Unterkleid ohne Stiefel und PerĂŒcke, so sehr dieser Mann meinen Tugendvorstellungen Hohn spricht, hat er nicht im Gegensatz zu mir den Urbegriff der Freiheit erfahren?
WĂ€hrend ich notiere, fĂ€llt mir im Halbdunkel die PerĂŒcke ins Auge, vom Stuhl herunter gerutscht. Ich glaube zu trĂ€umen, sie bewegt sich am Boden. Von Mal zu Mal ruckt sie um Fingerbreite zur Wand. Die Tinte aus der Feder gestrichen, schaue ich zu, halb belustigt, halb verwundert. Nachdem ich aber einmal fĂŒr kurze Zeit im GefĂ€ngnis war, vermute ich richtig. Dort suchten Nager nach den Resten der ohnehin kargen Mahlzeiten.
Vor 16 Jahren wurde ich eingesperrt, weil ich in einem anonymen Beitrag gegen die Intoleranz der anglikanischen Kirche gewettert hatte.
„Halt, kleine Maus, die PerĂŒcke ist mein!“ Das Tierchen huscht ins Dunkel des Stubenwinkels. WĂ€re ich jetzt auf dieser Insel, wĂŒrde ich das MĂ€uslein sein Nest bauen lassen von meinem Kopfputz.
Was bedeutet Eigentum? Ist nicht diese Romanfigur das ideale Medium, diesen Begriff zu hinterfragen und dem Leser nahe zu bringen?
Was ist Eigentum? Attribut, Beiwerk, AnhĂ€ngsel, Teil einer Person, ĂŒber das sie lebenslang nach Belieben verfĂŒgt? Ohne Bezug zum Mitmenschen? Warum Erwerb, warum nicht Verzicht? „Eigentum“ scheint nicht nur ein juristischer, sondern auch ein psychologischer Begriff zu sein. Das Schicksal dieses isolierten Seefahrers zeigt es.
Die Insel, die Ziegen, Pflanzen, waren sie sein Eigentum? Warum sollte er darauf bestehen? Was hĂ€tte er auf der Insel mit Geld gemacht? Das Schicksal des Alexander Selkirk fokussiert die Probleme um Freiheit, Eigentum, Existenz, Religion und Lebenssinn. Ich werde dem Abenteuer deutliche Gesellschaftskritik beifĂŒgen. Raubein Selkirk wird mein Mittel sein zur Verbreitung meiner Ideen fĂŒr eine gerechtere Wirtschaftsordnung, fĂŒr Religionsfreiheit, geradlinige Politik.
Trotzdem stellt sich ein Problem. Wie soll der Einsiedler erkannt werden in seiner Beziehung zur Umgebung. Hilfreich wÀre ein Partner, vielleicht ein Widerpart, der Freiheit und Eigentum deutlicher werden lÀsst.
Sollte mein Eremit auf seinen StreifzĂŒgen menschliche Fußspuren finden? Sollte er auf einen Insulaner treffen, mit dem er seine Existenz teilt? Richtig, das wĂŒrde der Handlung Spannung geben. „Freitag“ sollte er heißen, nach dem Wochentag des Aufeinandertreffens.
Die Anmerkungen, die in mein Notizbuch fließen, sind das fĂŒr mich Neue des heutigen Abends, runden das Bild dieses vierschrötigen Seemanns ab. Mit einem 16-jĂ€hrigen MilchmĂ€dchen war er 1717 nach London durchgebrannt, war aber bald wieder auf See. Ebenso bald wieder an Land, heiratete er in Plymouth eine verwitwete Gastwirtin, und war wieder verschwunden, als er wegen Heiratsschwindels verfolgt wurde.
Das Licht der Öllampe ermĂŒdet. Ich lösche es. Das Bett riecht sauber nach Seife.
Sollte ich diesem schlechten Vorbild ein Denkmal setzen? Nein, mein Held heißt nicht Alexander Selkirk!
Seit Tagen geht mir ein Name durch den Kopf, der fĂŒr meine zukĂŒnftigen Leser die Bedeutung von Abenteuer und Freiheit haben wird, einer Freiheit ohne gesellschaftliche Konventionen, ohne bestickten Rock und ohne Lockenpracht einer PerĂŒcke. Ein Name, der nach salziger Seeluft riechen wird, der mir besonders jetzt in der kĂŒhlen, dunklen Kammer, in schwarzer Nacht, inmitten fremder Mauern blauen Himmel, wĂ€rmende Sonne, nickende Palmen verspricht: Robinson Crusoe.

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