Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92274
Momentan online:
423 Gäste und 10 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Krimis und Thriller
Mein letzter Coup
Eingestellt am 06. 10. 2007 19:08


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Norbert Hilgers
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Aug 2000

Werke: 23
Kommentare: 3
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Sein letzter Coup

Wilbur Saltgrey betrachtete nachdenklich Thelma, die ihm gegenĂŒber mit halb geschlossenen Augen auf dem mit rotem Leder bezogenen Kanapee lag. Ihr schulterlanges, von einem Samtband im Nacken zusammengehaltenes Haar hob sich kontrastreich von der vornehmen BlĂ€sse ihrer makellosen Haut ab.
Im Licht der abgedĂ€mpften Stehlampe schimmerte es in rötlichem braun und schmiegte sich wie flĂŒssige Seide in ihren Nacken.
Sein Blick wanderte ĂŒber ihr bezauberndes Gesicht, den wohlgeformten Hals hinab und verharrte einen Moment am DekolletĂ©. Der Rand des schulterfreie Kleides hatte sich auf der linken Seite etwas abgehoben und ließ ihre gut geformte Brust halb erkennen, halb erahnen. Vorfreude stieg in Wilbur auf.
Heute Nacht wĂŒrde er mehr als nur einen Einblick in Thelmas Reize erhalten.
Er wĂŒrde sein ĂŒbliches Programm abziehen und schon am nĂ€chsten Morgen von einem dankbaren Geschöpf mit FrĂŒhstĂŒck am Bett geweckt werden. Er war
gut, dass hatten ihm Dutzende, mittlerweile um ihre Ersparnisse erleichterter Frauen, schon nach der ersten Nacht gebeichtet.
Ein schönes SĂŒmmchen hatte er zusammenbekommen. Manch Anderer wĂ€re mit dem Erreichten lĂ€ngst zufrieden gewesen und hĂ€tte den Rest seines Lebens in Wohlstand verbracht.
Nicht jedoch Wilbur. Erst die Frau auf dem Kanapee sollte sein letztes aber ganz großes Los werden.
Auf Leos Informationen war bis jetzt immer Verlass gewesen.
Wilbur sah die kleine fette Ratte direkt vor sich. Wie sie sich wand, wenn er ihm einen Besuch abstatte und an sein Gewissen appellierte.
Fast hÀtte er laut losgelacht. Leo als bekannter Gesellschaftsreporter eines nicht unbekannten Boulevardblatts wusste aus Quellen, von denen Wilbur keine Kenntnis hatte, welche reiche Erbin, welche gelangweilte Ehefrau eines Industriellen oder Adeligen sich wo zur Zeit befand.
Er hatte vor mehr als einem Jahrzehnt einige Monate mit ihm in der Redaktion zusammengearbeitet und durch Zufall sein Geheimnis entdeckt.
Leo Summer, das Gewissen des Washingtoner Abendblattes, war in Wirklichkeit ein Mann mit sehr fragwĂŒrdiger Vergangenheit und einem
jugendlichen Vorstrafenregister, das auf einer Klopapierrolle kaum Platz fand.
Das wĂ€re ein Reißer gewesen. Zuerst hatte er ĂŒberlegt, die Story dem Konkurrenzblatt zu verkaufen und einen satten Gewinn einzustreichen. Allerdings hĂ€tte er damit seine Stellung beim Abendblatt verloren. Außerdem wĂ€re eine sichere Geldquelle auf alle Zeit versiegt. Also begnĂŒgte sich Wilbur zunĂ€chst damit, von Leo in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden kleine bis mittlere GeldbetrĂ€ge zu erpressen.
Alle hÀtten damit zufrieden sein können, bis er durch eine waghalsigen Wette bei einem Buchmacher mit etlichen Riesen in der Kreide stand. Seine damalige LebensgefÀhrtin hatte ihm letztendlich aus der Patsche geholfen und ihn auf eine glÀnzende Idee gebracht.
Warum sein bemerkenswertes Aussehen nicht auf professionelle Art und Weise einsetzen und einsame, aber begĂŒterte Frauen um einen betrĂ€chtlichen Teil ihres Vermögens erleichtern?
Auf Leos paar Kröten konnte er ab dem Zeitpunkt gut verzichten.
Er begnĂŒgte sich jetzt mit Informationen, die ihm ein Mehrfaches des Gewinnes einbrachten.
Leos Kontakte in die so genannte gehobene Gesellschaft ermöglichten ihm zu erfahren, welche wohlhabende und möglicherweise liebeshungrige Dame,
ledig, verlobt oder verheiratet, in welchem Hotel oder Kurhaus abgestiegen war.
Wilbur mit seinem kurzen, schwarzem Harr, den stahlblauen Augen und dem durchtrainierten Körper war es in beinahe allen FÀllen gelungen, sich seinen Opfern zu nÀhern, ihr Vertrauen zu gewinnen und sein erprobtes Spiel vom verarmten Adeligen zu zelebrieren.
Eine erhebliche Erbschaft war nur eine Frage von Tagen, da der liebe Verwandte bereits im Sterben begriffen war. Allerdings waren da noch einige Verbindlichkeiten, die zeitnah zu begleichen waren und seinen Besitz in den belgischen Ardennen belasteten.
Kaum war der Scheck auf seinem Schweizer Konto eingetroffen, löste sich der verarmte Adelige auf wundersame Weise ins Nichts auf.
Wilbur betrachtete lÀchelnd Thelmas wunderbaren Körper. Sie sollte der Abschluss seines kleinen Unternehmens werden, die Krönung sozusagen.
Tochter des Großindustriellen Kallstone und Millionenerbin.
Zum ersten Mal, seit er sich geschĂ€ftlich den Damen nĂ€herte, spĂŒrte er, dass da mehr war als nur der Wunsch, sein Kontozu bereichern.
Sie hatte es ihm nicht leicht gemacht. Seinen Avancen war sie distanziert und mit einer reizvollen KĂŒhle begegnet. Wilbur hatte sich mĂ€chtig ins Zeug legen mĂŒssen, um ein erstes LĂ€cheln von ihr zu erhalten.
Heute Nacht jedoch wĂŒrde er diesen Eisschrank in einen Vulkan verwandeln.
FĂŒr das langsame Auftauen hatte er mit einer Flasche 1998 Clos du Mesnil vorgesorgt.
Dieser Leo war wirklich ein Idiot.
Vor drei Wochen hatte er ihm gesteckt, dass Thelma jedes Jahr um die gleiche Zeit einige Tage hier im Hotel verbringen wĂŒrde. Gegen Zusage einer bescheidenen Beteiligung an diesem Unternehmen nach erfolgreichem Abschluss, hatte er ihm die Einzelheiten verraten. FĂŒr einen Augenblick tauchte wieder das Bild des kleinen, fetten Journalisten vor seinem inneren Auge auf.
Dieser Popanz in seinem altmodischen braunen Zweireiher.
Das in der Mitte gescheitelte Haar, der ĂŒberdimensionale Schnurrbart und dann, Wilbur hĂ€tte fast laut losgelacht, das lĂ€cherliche Monokel aus Fensterglas. Mit dieser veralteten Sehhilfe glaubte der verkappte Schauspieler den Eindruck eines vertrauensvollen Gesellschafters zu vermitteln.
Er hatte Wilbur in seiner naiven Selbstzufriedenheit sogar einen perfekten Plan fĂŒr sein Untertauchen nach dem Coup inklusive eines falschen Passes geliefert.
Alles auf eine Karte setzen, alle Konten rÀumen und mit falschem Namen an einem lebenswerten Fleck, irgendwo am Ende der Welt den Rest des Lebens in
Luxus verbringen.
Kurz streifte Wilburs Blick den Wandtresor, der hinter einer Kopie von Monets Seerosenteich in die Wand eingelassen war. Der Erlös von zehn Jahren
selbstlosem Körpereinsatz - reiche Ehefrauen oder Erbinnen waren nicht immer attraktiv –sicher in Aktien hinter gehĂ€rtetem Panzerstahl. Mit der rechten Hand fuhr Wilbur ĂŒber die Hosentasche und fĂŒhlte die befriedigende Sicherheit des kantigen SafeschlĂŒssels.
Wilbor lachte in sich hinein. Auch er hatte einen Plan.
In seinem, bestand Leos Beteiligung aus einem zwanzig Millimeter langen, etwa achtzehn Gramm schweren StĂŒck gehĂ€rteten Stahls.
Abgeschossen aus seiner 8mm Beretta.
Ein letzter Schnitt durch den Faden, der ihn mit dem einzigen Menschen verband, dessen Wissen ihm gefÀhrlich werden konnte.
„Wollen wir uns nicht langsam dem Champagner zuwenden", riss Thelma ihn aus seinen Gedanken.
Sie hatte sich aufgesetzt, ihr leeres Glas bereits in der Hand und winkte ihm damit aufmunternd zu.
„Oh Verzeihung, Liebes, ich bin unaufmerksam." Mit einem geĂŒbten Handgriff entkorkte er die Flasche und fĂŒllte geĂŒbt ihr Glas mit dem perlenden Nass.
„Auf uns Thelma und einen spritzigen Abend.“ Entweder sie hatte die leicht anzĂŒgliche Bemerkung nicht verstanden oder sie ĂŒberspielte sie mit bemerkenswerter GleichgĂŒltigkeit.
Das helle Klingen aneinanderstoßender GlĂ€ser fĂŒllte das Zimmer.
„Oh Gott!" Thelma sah fassungslos an ihrem Kleid hinunter. „Wie ungeschickt
von mir!"
„Auch das noch", dachte Wilbur, aber mit den Worten: „Macht doch nichts, ich
hole schnell ein Tuch aus dem Badezimmer", begegnete er ihrem hilflosen Blick und entfernte sich.
„Es tut mir wirklich leid, aber ich glaube, die zwei GlĂ€ser unten im Restaurant, habe ihre Wirkung hinterlassen", rief sie ihm verschĂ€mt nach.
Wenige Momente spĂ€ter sah Wilbur in ihre perlengleichen, bernsteinfarbenen Augen und stieß erneut mit ihr an. „Auf uns!"

Auf ein leise Klopfen an der ZimmertĂŒr hin öffnete Thelma sie einen schmalen Spalt. Den fragenden Blick ihres GegenĂŒbers beantwortete sie mit einem
verschwörerischen Augenzwinkern.
Dann zog sie die TĂŒr ein wenig weiter auf und erlaubte ihm nun den Blick auf Wilbur, der friedlich schlummernd im Sessel gegenĂŒber dem Kanapee lag. Der
Monet hinter ihm stand in einem leichten Winkel von der Wand ab.
„Und?"
Thelma hielt eine schwarze Ledertasche hoch.
„Du wirst es nicht glauben, zwei Pakete ca. 300 Aktien!" „British Machine
Company, Deutsche Elektrik?" Thelma nickte zustimmend.
Einen kurzen Moment wirkte er abwesend.
„Ich habe heute Morgen die aktuellen Kurse in der Zeitung gelesen! Das sind fast vier Millionen Pfund."
Thelma strahlte.
„Der richtige Moment sie zu verflĂŒssigen „Da ist aber noch etwas in dem Safe gewesen", merkte sie beilĂ€ufig an.
Mit spitzen Fingern zog sie eine handgroße 8mm Beretta aus der Tasche. Der Mann in der TĂŒr stieß einen leisen Seufzer aus.
Ihr letzter Blick fiel ohne Bedauern auf Wilbur, der unbedarft und friedlich in seinem Sessel ruhte.
„Nach der Dosis Schlafmittel in seinem Champagner, wird er wohl erst in einigen Stunden erleichtert aufwachen", flĂŒsterte Thelma und lĂ€chelte ĂŒber die
Mehrdeutigkeit ihrer eigenen Aussage.
Mit einem leisen Klicken fiel die ZimmertĂŒr ins Schloss.

„Aber nicht doch Vater!"
Der kleinwĂŒchsige, vollschlanke Mann hielt einen Augenblick vor der TĂŒr inne.
Nachdenklich betrachte er den zerbrechlichen Gegenstand in seiner Hand, den er soeben aus der Brusttasche des modische Armani Anzugs gezogen hatte.
„Diese verdammten Angewohnheiten", murmelte er, fuhr sich kopfschĂŒttelnd mit der Hand ĂŒber das ungewohnt glatt rasierte Gesicht und warf das Monokel
halb verĂ€rgert, halb belustigt durch die Klappe des MĂŒllschachtes, der vom Hotelflur aus senkrecht in den Keller fĂŒhrte.

__________________
Norbert Hilgers

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


1 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Krimis und Thriller Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!