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Leselupe.de > Horror und Psycho
Meine toten Kunden
Eingestellt am 04. 01. 2015 20:47


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Vasco
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Meine toten Kunden


Na, was ist jetzt? Springt er? Dieser b├Ąrtige Kerl dort. Steht leicht vorn ├╝bergebeugt. Der ist am Ende. Das sehe ich ihm an. Der finstere Geist des alten Eisenbahntunnels muss in ihn gefahren sein. Mit aufgerissenen Augen starrt er an mir vorbei in Richtung Zugsignal.

Ich habe in den wenigen Jahren, in denen ich diese Arbeit hier mache, einen Blick f├╝r Leute entwickelt, die sich vor einen Zug werfen werden. Man kann es ihnen ansehen. Es ist eine ideale Stelle hier, direkt hinter einem eingleisigen Tunnel unweit des Rangierbahnhofs. Ein Tunnel aus den Anfangszeiten der Eisenbahn. Heute ist die Strecke nicht mehr lukrativ, aber f├╝r Pendlerbahnen und G├╝terz├╝ge noch geduldet. Der Zugf├╝hrer hat keine Chance zu bremsen, wenn man sich unmittelbar hinter dieser Tunnelausfahrt auf die Schienen stellt. Man stellt seinen Wagen oben auf dem ├ťbergang ab, geht eine schmale Treppe abw├Ąrts, folgt dem Fu├čweg ein paar Schritt, und schl├Ągt sich kurz seitw├Ąrts durch die B├╝sche. Dann ist das Ende des Lebens in dieser Welt erreicht. Von hier noch ein kleiner Satz und man steht auf den Schienen.

Denn wen es bis hierher getrieben hat, den packt der ewig hungrige Tunnelgeist. Er dringt in den Ungl├╝cklichen ein und t├Âtet das verbliebene restliche Leben ab. Die Opfer beenden dann zumeist selbst ihre Qualen. Ich warte stets geduldig, bis es soweit ist.

Im dem Bogen der Tunneleinfahrt ist die Jahreszahl 1885 in die Quadersteine eingehauen. Kaum noch zu entziffern. Dar├╝ber f├╝hrt eine vor Jahren aufgegebene Stra├če. Der Stra├čenbelag darauf ist an zahlreichen Stellen aufgebrochen, L├Âwenzahn und andere Gew├Ąchse erobern sich hier ein St├╝ck Natur zur├╝ck. Etwa in der Mitte der Br├╝cke gibt es eine ummauerte Ausbuchtung mit Br├╝stung. Manchmal sehen die Leute erst eine Zeit lang hier herunter, bevor sie ihren letzten Sprung machen. Ein trostlos einsamer Blick ist das. Ein stilles Bahngleis, das vom Hauptnetz abzweigt und an einer niedergegangenen Schrebergartenkolonie vorbei in eine Kurve ins Nirgendwo eines Industriegebiets m├╝ndet. Hier gibt es keine Zeit mehr, keine Hast.

Der Kerl blickt weiter in meine Richtung. Sehen kann er mich nicht. Seine Lippen sind leicht ge├Âffnet. Er atmet durch den Mund. Hat Angst. Sein Innerstes ist also noch nicht vollkommen erloschen, aber kurz vor dem Ende seiner Verzweiflung angekommen. Bald wird er die Erl├Âsung suchen. Dieser hier ist aber noch nicht ganz so weit, und wird mich wohl noch einige Viertelstunden meiner Zeit kosten.

Diesen Platz hier hinter der alten Schrebergartenh├╝tte ist der Ort, an dem ich auf meinen Einsatz warte. Ich bin auch selber schon dr├╝ben gestanden, auf dem Todesabsatz und habe zu dieser H├╝tte her├╝bergesehen. Das Gel├Ąnde ist zugewuchert von wilden Birken, Ahorn, Efeu und Brombeerhecken, von der H├╝tte kaum das Dach zu sehen. Einen Schemel, den ich in dieser H├╝tte fand, habe ich genau an dem Punkt aufgestellt, an dem ich die Todeskandidaten und das Zugsignal sehen kann. Und selber nicht gesehen werde.

Es gibt Menschen, die so verzweifelt sind, dass sie die Grenzsituation zwischen Leben und Tod suchen. Doch diese Leute erkenne ich rasch. Sie leiden sehr, doch ihr Selbstmitleid ist st├Ąrker. Die ziehen dann wieder zur├╝ck. Normalerweise stehlen sie mir nur meine Zeit. Doch manche kommen wieder.
Tats├Ąchlich habe ich ein junges M├Ądchen hier gesehen, das zutiefst ungl├╝cklich schien. Jedenfalls heulte es. Da war mir schon klar, dass noch zu viel Leben in diesem Wesen steckte. Es w├╝rde nicht springen. Und so war es dann auch. Aber zwei Tage sp├Ąter ist sie wieder hier unterhalb der Br├╝cke aufgetaucht. Nicht alleine allerdings. Ein junger Mann war an ihrer Seite. Beide waren sehr still und bed├Ąchtig. Ganz ruhig und ├╝berlegt. Innerlich v├Âllig ausgebrannt. Menschliche Ruinen.
Der Verstand arbeitet noch bis zu letzten Sekunde, aber die Seele ist schon auf dem Weg ins Jenseits. Der Tunnelgeist hatte hier leichtes Spiel.

Das war vor drei Jahren. Ein paar Tage zuvor hatte ich diese abgelegene Schrebergartenh├╝tte hier aufgebrochen. Nicht, dass ich erwartet h├Ątte, etwas von Wert hier zu finden. Nein, ich war um ein kostenloses Nachtlager verlegen. Es gibt so Zeiten, da bin ich v├Âllig blank. Da habe ich dann leider nur wenige Freunde. Frauen noch weniger. Und so eine Zeit war das im August. Ich mache also diesen Bruch und habe mich f├╝r ein paar Tage in der H├╝tte einquartiert. Geh├Ârte wohl einem ehemaligen Eisenbahner. Jedenfalls war das leicht aus dem Inventar und den Bildern an den W├Ąnden zu schlie├čen. Warum er in den drei Jahren, die ich hier nun wohne, noch nie aufgetaucht ist, wei├č ich nicht. Vielleicht lebt er nicht mehr. Einsam verstorben, keine Nachkommen. Niemand wei├č etwas von seinem verlotterten Garten und dem kleinen Haus beim alten Eisenbahntunnel. Errichtet in gl├╝cklicheren Tagen.
Vielleicht hat ihn auch eines Tages der Tunnelgeist gepackt. Ich wei├č es nicht. Aber ich bin froh, dass ich Unterkunft und Einkommen hier gefunden habe.

Nun, an jenem Augustabend war ich gerade von einer wenig erfolgreichen Tour zur├╝ckgekehrt, als das erw├Ąhnte P├Ąrchen langsam die Treppe herabgestiegen kam. K├╝hlen Blicks gingen sie unbeirrt auf die erw├Ąhnte Stelle zu. Sie hielten einander die H├Ąnde und ich erkannte zweifelsfrei jenes M├Ądchen, das zwei Tage zuvor hier bereits weinend gestanden hatte. Ihr Freund z├╝ckt ein Messer und sticht ihr in die Herzgegend. Sie klappt sofort zusammen. Ich nat├╝rlich sofort die Hand am Stiefelschaft. Dort habe ich ebenfalls ein Messer. Man wei├č ja nie, es gibt so viel Gesindel ├╝berall.
Ein leises Sirren der Schienen war zu vernehmen und das Zugsignal zeigte Gr├╝n. Das Sirren wurde unvermittelt lauter, der obligatorische Pfiff der Lok bei Einfahrt in den Tunnel ert├Ânte.
Er sprang.

Es war f├╝rchterlich, und ich will gar nicht im Einzelnen berichten, welche Gliedma├čen ich wo gefunden habe. Mir war nur klar, dass ich mich schleunigst verd├╝nnisieren musste. Als ich zur Treppe hastete, fiel mein Blick zuerst auf einen Schl├╝sselbund, dann auf einen Geldbeutel. Beides musste dem Armen beim Aufprall aus den Taschen geschleudert worden sein. Vielleicht war das damals nicht meine beste Idee, aber ich nahm seine Dinge an mich. Ich fand 150 Kr├Âten und seinen Ausweis darin.

K├╝hl ├╝berlegt war es nun so, dass ich da eine Adresse hatte; und einen Schl├╝ssel dazu. Ich musste mich beeilen, denn nat├╝rlich w├╝rde der Lokf├╝hrer Meldung machen und wenn sie dann auch noch die Leiche des M├Ądchens fanden, dann war mit viel Polizei zu rechnen. Ich nahm den Achtzehndrei├čiger und stand alsbald im Hinterhof einer Mietkaserne. Ein Kind kam heraus gerannt und schon war ich drinnen. Im Briefkasten nichts Brauchbares. In der Bude dann eine sch├Âne Nachttischlampe, ein F├╝llfederhalter und eine Jeans die mir gepasst hat.

Seitdem habe ich ungef├Ąhr zwei Dutzend Wohnungen kennen gelernt, deren Bewohner kurz zuvor das Zeitliche gesegnet haben. Das Grauen erfasst mich immer dann, wenn ich die Lebensgeschichte aus der Einrichtung, aus den Bildern an den W├Ąnden, den Tageb├╝chern und Briefen die ich in Schreibtischen finde, erahnt habe. H├Ąufig ist es so eine sinnlose Verschwendung menschlichen Lebens. Die Einsamkeit. Das Gef├╝hl, verloren zu haben ÔÇô oder zu sein. Auch Unerf├╝llte Liebe. Mir geht das dann sehr nahe.

Ich nehme immer das Bargeld mit. Es tr├Âstet mich. Und Batterien, wenn ich sie finde. Und Kleinigkeiten, die ich brauchen kann. Manchmal auch ein Bild der Bedauernswerten. So sch├Ân sind sie im Leben. Und gefallen mir besser, als in Einzelteilen entlang dieser Bahnlinie.

Der Blick des B├Ąrtigen ist jetzt gefasster. Nat├╝rlich sieht er das gr├╝ne Licht des Zugsignals. Von jetzt an dauert es noch etwa 45 Sekunden. Die letzte dreiviertel Minute seines Lebens. Ich h├Âre das Sirren der Gleise. Ich blicke zum Tunnel. Ich habe seit Wochen keine Einnahmen mehr gehabt. Aber dieser hier wird mein neuer Kunde sein. Die Warnpfeife der Lokomotive schrillt. Er dreht sich um und springt. Die Lok schie├čt aus der Tunnelausfahrt.

Der ├╝bliche dumpfe Knall. Wenn ich Pech habe, muss ich eine ziemliche Strecke laufen, bis ich ihn finde. Doch dieses Mal kann ich schon nach kaum drei├čig Metern einen Korpus erkennen. Nat├╝rlich habe ich mir angew├Âhnt, eine Taschenlampe bei mir zu tragen. Dann geht das viel schneller in der D├Ąmmerung. Und ich muss schnell sein, denn die Polizei scheint Wind bekommen zu haben. Jedenfalls sind sie bei den letzten Vorf├Ąllen immer schon nach kurzer Zeit hier aufgetaucht. Aber heute habe ich wohl Gl├╝ck. Das abgerissene Jackenst├╝ck in dem noch sein linker Arm h├Ąngt, hat eine Tasche im Futter. Und dort finde ich ├╝blicherweise die Geldbeutel. Mit den Schl├╝sseln hingegen ist es oft schwieriger.

Doch was erz├Ąhle ich das alles hier eigentlich? Such' Dir gef├Ąlligst ein eigenes Revier. Das hier sind meine Kunden.


Version vom 04. 01. 2015 20:47

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