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Leselupe.de > Gereimtes
Meinetwegen
Eingestellt am 12. 11. 2000 11:01


Autor
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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

Werke: 115
Kommentare: 81
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Meinetwegen

Da stehe ich nun.
In der Einsamkeit des Pizzeria-Stehtisches und puzzle mir zusammen, wie mir geschah.
... Wie ich gerade noch in der unter dem Feierabend kreischenden Bahn sa├č. Zwischen dem kaugummibepflasterten Mittelgang und einem M├╝tterlein, welches hinter seiner scho├čgedr├╝ckten Beute mit Karstadt-Werbeaufdruck erleichtert schnaufte. - Da faltete sich die T├╝r auf.
Sie. Erschien.
Aber ich nahm sie nicht sofort wahr. Sie nahm den freien Platz mir direkt gegen├╝ber ein, doch dauerte es eine Weile von zwei, drei Haltestellen, bis ich sie endlich hinter meinem Buch entdeckte. Sie war kein Hals-├╝ber-Kopf-Anblick. Keine Klo├č-im-Hals-Reaktion.
Sie war ein zweiter Blick. Ein zweiter Eindruck, der mir jedoch arge M├╝he machte, ihn wieder auszubeulen. Pl├Âtzlich wu├čten meine Augen nicht mehr wohin. Sie war ein Zierlich. Ein Niedlich. Und doch ein unendlich langer, brauner Cordmantel, unter dem sie sich offen verbarg, in einem schwarzen Gestrick, das frech verformt hier und dort hervorlugte.
Sie war ein str├Ąhniges, sonnenbleiches Blond, das liebevoll dunkleres Haar zudeckte und einer luftigen Stoffhaut glich, die man in einer Sommernacht vertr├Ąumt von sich wirft. Wilde Formen ergeben sich unter ihr und man wei├č nie, wo sie am Morgen liegt und wie sie dort hingekommen ist.
Sommerlich versprossen war sie. Versommert umtupft war die frisch gesprossene, niedlich gestupste Nase.
Ihr Blick hing lange fingernagelkauend aus der vorbeiziehenden Fensterstadt. Wie ein buntes, noch nasses Tuch zum Trocknen, das bald im Wind flattern wollte.
Ich glaube, sie f├╝hlte meine Augen. Ja, so mu├čte es sein. Sie roch meine Gedanken und als sie meinen Blick fand, f├╝hlte ich mich freundlich zertreten wie eine verzogene Zigarette unter ihrem schwarzen Halbschuhabsatz.
Dieser konnte kaum zum richtigen Auge-um-Auge-Heranreichen reichen. Sie mu├čte eine Anpassung sein. Eine Schulterf├╝llung f├╝r die Achselh├Âhle. Wie geschaffen zum Armumlegen und Kopf-an-Kopf-Schlendern.
Ein Rohdiamant. Dem man das Feuer auch ohne Schliff ansah. Man glaubte, das Feuer in dem Stein brodeln zu sehen, wie ein kleiner Vulkan unter einer gl├Ąsernen Tischplatte.
PENG! Ein Blick traf. Treffer! Versengt! Von einem gl├╝henden Spritzer aus ihrem s├╝├čen Magmabrei. Wie Honiggeschmack im Auge.
Fassung, Junge! Fassung! Herzstiche rammten ihre Ellenbogen gegen meine Rippen. In meinem Kopf dehnte sich ein Gef├╝hl gleich einer aus ihrem Kontakt geraspelten Gl├╝hbirne aus. Ein zweiter Blick traf den ersten und spaltete ihn der L├Ąnge nach. Ein Meisterblick!
Und da - Triumph wallt ├╝ber die oberen R├Ąnge! - l├Ąchelt sie:
"Wollen Sie nicht Ihre Augen wieder aus mir herausnehmen?"
"Wollen Sie eine ehrliche Antwort?"
"Ja."
"Nein."
Ich glaube es nicht.
Ich glaube an Aliens. Ich glaube an die Wiedervereinigung der Beatles in Originalbesetzung. Ich glaube an aufrichtiges L├╝gen und da├č auch im geschlossenen K├╝hlschrank das Licht brennt. Ich glaube an vieles, was ich nicht mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren geh├Ârt habe und was vielleicht auch gar nicht wirklich ist. Aber dieses Gesicht inmitten von l├Ąchelnden Sonnentupfern war wirklich. Einfach unglaublich.
Ich gab auf. Ich war erlegt. 'Weide mich aus!' wollte ich ihr zuschreien. 'Zieh mir mein Fell ab und - Bitte! - w├Ąrme dich damit!'
"M├Âchten Sie einen Kaffee mit mir trinken?" floskelte ich stattdessen.
"Meinetwegen."
"W├╝rden Sie danach mit mir spazierengehen?"
"Meinetwegen."
"Danach w├╝rde ich Sie gerne zum Essen einladen. M├Âchten Sie?"
"Meinetwegen."
"Ich w├╝rde Sie danach auch nach Hause bringen und ich wei├č genau, da├č ich Sie dann sehr gerne k├╝ssen w├╝rde. M├Âchten Sie das auch?"
"Meinetwegen."
".. W├╝rden Sie mit mir die Nacht verbringen?"
"Meinetwegen. "
" ... W├╝rden Sie mich heiraten?"
"Meinetwegen."
" ... - ... W├╝rden Sie Ihr Leben mit mir verbringen?"
"Meinetwegen."
Ich g├Ânnte mir einen Augenblick Pause, damit mein Steuermann die ├╝berhitzten Ankerspindeln l├Âschen konnte.
"K├Ânnen wir auch sofort damit beginnen, unser Leben miteinander zu verbringen?"
Alles Geschehene ist vergessen. Wenn jemals ein L├Ącheln unglaublich war, dann dieses.
Sie stand auf und k├╝├čte mich auf die Stirn. Eine eben entz├╝ndete Kerze war in Sekundenschnelle heruntergebrannt. Der Docht versoff in einer Pf├╝tze Wachs.
"Nein", sagte sie. "Das geht mir zu schnell."
Und fort war sie. Von der Faltt├╝r verschlungen. Verschluckt vom Get├╝mmel der Gro├čstadtecken.
Und das M├╝tterchen neben mir guckte. Und guckte.
- Da stehe ich nun. In der Einsamkeit des Pizzeria-Stehtisches und r├╝hre meine 'Pizza-Spinat-ohne-Knoblauch-mit-doppelt-K├Ąse' durch den Teller.
Und versuchen Sie mir bitte nicht zu erkl├Ąren, Sie w├╝rden dies nicht verstehen.

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StefanJ
Guest
Registriert: Not Yet

Ups!

Hi Markus,

ein dolles Ding! Diese Wortspielereien haben wirklich etwas, die Beschreibung der Frau und der Empfindungen des Ich-Erz├Ąhlers ist super. Ich habe die Story verschlungen, bis... naja, bis das Gespr├Ąch der zwei Protagonisten beginnt. Warum nur antwortet sie immer mit "meinetwegen?" Der Schluss ist ein wenig entt├Ąuschend; k├Ânntest Du versuchen, ein originelleres Ende hinzubekommen?

Gru├č

Stefan

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Juni
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2000

Werke: 8
Kommentare: 117
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oha

Stefan hat ja bestimmt Recht, aber ich finde die Geschichte auch so toll, toll, toll.
So hin-und hergerissen kann Mann tats├Ąchlich sein, so atemlos... und selbstironisch..
Juni

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maskeso
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2000

Werke: 28
Kommentare: 280
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das mag ich..

Ich finde sie einfach gro├čartig. Von Anfang bis auch zum Ende. einfach gro├čartig. Klar - die Geschichte ist nicht gerade die Originellste, aber ungemein witzig erz├Ąhlt, mit exakt dem notwendigen Ma├č an Selbstironie. Toll.
__________________
Die H├Âlle sind wir selbst.

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Natalie Bosien
Guest
Registriert: Not Yet

spitze!

schlie├če mich Juni und maskeso an! Voll und ganz gelungen :-)

Liebe Gr├╝├če,
Natalie

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Guest
Registriert: Not Yet

Wie geling es Dir bloss, ganz unterschwellig so ein authentisches Flair zu erzeugen?

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