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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Meinetwegen
Eingestellt am 23. 08. 2003 23:02


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Da stehe ich nun in der Einsamkeit des Pizzeria-Stehtisches und puzzle mir zusammen, wie mir geschah.

... Wie ich gerade noch in der unter dem Feierabend kreischenden Bahn sa├č. Zwischen dem kaugummibepflasterten Mittelgang und einem M├╝tterlein, das hinter seiner scho├čgedr├╝ckten Beute mit Karstadt-Werbeaufdruck schnaufte.
Da faltete sich die T├╝r auf. Sie. Erschien.
Ich nahm sie nicht sofort wahr. Sie hatte den freien Platz mir direkt gegen├╝ber eingenommen, doch dauerte es zwei, drei Haltestellen, bis ich sie endlich hinter meinem Buch entdeckte. In einem unendlich langen, braunen Cordmantel, unter dem sie sich offen verbarg, in einem schwarzen Gestrick, das frech verformt hier und dort hervorlugte. Sie war ein Zierlich, ein Niedlich. Kein Hals-├╝ber-Kopf-Anblick, keine Klo├č-im-Hals-Reaktion. Aber ein viel intensiverer zweiter Blick, ein Eindruck, der mir arge M├╝he machte, ihn wieder auszubeulen. Pl├Âtzlich wussten meine Augen nicht mehr wohin.
Str├Ąhniges, sonnenbleiches Blond deckte dunkleres Haar zu, glich einer luftigen Stoffhaut, die man nach liebevoll ermatteter Sommernacht in wilden Formen neben sich findet; nie erf├Ąhrt man, wie sie dort hingekommen ist. Sie musste eine Anpassung sein. Eine Schulterf├╝llung f├╝r die Achselh├Âhle. Wie geschaffen f├╝r die Sehnsucht nach Armumlegen und Kopf-an-Kopf-Schlendern.
Ihr Blick hing fingernagelkauend aus der vorbeiziehenden Fensterstadt. Wie ein buntes, noch nasses Tuch zum Trocknen, das bald im Wind flattern wollte. Sommerfrisch umtupft die niedlich gestupste Nase.
Ich glaube, sie f├╝hlte meine Augen. Ja, so musste es sein. Sie roch meine Gedanken. Und als sie meinen Blick fand, f├╝hlte ich mich freundlich zertreten wie eine verzogene Zigarette unter ihrem schwarzen Halbschuhabsatz.
Augen wie Rohdiamanten. Feuer ohne Schliff. Kleine Vulkane. Die gl├╝henden Lider dienten meinem Schutz. ├ľffneten sie sich, glaubte ich, die Glut brodeln zu sehen.
PENG! Ein Blick traf. Treffer! Versengt! Gl├╝henden Spritzer aus s├╝├čem Magmabrei. Wie Honiggeschmack im Auge.
Fassung, Junge! Fassung! Mein Herz rammte Ellenbogen gegen meine Rippen. Mein Kopf glich einer aus ihrem Kontakt geraspelten Gl├╝hbirne. Ein zweiter Blick traf den ersten, spaltete ihn der L├Ąnge nach. Ein Meisterblick!
Und da - Triumph wallt ├╝ber die oberen R├Ąnge! - l├Ąchelt sie:
"Wollen Sie Ihre Augen nicht mal wieder aus mir herausnehmen?"
"Wollen Sie eine ehrliche Antwort?"
"Ja."
"Nein."
Ich glaube das alles nicht. Ich kann an Aliens glauben und an eine Wiedervereinigung der Beatles in Originalbesetzung. Ich glaube an aufrichtiges L├╝gen und dass auch im geschlossenen K├╝hlschrank das Licht brennt. Ich muss nicht mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren geh├Ârt haben und fordere keine rationalen Erkl├Ąrungen. Aber dieses Gesicht inmitten l├Ąchelnder Sonnentupfer entzog mir jeglichen verst├Ąndigen Verstand. Einfach unglaublich.
Ich gab auf. Ich war erlegt. 'Weide mich aus!' wollte ich ihr zuschreien. 'Zieh mir mein Fell ab und ? Bitte! ? w├Ąrme dich damit!'
"M├Âchten Sie einen Kaffee mit mir trinken?" floskelte ich stattdessen.
"Meinetwegen.!"
"W├╝rden Sie danach mit mir spazieren gehen?"
"Meinetwegen."
"Danach w├╝rde ich Sie gerne zum Essen einladen. M├Âchten Sie?"
"Meinetwegen."
"Ich w├╝rde Sie danach auch nach Hause bringen und ich wei├č schon jetzt genau, dass ich Sie dann zum Abschied sehr gerne k├╝ssen w├╝rde. M├Âchten Sie das auch?"
"Meinetwegen."
" ... W├╝rden Sie mit mir die Nacht verbringen?"
"Meinetwegen."
" ... heiraten?"
"Meinetwegen."
" ... Ihr Leben mit mir verbringen?"
"Meinetwegen."
Ich g├Ânnte mir einen Augenblick Pause. Mein Steuermann musste die ├╝berhitzten Ankerspindeln k├╝hlen.
"K├Ânnten wir auch sofort damit beginnen, unser Leben miteinander zu verbringen?"
Sie stand auf. Alles Geschehene ist vergessen. Wenn jemals ein L├Ącheln unglaublich war, dann dieses. Sie k├╝sste mich auf die Stirn. Eine eben entz├╝ndete Kerze war in Sekundenschnelle heruntergebrannt. Der Docht ersoff in einer Pf├╝tze Wachs.
Und fort war sie. Von der Faltt├╝r verschlungen. Verschluckt vom Get├╝mmel der Gro├čstadtecken. Und das M├╝tterchen neben mir guckte. Und guckte.

Da stehe ich nun. In der Einsamkeit des Pizzeria-Stehtisches und r├╝hre meine 'Pizza-Spinat-ohne-Knoblauch-doppelt-K├Ąse' durch den Teller. Und versuchen Sie mir jetzt bitte nicht zu erkl├Ąren, Sie w├╝rden dies nicht verstehen.






M├Ąrz - April 1997
├╝berarbeitet im Juli 2003

__________________
"Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht konnte, wurde ich Schriftsteller." - Stanislaw J. Lec

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Mirko Kussin
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hallo veithi,
dann er├Âffne ich mal den kommentarteil und hoffe, da├č noch weitere folgen und die geschichte hier nicht untergeht...
aaalso: kompliment zu deinen beschreibungen, da bist du ohne zweifel meisterlich, wie so oft. immer sch├Âne ungew├Âhnliche bilder und umschreibungen, die man halt noch nicht tausendmal gelesen hat.
umso mehr verwundert mich der plot an sich... diese "ich seh die faszinierendste frau der welt f├╝r einen augenblich und dann isse weg" story ist schon so oft beschrieben worden, da├č es fast schon ein klischee ist (und ich glaube, jeder der schreibt, hat sich schonmal an sowas versucht).
formal gef├Ąllt mir im ersten abschnitt nicht die h├Ąufung des wortse "SIE", vielleicht ein zwei davon rausstreichen oder ersetzen...
und irgendetwas st├Ârt mich noch, wei├č nicht, ob ich es richtig erkl├Ąren kann, du beschreibst das m├Ądel zwar sehr sch├Ân und mit ungew├Âhnlichen bildern... trotzdem bleibt sie f├╝r mich blutleer, wei├č auch nicht woran es liegt...hilf mir mal...
gru├č der mirko

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Markus Veith
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Hallo, Mirko!
Gute Kritik! Vielen Dank.
Aaalso, ich verrate dir ein Geheimnis: In s├Ąmtlichen Punkten denke ich genauso wie du. Ich habe mir nie so recht erkl├Ąren k├Ânnen, warum ausgerechnet "Meinetwegen" bei Lesern immer so gut ankommt und sogar mal einen zweiten Preis ergattert hat. Der Plot ist, wie du schon schreibst, in keinster Weise neu und supersimpel. Allerdings muss ich dazusagen, dass der Text f├╝r meine Verh├Ąltnisse uralt ist und ich ihn nun noch einmal f├╝r einen Sammelband ├╝berarbeitet habe. Urspr├╝nglich war der Text also eher eine Finger├╝bung. Und ich glaube, am Anfang versucht sich jeder erstmal an obligatorischen Themen. Im Nachhinein habe ich das Baby dahingehend lieb gewonnen, dass seine eigentlichen Qualit├Ąten bei Lesungen zu Tage treten. (Ist hier in der LL sicherlich schwer zu pr├Ąsentieren.) Die vielen Meinetwegen und seine Reaktionen darauf kann man stimmlich h├╝bsch variieren; kommt jedenfalls immer sehr gut an und macht Spa├č.
Was das M├Ądel betrifft, bin ich mir ihrer 'Blutleere' bewu├čt. Allerdings m├Âchte ich daran auch nichts ├Ąndern, denn es w├╝rde das ganze Prinzip des Textes umwerfen. Es ist eine Momentaufnahme, nicht mehr. Er k├Ânnte sich auch in ein Foto verlieben. W├╝rde der Typ und somit der Leser sie eingehender kennenlernen, w├╝rde er sie am Ende nicht mehr einfach so gehen lassen, oder?
Die vielen Sie's schaue ich jedenfalls noch mal durch und werf ein paar raus.
Mit literarischen Gr├╝├čen
Markus

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"Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht konnte, wurde ich Schriftsteller." - Stanislaw J. Lec

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kaffeehausintellektuelle
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Registriert: Not Yet

lieber markus

mir gef├Ąllt die geschichte sehr. aber ich merke manchmal in deinen texten, dass mir deine wortgewalt fast zu gewaltig ist und mich erschl├Ągt. manchmal w├╝rd ich mir einen schlichten satz w├╝nschen mittendrin, damit die bilder aus dem vorigen noch in mir wirken k├Ânnen. manche bilder gehen in der wortspielfont├Ąne einfach unter. und die ganz besonders sch├Ânen wie "ein Eindruck, der mir arge M├╝he machte, ihn wieder auszubeulen" oder "mein herz rammte ellbogen in meine rippen", die kommen nicht so zur geltung, wie ich es gerne h├Ątte, weil sich in meinem kopf schon so viele bilder tummeln, dass ich sie gar nicht verdauen kann. und ich merk dann, wie ich abschweife, mich konzentrieren muss, um beim text zu bleiben und erst im dialog wieder einsteige.
den fand ich klasse. da find ich die wiederholungen ganz super und ein ansprechendes stilmittel.

und ich gehe auch mit mirko hand in hand, was die blutleere betrifft. und ich kann dein argument einerseits nachvollziehen, also die sache mit dem foto. aber dann denk ich mir, dass da dann zu viele worte gemacht sind. das ist wahrscheinlich aber meine sehr weibliche sicht, dass diese frau f├╝r mich trotz ihrer sch├Ânheit nicht lebendig wird und ich nicht verstehen kann, warum man da so ein aufheben macht.

es soll ja auch m├Ąnner geben, die sich nicht in das ├Ąu├čere, sondern trotz sch├Ânheit in w├Ąrme und weichheit, in ausstrahlung und gef├╝hl verlieben.

"Meinetwegen.!" da ist ein punkt zu viel oder ein rufzeichen.


es gr├╝├čt

die k.

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