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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Meine Tochter
Eingestellt am 04. 03. 2004 23:31


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vicell
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2004

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Aus dem Hof dringt L├Ąrm zu mir hoch. Ich schiebe die Gardinen etwas zur Seite und blicke auf meine kleine Tochter, die mal wieder ihren Unmut an ihren Spielkameraden ausl├Ąsst. Breitbeinig steht sie da, ihre kleinen H├Ąnde zu F├Ąusten geballt, und schimpft auf sie ein. Irgendetwas scheint ihr wohl nicht zu passen.
Ein kleiner Junge n├Ąhert sich der Gruppe und gesellt sich sch├╝chtern zu den etwas Gr├Â├čeren.
Meine Tochter beachtet ihn nicht, sondern schmeisst nun, vollends w├╝tend geworden, ihren kleinen Plastikeimer in die Ecke des Sandkastens und marschiert davon.

Schlie├člich verschwindet sie aus meinem Blickfeld und ich trete behutsam vom Fenster weg. Ich will nicht, dass sie sich von mir beobachtet f├╝hlt.
M├╝de lasse ich mich in meinen Sessel sinken und denke an mein kleine Tochter. So energiegeladen, so vital. Und so schwerm├╝tig manchmal.
Sie denkt viel nach, mein Tochter.

Neulich lauschte sie stundenlang einem blinden Geiger an der Strassenecke, der ihr wundersame Lieder spielte, bis schlie├člich ihre Augen brannten und sie hilflose Tr├Ąnen weinte. Alles, was sie in Tasche dabei hatte, legte sie in den samtgef├╝tterten Geigenkasten und der alte blinde Mann strich ihr kurz ├╝bers Haar.
ÔÇ×Passen Sie gut auf sie auf ... Sie ist etwas Besonderes, ihre Tochter ...ÔÇť , rief er mir mit heiserer Stimme hinterher.
O ja, das wei├č ich nur zu gut.
Anders ist sie, so anders als ihre Br├╝der.
Und ihrer eigenen Mutter.

Ihre Haare fallen wirr ins Gesicht, die klugen hellblauen Augen werden st├Ąndig von einer widerspenstigen dunklen Haarlocke verdeckt. Ich habe M├╝he, ihre Haare zu b├Ąndigen und noch gr├Â├čere Probleme, meine Tochter beim Haarek├Ąmmen zum Stillsitzen anzuhalten ... es hat meistens keinen Sinn.
Sie strampelt dann mit ihren F├╝├čen und trifft mich dabei oft in den Bauch. Nat├╝rlich nicht grob, aber es schmerzt mich schon. Ich bei├če meine Z├Ąhne zusammen und dr├╝cke sie dann fest an mich. Ungern l├Ą├čt sie sich meine Umarmung gefallen, widerstrebend erduldet sie meine Ber├╝hrungen und strebt dann wieder von mir los.

Es ist gut so.
Ich will sie nicht zwingen. Zu gar nichts.
Meine Tochter.
Meine Sanya.

Ich sehe ihre wundersch├Ânen blauschwarzen Locken vor mir, ihre ernsten blauen Augen, die hohen Wangenknochen, die ihrem Aussehen etwas Tartarisches verleihen ... sie ist auf ihre Weise etwas ganz Besonderes.

Manchmal weine ich, wenn ich an Sanyas Zeugung denke.
Es war eine blauschwarze Nacht, als fremde Soldaten in mein Haus eindrangen, mich anbr├╝llten und ich etwas Hartes in mich hineindringen sp├╝rte ...

An manchen Tagen m├Âchte ich glauben, dass ihre klugen Augen die blaue Schw├Ąrze aus meiner Erinnerung vertrieben habe.

Doch wenn ich mich allein weiss, dann sp├╝re ich den Soldaten wieder in mir und hilflose Schreie dringen aus meinem Mund.

Oft, wenn die Nacht ins blauschwarze Nichts versinken zu droht, m├Âchte ich mich am liebsten zu meiner Tochter ins Bett legen und ihr von ihrem Vater erz├Ąhlen.
Wenn ich nur seinen Namen w├╝sste ...

Gemeinsam w├╝rde wir uns dann in der ruhigen Melodie der Nacht wiegen und gemeinsam der schwerm├╝tigen Stimme unseres Herzens lauschen.
Ganz still, ruhig und weich w├Ąre sie dann in meinen Armen und um nichts in der Welt w├╝rde ich meine Sanya hergeben.

Unschuldig liegt sie nun heute nacht in meinen Armen und schaut mich unverwandt an, als ich ihr mit leiser Stimme das M├Ąrchen der Zwiebelprinzessin erz├Ąhle, von Kobolden, Hexen und Zauberern berichte.
Ganz gro├č und fragend werden ihre Augen.
Schlie├člich schl├Ąft sie m├╝de ein.

Ich betrachte ihre unschuldigen Lider, die sich leise im Schlaf bewegen.
Was sie wohl tr├Ąumt?

Vielleicht tr├Ąumt sie ja von ihrem Vater, ihrem Helden, dem sie nie begegnen wird ... ich werde ihr keine Heldengeschichten erz├Ąhlen.

Ich werde es zu verhindern wissen.

Dieser tr├Âstenden Gedanke begleitet mich in die Nacht und endlich kann ich schlafen.
Ohne Tr├Ąume.
Ohne die blaue Schw├Ąrze in mir, die sich in ein wohltuendes Nichts aufl├Âst ...

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Kasoma
Guest
Registriert: Not Yet

Liebe vicell,

Diese Geschichte ist der Hammer. Ich habe sie mit 10 Punkten bewertet, nicht weil ich glaube, dass sie handwerklich so toll gemacht ist, sondern weil sie mich mitten ins Herz trifft!
Die Liebe, die diese Frau f├╝r ihre Tochter empfindet, trotz aller Umst├Ąnde...
Du kannst ganz gro├če Gef├╝hle in Deinem Leser wecken, das ist grandios!!!

Alles Liebe w├╝nscht Kasoma

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knychen
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2002

Werke: 51
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eine sehr traurige geschichte, betroffenheit weckend.
aber was w├╝rde die protagonistin ├╝ber den "vater" erz├Ąhlen? welche rolle spielt in diesem speziellen fall der name? diesen einen absatz finde ich etwas mi├čgl├╝ckt. ansonsten klasse. gru├č knychen
__________________
kny

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vicell
Routinierter Autor
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Ihr Lieben,

ich danke euch beiden f├╝r euren Kommentar.
@Kasoma: 10 Punkte? Wow. Musste ich erstmal verarbeiten.Ich bedanke mich erzlich daf├╝r!!!
Handwerklich ist es ├╝brigens eher in Kurzprosaform angelegt, keine klassische KG meiner Meinung nach...wie du schon sagtest, mein Schwerpunkt hier liegt in der Ambivalenz der eigentlich unertr├Ąglichen Situation, mit der ja so viele Frauen konfrontiert sind, dem Schmerz einer Vergewaltigung und der verzweifelten Liebe zum unschuldigen gezeugten Kind.
..meine Protagonistin macht hier einen schmerzvollen Prozess durch, sie ist hin und hergerissen und dennoch liebt sie ihr Kind, ihr eigenes Fleisch und BLut, ├╝ber alles.
Ich pers├Ânlich bezeichne diese Einstellung als wahren Mut zum Leben.
Ich freue mich nat├╝rlich sehr, dass meine Intentionen angekommen sind!

@Knychen: Dies waren meine Ambitionen in dieser etwas herben und spr├Âden Geschichte, in der ich nicht besch├Ânigen, aber auch nichts verschweigen wollte. Ich wollte hier nur erz├Ąhlen. Ich habe deine Anmerkung beherzigt und die Geschichte etwas abgerundet. Welchen Absatz meintest du jetzt genau?



Lieben Nachtgru├č,
vic

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
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hey,

du kannst wohl nicht anders, was? wieder so eine supergeschichte! auch von mir ne 10.
ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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Kasoma
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo vicell,

Ich will ja nicht n├Ârgeln, nur, was hast Du gemacht, abgerundet? Die erste Version war am Ende irgendwie besser: k├╝hler, sachlicher...? Leider wei├č ich nicht genau, was Du ver├Ąndert hast, w├╝rde gern beide Versionen vergleichen, aber das geht ja nicht?!

Lieber Gru├č von Kasoma

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Harald
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Vic!

Deine Geschichte ist sehr ber├╝hrend. F├╝r mich hebt sich besonders die Szene mit dem Stra├čenmusikanten ab:
ÔÇ×Neulich lauschte sie stundenlang einem blinden Geiger an der Strassenecke, der ihr wundersame Lieder spielte, bis schlie├člich ihre Augen brannten und sie hilflose Tr├Ąnen weinte. Alles, was sie in Tasche dabei hatte, legte sie in den samt├╝berzogenenen Geigenkasten und der alte blinde Mann strich ihr kurz ├╝bers Haar.ÔÇť

(War der Geigenkasten nicht mit Samt ausgelegt?) Aber das ist v├Âllig sekund├Ąr.

Die Faszination des Kindes und seine hilflosen Tr├Ąnen im Erleben der Musik spiegeln sich in der besonderen Zuneigung der Mutter zu diesem unerwarteten, ungew├╝nschten Kind und die Aufkl├Ąrung des Lesers hinsichtlich der Zeugungsdetails wirkt zwar erschreckend, kann den Grundton der Liebe zwischen den beiden aber in keinem Moment in Frage stellen. Sie ist von Beginn weg sp├╝rbar und h├Ąlt die Spannung klingend wie die Sexte im Themenbeginn des Dvor├ík-Konzerts.

Wirklich lesenswert!
Harald

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