Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92201
Momentan online:
377 Gäste und 17 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Humor und Satire
Meine Flegeljahre klerikaler Art...
Eingestellt am 23. 05. 2002 17:51


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Lambertus
Manchmal gelesener Autor
Registriert: May 2002

Werke: 11
Kommentare: 4
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Lambertus eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Patsch! Eine Ohrfeige links... Klatsch! Eine rechts... Unser Herr Kaplan, der Chorleiter, wies mit Arm und Zeigefinger drohend in Richtung T├╝r. "Raus!" br├╝llte er mich an. "Aber 'n bisschen dalli!- Wird's bald!"

Dies geschah am 13. September 1951 und war zugleich das unr├╝hmliche Ende meiner Mitgliedschaft im Kirchenchor von St. Bruno. Es war f├╝r mich ├╝berhaupt das Ende jeglicher
katholisch-kirchlicher Karriere-Chancen; denn damals war ich quasi schon einschl├Ągig vorbestraft und wurde also bis dato im Kirchenchor nur noch auf Bew├Ąhrung geduldet. Zuvor
n├Ąmlich hatte man mich wegen meines klerikal missverstandenen, ansonsten doch eher schmunzelnd
betrachteten Unterhaltungsdrangs von meiner Messdiener-Funktion mit ziemlich lautstarker Begleitmusik entbunden. -

Spielzeug war rar in dieser Nachkriegszeit; aber wir entbehrten nichts, weil wir - der Not gehorchend - uns unser Spielzeug eben selber anfertigten wie beispielsweise aus leeren Konservendosen Daraus bastelten wir damals die bald sehr ber├╝chtigten "R├Ąucher-P├Âttchen". Dazu wurde eine Konservendose rundum und unten mit unz├Ąhligen kleinen L├Âchern versehen; am oberen Rand wurde an zwei Stellen eine Kordel befestigt, so dass man daran das ganze Gebilde in kreisenden Bewegungen bequem durch die Luft schleudern konnte. In die Dosen kam trockenes Laub und etwas Papier hinein. Sodann wurde der Inhalt angez├╝ndet und die
P├Âttchen eifrig herumgeschleudert, so dass sie deutlich sichtbare, kreisf├Ârmige Rauchfahnen hinterlie├čen. Tolles Vergn├╝gen!

Obwohl damals noch niemand an die Partei der Gr├╝nen auch nur dachte, nahmen doch Anwohner oft Ansto├č an einer angeblichen Geruchsbel├Ąstigung, was wir - angesichts der Art ihrer Aufregung - mehr als Geruchsbelustigung empfanden und unseren Spa├č flei├čig weiter betrieben. Vor offenen Fenstern machte dieses Spiel besondere Freude, namentlich dann, wenn die Hausfrau gerade die Bettw├Ąsche zum L├╝ften ├╝ber die Fensterbank gelegt hatte. -

Es war zu jener Zeit noch weniger ├╝blich als heute, mit Heranwachsenden wegen solcher Streiche zun├Ąchst ein halbwegs vern├╝nftiges Gespr├Ąch zu suchen. Da wurde gleich gebr├╝llt, getobt und w├╝st gedroht, alles werde den Eltern und den Lehrern gemeldet. So manch einer machte sich da in unseren Augen unfreiwillig zur blanken Witzfigur, der wir fortan vergn├╝glich die Treue hielten. F├╝r sie war uns nichts zu schade; so reicherten wir schlie├člich unsere Mixtur f├╝r die R├Ąucherp├Âttchen mit feingeschnittenen Gummistreifen aus alten Fahrradschl├Ąuchen an. - Irgendeine massive Intervention bei meinen Eltern f├╝hrte darob zur Requirierung meines P├Âttchens und zu drei Tagen Hausarrest, den ich mit Schularbeiten und Klavier├╝ben zu verbringen hatte. - Au├čerdem wurde mir klar gemacht, dass ich solcherlei Schandtaten auch am n├Ąchsten Samstag in der Kirche zu beichten hatte!

Ja, zu dieser Zeit ging ich noch regelm├Ą├čig zur Beichte, und ich bekannte tats├Ąchlich mit klopfendem Herzen im Beichtstuhl dem Herrn Pastor von St. Bruno meine Missetat. Der Pastor war damals ein gem├╝tlicher, ├Ąlterer Herr, dem man unter anderem auch Humor nachsagte. Ich h├Âre ihn noch heute durch das h├Âlzerne Gitter im Beichtstuhl sagen: "Jung, Jung, datt mit dem Gummi musste aber auch wirklich nitt sein...!"

Diese milde Wertung durch die Geistlichkeit gab mir Mut, zeigte sie mir doch, dass die Kirche ├╝berhaupt nicht kleinlich in solchen Dingen schien. Im ├╝brigen mochte mich der Herr Pastor, denn ich stand ja als Messdiener in seinen Diensten. Au├čerdem war ich Mitglied im Kirchenchor, - Sopran. Zwei Versuche meinerseits auf Stimmbruch-Suspension waren nach Probesingen abschl├Ągig beschieden worden. Pech...

Messdiener sind Schulkinder in Kirchengew├Ąndern, die dem Priester w├Ąhrend der Heiligen Messe Hilfsdienste leisten. In der Regel kniet jeweils einer links und einer rechts auf der unteren Stufe vor dem Altar. Zu den Aufgaben geh├Âren u.a. das Tragen des schweren Messbuches von rechts nach links, zu bestimmten Zeiten Gl├Âckchen erklingen zu lassen und mit Weihrauch-Schwenkern f├╝r feierlichen Geruch in der Kirche zu sorgen.

Mein Mitmessdiener hie├č Herbert und war mein damaliger R├Ąucherp├Âttchen-Kumpel. - Es kam also, wie es kommen musste... Wer von uns beiden w├╝rde es wagen, den Weihrauch-
Schwenker w├Ąhrend der Heiligen Messe wie ein R├Ąucherp├Âttchen kreisen zu lassen, statt ihn nur sanft hin und her zu wiegen. - Keiner! Oder doch? - Herbert oder ich? - Tagelang plagte uns das Problem, bis wir beschlossen, es gemeinsam zu tun.

Es kam der Tag, die Kirche war voll... Es kam der Augenblick... Wir taten es, als der Herr Pastor uns und der Gemeinde den R├╝cken zuwandte. Nach einer Schrecksekunde ert├Ânte hinter uns aus der Christengemeinde ein Stimmenger├Ąusch, als w├Ąre bei einem Konzert urpl├Âtzlich dem
Dirigenten die Hose herunter gerutscht.

Herbert war der zaghaftere von uns beiden; er hatte den Weihrauch-Schwenker nur einmal kreisen lassen. Bei mir waren es mindestens drei Umdrehungen gewesen. Als der Herr Pastor sich samt seiner ausladenden Messgew├Ąnder nun verdutzt umwandte, hatte mein "P├Âttchen" noch gen├╝gend Schwung f├╝r eine weitere Umdrehung... In flagranti erwischt unter den entsetzten Augen des Pastors.

Einige Male schon hatte der Herr Pastor uns zu Hause besucht, zu meiner ersten Heiligen Kommunion und auch immer dann, wenn er eine pers├Ânliche Haussammlung abhielt f├╝r die
Renovierung des Kirchendaches von St. Bruno. Bei seinem nun allerletzten Besuch in meinem Elternhaus sagte er mit Grabesernst : "Ich komme diesmal in einer anderen Angelegenheit..."

Fortan brauchte ich nicht mehr zu messdienern. Herbert wurde nur verwarnt, doch zu Hause war f├╝r ihn die H├Âlle los; er hatte das strengere Elternhaus. Sein Vater war Lehrer, sein ├Ąlterer Bruder studierte Theologie. - Ich glaube, in diesem Haus wurde nie gelacht... -

Im Kirchenchor - nat├╝rlich damals ein geschlechtsreiner Knabenchor - sorgte meine Missetat f├╝r erhebende Erheiterung. - Besonders die ├Ąlteren Knaben mit den tieferen Stimmen waren davon so angetan, als habe ich irgendwie etwas Heldenhaftes vollbracht. Das brachte mich ein wenig n├Ąher an deren Clique heran. ├ältere protzen bekanntlich gern vor J├╝ngeren mit ihren vermeintlichen Lebenserfahrungen. Und so erfuhr ich auch von einem ganz tollen Film mit irgendwie ganz tollen Frauen und ganz tollen Schlagern...

Dieser Wunderfilm hie├č "Die verschleierte Maja", ein Schwarz-Wei├č-Film von 1951, einer jener Revue- oder Tanzfilme, die damals massenhaft aufkamen. - Trotz nackter Frauenbeine bis oben hin war der Film als "jugendfrei" deklariert worden, und war dadurch f├╝r viele meiner
Altersgenossen das Tor zum Leben, endlich mal jugendfreier Anschauungs-Unterricht. Es handelte sich um die Geschichte einer T├Ąnzerin, gespielt von Maria Litto. Michael Jary schrieb die Musik, und einer der singenden Darsteller war Gerhard Wendland.

Den Chorknaben mit den tieferen Stimmen hatte es sinnigerweise besonders der Schlager "Das machen nur die Beine von Dolores" angetan, heute noch als CD-Cover-Titel von Gerhard Wendland erh├Ąltlich... Da werden wahrlich alte schmalztriefende Tr├Ąume wiederbelebt.

Die Sangesfreud' im Chor war mir schon seit einiger Zeit vergangen, leider konnte ich bisher nicht mit Stimmbruch-Argumenten ├╝berzeugen. Ich musste also bleiben. Kirche und die gleichgeschaltete Schule, aber auch meine Eltern verlangten es so. Um die Sache ertr├Ąglicher zu gestalten, spielte ich bald bei jedem Jux, der hier veranstaltet wurde, gern in vorderster Reihe mit. Gerade die Herren mit den schon tieferen Stimmen produzierten hin und wieder Ideen, von denen ich leicht Bauchschmerzen vor Lachen bekam. Und so zog mich bald mehr der Ulk statt die Sangeslust zum Chortreffen.

Und dann kam jener Schicksalstag, der die Trennung zwischen St. Bruno und mir bedeutete. Der Chor hatte Aufstellung genommen, jeder hielt sein Notenblatt mit dem ehrw├╝rdigen
Kirchenlied "Gro├čer Gott, wir loben Dich" vor sich, und der junge, aber gestrenge Herr Kaplan gab den Einsatz.

Der Notensatz war zweistimmig. Die erste Stimme, zu der auch ich geh├Ârte, intonierte also textgetreu. Die zweite Stimme, vornehmlich die tiefere Stimmlage, schien da etwas zu verwechseln. Von dort t├Ânte es n├Ąmlich sonor und un├╝berh├Ârbar: " Das ma-hachen nu-hur die Ba-heine von - Dolores, dass die - Senores nicht scha-lafen geh'n..."

Weiter im Text kamen sie nicht. Ich hatte mich mit frechem Grinsen sofort zur Zweitstimme geschlagen. Eine kr├Ąftige Hand riss mich aus der Gruppe heraus, und ich sah den
Sternenhimmel, bevor ich betreten die hehre R├Ąumlichkeit auf Nimmerwiedersehen verlassen musste. Es war der 13. September 1951.

In den folgenden Tagen hatte ich doch etwas Bammel, wie wohl meine Eltern reagieren, wenn die Kirche sie ├╝ber meine unschamhafte Schandtat informieren w├╝rde. - Zu meiner Verwunderung geschah nichts. Heute ist es mir klar. Der zeitbedingt verklemmte Kaplan h├Ątte bei seiner Erkl├Ąrung die Beine von Dolores "in den Mund nehmen" m├╝ssen. Rote Ohren h├Ątte er bekommen... Wie s├╝ndig! Wie uns├Ąglich peinlich! -

So war's halt in jener Zeit...

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ElsaLaska
Guest
Registriert: Not Yet

Lieber Lambertus,

wieder sehr humorig und launig mit einem oder mehrfachem Augengezwinker erz├Ąhlt!
Ich freue mich ├╝ber mehr davon. Insbesondere hoffe ich nat├╝rlich auf einen weiteren humoristischen Text zum Thema "Wein"

Lieben Gruss
Elsa

Bearbeiten/Löschen    


tommix
Hobbydichter
Registriert: May 2002

Werke: 0
Kommentare: 7
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Eine Geschichte voll lustiger Details, humorvoll geschildert und schreibtechnisch professionell verfasst. - Du bist doch kein Amateur in dieser Hinsicht - oder???

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Humor und Satire Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!