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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Meine Zeit
Eingestellt am 06. 06. 2015 23:09


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buchstab
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Es wird uns gegeben haben. Es hat uns gegeben, denn wir leben in der Vergangenheit. Es gibt uns, aber nur in der Zukunft. In Zukunft wird es uns geben. Das wirkliche Leben l├Ąuft uns immer ein St├╝ck voraus, solange die Zeit besteht.

St├Ąndig sitzen wir vor diesem K├╝hlschrank, dessen brennendes oder nicht
brennendes Licht uns so lange wurmt, bis wir ein Loch in seine T├╝r bohren und das Innere nach au├čen dringt. Wie bohrt man L├Âcher in Zeit ?

Wir brauchen Zeit, um zu glauben, was wir glauben - zu f├╝hlen, wahrzunehmen. Ob drei Zehntelsekunden oder eine Ewigkeit, das spielt keine Rolle. Weiter weg von der Wirklichkeit kann keiner sein, als da, wo sie nicht ist. Oder bilden diese Nullkommadrei ein Fenster, um aufs Reale schauen ?

Es ist keine Zeit f├╝r ein Nichtleben, alles viel zu sch├Ân und grausam und interessant. Ich habe eine Diagnose. So lange geforscht und nun endlich. "Schei├če" denke ich, etwas Heilbareres w├Ąre mir lieber gewesen. Immerhin stirbt es sich nicht direkt daran. Gut in Schach zu halten, sagt man. Ich hasse Schach. Seit heute. Mein K├Ârper als Spielbrett. Ich werde mir einen L├╝gendoktor suchen, einen, der mir f├╝r Geld erz├Ąhlt, dass man da ganz viel machen k├Ânne. Guter Plan.

Egal, wie es einem geht. Egal, woran man noch h├Ąngt. Egal, wo man gerne w├Ąre. Das Leben fragt nicht. Ist einfach da. Gro├č. Einen Schritt voraus.

"Die Cilly", meine wei├čhaarige Nachbarin soll es erfahren. Sonst keiner. Wir k├Ânnten einen Lebensqualit├Ątswettbewerb starten, denn ihre Chancen sind soeben um Milliarden Prozentpunkte gestiegen. Ich kaufe manchmal f├╝r sie ein.


Feine Erbsen und M├Âhrchen in Blech.
Eine gro├če Dose Tomaten
Einen Kopf Blumenkohl
Zwei Kilo Kartoffeln
Coca Cola
den billigen Sekt, Du wei├čt schon.

Nur zum Beispiel.
Die leichten Sachen kann sie selber.
Cilly`s Mann steht auf dem K├╝chenschrank, eingerahmt in Schwarzwei├č, so lange ist das her. Er war Tscheche, kam aus einer Obstundgem├╝segro├čh├Ąndlerfamilie. Sein Vater hat den Laden nach Strich und Faden versoffen. Der Krieg dann alle weiteren ├ťberlegungen ├╝berfl├╝ssig gemacht.

Um nicht ins Nichts zu fallen, stelle ich mir eine Wand mit Rauhputz rechts neben mir vor. Einen neuen Anorak zum daran entlang schrammen. Sch├Âne Erinnerungen bleiben als wei├če Streifen am ├ärmel haften. Ich h├Ąnge ihnen gerne nach.

Diagnosen hatte ich schon einige. Nette, weniger nette und solche, f├╝r die man ├ärzte in die arrogante Fresse hauen k├Ânnte, folgte man dem alten Auge-um-Auge-Prinzip.
Mein K├Ârper hat Besuch, wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten. Borrelia Burgdorferi hei├čt die Dame, die sich da so wohl f├╝hlt. Ein sch├Âner Name. Die Dame sitzt in meinen Organen, meinen Gelenken, in meinem Gehirn und ├╝berall habe ich ihre Anwesenheit schon geb├╝hrend bewundern d├╝rfen. Sie stiehlt meine Zeit und ob ich sie dazu eingeladen habe, ist mir schleierhaft. Da ich nun wenigstens ihren Namen kenne, begr├╝├če ich sie erst einmal. Hallo Borrelia.

"Hallo Cilly" presse ich in die blechernen Sprechschlitze. "Dein Sklave ist da !" Ich darf mich Ihren Sklaven nennen und manchmal sage ich auch "Slawe", denn immerhin kam mein Vater aus der Tschechei. Wir haben etwas gemeinsam. Ihre Familie stammt aus K├Ânigsberg.

"Moment" antwortet das Sprechblech und das sagt sie immer, egal, welchen Unsinn ich mir ausgedacht habe. Der Summer summt, das kann er richtig gut und ich dr├╝cke mit dem Ellenbogen den T├╝rknauf. Eiche ist das, so an die f├╝nfzig Jahre alt, wie ich. Cilly wohnt im Erdgeschoss, auch wenn es bedeutend theatralischer w├Ąre, mit schweren Taschen in den f├╝nften zu ochsen. Wir haben auch so genug Theater. Die T├╝r steht schon einen Spalt breit offen und das hei├čt, dass sie schon weiter in ihrem Zeitplan ist. Kaffee kochen. Cilly kocht unschlagbar Kaffee. Mit Filter. Und Liebe. Ihre Wohnung ist fast gar nicht mit Omakitsch und Rustikalged├Âns vollgestopft. Eher straight. Bei ihr habe ich zum ersten Mal gemerkt, da├č die alten Leute von heute irgendwie j├╝nger sind als fr├╝her - von mir aus gesehen. Was das wohl bedeutet ?

"Hallo, lieber Markus !" ruft es aus der K├╝che. Sie hat mich sicher schon vom Fenster aus gesehen, denn da steht sie oft wie angewachsen und l├Ąchelt. Daher kenne ich sie. Ein l├Ąchelnder Mensch ist selten geworden und wir haben uns bestimmt drei Jahre nur freundlich gegr├╝├čt, wenn ich nach Hause kam. Von meinem Fenster aus sah ich oft, da├č sie den Bus vier Blocks weiter nahm, um zum Supermarkt zu fahren. Irgendwann dann der Rollator.

Ich war gerade zur├╝ck aus Georgien und hatte mich von Paula getrennt. Es tat weh. Vor allem ihr. Und ich musste sie tr├Âsten. Konnte definitiv eine Oma gebrauchen. Auch wenn sie daf├╝r viel zu jung war. Sie wurde meine Oma, denn sie wusste schon, wie das geht. Zwei Enkel. In Frankfurt. Weit weg.

Auf der gebl├╝mten Tischdecke stehen die Seltmanntassen, die ich so mag. In einem Spankorb viel zu viele Scheiben Graubrot. Aufschnitt und Holl├Ąnderk├Ąse auf Teakholzbrettern. Einen Brotzeitteller bedecken Gurkenst├╝ckchen aus dem Familiensparglas, das ich voriges Mal mitgebracht habe. Auf einem anderen sind Tomatenmandalas in F├Ącherform angeordnet. Gute Butter, Niespulver, Salz.

Eigentlich lebe ich haupts├Ąchlich von Pflanzen und Milch, aber bei Cilly k├Ąme ich mir bl├Âd dabei vor, die Wurstplatte zur├╝ck zu schieben, die sie mir hinh├Ąlt. Schlie├člich sind wir auf Zeitreise. Bestimmt h├Ątte sie Verst├Ąndnis daf├╝r, aber ich will hier kein Verst├Ąndnis. Was ich will ? Ein anderer sein. Ihr Enkel, ihr Sohn, egal. Irgendjemand, den sie sich w├╝nscht.
Ich liebe den Moment, wenn sie den Kaffee einschenkt. Sie tut es f├╝r mich. Sie m├╝sste das nicht.

Cilly hat die wei├česten Echthaare, die man sich vorstellen kann und ich unterstelle ihr, dass sie sie bleicht. Dann lacht sie nur wie ein Gl├Âckchen und einmal habe ich danach sogar ihre H├Ąnde auf meinem Haar gef├╝hlt. Und mich gar nicht gewehrt.

Heute bin ich nicht nur zu Besuch. Ich bin evakuiert. Man hat eine 10 Tonnen Fliegerbombe auf dem Gel├Ąnde des Seniorenheims gefunden und zwischen Cillys und meinem H├Ąuserblock verl├Ąuft die unsichtbare Grenze, innerhalb derer man heute seine Wohnung solange meiden muss, bis der Z├╝nder des Monsters entsch├Ąrft ist. Es ist viertel vor vier und eigentlich sollte das Spektakel um drei vorbei sein. Ein kleines K├╝chenradio plappert leise und singt dann wieder Lieder. Noch nichts neues.

So lange war ich noch nie hier. Langsam gehen mir die ├╝blichen Patterns aus, mit denen ich den braven Enkelsohn mime.

Meine Neuigkeiten liegen mir wie ein Kilo Wurst im Bauch. Ich m├Âchte kotzen. Schreien. Jammern. In der Vergangenheit ein Kind zeugen, das mich unsterblich macht. Wurstkinder geb├Ąren. Diese Frau hat den Krieg noch miterlebt und Krankheiten geh├Âren zu ihrem t├Ąglich Brot. Wer wieder im Krankenhaus ist oder gestorben erz├Ąhlt sie mir ganz oft. Ich kenne die Leute nicht. Nie.

"Ist alles in Ordnung ?" Ihr Blick pr├╝ft mein L├Ącheln.

"Der Schinken ist echt lecker. Vom Ohlsen ?" Ich muss meinen Mundwinkeln mehr Aufmerksamkeit schenken. Der Schinken ist immer von Ohlsen.

"Ich meine nicht den Schinken. Du bist so blass heute. "

So etwas hat sie noch nie getan. Ich hasse es, wenn man mir sagt, dass ich Schei├če aussehe. Eigentlich reicht es mir f├╝r heute dicke. Gestern habe ich gelesen, dass Wutausbr├╝che zu den h├Ąufigeren Symptomen geh├Âren. Davon hatte ich genug in den letzten Jahren. Die Wurstbombe tritt mich gerade. Ich reibe mir das Gesicht mit den H├Ąnden ab. "Wurstausbruch", denke ich.

"So. Besser ?" Das muss reichen. Ein unschuldigeres Unschuldsgesicht kann ich nicht.

"Viel besser !" Unter diesen wei├čen Haaren lassen mich nun zwei gr├╝ne Verfolgerscheinwerfer immer blasser wirken. "Gr├╝n niemals lange direkt aufs Gesicht !" habe ich an der B├╝hne gelernt. "Das kommt meistens unvorteilhaft, das gibt ├ärger !"

Cilly mustert mich nur, bestimmt kann man schon Ornamente auf meinem Gesicht ausmachen. Ich habe den Drang, unter den K├╝chentisch zu kriechen und wie fr├╝her F├╝├če in Hausschuhen zu beobachten. Da war ich auch oft ganz blass und man hat mir das gerne gesagt.

Cilly tr├Ągt cremefarbene Kunstlederpantoffel mit halbhohem Absatz. So etwas gab es bei uns zuhause nicht. Es ging funktionaler zu. Cord, Filz, Lammfell regierten dort, wo ich herkomme. Im Sommer oft Vollplastik.

"Soll ich Dir einen Tee kochen ?" Ihr Blick, der mich wie ein Kalb am Lasso hat, wird immer weicher und ich immer verkrampfter. Tee kommt bei mir nur in die T├╝te, wenn ich ├╝berhaupt nicht mehr kann.

Ich kann nicht mehr. "Ich will keinen Schei├čtee !" br├╝lle ich und werde h├Ąsslich dabei. Mein Kopf sinkt in die Handmuscheln. F├╝r einen Moment bin ich unterm Tisch. Ruhe. Schuhe.

" bekanntgegeben, dass die R├Ąumung erfolgreich abgeschlossen ist ...", dringt von ganz weit her zu mir durch.

Jetzt mu├č ich es ihr erz├Ąhlen und dann wird sie mir einen vom Krieg draufkleben und davon, was sie schon alles hinter sich hat mit so einem "Jungchen-ach-so-schlimm-ist-das-doch-nicht" - Gesicht und dann ...

Ich h├Âre das Schmatzen der K├╝hlschrankt├╝r. "Aufmachen musst Du, ich tue mir schwer damit." Der billige Sekt steht da und ich h├Âre Schritte auf dem Teppich im Nebenraum. Da war ich noch nie. Das leise Beben, wenn die leicht verkantete Glast├╝r eines Vitrinenschranks ge├Âffnet wird. Oft w├╝nschte ich, Gr├Ąser w├╝rden so klingeln, wenn der Wind im trockenen Sommer durch eine Wiese streicht.

Ein Plastikkorken findet sich unter der Folie.

Cilly kennt jetzt eine Kurzfassung meines Lebens. Mir f├Ąllt auf, dass ich immer nur ihr zugeh├Ârt habe. Samariter sind keine Freunde. Wir sind jetzt welche.


Wir stehen alle blo├č in der Schlange an, an deren Ende das H├Ârensagen liegt. Manchmal tuschelt uns etwas entgegen und uns ist, als w├Ąre es von da vorne gekommen. Manches k├Ânnen wir nicht glauben. Manches glauben wir. Manches wollen wir nicht glauben.

Dem aufhelfen, der umf├Ąllt. Dem das Bein stellen, der sich vordr├Ąngelt. Nur den nach vorne lassen, der gar nichts begreifen will. Langsam entlang tasten. Keinem seinen Dienstgrad verraten. Keinem verraten, dass es keinen gibt.

Ich setze einen Fu├č auf die Treppe. Sch├Ânes Muster.

Ich habe Zeit.


Version vom 06. 06. 2015 23:09
Version vom 08. 06. 2015 00:17

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Hyazinthe
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Hallo buchstab!

Die ersten S├Ątze deiner Geschichte haben mich gezwungen, aufmerksam und mit Verstand zu lesen, um zu erfassen, was du meinst. Deine Gedanken ├╝ber die Zeit und wie wir sie wahrnehmen, haben mich mehr und mehr gefesselt und auch nicht mehr losgelassen, als deutlich wurde, dass sie, die Lebenszeit, pl├Âtzlich deinem Protagonisten ihre Begrenztheit offenbarte ("Diagnose"). Voller Mitgef├╝hl konnte ich ihm dann folgen zur Nachbarin, deren Trost er sich w├╝nscht, obwohl er sich daf├╝r sch├Ąmt, ihn zu brauchen. Und zum Schluss dieses wundersch├Âne Ende!

Von wegen "Geschwurbel"! Deine Erz├Ąhlweise ist langsam, anspruchsvoll (vielleicht sogar schwierig), anschaulich mit einem guten Blick f├╝rs Detail, (die Einkaufsliste), manchmal ein bisschen pathetisch ("Egal, wie es einem geht. Egal, woran man noch h├Ąngt. Egal, wo man gerne w├Ąre. Das Leben fragt nicht. Ist einfach da. Gro├č. Einen Schritt voraus."), aber immer originell (z. B. "Mein K├Ârper hat Besuch...).

Mich hat deine Erz├Ąhlung begeistert und gleichzeitig ger├╝hrt zur├╝ckgelassen. Danke!

PS. Die Korrektur von Rechtschreibfehlern ├╝berlasse ich den Lektoren.

Gru├č, Hyazinthe
__________________
Immer neugierig bleiben

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aligaga
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Auch wenn es vor kurzem zwischen dir und @ali zu Missverst├Ąndnissen gekommen ist - das ├Ąndert nichts daran, dass dies hier zwar keine Erz├Ąhlung, sondern wohl eher eine Impression, im ├╝brigen aber ein gelungener Text ist, der hervorgehoben zu werden verdiente.

Wie wohltuend, wenn der Leser nicht dampfgeb├╝gelt, sondern nur sachte (nota bene an den richtigen Stellen!) angestupst wird, um sich seine eigenen Vorstellungen zu den Bildern zu machen, die du ihm zeigst.

Um's in der Bildersprache zu sagen: Die meisten knipsen, nur ein paar wenige k├Ânnen malen.

Kleines gro├čes Kino!

Gru├č

aligaga

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buchstab
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Lieber aligaga,

vielen Dank ! Es freut mich, da├č Dir die Geschichte gef├Ąllt.
Vielleicht bringt es Dir auch etwas n├Ąher, wie ich manchmal arbeite. Von gewissen schwer verdaulichen Texten landet u.U. nur hier und da ein Scheibchen in einem solchen. Manchmal auch eine Scheibe.

├ťber die Erz├Ąhlform m├╝ssen wir ganz bestimmt nicht streiten.

Eine Erz├Ąhlung im klassischen Sinne ist es sicher nicht, es war fast schon eine Bauchentscheidung, den Text da einzuordnen. Auf jeden Fall ist das Kind im weitesten Sinne eine Prosa geworden

lg

buchstab

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