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Leselupe.de > Kurzprosa
Meine Frau und die Familie
Eingestellt am 21. 05. 2007 16:39


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Penelopeia
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2002

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Meine Frau und die Familie haben sich diesmal wirklich M√ľhe gegeben und all meine W√ľnsche erf√ľllt. Ich bin, nach meinem von allen erwarteten infarktbedingten Ableben, in einem Modell der Extraklasse auf den letzten Weg geschickt worden. Es ist √§u√üerst massiv und aus bester Eiche, r√§umlich sehr gro√üz√ľgig und mit einem kratzfesten Plexiglasfenster im Kopfbereich ausgestattet. Mein Kopf liegt auf einem weichen, alterungsbest√§ndigen Kunstseidenkissen, ich kann mich bequem umdrehen, wann immer ich den Wunsch versp√ľre und ohne dass es knarrt, und mein Handy liegt griffbereit neben mir. Sie haben nicht einmal eine gute Flasche Whisky und ein Kistchen Zigarren vergessen, die Guten! Dinge, die sie mir zu Lebzeiten so gern und oft auszureden suchten...

So liege ich also recht komfortabel, lausche gelegentlich den emsigen Schmatzger√§uschen der W√ľrmer, und denke √ľber dieses und jenes nach. Man glaubt gar nicht, was einem alles durch den Kopf geht, wenn man erst mal wieder Zeit und Ruhe hat!
Ich denke z.B. an meinen Kumpel Eberhard, der seinen Körper stets sportlich stählte, gesund lebte, nicht rauchte, die Eiger-Nordwand erklomm, und doch eines Tages völlig unerwartet vor seiner Badewanne ausrutschte. Auf mein Ende war man gefasst gewesen, ich hielt mein Zigarren- und Whiskypensum bis zum Schluss durch. Er schlug damals mit dem Hinterkopf auf den Rand der Wanne, ein Blutgerinnsel setzte seinem Leben ein Ende. Ein paar Wochen, bevor ich meines aushauchte. Ich weiß ihn ein paar Meter weiter östlich.

Westlich, in Richtung meiner F√ľ√üe, liegt Otto. Auch ein alter Bekannter. Otto war mein Vorgesetzter in der Firma. Er schaffte es ebenfalls ein bisschen schneller als ich, in tiefere Lagen zu kommen. Okay, ich gebe zu: ich war nicht ganz unschuldig daran. Ich √§rgerte ihn recht oft mit scheinheiligen Verbesserungsvorschl√§gen. Die klangen zun√§chst plausibel, enthielten aber immer einen h√∂chst intelligenten Haken. Zum Beispiel formulierte ich einmal den Vorschlag, unser Hauptprodukt, einen patentierten Feuermelder mit der Bezeichnung ‚ÄěFlorian der Dritte‚Äú, mit einem von mir gereimten Kurzgedicht zu besserer Vermarktung zu verhelfen. Ich schlug einen v√∂llig neuartigen Werbeslogan vor:

Ehe es so richtig brennt,
Feuerwehr schon schnelle rennt.
Florian der Dritte
holt sie in uns’re Mitte.


Bei der Pr√§sentation meines Slogans in der Firma lobte ich jedes einzelne Wort √ľber die Ma√üen, hob den ins Ohr gehenden Rhythmus und die suggestive Wirkung der gesamten Strophe immer wieder hervor. Ich redete, bis meine Kollegen entnervt die K√∂pfe sinken lie√üen und Otto mit gequ√§ltem Faltenwurf auf der Stirn seine Zustimmung zur Verbreitung der Zeilen gab. Mein Werk wurde tausendfach gedruckt! Wenn auch nur auf dem Feuermelderprospekt.
Dabei wusste ich ganz genau: Florian neigte immer wieder zu Fehlalarmen. Er l√∂ste unvermittelt aus, die Feuerwehr kam, die Kosten f√ľr grundlose Eins√§tze reichte der Kunde in der Regel als Regressforderung an uns weiter...
Ja, Otto hat eine ganze Reihe meiner in der Regel unverd√§chtigen, scheinbar engagierten und um den Erfolg unserer Produktpalette bem√ľhten Vorschl√§ge tapfer √ľberstanden. Allerdings: mir ging es nicht anders. Ich musste ebenfalls eine ganze Anzahl seiner Versuche, an meine Frau heranzukommen, ertragen. Ich glaube, das verdammte Schlitzohr war damit mindestens so erfolgreich wie ich mit meinen Verbesserungsvorschl√§gen. Genau will ich jedoch gar nicht wissen, wie hoch die von mir verursachten Regresskosen waren, und wie oft er bei meiner Frau in summa landete. Da wird man nur unruhig und dreht sich √∂fter um, als es andere tun.

Mein Handy lie√ü ich mir beigeben, weil ich mit Anrufen auch hier unten rechne. Es k√∂nnte ja sein, dass Eberhard sich meiner Worte √ľber die Willk√ľrlichkeit des Schicksals entsinnt, er hat auch sein Handy dabei. Ich sagte oft zu ihm: Keiner wei√ü, wann es ihn ereilt. Daher arbeite ich dran. Er lie√ü sich bei seinen √úbungen an der Sprossenwand oder mit dem Expander nicht unterbrechen. Schnaufend und schwitzend antwortete er, f√ľr ein gesundes, langes Leben m√ľsse man schon was tun. Vielleicht klingelt irgendwann mein Apparat, ich dr√ľcke die Annahme-Taste, und er ist dran, reum√ľtig, einsichtig. Es w√ľrde mich nicht wundern.

Wenn sich Otto meldete, m√ľsste ich einiges offenbaren. Klipp und klar m√ľsste ich ihm erkl√§ren, dass er mich Zeit unserer Zusammenarbeit untersch√§tzt habe, dass ich sehr wohl seine d√§mlichen Ann√§herungsversuche an meine Frau mitbekommen h√§tte, er aber nie die geniale Doppelschichtigkeit meiner Verbesserungsvorschl√§ge. Soll er doch rotieren in seiner Kiste!

In der ersten Zeit hier unten versp√ľrte ich oft den starken Hang, mir eine von den Zigarren anzuz√ľnden, die man mir wunschgem√§√ü beigab. Ich wurde sehr unruhig, konnte aber, Gott sei Dank, immer widerstehen. Nicht aus Angst um den Qualm in der Kiste, oder wegen schlechter Luft, Brandgefahr, Gesundheit und so weiter. Sondern wegen meiner Frau. Die lie√ü n√§mlich ‚Äď und hier zeigt sich ihre hinterfotzige Doppelschichtigkeit besonders deutlich ‚Äď in meiner Komfortkiste mit Panoramafenster aus Plexiglas einen Brandmelder installieren! Florian der Dritte, nat√ľrlich. Sie verstand es Zeit meines ungesunden Ehelebens perfekt, mir den kleinsten Raum pers√∂nlicher Freiheit auf Null zu beschneiden.

Neuerdings gr√ľble ich, wie ich Florian abklemmen k√∂nnte. Mir ging n√§mlich der furchtbare Gedanke durch den Kopf, das Ding k√∂nne einen Fehlalarm haben, nach diesem w√ľrde man mich hochholen und m√∂glicherweise zur√ľck ins Leben. Ich wei√ü ja nicht, wieviel Zeit bereits vergangen ist und wie die medizinischen M√∂glichkeiten sich ver√§ndert haben! Vielleicht w√ľrde eine getrocknete, mumifizierte Restzelle meines exhumierten Restes ausreichen, mich zu reproduzieren, wer konnte wissen... Nochmal leben? Mich sch√ľttelt‚Äės bei dem Gedanken, immer wieder, und ich gerate ins Rotieren. Nochmal drei√üig Jahre mit einer Frau, wom√∂glich gar der alten, nochmal zwanzig Jahre mit dem vielleicht ebenfalls reaktivierten Otto Florian-Werbekampagnen ausdenken? Kaum auszudenken. Ich will nicht wieder hoch! Ich will keine Auferstehung!
Ein Anruf, so zur Abwechslung, das wäre nicht schlecht. Ich gebe es zu. Er könnte auch von Fehleinschätzungs-Otto sein, oder von Sprossenwand-Eberhard.


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